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Eine andere Perspektive auf die Mächtigkeiten Sozialer Arbeit

Buchautor_innen
Roland Anhorn / Frank Bettinger / Johannes Stehr (Hg.)
Buchtitel
Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit
Buchuntertitel
Eine kritische Einführung und Bestandsaufnahme
Die Autor_innen des Sammelbandes befassen sich mit der Frage einer entsprechenden Relevanz für die Soziale Arbeit.
Rezensiert von Jannik Dohmen-Heinrichs

Die Autor_innen des Sammelbandes stellen fest, dass die weitreichende Ignorierung von Foucaults Schriften vor allem in der fundamentalen Kritik an institutionalisierter Sozialer Arbeit begründet ist. Hier setzt der Sammelband an. Anspruch der Autor_innen ist es eine Einführung in Foucaults Denken zu geben, dieses mit Sozialer Arbeit zu verknüpfen und einen Beitrag zur Weiterentwicklung von Theorien Sozialer Arbeit im Kontext von Exklusion zu leisten. Die durch Foucault aufgeworfenen Fragen nach „Normalität und Abweichung, der Disziplinierung und Individualisierung, der Hilfe und Kontrolle, der Integration und Ausschließung und des Verhältnisses von Wissen/Wahrheit, Macht und Subjektivität“ (S. 9f.) werden als Begründung aufgeführt, um sich mit Foucault innerhalb der Sozialen Arbeit auseinanderzusetzen.

Soziale Arbeit zwischen Hilfe und Kontrolle

Susanne Krasmann skizziert in ihrem Aufsatz die Entstehung der modernen Kriminologie sowie des strafenden Rechtstaats. Sie beschreibt anschaulich die Flexibilität der Kategorie „Kriminalität“ und die Konstruktion eigenverantwortlicher Straftäter_innen. Foucaults Machtanalytik hält sie für die Analyse des Komplexes der Delinquenz für besonders geeignet, weil diese Analytik „eine weitaus radikalere Kritik [ist], die nicht an den symbolischen Interaktionsprozessen ansetzt [...], sondern an den Formen gesellschaftlichen Wissens“ (S. 155). In Anlehnung an „Überwachen und Strafen“ beschreibt sie die Übergänge einer souveränen Bestrafung zu einer Bestrafung mit dem Ziel der Disziplinierung und der Normierung, wenn beispielsweise Verbrechensbekämpfung als Verteidigung der Gesellschaft beschrieben wird. „Ausschließung bedeutet in der Disziplinargesellschaft insofern stets Einschließung“ (S. 157) in ein bestimmtes Wissen, bestimmte Wissenschaften, Technologien der (Selbst-) Führung und Identität und in ein Machtnetz, welches spezifisches (für die Führung und Kontrolle der Subjekte relevantes) Wissen generiert. In einem zweiten Textabschnitt beschreibt sie den Übergang fürsorglich-resozialisierender Strafen zu strafend-einschließenden Strafen.

Marianne Pieper setzt sich in ihrem Beitrag mit Armut auseinander. Sie stellt anschaulich die Transformationsprozesse von neoliberalen Strategien dar, mit dem Ziel der Erzeugung von Subjekten als Unternehmer_innen ihrer Selbst. Hier schlägt sie eine Brücke zu Sozialer Arbeit, indem sie Soziale Arbeit als eine Form der Regierung von Armut benennt. „Probleme von Armut und Erwerbslosigkeit [werden] in Fragen der Selbstsorge transformiert“ (S. 95.) und „dieser neoliberalen Rationalität entspricht die ‚Neuerfindung‘ der Sozialadministration als ein marktförmig organisiertes Gebilde, das strikten Effizienzlogiken folgt und eine betriebswirtschaftliche Semantik adaptiert hat“ (S. 102). Sozialarbeiter_innen in Jobcentern, die Eingliederungsvereinbarungen mit ihren „Kunden“ treffen, wirken so beispielsweise aktiv mit an der „Selbstintegration“ und der Konstruktion eines eigenverantwortlichen Subjekts. Interessant ist Piepers These, dass „hinter der Rhetorik der ‚Deregulierung‘ oder der Rede vom ‚Rückzug des Staates‘“ viel eher „die Optimierung staatlicher Interventionen“ zu sehen sei (S. 103). Gerade in den aktuellen Diskussionen und Appellen an den sich zurückziehenden Sozialstaat seitens Sozialer Arbeit erscheint mir die These einer breiteren Diskussion würdig, da sie es u.a. ermöglicht neoliberale Elemente und ökonomische Faktoren mit sozialen Faktoren zusammenzudenken und eine Teilung dieser Bereiche aufzuheben.

Angelika Magiros beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Anschlussfähigkeit von Foucault an rassismuskritische Sozialarbeit. Sie erläutert die Konstitution und die Flexibilität des „rassistischen Wissens“ und beschreibt den Rassismus als Handlungsoption von Subjekten sich „mit seinem Hass und seiner Gewalt gegen die in seinen Augen Kranken, nicht Mitgekommenen und Unpassenden […] inmitten einer bio-mächtigen Gesellschaft zu verorten“ (S. 114). In einem weiteren Schritt kritisiert sie die hegemonial geteilte Analyse von „brüchigen Identitäten“ und „Modernisierungsverlierern“ als Ursachen für Rassismus, den „der Wille zur Identität wäre, mit einem Wort, die ganz allgemeine Struktur der modernen Rationalität, in die der Rassismus eingebunden ist, die ihn hält und verankert“ (S. 117). Im Kontext von identitätsfördernden oder -stabilisierenden Konzepten Sozialer Arbeit fragt sie: „Helfen wozu? Zur Identität oder zur Möglichkeit der Nicht-Identität?“ (S. 118).

Wissen im Kontext von Bildung und Disziplin Sozialer Arbeit

Jenny Lüders beschäftigt sich in ihrem Aufsatz mit dem Konzept der Bildung. Sie beschreibt Bildung in westlichen Industriestaaten als ein zu erwerbendes Produkt, über das das Subjekt scheinbar jederzeit verfügen könne. Die Autorin spricht sich gegen eine ideologisch aufgeladene und totalitäre Bildung aus. Sie stellt kritisch die disziplinarmächtigen Wirkungen von Schule und in diesem Kontext agierender institutionalisierte Soziale Arbeit heraus, da diese relevante Bildungsinstitutionen mit spezifischen Bildungsaufträgen seien, ihr Bildungsverständnis jedoch stark neoliberal geprägt sei. Lüders plädiert für einen umfassenderen und dynamischeren Bildungsbegriff, der sich abwendet von der Fokussierung auf institutionalisiertes Wissen. Sie schlägt ein Verständnis von Bildung als Widersprüche generierendes Experiment vor, in welchem die „künstliche Trennung von geistiger, körperlicher, sozialer (und technischer) Sphäre aufgehoben“ (S. 196) wird.

Andreas Hanses diskutiert das Spannungsfeld der Professionalisierung Sozialer Arbeit gegenüber deprofessionalisierter Sozialer Arbeit. Er beschreibt spezialisierte Expert_innen (also auch professionalisierte Soziale Arbeit) als Personen, welche „qua Spezial-Wissen und gesellschaftlichen Auftrag in die Lage gesetzt sind, Probleme zu definieren“ (S. 309). Aktuelle Beobachtungen würden auf eine Umstrukturierung von professionellen zu organisations-ökonomischen (Wissens-) Formen und Praktiken hindeuten. Hanses plädiert dafür, „Professionalisierung [nicht] durch einen großen Kanon diskursiven Fachwissens zu generieren, sondern sich dem Erfahrungswissen der Subjekte zuzuwenden“ (S. 318). Er spricht von einer Diskrepanz der Wissensordnungen im Verhältnis von Sozialarbeiter_in und Klient_in. Das Wissen Sozialer Arbeit „gehorcht einer spezifischen Logik und ist nicht selbstredend [wie häufig dargestellt] als anwaltschaftlich für die NutzerInnen gesetzt“ (S. 314). Am Beispiel der Psychiatrie veranschaulicht er dies sehr deutlich:

„So ist mit der Entwicklung der Psychiatrie und therapeutischer Kontexte eine Optimierung von Kontrolle einher gegangen. Der Wahnsinn braucht nicht mehr ausgegrenzt zu werden. In dem therapeutischen Gespräch übernimmt der Patient selbst die Einsicht, das er krank ist, das es an ihm liegt ‚vernünftig‘ zu werden“ (S. 315).

Ein weitergehendes Problem der Professionalisierung sieht der Autor im Umbau Sozialer Arbeit zu einem Dienstleistungskonzept, mit dem zentralen Begriff der „Qualität (-ssicherung)“ (S. 316f.). Der ökonomisch zentrierte Blick auf die Wirksamkeit Sozialer Arbeit gehe einher mit neoliberalen Subjektivierungsstrategien. „Kunden“ Sozialer Arbeit wird die Verantwortung für das konkret-korrekte Handeln übertragen, Soziale Arbeit soll ihre „Kunden“ zur „Übernahme von […] Selbstfürsorge bewegen“ (S. 317). Hanses spricht sich für eine Sensibilisierung von Sozialarbeiter_innen für die diversen Macht- und Herrschaftspraktiken und für die Entwicklung von Formen der „Ent-Subjektivierung“ als Gegenpol zu Subjektivierungsstrategien aus (S. 318f.), was konkret diese Formen der „Ent-Subjektivierung“ sein sollen und was diese beinhalten sollen lässt er (leider) aus.

Eine andere Soziale Arbeit ist möglich

Der Anspruch der Autor_innen eine Einführung in Foucaults Denken zu geben wird meiner Meinung nach nicht erfüllt. Zwar stellen die meisten Autor_innen in ihren jeweiligen Artikeln zentrale Grundbegriffe vor, reißen diese jedoch mehr an, als das es zu einem Verstehen der komplexen Zusammenhänge kommt. Jedoch liefert der Sammelband diverse und interessante Anknüpfungspunkte und Perspektiven für kritische Sozialarbeiter_innen.

Soziale Arbeit, welche nach ihrer Eigendefinition „Sozialen Wandel“ fokussiert, muss diskutieren, in welche Richtung dieser Wandel verlaufen soll. Die systematische und kontinuierliche Reflexion der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, der Positionen von sozialen Orten und Subjekten, der Funktionen, der Folgen und der Inhalt der eigenen Arbeit sind hierfür notwendige Elemente. Für diesen Prozess können die an Foucault orientierten Beiträge, ebenso wie Foucaults Ideen selbst, helfen und einen ersten Schritt darstellen, eigene Handlungen zu reflektieren und eine Soziale Arbeit zu skizzieren, welche sich einer widerständigen Praxis zuwendet und soziale Kämpfe unterstützen kann. „Ratschläge für eine bessere Zukunft wird man bei Foucault nicht finden“ (S. 26).

Gerade aber in dieser Offenheit liegt ein großes Potenzial kritischer Sozialer Arbeit mit Bezug auf Foucault. Die Beiträge öffnen den Raum zu einer neuen Analyse der Rolle Sozialer Arbeit bei der Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen, skizzieren aber ebenso Perspektiven zu deren Dekonstruktion, beispielsweise die Einbeziehung des Wissens der jeweiligen Subjekte oder die Affirmation der verschiedenen Widerstandspunkte.

Mit den Beiträgen des Sammelbandes lassen sich alte und neue (Themen-) Felder Sozialer Arbeit neu beschreiben. Beispielsweise der Widerspruch zwischen Hilfe und Kontrolle, die Debatte um die „Resozialisierung“ oder „Integration“ von sogenannten „Delinquenten“, Asylbewerber_innen und anderen marginalisierten Gruppen erhalten durch die Foucaultsche Machtanalytik neue Farben. Im Zuge der Ökonomisierung und neoliberalen Prägung vieler Bereiche Sozialer Arbeit, sowie der davon geprägten Theorie- und Wissensbildung, erscheint es umso wichtiger, die eigenen Rollen und Positionierungen zu Überdenken und neu auszurichten. Neben diesem reflexiven Element gilt es vor allem das eigene Wissen als historisch-tradiert zu fassen und widerständigere Praxen zu entwickeln. Die theoretischen Positionen des Sammelbandes sind gut formuliert und anschaulich dargestellt. Was meiner Meinung nach notwendig sein wird, ist es in der nächsten Zeit nicht nur die Metaebene, sondern auch die konkreten Handlungen in den Blick zu nehmen und konkrete Beispiele der sozialarbeiterischen Praxis mit den durch Foucault entstehenden Potentialen zu entwickeln und zu erproben. Wie können Konzepte der „Nicht-Identität“ aussehen und wie werden diese wirksam? Wie kann Soziale Arbeit Alternativen zum Gefängnissystem entwickeln? Das spezifische Handeln im Raum des politischen, also auch der Wissenschaft und der konkreten Praxis Sozialer Arbeit, bedarf mutigen, auf Emanzipation zielenden und sich kritisch-klar positionierenden Sozialarbeiter_innen. Der Sammelband und Foucault selbst können uns dabei meiner Meinung nach sehr hilfreich sein.

Roland Anhorn / Frank Bettinger / Johannes Stehr (Hg.) 2007:
Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit. Eine kritische Einführung und Bestandsaufnahme.
VS Verlag, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-531-90710-9.
367 Seiten. 39,99 Euro.
Zitathinweis: Jannik Dohmen-Heinrichs: Eine andere Perspektive auf die Mächtigkeiten Sozialer Arbeit. Erschienen in: Radikale Soziale Arbeit?. 33/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1234. Abgerufen am: 15. 12. 2019 19:46.

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Roland Anhorn / Frank Bettinger / Johannes Stehr (Hg.) 2007:
Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit. Eine kritische Einführung und Bestandsaufnahme.
VS Verlag, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-531-90710-9.
367 Seiten. 39,99 Euro.