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Materie und Idee

Buchautor_innen
Julia Reuter
Buchtitel
Geschlecht und Körper
Buchuntertitel
Studien zur Materialität und Inszenierung gesellschaftlicher Wirklichkeit
Mit „Geschlecht und Körper“ legt Julia Reuter eine Aufsatzsammlung vor, die zur Einführung ins Thema ebenso dient wie der vertiefenden Betrachtung bestimmter Bereiche des mit dieser Überschrift doch recht groß angelegten Feldes.
Rezensiert von Anja Gregor

Julia Reuter legt mit dieser Veröffentlichung eine Sammlung verschiedener Einzelstudien vor, die einen praxistheoretisch und ethnographisch orientierten Blick auf die Verquickung von Körper und Identität, Geschlecht und Materie werfen. Die zehn Aufsätze sind in drei Kapitel gebündelt, ohne erschöpfend sinnlogische Ergänzungen oder Entsprechungen zu bilden; dennoch lässt sich die Ordnung nachvollziehen: Der Blick auf das Phänomen der Fremdheit (das Andere oder das Un-Normale) eröffnet verschiedenes sozialtheoretisches Potential; die Betrachtung der Verschränkung des GeschlechtsKörpers mit sozialer Praxis und Identitätsparametern findet über empirische Befunde zu Brustkrebserkrankungen und theoretische Überlegungen zur Transsexualität statt; verschiedene Aspekte der privaten Sphäre (Liebestourismus, Care-Arbeit, Religion) werden im dritten Abschnitt untersucht und zum Teil intersektional systematisiert.

Anderes und Fremdes

Das erste Kapitel „Körper, Fremdheit Gesellschaftliche Ordnung“ beginnt mit einer systematischen Darstellung der Notwendigkeit eines reflektierten Blicks auf das Andere der Ethnologie. Reuter erläutert in „Konstruktionen des Fremden und die Körperlichkeit ethnologischer Feldforschung“, wie die Fähigkeit des Sehens (und dessen kognitive Verarbeitung) die gesamte Anatomie des Schauens beeinflusst, indem neben der Auswahl und Inszenierung der Bilder vom Fremden (ob in ethnographischen Beschreibungen oder auf technisch erzeugten Bildern) diese immer auch „das Bild der Kultur des Betrachters/der Betrachterin mittransportieren“ (S. 38). Der kulturell geprägte Blick der forschenden Person muss zwangsläufig partiell und selektiv bleiben und produziert, bleibt dies unreflektiert, in seinen Ergebnissen eine ‚VerAnderung‘ (othering), die das Beobachtete erst zum Anderen, Exotischen, Fremden konstruiert. In „Verkörperte Fremdheit. Zur Darstellung in Indifferenz im modernen Alltag“ greift Reuter theoretische Überlegungen zur Praxis von Fremdheit in der globalisierten modernen Gesellschaft auf. In der Interaktion beispielsweise an Flughäfen, im Fahrstuhl oder im Einkaufzentrum (mit Marc Augé als „Nicht-Orte“ bezeichnet) wird es für die Individuen zur Notwendigkeit, Fremde unter Fremden zu bleiben; insbesondere die körperliche Darstellungsleistung der Gleichgültigkeit stellt die Materialität der Fremdheit heraus und ist nach Reuter jener Aspekt, der, detailliert betrachtet, die Chance zu einer allgemeinen Sozialtheorie des Fremden biete. Im dritten Aufsatz, „Der Körper als Seismograph gesellschaftlicher Unordnung“, nimmt Reuter für eine kriminologische Auseinandersetzung das Potential von Körpern in den Blick, gesellschaftliche (Un)Ordnung zu stiften: Foucaults Überlegungen zu Normalisierungspraktiken des Körpers, ergänzt um handlungstheoretische Konzepte (Reuter nennt hier insbesondere den Soziologen Erving Goffmann), können Körper als Akteure von sogenannten „Doppelspielen“ (körperliche Inszenierung von Normalität bei eigentlichem „Anderssein“) oder professionellen Täuschungen erfasst und die „professionelle Inszenierung der Selbstkontrolle“ kriminologisch identifiziert werden. Im letzten Artikel des Kapitels spricht sich Reuter für die empirische Dokumentation performativer Akte aus. Mit Judith Butler und Goffman zeigt sie in „Eigensinnige Körperinszenierungen. Zur Materialität des Performativen“, dass Geschlecht-Sein und einen Geschlechtskörper haben nicht untrennbar miteinander verknüpft sind, „denn der Alltag kennt viele ‚praktische Spielräume‘, die eine Ambiguitätstoleranz für unklare und unstete Geschlechtsdarstellungen ebenso einschließen wie praktisches Unterlaufen von Strukturen“ (S. 99).

Geschlecht, Identität und Interaktion

Eine Untersuchung zum Umgang brustkrebskranker Frauen mit der Krankheit steht am Beginn des zweiten Kapitels „Geschlechter-Körper, Identität, soziale Praxis“. Reuter stellt in „Krankheitserleben und Geschlechterrollenkonflikte brustkrebsbetroffener Frauen“ die Bedeutung der Brust nicht nur als körperliche Gegebenheit, sondern auch als gesellschaftliches Symbol für Weiblichkeit heraus. Zunächst systematisiert sie die verschiedenen Phasen des Umgangs mit einer Brustkrebsdiagnose und -behandlung bei erkrankten Frauen. Anschließend zeigt Reuter, dass der Umgang mit dem Verlust der Brust – insbesondere das Erforschen der Krankheit als „informierte Patientin“ bis hin zur Co-Expertin für die Krankheit, die auf Augenhöhe mit den behandelnden Mediziner_innen interagieren kann – die Herstellung eines neuen Subjektstatus darstellt, um den Verlust des alten, nämlich den der „gesunden Frau“, zu kompensieren. Zu „Zwischen den Geschlechtern. Der/die Transsexuelle als vertraute/r Fremde/r“ wird über die Medikalisierung beider Phänomene und den Verlust des alten Subjektstatus (beide seien für eine gewisse Zeit „Schwellenwesen“ zwischen den Geschlechtern) die thematische Brücke geschlagen. Der Aufsatz möchte Transsexualität als Phänomen zur Untersuchung des Verhältnisses von Körper und Geschlecht betrachten. Reuter verfehlt dieses Ziel unter anderem aufgrund der mangelhaften definitorischen Trennung von Trans* und Intergeschlechtlichkeit: So bezeichnet sie beispielsweise Hercule Barbin, eine intergeschlechtliche Person im 19. Jahrhundert, dessen biographische Aufzeichnungen von Foucault veröffentlicht wurden (vgl. Foucault 1988), als transsexuelle Person und scheint „Hermaphrodit“/Zwitter und „Transsexuelle_r“ deckungsgleich zu verwenden (siehe unten). Zudem weisen ihre Ausführungen Schwächen innerhalb des Phänomenbereiches auf: Sie unterstellt Trans*-Personen einen „(zeitweiligen) Zwitterstatus“ (S. 128), postuliert an anderer Stelle, dass „Transsexualität primär der Wunsch nach Intelligibilität“ sei, „nach Zugehörigkeit, nach Mensch-Sein, der mit Hilfe des Körper (sic!), nämlich durch die Geschlechts-Identität, verwirklicht werden soll“ (S. 139, Herv. i. O.), dass Trans*-Personen generell einen „Wunsch nach Anerkennung in der bestehenden binären Geschlechterordnung“ (S. 141, Herv. i. O.) verspüren - und verkennt damit die zahlreichen Trans*-Personen, die keineswegs eine körperliche Zurichtung hin zu einem normierten Geschlechtskörper anstreben. Sie nennt die Internetseite des intergeschlechtlichen Aktivisten Michel Reiter als Informationsquelle neben anderen Seiten von „Transsexuellen und Transgender-Netzwerken, die neben persönlichen Kontakten und Erfahrungsaustauschen auch über Literatur-, Kosmetiktipps oder Klinikadressen informieren“ (Fußnote 17 S. 139) und unterstellt zu guter Letzt einen generalisierten „Leidensdruck (…) der/des Transsexuellen“ (S. 142). Zudem hätte mit der Neuveröffentlichung des Artikels die ehemals zwangsweise Kastration der Trans*-Personen nach dem Transsexuellengesetz korrigiert werden können: Seit Januar 2011 ist diese Voraussetzung ersatzlos gestrichen (vgl. Pressemitteilung 7/2011 des Bundesverfassungsgerichtes). Auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Artikel soll deshalb verzichtet werden. In „Praktizierte Kultur. Das stille Wissen der Geschlechter“ bleibt es glücklicherweise bei der fehlerhaften Bezeichnung der Trans*-Frau Agnes (aus Harold Garfinkels berühmter Studie, siehe unten) als „Hermaphroditen Agnes“ (S. 159) und der erneuten Unterstellung eines generalisierten Wunsches nach einer operativen körperlichen Geschlechtsangleichung von Trans*-Personen (vgl. S. 162). Dennoch können diese als weitere Hinweise auf Reuters lückenhaftes Wissen (oder die lückenhafte Darstellungen desselben) um beide Phänomene gelesen werden. Dieser Aufsatz zeichnet das fraglose KörperWissen der Geschlechter, also die selbstverständliche Inszenierung der eigenen Erscheinung als Mann oder Frau nach und stellt Trans*-Personen als Wissensinhaber_innen dieses ansonsten verdeckten Wissens heraus. Letztlich scheint Reuter hier aber keine wirklich neuen Erkenntnisse zur Debatte zu stellen, sondern verweist mit der Darstellung etablierter Theorien (Harold Garfinkel, Erving Goffman, Stefan Hirschauer) auf die Notwendigkeit praxistheoretischer Untersuchungen zum Thema, die die Eingebundenheit des Körpers in die Praxis des doing gender als eine, die wiederum nur in Interaktion mit anderen funktioniert, stärker akzentuieren.

Geschlecht aus globaler Perspektive

Das dritte Kapitel beginnt mit der Untersuchung „Globalisierung und Geschlecht. Das Beispiel Liebestourismus und Haushaltsmigration“. Reuter möchte hier zeigen, „inwieweit Geschlecht als strukturiertes und strukturierendes Moment der Globalisierung in Erscheinung tritt“ [Herv. i. O.], indem das Potential der Entwicklung „‚hybride[r]‘ Beziehungspraxen“ (S. 174) in interkulturellen Verbindungen zwischen Frauen aus europäischen Industrieländern und indonesischen Männern herausgestellt und erläutert wird, wie weltweite Fürsorgeketten die Emanzipation der mitteleuropäischen Mittelstandsfrau erst ermöglichen. Hier entstehen komplexe Diskriminierungszusammenhänge, indem eine sexistische Aufwertung der Migrantinnen gegenüber den „deutschen Gastmüttern als ‚Rabenmütter‘“ und eine rassistische Abwertung der Migrantinnen durch die deutschen Frauen als „Perle“ etc. stattfinden. Geschlechtliche und rassistische Diskriminierung greifen neu ineinander (vgl. S. 180). Reuter zeigt an den beiden Beispielen die „Kreolisierung von Geschlecht“ (S. ?), das heißt die Herstellung geschlechtlicher Verhaltensmuster durch unterschiedliche kulturelle Kontexte (vgl. S. 182). Kann sich kein_e Au-Pair geleistet werden, findet eine Umdeutung der Ungleichheit der Aufgabenverteilung in heterosexuellen Beziehungen statt. Reuter zeigt dies im Aufsatz „Die Ungleichheit der Geschlechter im Privathaushalt“: Die geschlechtlichen Praktiken sind in den Körper eingeschrieben und reproduzieren eine Aufgabenteilung, die weiterhin stereotypen Geschlechtsvorstellungen gerecht wird, wenn Männer administrative und technische Aufgaben übernehmen, während Frauen weniger angesehene Aufgaben wie die Reinigung der Toilette oder das Wickeln der Kinder übernehmen. Der letzte Aufsatz „Muslimisch, weiblich, selbstbewusst. Selbstorganisation und Interessenartikulation von Migrantinnen“ macht selbstorganisierte Zusammenhänge muslimischer Frauen unter dem seit den 1990er Jahren immer häufiger auftauchenden und somit recht neuen Label des islamischen Feminismus fruchtbar. Reuter stellt verschiedene Organisationsorgane und -formen von Muslimas in Deutschland vor, begrenzt ihre Überlegungen jedoch nicht national und stellt heraus, „dass es eine globale muslimische Frauenbewegung gibt, in der Frauen Religion als Kapital für ihre Identitätsbildung auch gegen Widerstand zu ihren Gunsten nutzen“ (S. 215). Sie räumt aber ein, dass es den islamischen Feminismus nicht gibt, sondern auch hier verschiedene Feminismen nebeneinander existieren – wie die Freiburger Geschlechter Studien in ihrer 24. Ausgabe 2010, „Feminisms Revisited“, für den deutschsprachigen Raum herausgearbeitet haben (vgl. Penkwitt 2010). Reuter schließt den Aufsatz mit der Forderung, den Widerspruch zwischen der Lockerung und dem gleichzeitigen Schutz traditioneller Geschlechtermuster durch die Berufstätigkeit und gute Bildung einerseits, das Verschleiern im öffentlichen Raum andererseits anzuerkennen und in zukünftiger Forschung zu berücksichtigen.

Fazit

„Geschlecht und Körper“ ist Einführungs- und Vertiefungslektüre zugleich. Reuter bietet verschiedene Perspektiven auf die Körpersoziologie an, möchte die „allgemeinsoziologische Bedeutung von Körper und Geschlecht als Basiskategorien der Soziologie“ herausstellen und die Bedeutsamkeit „der materiellen, das heißt praktischen Verkörperung und Vergeschlechtlichung gesellschaftlicher Ordnung“ (S. 16) herausarbeiten. Wenn Reuter auch bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Transsexualität inhaltlich zurückbleibt, so hat sie ihr Ziel dennoch erreicht: zu zeigen, „wie Körper und Geschlecht als Materie und Idee die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit im privaten, öffentlichen und professionellen Alltag formen und durch sie geformt werden“ (S. 15).

Zusätzlich verwendete Literatur

Garfinkel, Harold (1967): Studies in Ethnomethodology. Prentice Hall, Englewood Cliffs/NJ.

Goffman, Erving (1969): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. Piper, München.

Goffman, Erving (1994): Interaktion und Geschlecht. Campus, Frankfurt/Main.

Hirschauer, Stefan (1993): Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Suhrkamp, Frankfurt a.M.

Penkwitt, Meike (2010) (Hg.): Feminisms Revisited. Ausgabe 24/2010 der Freiburger GeschlechterStudien. Freiburg, Opladen.

Julia Reuter 2011:
Geschlecht und Körper. Studien zur Materialität und Inszenierung gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Transcript Verlag, Bielefeld.
ISBN: 978-3-8376-1526-5.
252 Seiten. 25,80 Euro.
Zitathinweis: Anja Gregor: Materie und Idee. Erschienen in: Facetten der Krisenproteste. 19/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1033. Abgerufen am: 20. 05. 2019 23:46.

Zur Rezension
Rezensiert von
Anja Gregor
Veröffentlicht am
03. Juli 2012
Erschienen in
Ausgabe 19, „Facetten der Krisenproteste” vom 03. Juli 2012
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Zum Buch
Julia Reuter 2011:
Geschlecht und Körper. Studien zur Materialität und Inszenierung gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Transcript Verlag, Bielefeld.
ISBN: 978-3-8376-1526-5.
252 Seiten. 25,80 Euro.