Zum Inhalt springen
Logo

Feindbildhauer

Buchautor_innen
Kay Sokolowsky
Buchtitel
Feindbild Moslem
Kay Sokolowskys Buch über neuesten deutschen Rassismus.
Rezensiert von Sebastian Friedrich

Der Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini in Dresden, die rassistischen Äußerungen des Bundesbankers Thilo Sarrazin, das Minarettverbot in der Schweiz: Die drei Beispiele aus dem letzten halben Jahr zeigen, wie sich Rassismus aktuell ausdrückt. Der Journalist Kay Sokolowsky zeigt in seinem Buch „Feinbild Moslem“, dass es sich um ein altes Phänomen in neuem Gewand handelt.

Er beginnt seine Untersuchung Anfang der 1990er Jahre, als bei rassistischen Pogromen etliche Menschen ihr Leben verloren. Politiker zeigten sich geschockt, verurteilten die Morde pflichtgemäß, forderten aber im gleichen Atemzug eine Verschärfung des Asylrechts. 1993 beschloss der Bundestag mit den Stimmen von Union, FDP und SPD die faktische Abschaffung des Menschenrechts auf Asyl. In dieser Atmosphäre entstand damals eine heute längst vergessene Expertise von Eckart Schiffer aus dem Bundesinnenministerium, in der unter anderem eine homogene Kultur der „Heimat“ postuliert wurde. Hier sieht Sokolowsky die Konturen eines Feindbildes, das zehn Jahre später deutlicher sichtbar werden sollte.

Auf die Vorläufer folgten – wie Sokolowsky formuliert – die „Feindbildhauer“. Eine wichtige Rolle spielte in den letzten Jahren der Spiegel unter seinem Chefredakteur (bis 2008) Stefan Aust. Bis einschließlich 2007 erschienen beinahe ein Dutzend tendenziöser Titelgeschichten wie „Allahs rechtlose Töchter – Muslimische Frauen in Deutschland“, „Papst contra Mohammed“ und „Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung“. Sokolowsky meint, man könne Aust zwar nicht unterstellen, den Islamfeinden die Fackeln in die Hand gedrückt zu haben, aber „er stand auch nicht im Weg, als sie nach Feuerzeugen suchten.“

Im folgenden Kapitel befasst sich Sokolowsky mit den „Kronzeugen“ für die muslimische Gefahr, von denen die Publizisten Ralph Giordano und Henryk M. Broder die bekanntesten sein dürften. Sie stehen nicht in Verdacht, Neonazis zu sein. Sie bedienen sich aber – jenen ähnlich – rassistischer Argumentationsmuster, in denen „die Muslime“ zumeist per se als frauen-, demokratie-, und judenfeindlich dargestellt werden. Gedanklich in unmittelbarer Nähe zu ihnen befinden sich die Blogger rund um die Internetseite Politicially Incorrect (P.I.). Die Seite steht im Zentrum antimoslemischer Blog-Aktivitäten. P.I.-Artikel werden nicht nur munter von anderen Seiten übernommen, es werden überdies ständig Beiträge von nicht primär-rassistischen Publikationen verlinkt. Sie werden dann von der nicht großen, dafür im Hass zielsicheren P.I.-Szene in hoher Taktung kommentiert. Das kann manchmal zu dem Eindruck führen, eine überwiegende Mehrzahl der Leser von Online-Portalen großer Tageszeitungen sei stramm rassistisch. Offiziell bezeichnet sich Politicially Incorrect als »proisraelisch«, doch Diskussionen etwa um deutschen »Schuldkult« zeigen exemplarisch, dass der Antisemitismus hier nicht verschwunden ist, »der Moslem« aber momentan als das vitalere Feindbild erscheint. Der Angriff auf den Islam eignet sich deshalb hervorragend als Vorwand, weil Islamkritik nicht tabuisiert ist, nur die Parole »Ausländer raus«. So kann alter Rassismus in neuem Gewand auftreten.

Ein bisschen einfach macht es sich Sokolowsky, wenn er nach den Ursachen für den aktuellen Rassismus sucht. Nach ihm stehe am Anfang von Rassismus die (irrationale) Angst vor dem Fremden und der Unwille, den Fremden als Gleichen zu akzeptieren. Doch zeigen gerade die zahlreichen Beispiele in seinem Buch, dass Rassismus im Gewand der Islamkritik eher ein kalkuliertes Spiel mit der Angst und somit etwas sehr Rationales zu sein scheint. Die Gefahr bei Sokolowskys Betrachtungsweise liegt auf der Hand: Rassisten werden pathologisiert, Rassismus wird so durch die Hintertür still und heimlich entpolitisiert. Es muss bei der Ursachenforschung also tiefer angesetzt werden, etwa bei der Frage: Wie und warum wird Fremdheit konstruiert? Die Antworten sind mannigfaltig. Dabei findet ein Mittel zur Erzeugung von rassistischer Haltung bei Sokolowsky zuweilen wenig Beachtung: Die Sprache. Sehr häufig verwendet er die Begriffe Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit und Xenophobie als Synonym für Rassismus. An keiner Stelle des Buches wird auf die seit Jahren geführte Diskussion eingegangen, inwieweit diese Begriffe nicht nur unpräzise sind, sondern – schlimmer noch – Fremdheit reproduzieren und somit ein Zahnrad bei der Erstellung und Verfestigung rassistischer »Wirklichkeit« sind.

Trotz diesen Schwächen ist »Feindbild Moslem« ein lesenswertes Buch, das vor allem durch ausgezeichnete Recherche besticht. Es gibt wohl aktuell kaum ein Buch auf dem Markt, das journalistisch und somit für ein breiteres Publikum zeigt, wie sich der rassistische Diskurs in den letzten zwei Jahrzehnten geändert hat.

**

Die Rezension erschien zuerst im Januar 2010 auf stattweb.de und am 25.01.2010 in Junge Welt (Update: kritisch-lesen.de, ast, 01/2011)

Kay Sokolowsky 2009:
Feindbild Moslem.
Rotbuch Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86789-083-0.
256 Seiten. 16,90 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Friedrich: Feindbildhauer. Erschienen in: Antimuslimischer Rassismus. 1/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/864. Abgerufen am: 21. 07. 2019 19:45.

Zum Buch
Kay Sokolowsky 2009:
Feindbild Moslem.
Rotbuch Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86789-083-0.
256 Seiten. 16,90 Euro.