Zum Inhalt springen
Logo

Geschichtsstunde für Liberale

Buchautor_innen
Alex de Waal
Buchtitel
New Pandemics, Old Politics
Buchuntertitel
Two Hundred Years of War on Disease and its Alternatives
Ein Buch will Lehren aus der Geschichte der Pandemien ziehen, den Pandemieschutz an die Große Transformation andocken und dadurch den Liberalismus retten.
Rezensiert von Theresa Hanske

Massentierhaltung, Zerstörung von natürlichen Lebensräumen, globale Handels- und Reiserouten und starke Verdichtung in den Städten zeichnen unsere Lebensweise heute weltweit aus. In ihr und durch sie haben auch Viren und Bakterien aller Art ihren Lebensraum ausgeweitet. Die durch sie verursachten Pandemien sind kein unvorhersagbares Ergebnis einer Mutationslotterie auf mikrobiologischem Level – zumindest nicht in erster Linie. Vielmehr ist es unsere Lebensweise, die Pandemien erzeugt. Sie erst schafft das Umfeld, in dem gefährliche Erreger entstehen können; in dem sie gegebenenfalls die Gattungsgrenze überspringen, eine weitere Übertragung von Mensch zu Mensch meistern und sich ausbreiten, zirkulieren und sich dabei durch ständige Mutationen immer weiter an ihre Umwelt anpassen können. Auch wenn sie nicht immer pandemisch werden: Es ist das, was Krankheitserreger tun, und sie tun es immer häufiger.

Spätestens seitdem die Omikron-Variante des Corona-Virus die Impfanstrengungen überholt hat, ist das strukturelle Problem ins öffentliche Bewusstsein getreten: Wollen wir mit der beschleunigten Evolution der Erreger schritthalten und ihren Mutationen zuvorkommen, müssten wir uns an das mikrobiologische Tempo anpassen und immer schneller zu medizinischen und technischen Lösungen finden.

Im Rüstungswettlauf mit der Mutationsrate

Dass es so weit kommen konnte, schreibt Alex de Waal der Vorstellung zu, Pandemien müssten und vor allem könnten bekämpft werden, indem man den Erreger identifiziere und ausschalte. Am besten bevor es zum Ausbruch kommt, gewissermaßen als Präventivschlag im Labor. Dabei geht es ihm nicht darum, den Pandemieschutz als solchen und als staatliche Aufgabe infrage zu stellen. Seine Kritik richtet sich gegen das vorherrschende Paradigma im Umgang mit Pandemien. Forschung und Politik haben sich auf einen Krieg gegen Infektionskrankheiten eingeschossen. Im Anthropozän – eine pointierte Bezeichnung für die aktuelle erdgeschichtliche Epoche, in der der irreversible Einfluss des Menschen auf die Umwelt die weitere atmosphärische und biologische Entwicklungsdynamik der Erde bestimmt – wird nun aber deutlich: Die Menschheit ist auf diese Weise in einen Wettlauf mit den Viren eingetreten, den sie nicht gewinnen kann. Für de Waal ist das die Ausgangslage, um für ein Umsteuern im globalen Pandemieschutz zu mobilisieren. Darüber will er sprechen – „Was tun?“ soll allerdings seine Frage nicht sein: „Der Ausgangspunkt ist nicht der Inhalt der politischen Maßnahmen, sondern der Prozess, mit dem wir zu den Maßnahmen kommen.“ (S. 230)

Obwohl es ihm ganz offensichtlich um die Zukunft geht, wirft er seinen Blick zurück in die Geschichte. Jedes Kapitel erzählt die Geschichte einer Pandemie der letzten 200 Jahre: Cholera, die Spanische Grippe, HIV/AIDS und die imaginierte, noch unbekannte Pandemie X. Er will die Spur derjenigen Vorstellung zurückverfolgen, die zum Schlachtruf gegen das Corona-Virus führt. Und so fragt er, wie es dazu gekommen ist, dass wir heute im viral-militärischen Dilemma stecken. Keine unwichtige Frage: Wie ist es dazu gekommen? Aber sie bleibt im luftleeren Raum hängen, denn er stellt die andere wichtige Frage nicht: Warum ist es dazu gekommen?

Infektionsbekämpfung entmilitarisieren – Pandemieschutz neu denken

Der Hauptstrang des Buches verfolgt die Problemstellung, dass eine militaristische Logik in der Pandemiebekämpfung verfehlt ist. Bei seiner Betrachtung der Cholera im 19. Jahrhundert zeigt er, wie die Mikrobiologie zur Leitwissenschaft in diesem Bereich der Gesundheitspolitik wird. Die Fixierung auf die mikrobiologische Ebene – das heißt, die Bestimmung des Bakteriums beziehungsweise Virus und seiner Eigenschaften – reduziert Pandemien auf den Erreger. Das verspricht eine zielgenaue Behandlung des Problems, unabhängig von lokalen Bedingungen – Aussichten, die Militärs faszinieren. Ob und unter welchen Bedingungen es zum Ausbruch kommt, ist jedoch primär sozial. Mehr noch gilt dies für die spezifischen Übertragungswege, auch etwa dafür, ob die Infektion endemisch bleibt oder sich weltweit ausbreitet. Immer wieder betont de Waal, die Entstehung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten ist zuallererst ein soziales Geschehen, kein mikrobiologisches.

Eindrücklich führt er das Soziale an der Pandemie in seinem Kapitel über die Spanische Grippe während des Ersten Weltkrieges vor. Anders als andere populäre Darstellungen zur Spanischen Grippe richtet er sein Augenmerk dabei jedoch nicht auf die Eindämmungsmaßnahmen, um die Bedeutung von sozialen Faktoren für das Infektionsgeschehen zu erweisen. De Waal setzt bereits bei der Entstehung der Pandemie an. Er argumentiert, dass der Krieg oder präziser die Art der Kriegsführung im Ersten Weltkrieg das optimale sozio-ökologische Umfeld für das Virus geschaffen habe. Der Erste Weltkrieg erreicht einen temporären Verdichtungs- und Vernetzungszustand, wie ihn erst wieder die Globalisierung ab den 1980er Jahren herstellen wird. Dafür ist vor allem die Entwicklung im Bereich der Kriegslogistik verantwortlich. Ein interessanter Befund, bedenkt man, dass gemeinhin die logistischen Kapazitäten als Argument für den Einsatz von Militär zur Pandemiebekämpfung vorgebracht werden.

Seine Betrachtung von HIV/AIDS konzentriert sich geographisch auf Afrika und ist das Herzstück seiner Argumentation gegen die Kriegslogik in der Pandemiebekämpfung. Hier führt die Darstellung am überzeugendsten zusammen, warum sicherheitspolitisch motivierte Vorstellungen des Westens über Pandemien versagt haben und was es bedeutet, soziale Faktoren nicht als soziale Determinanten zu denken. Es hätte für den Pandemieschutz etwas von Afrika zu lernen gegeben. Bei seiner Betrachtung zur Ebola-Epidemie in Westafrika nimmt er diesen Faden noch einmal auf. Er zeigt, dass ein autoritäres, zentralisiertes und militarisiertes Vorgehen bei Ebola scheiterte und erst ein partizipativer und menschenrechtsbasierter Ansatz die Epidemie unter Kontrolle gebracht hat.

Die letzte seiner Pandemie-Geschichten widmet sich den Entwicklungen seit Mitte der 90er Jahre. Im Zentrum stehen drohende Pan- und echte Epidemien und de Waal erzählt sie weitgehend als Institutionengeschichte von US-amerikanischer öffentlicher Gesundheit und der Weltgesundheitsorganisation. Die Verquickung von Pandemieschutz und Sicherheitspolitik kommt zu einem vorläufigen Höhepunkt nach 9/11 und den kurz darauffolgenden Anthrax-Anschlägen in den USA. Mit dem Krieg gegen den Terror wird auch der globale Infektionsschutz militärisch hochgerüstet, was in der Metapher vom Krieg gegen das Virus seinen sinnfälligen sprachlichen Ausdruck findet.

Mit dem letzten Kapitel erreicht de Waal die Gegenwart. Eine Geschichte der Corona-Pandemie ist das jedoch nicht und will es auch gar nicht sein. Vielmehr entwirft er hier die Vision eines alternativen Umgangs mit kommenden Pandemien, jenseits einer Kriegslogik in Sprache und Denken. Obwohl die Alternative mit viel Verve vorgetragen wird, bleibt sie inhaltlich merkwürdig blass. Wir verstehen immerhin, dass er für einen umfassenden, partizipativen Begriff von Gesundheit wirbt, der Umwelt, Tiere und Menschen zusammendenkt – kurz: One Health. Das englische Schlagwort hat sich gerade auch hierzulande eingebürgert, da scheint es auch schon zum Plastikwort verkommen zu sein. Wie bei de Waal kann es alles und nichts bezeichnen. Wohlwollender könnte man auch sagen: Es bezeichnet eher eine Haltung als einen konkreten Katalog von gesundheitspolitischen Forderungen oder Maßnahmen.

Spindoktor für ein liberales Transformationsprojekt

Immer wieder bleibt der Autor bei entscheidenden Fragen im Unbestimmten und verlässt sich auf vollmundige Transformationsrhetorik. Am Ende des Buches angekommen, stellt man dann auch fest, dass es trotz der vielen Details, die die Aufmerksamkeit beim Lesen in Anspruch genommen haben, nur eine nebulöse Erinnerung hinterlässt. Der Autor hat auf eine eigene politische Positionierung weitgehend verzichtet und dies, wie es scheint, mit Bedacht. Obwohl thematisch angelegt, stoppt seine Diskussion immer genau an dem Punkt, an dem sie in eine kontroverse Richtung münden würde. Besonders auffällig ist dies, wo auf die Globalisierung als virus-affine Organisation unserer Lebensweise hingewiesen wird. Bei ihm ist Globalisierung beschränkt auf Vernetzung und Verdichtung, womit das Konzept jedes kritischen Gehaltes beraubt ist. Es geht in der nicht minder vagen Rede von unserer Lebensweise auf, die dann folgerichtig von Produktionsweise gar nicht erst zu sprechen anfängt. Seine Globalisierungskritik ist kaum mehr als Rousseau’sche Zivilisationskritik und hält sich letztlich nach allen Seiten hin anschlussfähig. Sein Buch versteht sich als Aufruf zu einer sozialen Bewegung für einen neuen Umgang mit Pandemien abseits aller Ideologisierung. Wo alle strittigen Punkte ausgeklammert werden, bleibt auch das gemeinsame Ziel unbestimmt und muss sich als letzte Begründung mit Effektivität und vernünftigem Eigeninteresse zufriedengeben. Man sieht, es läuft eher auf ein Amendment im Gesellschaftsvertrag hinaus. Ein wirklicher Systemwechsel wird so nicht eingeleitet.

Alex de Waal 2021:
New Pandemics, Old Politics. Two Hundred Years of War on Disease and its Alternatives.
Polity Press, Cambridge.
ISBN: 9781509547807.
296 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Theresa Hanske: Geschichtsstunde für Liberale. Erschienen in: Pandemisches Zeitalter. 63/ 2022. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1759. Abgerufen am: 24. 05. 2022 04:14.

Zum Buch
Alex de Waal 2021:
New Pandemics, Old Politics. Two Hundred Years of War on Disease and its Alternatives.
Polity Press, Cambridge.
ISBN: 9781509547807.
296 Seiten. 19,90 Euro.