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Philosophieren in der Krise der Moderne

Buchautor_innen
Bolívar Echeverría
Buchtitel
Für eine alternative Moderne
Buchuntertitel
Studien zu Krise, Kultur und Mestizaje
Die Enttäuschung utopischer Hoffnungen lähmt die politische Kreativität. Nun muss die Philosophie emanzipatorische Möglichkeiten auszuloten.
Rezensiert von Markus Hennig

Die christliche Erzählung des Turmbaus zu Babel beginnt mit der Annahme, dass alle Welt sich in einer Sprache verstand. Nur auf der Grundlage dieser unverstellten Kommunikation entwickelt sich die Vision, einen Turm zu bauen, „dessen Spitze bis an den Himmel reiche“. Gott bestraft die Menschen für dieses Vorhaben, indem er ihre Sprache verwirrt und so die Kommunikation zwischen den Menschen verhindert. Weil der Turmbau daraufhin abgebrochen wird, verstreuen sich die Menschen über die gesamte Erde. Anschließend daran „erscheinen die vielen ‚Anderen‘ als Reste eines zerstückelten ‚Selbst‘“ (S. 206), so Bolívar Echeverría in einer kurzen Kommentierung dieses Mythos. Gegen ein derartiges Verkennen des Anderen schreibt der lateinamerikanische Philosoph an, um „den Anderen in seiner eigenen ‚Selbstheit‘ wahrzunehmen und nicht als narzisstisches Bild des Wahrnehmenden“ (S. 207).

Eine nicht-eurozentrische Kritische Theorie?

Der vorliegende Band versammelt Essays, die Bolívar Echeverría zwischen 1984 und 2008 geschrieben hat. Diese wurden von David Graaff ins Deutsche übersetzt und gemeinsam mit Javier Sigüenza und Lukas Böckmann im Argument Verlag herausgegeben. Neben der Veröffentlichung von zahlreichen weiteren Essays lehrte Echeverría seit den 1970er Jahren an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) und war Redakteur der Theoriezeitschrift Cuadernos Politicos. Maßgeblich durch seinen mehrjährigen Aufenthalt in West-Berlin in den 1960er Jahren geprägt, arbeitete Echeverría an der Möglichkeit einer „nicht-eurozentrischen kritischen Theorie“, wie es Stefan Gandler zu seinem 10. Todestag formulierte.

Doch ein solches Label birgt auch Gefahren. Es kann dazu verleiten, die Gedanken von Echeverría auf bereits bekannte Begriffe zu reduzieren. Wie dieser selbst schreibt, gibt es in der westlichen Moderne neben der Wahrnehmung des Fremden als gleichwertiges Anderes noch zwei weitere Weisen, mit dem Fremden umzugehen: Es kann einerseits als das gänzlich Andere streng vom Eigenen geschieden werden oder es kann als eine leicht variierte und meist angeblich minderwertige Form des Eigenen interpretiert werden. Beides würde eine Auseinandersetzung mit der Fremdheit und Differenz des Anderen verhindern. Um dem Anspruch der Gegenseitigkeit also ernst zu nehmen, dürfen die vorliegenden Essays nicht einfach als etwas bereits Bekanntes gelesen werden.

Vielmehr können sie als Ausdruck der Mestizaje verstanden werden, womit Echeverría den historischen Prozess beschreibt, in dem zwei unvereinbare Zivilisationsformen sich miteinander verbinden müssen. Die Notwendigkeit dieser Verbindung ergibt sich dabei aus dem Scheitern der vollständigen Unterwerfung und Auslöschung des Anderen. Als indigene Überlebensstrategie wurden die Elemente der europäischen Zivilisation auf der Grundlage indigener Traditionen angeeignet und inszeniert. Der Diskurs der Herrschenden verschlang so die Muster und Verhaltensweisen der Beherrschten, weshalb Echeverría diesen Vorgang aus der Perspektive der Herrschenden auch als códigofagia bezeichnet; das heißt, in Anlehnung an Anthropophagie (Menschenfresserei), als Fressen der kulturellen Codes, bei dem diese verschlungen werden, um ihre Wirkung in sich aufzunehmen. Wenn Echeverría also für das moderne Philosophieren betont, dass es sich dabei um eine bestimmte Form des Nachdenkens handelt, die sich unter dem Einfluss der Reformation vor allem in der englischen, deutschen und französischen Sprache herausbildete, dann ist er, als lateinamerikanischer Sprecher des Spanischen, Teil des Versuchs, sich diese Form des reflektierenden Diskurses vor dem Hintergrund einer eigenen Geschichte des eigenen modernen Nachdenkens anzueignen. Dabei entsteht folglich eine eigene Form des modernen Reflektierens.

In diesem Vorhaben entwickelt sich eine eigenständige Konstellation an Begrifflichkeiten, die zur Untersuchung des Verhältnisses von Moderne, Kapitalismus und der sich darin entwickelnden Kultur herangezogen werden. Obwohl in den verschiedenen Aufsätzen zentrale Begriffe in verschiedenen Variationen formuliert werden, ist jedoch der Zugang zum Denkgebäude an manchen Stellen erschwert. Einzelnen Konzepten scheint es noch an einer Konkretisierung zu fehlen, was insofern nachvollziehbar ist, da der angestrebte Prozess einer „radikale[n] Selbsttransformation der politischen Moderne“ (S. 32) zunächst in seiner Möglichkeit umrissen werden soll. Laut Echeverría braucht es diese Selbsttransformation, um die Krise zu überwinden, in welche die Moderne verstrickt ist.

Die Krise der Moderne

Diese Krise der Moderne versteht Echeverría dabei vor allem als politische Krise. Denn das Versprechen der Moderne, die Lebensumstände der Menschheit durch Fortschritt zu verbessern, konzentrierte sich besonders im politischen Bereich. Zahlreiche Utopien entwarfen Perspektiven einer harmonischen Gesellschaft, deren Realisierung kurz bevorstünde. Angesichts der zahlreichen Untergangsszenarien, die uns umgeben, erscheinen den meisten derartige Utopien zunehmend befremdlich. Die Enttäuschung dieser utopischen Hoffnungen sieht Echeverría als Ursache für die Lähmung der politischen Kreativität, die nun zwischen einem „vereinfachendem, defensivem Pragmatismus ihrer Politik und verzweifelten Messianismen“ (S. 82) schwankt. Als Folge daraus mangelt es politischen Diskussionen an Perspektiven dafür, wie aus der gegenwärtigen Gesellschaft heraus eine emanzipatorische Politik zu gestalten sei, die an reale Möglichkeiten anknüpft und zugleich über diese hinausgeht.

In dieser Situation ist es laut Echeverría die Aufgabe der Philosophie, Möglichkeiten der Emanzipation auszuloten. Das bedeutet für ihn, danach zu fragen, auf welche Art und Weise sich in der kapitalistischen Moderne eine emanzipatorische Subjektivität formieren kann. Zentral ist dafür der Begriff des Ethos, mit dem Echeverría das Geflecht von Verhaltensweisen, Denkformen und Institutionen bezeichnet, die sich im Alltagsleben verbinden, um die fortlaufende Unterdrückung der Gebrauchswerte durch die Wertlogik zu kompensieren. Denn laut Echeverría ist es mit der Moderne möglich geworden, die Knappheit der Güter, die für die Befriedigung von Bedürfnissen notwendig sind, zu überwinden. Doch diese Überwindung der Knappheit wurde nur durch ihre eigene Leugnung ermöglicht: Das heißt, die kapitalistische Moderne reproduziert sich dadurch, dass sie die reale Möglichkeit der Befriedigung der Bedürfnisse aller verhindert, indem sie die Knappheit künstlich aufrechterhält. Im Ethos als „spontane Verhaltensweise“ (S. 105) entwickelt eine Gemeinschaft Normen und Verhaltensweisen, die es den Individuen erlauben, auf diese widersprüchliche Situation zu reagieren und sich ihr anzupassen:

„Das kapitalistische historische Ethos artikuliert den Vorgang, in dem das Kapital sein Gegenteil, den Gebrauchswert, beschützt, während es ihn gleichzeitig unterdrückt, als Gewohnheit oder Brauch, als eine Aneinanderkopplung von Norm und Person; den Vorgang, durch den die Möglichkeit eines zivilisierten Lebens erhalten bliebt, obwohl es zugleich durch ihn entstellt wird.“ (S. 198 f.)

Gerade in dieser Perspektive begründet sich für Echeverría die Möglichkeit, an die Moderne anzuknüpfen und in dieser nach gesellschaftlichen Alternativen zu suchen. Denn in ihr liegt das Potenzial, aufgrund der Überwindung von Knappheit, den Anderen nicht länger als Bedrohung vernichten zu wollen, sondern sich in der Vielfalt der Kulturen zu entfalten. Dafür braucht es eine Reflektion über ihre verschiedenen Ausformungen sowie das Anknüpfen an ihren eigenen selbstkritischen Diskurs, in dem bereits an verschiedenen Stellen die Möglichkeit nach einem konkreten Universalismus aufschien. Um dieses Nachdenken zu erweitern, helfen Übersetzungen zwischen den diversen Formen und Sprachen des Nachdenkens, um divergierendes Denken im Sinne eines gemeinsamen Projekts zu ermöglichen.

Zusätzlich verwendete Literatur

Gandler, Stefan (2020): Zum 10. Todestag des lateinamerikanischen Denkers Bolívar Echeverría (Riobamba 31. Janurar 1941 - Mexiko-Stadt 5. Juni 2010). In: amerika 21.de. Online einsehbar hier.

Bolívar Echeverría 2021:
Für eine alternative Moderne. Studien zu Krise, Kultur und Mestizaje.
Argument Verlag + ariadne, Hamburg.
ISBN: 978-3867541114.
240 Seiten. 20,00 Euro.
Zitathinweis: Markus Hennig: Philosophieren in der Krise der Moderne. Erschienen in: Klima Katastrophe Kapitalismus. 62/ 2022. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1728. Abgerufen am: 19. 05. 2022 06:51.

Zum Buch
Bolívar Echeverría 2021:
Für eine alternative Moderne. Studien zu Krise, Kultur und Mestizaje.
Argument Verlag + ariadne, Hamburg.
ISBN: 978-3867541114.
240 Seiten. 20,00 Euro.