Zum Inhalt springen
Logo

Leerstelle der biodeutschen Antifa

Buchautor_innen
Volkshilfe Flüchtlings- und MigrantInnnenbetreuung Oberösterreich (Hg.)
Buchtitel
Grauer Wolf im Schafspelz
Buchuntertitel
Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft
Ein intensiverer Austausch über türkische FaschistInnen in Deutschland ist dringend notwendig.
Rezensiert von Ismail Küpeli

Eine faschistische Bewegung mit tausenden Mitgliedern, die in zahlreichen Parteien, Verbänden und Vereinen organisiert sind – eigentlich wäre zu erwarten, dass sich die AntifaschistInnen in Deutschland mit den türkischen „Grauen Wölfen“ intensiv beschäftigen würden. Aber ganz im Gegenteil sind seit Jahrzehnten die türkische Nationalisten und Faschisten in Deutschland aktiv – und dies weitgehend ungestört. Ein Grund für das mangelnde Interesse ist der oft nicht-öffentliche Charakter ihrer Aktivitäten. Statt auf Demonstrationen und Kundgebungen konzentrieren sich diese Organisationen weitgehend auf interne Vereins- und Stadtteilarbeit. Dabei gelingt es türkischen FaschistInnen immer wieder, sich dem jeweiligen Publikum anzupassen. Gegenüber einem türkischsprachigen werden die eigenen faschistischen Inhalte offen propagiert, im öffentlichen Erscheinungsbild und in deutschsprachigen Verlautbarungen legen sie dagegen Wert, den Anschein eines „ganz normalen“ Moscheevereins zu wahren, dessen vereinsinterne Arbeit und Aktivitäten im Stadtteil keinerlei politischem Anspruch folgen. Weil eine antifaschistische Recherchearbeit in diesem Bereich ausbleibt, fehlen Kenntnisse der entsprechenden Netzwerke, Organisationen, Symbole und Codes. So fällt es schwer, faschistische türkische Akteure und deren Aktivitäten zu erkennen und einzuordnen.

Lediglich dann, wenn die türkischen FaschistInnen zu Massendemonstrationen mobilisieren, wie etwa vor einigen Monaten, als der Krieg in der Türkei wieder aufgenommen wurde, kommt es überhaupt zu einer Berichterstattung über diese Bewegung. Allerdings beginnt die inhaltliche Beschäftigung immer wieder am Nullpunkt, so dass erst einmal dargestellt werden muss, dass es türkische FaschistInnen in Deutschland gibt. Eine kontinuierliche Analyse kann so nicht stattfinden. Die wenigen längeren Publikationen über die „Grauen Wölfe“, wie etwa „Graue Wölfe heulen wieder“ von Fikret Aslan und Kemal Bozay können diese Debatte nicht ersetzen – nicht zuletzt, weil die Zeitabstände zwischen den einzelnen Publikationen zu lang sind und sie ohnehin von den gleichen wenigen AutorInnen stammen.

Der 2012 erschienene Sammelband „Graue Wölfe im Schafspelz“ ist exemplarisch für die Probleme und Unzulänglichkeiten der mangelnden antifaschistischen Beschäftigung mit diesem Thema. Das schmale Bändchen mit 95 Seiten versammelt Beiträge von vier Autoren (ohne Binnen-I). Der erste Beitrag, geschrieben von Kemal Bozay, beschäftigt mit den „historischen Wurzeln des Faschismus in der Türkei“ und beginnt im Osmanischen Reich. Es ist eine knappe und lesenswerte Darstellung der Frühgeschichte der Türkei bis in die 1940er Jahre – aber eine Fokussierung auf den türkischen Faschismus fehlt. Erst der zweite Beitrag, ebenfalls von Kemal Bozay, geht konkreter auf die „Milliyetçi Hareket Partisi“ (MHP, „Partei der Nationalistischen Bewegung“) und ihrer Vorläufer ein. Die MHP ist die größte Organisation der türkischen FaschistInnen. Die MHP-AnhängerInnen nennen sich selbst „Ülkücü“ („Idealist“), viel seltener wird der in Deutschland bekannte Eigenname „Bozkurt“ („Grauer Wolf“) genutzt. Die MHP war traditionell keine parlamentarische Partei, sondern vielmehr eine faschistische Organisation, von der viele politisch motivierte Gewalttaten ausgingen. In den 1990er Jahren waren die „Grauen Wölfe“ in der Türkei neben staatlich organisierten Paramilitärs und islamistischen Terrororganisationen für eine Vielzahl von politischen Morden verantwortlich. In 13 Seiten wird die Entwicklung der MHP von den 1960er Jahre bis zum Jahr 2000 dargestellt.

Es folgt ein Beitrag von Christian Schörkhuber mit dem Anspruch, die weitere Entwicklung ab 2000 bis heute darzustellen. Leider gelingt ihm das nicht. Stattdessen sind viele Überschneidungen zu der Darstellung davor festzustellen. So werden noch einmal grundlegende Merkmale der „Grauen Wölfe“ skizziert und die Geschichte der Bewegung in den 1970er, 1980er und 1990er Jahre angerissen. Daneben wird die repressive Politik der AKP-Regierung angesprochen, wobei offen bleibt, wie dies mit der MHP zusammenhängt. Auch der zweite Beitrag von Christian Schörkhuber, diesmal über die „Grauen Wölfe“ in Deutschland, bringt wenig Erkenntnisse. Stattdessen wird zustimmend Spiegel TV zitiert: „eine türkische Angelegenheit wird zum deutschen Problem“ (S. 60). An anderer Stelle wird ein CDU-Abgeordneter zitiert, der vor einer „Verharmlosung“ warnt. Anders gesagt: Statt einer politischen Analyse der „Grauen Wölfe“ erfolgt eine Rede, die aus FaschistInnen ein „Ausländerproblem“ macht, in der deutsche Konservative sich als BewahrerInnen von Demokratie und KämpferInnen gegen „Extremismus“ aufspielen können.

Deutlich lesenswerter sind die beiden Beiträge von Thomas Schmidinger und Thomas Rammerstorfer. Der erste Beitrag des Autorenduos skizziert die Strukturen und Netzwerke der türkischen FaschistInnen in Österreich und benennt Organisationen und Vereine konkret. Hier wird auch die Duldung und Unterstützung für die türkischen FaschistInnen seitens der österreichischen Parteien benannt und begründet. Die parlamentarischen Parteien in Österreich, nicht anders als in Deutschland, dulden oft türkische FaschistInnen, um so an die Stimmen der „türkischstämmigen“ WählerInnen aus diesem Milieu zu gelangen. Es folgt ein Beitrag über die „Gründe für den verstärkten Zulauf zu nationalistischen Gruppierungen“. Skizziert werden Gründe wie etwa Diskriminierung und Ausgrenzung von „Menschen mit Migrationshintergrund“ und die damit verbundene Ethnisierung von sozialen Konflikten, die eine Zuwendung an nationalistische Gruppen nahelegen. Die Darstellung der möglichen Motivationen der türkischen FaschistInnen ist keineswegs erschöpfend und manche Aspekte fallen zu kurz, aber insgesamt lesenswert. Die Publikation endet mit einem Forderungskatalog an den österreichischen Staat, den türkischen Staat, die österreichischen Sicherheitsbehörden und antifaschistische AktivistInnen.

Insgesamt bleibt ein ambivalenter Eindruck. Einerseits ist jede Publikation über das Thema „Graue Wölfe“ zu begrüßen, weil das Thema nur selten angesprochen wird. Die Beiträge von Kemal Bozay, Thomas Schmidinger und Thomas Rammerstorfer sind an sich durchaus lesenswert. Andererseits erfährt man in den 95 Seiten nur wenig über die Entwicklung der türkischen FaschistInnen seit 2000, weil zu viele Seiten für Themen genutzt werden, die mit dem eigentlichen Kernthema wenig zu tun haben – dazu kommen die Überschneidungen in den verschiedenen Beiträgen.

Volkshilfe Flüchtlings- und MigrantInnnenbetreuung Oberösterreich (Hg.) 2012:
Grauer Wolf im Schafspelz. Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft.
Steinmaßl, Grünbach.
ISBN: 978-3-902427-84-7.
95 Seiten. 19,50 Euro.
Zitathinweis: Ismail Küpeli: Leerstelle der biodeutschen Antifa. Erschienen in: Linke EU- und Europakritik. 39/ 2016. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1333. Abgerufen am: 23. 05. 2019 00:55.

Zum Buch
Volkshilfe Flüchtlings- und MigrantInnnenbetreuung Oberösterreich (Hg.) 2012:
Grauer Wolf im Schafspelz. Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft.
Steinmaßl, Grünbach.
ISBN: 978-3-902427-84-7.
95 Seiten. 19,50 Euro.