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Femmepowerment, Queer_Femmeinismen und femmemose Fragen

Buchautor_innen
Sabine Fuchs (Hg.)
Buchtitel
Femme!
Buchuntertitel
radikal - queer - feminin
Ein Text darüber, wie Femme! radikal – queer - feminin mein femmeinistisches Denken und Handeln beeinflusst hat und wie das Ganze weiterging.
Rezensiert von Lola

Als ich meine Ausgabe von Femme! Radikal – queer – feminin für diesen Text hier beim Inhaltsverzeichnis aufschlage, finde ich dort als Erstes eine Mischung aus Bleistiftpunkten, Kugelschreiberkreuzen und -klammern, die ich vor die verschiedenen Aufsatztitel gesetzt habe. Ich weiß nicht mehr genau, welches Zeichen ich wann und in welchem Zusammenhang dorthin geschrieben habe, aber beim erneuten Lesen der insgesamt zwölf Aufsätze kommt meine Erinnerung an die verschiedenen Prozesse, in denen ich während, durch und mit dem Lesen dieses für mich total femmepowernden Buches steckte, langsam zurück.

Der Punkt bei „Ein fem(me)inistisches Manifest“ der femmeidentifizierten Autor_innen Lisa Duggan und Kathleen McHugh bringt mich zurück zur Antisexistischen Praxen Konferenz in Berlin im letzten September. Hier hatte ich die Ankündigung meines allerersten Erfahrungsaustausch-Workshops für Femmes und feminine Queers mit einem Auszug aus diesem Text begonnen: „…‚Fem(me)’ ist keine Identität, keine Geschichte, kein Ort auf der Landkarte des Begehrens. Der Körper der Fem(me) ist anti(identitär), ein queerer Körper in fem(me)ininem Drag. (…) Die Fem(me) ist …“ Der bewusste Widerspruch, den der Blick auf Femme als (k)eine Identität bedeutet, und die Vorstellung, dass auch Femme eine Form von Drag ist und nicht einfach die Folge von einer als bruchlos gedachten „weiblichen Sozialisation“, haben mich schon beim ersten Lesen dieses Aufsatzes stark angezogen – und gleichzeitig ganz schön durcheinander gebracht. Gibt es denn nun trotzdem so was wie ein „Wesen der Fem(me)?“

QueerFemme und offizielle Nicht-Existenz

Der Aufsatztitel „QueerFemme. Vom lebhaften (Er)Leben einer Nicht-Existenz“ hat auch einen Bleistiftpunkt. Er ist von Tania Witte, d_ie als Cayate auch Spoken Word wie Shut up and Speak (was übrigens auch von einer Femme ins Leben gerufen wurde) macht und vor Kurzem ihr zweites Buch (beziehungsweise liebe) rausgebracht hat. In ihrem Aufsatz habe ich einige für mich sehr wichtige unabgeschlossene Antworten auf die Frage nach dem, was femme (nicht) ist, gelesen. „Queer-Femme“ steht da, und:

„Femme-Sein, Butch-Sein, Transgender- oder Queer-Sein (…) funktioniert am besten durch Täuschung. Wo alles Schein ist und nur durch die Anerkennung von außen wahrhaftig wird, wo eins das andere braucht, um wie gewünscht lesbar und als das, was es sein will, existenzberechtigt zu sein, kann ein Ich ausschließlich durch sich selbst nicht wirklich bestehen.“ (S. 62)

Und am Ende: „Mira entscheidet sich gegen ein Leben an-der-Seite-von und gegen ein Dasein, das erst durch die Anwesenheit einer anderen greifbar wird.“ (S. 63) Aha, denke ich. Es gibt also Femmes, die sich als queer verstehen und nicht als lesbisch, auch wenn sogenannte Lipsticklesben auch oft als Femmes bezeichnet werden. Damit geht für mich ein neuer Selbstbezeichnungsraum auf, gegen den ich mich bis dahin gewehrt hatte, weil eine Selbstbezeichnung als Femme sich für mich nicht stimmig angefühlt hat, wenn sie gleichbedeutend mit Lesbischsein ist. Ich denke atemlos weiter. Femme als Identität ist von der Anerkennung anderer abhängig und damit immer ein Stück weit auch einschränkend, weil bestimmte Sachen als femme gelesen werden und andere nicht, auch, wenn es sich für mich trotzdem nach Femmeininität anfühlt… Plötzlich kann ich die Figur der Mira, die sich in Tanjas Aufsatz für die „offizielle Nicht-Existenz“ entscheidet, indem sie bei ihrer Variante von (Queer-)Femmeness bleibt, gut verstehen.

Les_Sichtbarkeit von Femmeness

Die Frage nach der (Nicht-)Anerkennung von femmeininen Identitäten ist in meinen Augen stark mit Fragen nach Lesarten, Lesbarkeiten und Sichtweisen und Sichtbarkeiten, also Les_Sichtbarkeit, verbunden. Über dieses Thema schreibt Sabine Fuchs, eine selbstidentifizierte Femme und Herausgeberin dieses Buches, in ihrem Aufsatz „Das Paradox der sichtbaren Unsichtbarkeit. ‚Femme’ im Feld des Visuellen“. An diesem Aufsatz habe ich zugegeben keine Markierung gefunden, weil ich den Titel ganz schön kompliziert fand. Für einen Einstieg in Zusammenhänge von Femme und Les_Sichtbarkeit fand ich Sabines Aufsatz „Femme ist eine Femme ist eine Femme … Einführung in den Femme-inismus“ am Anfang des Buches geeigneter. Hier sagt sie klare Sachen wie „Nach den vorherrschenden Wahrnehmungs- und Denkmustern werden feminine Genderinszenierungen (…) nur äußerst selten als queer gelesen.“ (S. 11) und:

„In lesbischen Kreisen galt Femininität lange als Anpassung an die zweigeschlechtliche heterosexuelle Lebenswelt und damit als politisch nicht korrekt. Bei dem anhaltenden Hype um (Cross- oder Trans-) Maskulinität in queeren Subkulturen wie auch in akademischen Gendertheorien – sei es in der Form von Drag Kings, Transmännern, Tomboys oder Butches – gilt Femininität zumeist als bestenfalls bedeutungslos, schlimmstenfalls als reaktionär.“ (Ebd.)

Was mich aber in ihrem anderen Aufsatz begeistert hat, ist die Idee, dass ein Blick, der Femmes nur im Beisein ihrer Part_nerinnen erkennt (und nur dann, wenn diese keine Femmes sind), selbst ein heteronormativer Blick ist:

„Ist es nicht womöglich eine heterozentrische und femmephobe Unterstellung, davon auszugehen, Femmes seien by default (Hervorh. i.O.) immer ‚unsichtbar’, es sei denn, sie erscheinen an der Seite einer Butch oder einer anderen visuell erkennbaren queeren Verkörperung?“ (S. 147)

Gleichzeitig sieht Sabine in dieser vermeintlichen Unsichtbarkeit auch eine Chance, zum Beispiel um vor heteronormativen Blicken oder anderen Normierungen geschützt zu sein. Dominique Grisard, die in Basel am Zentrum für Gender Studies unterwegs ist, greift die Frage nach Chancen von Unsichtbarkeit in Femme! mit dem Aufsatz „Die Femme als Doppelagentin. Ein Plädoyer für Täuschung und Tarnung“ auf.

Zu dem Punkt von Les_Sicht_Barkeit von Femmeness als Teil der Frage von (Nicht-)Anerkennung femmeininer Identitäten fällt mir außerdem die Aufsatzsammlung Butch/Femme. Eine erotische Kultur, herausgegeben von Stephanie Kuhnen im Jahr 1997, ein. Ganz am Ende des Buches gibt es den augenzwinkernden Versuch einer Typologie verschiedener Femmes (und Butches). Solche Versuche können sicher nicht die Komplexität von Femmeness-Entwürfen erfassen, für mich war es aber dennoch eine Möglichkeit, dadurch meinen eigenen Blick auf Femmeness (und Butchness) zu weiten und noch stärker zu erspüren, was für Varianten von Femmeness sich für mich passend anfühlen. Unter dem Titel „Femme/Butch als Strategie, lesbisches Begehren zu repräsentieren“ findet sich in Femme! ein Interview mit Stephanie Kuhnen, das sich explizit auf „Butch/Femme“ bezieht. In meiner Ausgabe ist vor dem Interviewtitel eine Klammer, was glaube ich bedeutet, dass ich das Interview später gelesen habe. Ich finde es aber sehr lesenswert, weil es spannende Ein_Blicke in Entstehungszusammenhänge, Ziele und Reaktionen zum erwähnten Buch gibt.

Begehrensdynamiken, Rezeptivität und die Lust an der Lust

Den Dynamiken zwischen Femmes und Butches ist auch die Website butch-femme.de gewidmet. Der Webspace wurde 2002 von der selbstidentifizierten Femme Anja Ranneberg eröffnet und ist bislang die einzige deutschsprachige Online-Community für Butches und Femmes. Unter dem Titel „Die Anfänge der Femme-Bewegung in Deutschland“, bei mir mit einem Bleistiftkreuzchen versehen, findet sich in Femme! ein Gespräch zwischen Anja und der Herausgeberin Sabine Fuchs. Im Gedächtnis geblieben ist mir hier vor allem der Appell von Anja am Ende des Gespräches: „Kommt zu Butch-Femme.de, meldet euch an, diskutiert, provoziert, stellt Fragen, gebt Antworten, vernetzt euch oder flirtet, was das Zeug hält… Die Community lebt von ihren Mitgliedern.“ (S. 106) Daraufhin hab ich mir erstmal ein Benutz_erinnenkonto auf der Seite eingerichtet…
Mit Begehrensdynamiken beschäftigt sich in Femme! auch der Artikel „Rezeptivität neu besetzen: Femme-Sexualitäten“ von Ann Cvetkovich, d_ie in Texas im Bereich Frauenforschung arbeitet. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf „lesbische Femme-Kontexte (…), speziell denen von selbst-identifizierten Femmes und der Butches, die sie ficken“ (S. 185). Gleich zu Anfang des Artikels macht sie klar, dass dieses Wort, insbesondere in seiner passiven Variante von „Geficktwerden“ in den Vorstellungen vieler Personen zum Teil so stark mit Erniedrigung verbunden wird, „dass es fast unmöglich scheint, Geficktwerden als eine mit Lust und Genuss verbundene Erfahrung zu beschreiben, ohne gleich einen völlig anderen Ausdruck dafür zu benutzen.“ (S. 184). Deswegen verwendet sie in ihrem Aufsatz eher den Begriff der Rezeptivität, um den damit einhergehenden positiven Erfahrungen einen passenderen Namen zu geben.
Leider gibt es in Femme! keinen Artikel, der explizit über Begehrensdynamiken zwischen Femmes und anderen queeren Gendern neben Butches schreibt. Für mich als queere Femme, die unterschiedliche queere Gender begehrt, ist hier eine Leer_stelle, die vielleicht an anderer Stelle gefüllt werden könnte. Gleichzeitig gibt es in Femme! klare Bezüge zu verschiedenen anderen queeren Gendern und der explizite Bezug zu Butch hat sicher auch mit der geschichtlichen Entstehung von Femme als Bezugsgröße zu tun. Auch erinnere ich mich an einen Workshop mit dem Titel „Transgender-Aspekte in der Butch/Femme-Dynamik“, den Sabine Fuchs auf der letzten Trans*tagung in Berlin gegeben hat und in dem zum Teil Themen, die für Femme-Trans*-Dynamiken eine Rolle spielen, aufgegriffen wurden.

Femme als Ort des Widerstands und queerer Solidarität

Ein großes Kugelschreiberkreuz finde ich an dem Aufsatz „Femme für alle im lesbisch-schwulen Mainstream? Ein Plädoyer für die Re/Politisierung eines Begriffes“ von Joke Janssen, der als weiße AkademikerInnen-Tochter aufgewachsen ist und sich in dem Text als Butch und Trans* verortet. Ich erinnere mich daran, dass ich diesen Text besonders häufig gelesen habe, weil ich ihn sehr dicht, inspirierend und femmepowernd fand. Joke liest Femme als einen „Ort des Widerstands“ (S. 69) und der queeren Solidarität: „[Ich denke] Femme, solange sie eine selbstkritische und erweiterbare Femmeness bedeutet, in ihrer Solidarität und Unterstützung für andere queere Gender und marginalisierte Gruppen als Beispiel für ein queer-politisches Agieren (…).“ (S. 75f) Dabei betont Joke, dass e_r Femmes damit nicht auf eine Unterstütz_erinnenrolle festlegen und beschränken will, wie es in Auseinandersetzungen mit Femmeness öfter gemacht wird, sondern dass e_r sich dieses Agieren auch von anderen queeren Gendern wünscht. Außerdem kritisiert e_r, dass genau dieser Aspekt von Femmeness in den Femme-Inszenierungen des lesbischen Mainstreams fehlt. Am Ende des Textes dankt Joke unter Anderem den beiden selbstidentifizierten Femmes Marlen Jacob und Andrea Rick. Ich erinnere mich an den Workshop „Exploring Fem(me)ness“, den die beiden im letzten November zusammen in Hamburg gegeben haben, und daran, was für eine femmepowernde Erfahrung es für mich war, mit anderen femmeinteressierten_identifizierten Personen zusammen über das (Alltags-)Leben von Femmes zu sprechen, zu hören, zu sehen und mehr Femmegeschichte_n kennen zu lernen. Dabei war ein Thema, das öfter in Gesprächen auftauchte, die Un_Sichtbarkeit von Femme-Femme-Begehren, was leider auch in Femme! größtenteils wiederholt wird. Zu dem Aspekt von Femmegeschichte_n gibt es in Femme! den Aufsatz „Zwischen Mädi und Femme fatale. Das Bilder der femininen homosexuellen Frau in den 1920er Jahren“ von Heike Schader, di_e zu dem Thema auch eine längere Arbeit mit dem Titel „Virile, Vamps und wilde Veilchen“ geschrieben hat.

Cherchez la femme

Am Ende von Femme! findet sich eine sehr ausführliche Femme-Bibliographie, in der sogar markiert ist, ob die erwähnten Texte von, über und_oder mit Femmes geschrieben worden sind. Die meisten der zitieren Titel sind in englischer Sprache, wodurch die Bedeutung von Femme! im Zusammenhang mit der femmeinistischen Bewegung in Deutschland für mich besonders klar wird. Ich finde es femmetastisch, dass es nach Butch/Femme. Eine erotische Kultur jetzt ein zweites deutschsprachiges Buch gibt, in dem Femme Thema ist und auch noch unabhängiger von Butch diskutiert wird. Und ich finde es femmemos, wie viele spannende Fragen und vorläufige Antworten Femme! zum Thema Femmeininität versammelt. Im Zusammenhang mit der Frage nach Femme als Ort des Widerstands und der queeren Solidarität würde ich mir für eine Fortsetzung von Femme aber noch wünschen, dass Aspekte der Positioniertheit in rassistischen, klassistischen, ableistischen und trans*phoben Machtverhältnissen noch mehr Platz bekommen. Ich freue mich auf femmetastische Diskussionen, Ideen und selbstkritische Auseinandersetzungen, um an dieser Stelle weiterzudenken.

Zusätzlich verwendete Literatur

Kuhnen, Stephanie (Hg.) 1997: Butch/Femme. Eine erotische Kultur. Querverlag, Berlin.
Schader, Heike 2004: Virile, Vamps und wilde Veilchen. Ulrike Helmer Verlag, Königstein.

Sabine Fuchs (Hg.) 2009:
Femme! radikal - queer - feminin.
Querverlag, Berlin.
ISBN: 3896561707.
232 Seiten. 16,90 Euro.
Zitathinweis: Lola: Femmepowerment, Queer_Femmeinismen und femmemose Fragen. Erschienen in: Fem(me)_ininitäten. 5/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/910. Abgerufen am: 26. 09. 2021 15:05.

Zur Rezension
Rezensiert von
Lola
Veröffentlicht am
09. Juni 2011
Erschienen in
Ausgabe 5, „Fem(me)_ininitäten” vom 09. Juni 2011
Eingeordnet in
Schlagwörter
Zum Buch
Sabine Fuchs (Hg.) 2009:
Femme! radikal - queer - feminin.
Querverlag, Berlin.
ISBN: 3896561707.
232 Seiten. 16,90 Euro.