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Hugenbergs Schwenk zu Mussolini

Buchautor_innen
Adolf Stein
Buchtitel
Der Schmied Roms
Buchuntertitel
Rumpelstilzchen
In letzter Zeit wurde oft auf die grundsätzliche Verschiedenheit des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus hingewiesen. Dass es trotzdem propagandistisch auszubauende Verwandtschaften gab, zeigt schon 1929 die kleine Propagandaschnulze des Vorzugsschreibers Rumpelstilzchen aus dem Hugenberg-Konzern.
Rezensiert von Fritz Güde

„Rumpelstilzchen“ war der Markenname eines ehemaligen Majors in Berlin, der mindestens zwanzig Provinzblätter des Hugenberg-Konzerns mit dem Zauber Berlins vertraut machte, sittlich gereinigt, versteht sich, garniert mit Nachrichten aus dem Leben des untergegangenen Hofadels. Sein Trick: Er gab sich als der unpolitische Weltmann, streute in die Feuilletons allenfalls einige kleine antisemitische Winke ein und ließ durchblicken, dass unter den Hohenzollern doch alles besser gelaufen war. In diesem Zusammenhang steht das Büchlein über Mussolini in seinem brutalen Bekenntnis zum Faschismus einsam da. Wegen seiner Offenheit. Es muss wohl gesehen werden im Rahmen einer Gesamtpropaganda des Hugenberg-Konzerns in dieser Zeit. Seine Filmfirma UFA brachte 1931 gleich noch einen Mussolini-Film heraus, in der der neue Caesar in seinen vielen Rollen nacheinander auftreten durfte.

Das Buch setzt plaudernd ein, wie man es vom Feuilletonisten gewohnt war. In einem römischen Hotel wird ihm eine Übernachtung zu viel aufgebrummt. Er plustert sich auf, droht damit, Mussolini selbst anzurufen - und sofort geht die Sache in Ordnung. Gleich zu Beginn Rumpelstilzchen im Dienst des Mythos: dass in Italien die Züge pünktlich fahren und dass Bestechungen und Betrügereien nie mehr vorkommen. Dinge, die ich schon als Kind staunend gehört habe (allerdings von Soldaten, die nach 1943 Oberitalien besetzt hatten, die Korrektur mitgekriegt, dass bei der Bestechlichkeit im Lauf von Mussolinis zwanzig Jahren etwas dazwischen gekommen sein musste. Man war gemütlich korrupt wie eh und je). Später gibt Major Stein seiner Quengelsucht nach und zählt eine Seite lang auf, dass die ererbten Sitten der Italiener auch in Mussolinis Frühzeit nicht ausgestorben waren. Mussolini aber kümmert sich wenigstens.

Was lobt Rumpelstilzchen am meisten? Kurz gesagt: Die konsequente Anwendung brutaler Gewalt. Gestützt freilich auf die ausgebreitetste Rhetorik an jedem Ort, wo sie gut ankommt.
Selbstverständlich tut Rumpelstilzchen so, als hätte es Mussolinis Marsch auf Rom als Eroberungszug wirklich gegeben. Dabei rückte er in persona erst ein, als er vom König die Bestallung zum Ministerpräsidenten in der Hand hatte. Major Stein phantasiert sich sogar entschlossene Gegenmaßnahmen zusammen. Dass nämlich der König, der vorher und nachher nichts zu sagen hatte, im letzten Augenblick die Unterschrift unter den Mobilmachungsbefehl gegen den Heranstürmenden verweigert hätte. Selbstmörderisch verherrlicht der deutsche Feuilletonist das neue Pressegesetz in Italien. Ein schiefes Wort gegen den Faschismus: Verwarnung. Bei Rückfälligkeit: Verbot der Zeitung für immer. Verlagsdirektor und „Schriftleiter“ „haben ihr Dasein verwirkt“ - wie der Autor sadistisch zufügt. Sie dürfen nirgend wo mehr veröffentlichen. Nach diesem Rezept hätte in Deutschland Rumpelstilzchen gar nicht erst anfangen dürfen. Er aber rechnet selbstverständlich damit, dass solche Gesetze immer nur für die anderen gelten.

“Gerechtfertigt ist, was den Sieg bringt. Du oder ich. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Die sittliche Rechtfertigung einer solchen Verherrlichung der Gewalt liegt für Mussolini in der Staatsidee. Wer für sich selber das Schwert nimmt, soll auch durch das Schwert umkommen. Wer aber dem Landsmann nur deshalb an die Gurgel fährt, weil des Vaterlandes Wohl es erheischt, dessen Tun ist geheiligt.”(S. 37)

In vielen Varianten wird der Gewaltkult immer neu gefeiert. Eingewickelt in die pflichtmäßigen Anekdoten aus dem privaten und öffentlichen Leben des Übermenschen. Die propagandistisch damals schon hartgebackenen Löwenjungen um den Duce dürfen nicht fehlen. Ergänzt hier um eine Löwenmutter im Zoo, die der Herrscher von Zeit zu Zeit zu stiller Zwiesprache hinterm Gitter besucht.

Die ökonomischen Wunder glaubt der Major dem Duce als einziger aufs Wort: immerhin zwei Milliarden Überschuss im Jahr. Um die wirklich brutale Behandlung von Südtirol muss der deutsche Feuilletonist sich gequält herumreden. Sie war bei seiner deutschnationalen Leserschaft mit Recht verrufen. Angeblich kam alles aus Hass nur gegen Österreich. Gegen Deutschland nämlich - Major Steins Trostwort - hatte der Duce nichts. Zum Ende die Nutzanwendung fürs deutsche Vaterland.

“Mussolini weiß, dass beide Staaten - Italien wie Deutschland - ein „Volk ohne Raum“ beherbergen; und dass beide Staaten die einzigen in Europa sind, die noch eine große Irredenta haben, Millionen „unerlöster“ Landsleute unter Fremdherrschaft.“ (S. 94)

Nach wahrscheinlich mehr oder weniger übertriebenen stories über Mussolinis Hilfsbereitschaft für Hitlers Marsch auf Berlin 1923 oder 1925 mit einem Aufruf, gemeinsam gegen Frankreich vorzugehen, kommt Major Stein zum eigentlich gemeinten:

“Manchmal denke ich, auch uns könnte keiner von den Höhen her helfen. Diese Leute haben zu viele Hemmungen. Sie denken immer an ihre weiße Weste, sind viel zu rechtlich für unsere Zeit. Vielleicht muss auch uns ein Gewalttätiger kommen, der von links nach rechts umgelernt hat.”(S. 105)

Rührenderweise fällt Rumpelstilzchen auch auf die gelegentlich vorgebrachten Lobsprüche auf Preußen und seine Tugenden herein. So müssen wieder einmal die Beamten herhalten, die vom Staat die Federn samt Tintenmenge vorgerechnet bekommen. Ebenso die Methoden des Soldatenkönigs, der mit seinen anerkannten Methoden den eigenen Sohn zum Königtum niedergeknüppelt hatte. Merkwürdigerweise erwähnt dieser spätere Halleluja-Brüller für Hitler dessen Namen hier an keiner Stelle. Der geplante Putsch in München wird einem allzu schwächlichen Kahr zugeschrieben.

Insgesamt dient das dargebotene Schmalz der Werbung für Brutalität und gegen Parlamentarismus. Wenn Hugenberg in diesem Augenblick auch noch nicht gewusst haben sollte, wer das Wesen von unten sein würde, das vorbrechen sollte um alle andern zu unterwerfen.
Auf der allerletzten Seite erst gibt Rumpelstilzchen dem bisher sorgfältig verborgenen Rassismus nach:

„Auch darf man durchaus nicht vergessen, dass die Italiener keine reinen Römer, sondern ein Mischvolk sind. Wer bei vielen von ihnen das wehende Kräuselhaar sieht, der weiß, wie sehr von der anderen Seite des Mittelmeeres her arabisches und Negerblut hinzugeströmt ist. Setzt man diesen Leuten einen Fez auf, so sind sie von einem tunesischen Fremdennepper nicht zu unterscheiden. Sie sind wortreich und unzuverlässig. Sie sind welsch, sie sind falsch.”(S. 109)

Das lässt sich doppelt verstehen. Einmal, wie Rumpelstilzchen vordergründig andeutet, als letztes Merkmal der Größe eines Mussolini, der selbst aus solchen Kreaturen noch so viel herausholte. Aber näherliegend: Wie würden Mussolinis Methoden bei reinerer menschlicher Grundlage - sagen wir es offen: einem gediegen rassischen Fundament - sich erst in Deutschland auswirken, wenn wir erst wieder „Männer“ geworden sein werden. Damit verweist der deutsche Prophet des Nazismus ganz am Ende auf den Vorrang, den er dem angeblichen Lehrer voraus zu haben glaubt.

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Über das umfassende Wirken des Majors Stein als Journalist während der Weimarer Zeit und zu Beginn der faschistischen Herrschaft vgl. Die Geburt des Faschismus im Feuilleton (Konrad Veegd auf stattweb.de)

Adolf Stein 1929:
Der Schmied Roms. Rumpelstilzchen.
Brunnen-Verlag K. Winckler, Berlin.
110 Seiten.
Zitathinweis: Fritz Güde: Hugenbergs Schwenk zu Mussolini. Erschienen in: Italienischer Faschismus. 6/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/912. Abgerufen am: 26. 03. 2019 07:56.

Zum Buch
Adolf Stein 1929:
Der Schmied Roms. Rumpelstilzchen.
Brunnen-Verlag K. Winckler, Berlin.
110 Seiten.