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Die Welt kann sich einen Stillstand leisten

Buchautor_innen
Adam Tooze
Buchtitel
Welt im Lockdown
Buchuntertitel
Die globale Krise und ihre Folgen
Austeritätspolitik und fiskalische Härte bieten auf die multiplen Krisen dieser Zeit keine Antwort.
Rezensiert von Vanessa Redak

Christian Lindner sei als Finanzminister für Deutschland ungeeignet – wer wissen will, warum Adam Tooze (gemeinsam mit dem Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz) in einem im Oktober 2021 veröffentlichten Kommentar für die Wochenzeitung Die Zeit zu diesem Schluss kommt, findet in „Welt im Lockdown“ genügend Argumente. Zentral für Tooze ist dabei, dass Austerität und fiskalische Disziplin keine Antworten auf die Polykrisen unserer Zeit sein können. Vielmehr habe die Corona-Krise gezeigt, dass sich große Teile der Welt einen Stillstand buchstäblich leisten können. Die milliardenschweren Hilfsprogramme der Regierungen, insbesondere in der EU und in den USA, waren Tooze zufolge demnach die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Pandemie. Damit führt er den schon in seinem Finanzmarktkrisen-Buch „Crashed“ geäußerten Gedanken weiter, wonach die der Finanzmarkt-Krise 2008 folgenden Austeritätspolitiken wirtschaftliche und politische Spannungen verschärft haben.

Adieu neoliberale Dogmen!

Die Corona-Krise habe, so der Autor, nun endlich jene wirtschaftspolitische Reaktion hervorgebracht, die bei der Bewältigung der Finanzmarktkrise 2008 fehlte. Denn während 2008 „nur“ die Notenbanken durch die geldpolitische Öffnung versuchten, die Krise abzufangen, habe seit 2020 das Tandem aus geld- und fiskalpolitischer Lockerung entscheidend zur Bewältigung der wirtschaftspolitischen Folgen der Corona-Pandemie beigetragen. Die Leichtigkeit, mit der neoliberale Dogmen in der Krise über Bord geworfen wurden und die Bereitschaft zu Schuldenaufnahme, hohen budgetären Ausgaben, zur Quasi-Finanzierung des Staates durch die Notenbanken, zur Vergemeinschaftung der EU-Schulden, zu Niedrigzinsen und so weiter stieg, hätten laut Tooze das Potenzial, von einem neuen Gesellschaftsvertrag oder zumindest von einem Neustart zu sprechen. Gleichzeitig ist ihm jedoch bewusst, dass die außerordentlichen staatlichen Interventionen infolge der Pandemie auf tönernen Füßen stehen. Und deshalb solle Lindner nicht deutscher Finanzminister werden - tja. Gleichzeitig deutet Tooze an, dass die Reaktionen auf die zwei Krisen, die erstens von ihrer wirtschaftlichen Tragweite in den letzten Dekaden einzigartig sind und zweitens in historischer Perspektive zeitlich nah beieinander liegen, lediglich Pflaster für oberflächliche Wunden sind. Die dahinterliegenden und grundlegenderen politischen, wirtschaftlichen, sozialen Missstände werden in dem ansonsten extrem faktenreichen Buch leider jedoch zumeist ausgespart, was schade ist, da Tooze selbst davon ausgeht, dass weitere schwere Krisen drohen (für die Klimakrise ist dies ja bereits evident).

Analytische Lücken

Überhaupt ist die einzige theoretische Bezugnahme, die Tooze für die politische Einordnung der gegenwärtigen Gesellschaft macht, die „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck – der Annahme, alle Individuen seien den Risiken der Moderne, unabhängig von ihrem Status, ausgesetzt. Diese führt er selbst an mehrfacher Stelle ad absurdum, wenn er auf die sowohl wirtschaftlich wie gesundheitlich ungleiche Verteilung hinweist. Diese analytische Lücke führt auch zu einer sehr enttäuschenden Schlussfolgerung für zukünftige Politikanforderungen: Notfallbedingtes Ad hoc-Krisenmanagement sei gefragt, auch wenn dies „nicht die Erhabenheit oder Ambition transformativer Politik“ hat. Da ging selbst Angela Merkel weiter, als sie im Rahmen des Klimagipfels COP 26 im Herbst 2021 festhielt: „Denn es geht um eine umfassende Transformation unseres Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens.“ Alle paar Jahre riesige fiskalische und geldpolitische Rettungspakete schnüren kann ja nicht das Ziel fortschrittlicher Politik sein.

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Diese Rezension erschien zuerst in der N°12/1 2021 der österreichischen Monatszeitschrift Tagebuch. Zeitschrift für Auseinandersetzung und wurde für diese Ausgabe von kritisch-lesen.de geringfügig redaktionell bearbeitet.

Adam Tooze 2021:
Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen. Übersetzt von: Andreas Wirthensohn.
Verlag C.H. Beck, München.
ISBN: 978-3-406-77346-4.
408 Seiten. 26,95 Euro.
Zitathinweis: Vanessa Redak: Die Welt kann sich einen Stillstand leisten. Erschienen in: Pandemisches Zeitalter. 63/ 2022. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1741. Abgerufen am: 24. 05. 2022 04:12.

Zum Buch
Adam Tooze 2021:
Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen. Übersetzt von: Andreas Wirthensohn.
Verlag C.H. Beck, München.
ISBN: 978-3-406-77346-4.
408 Seiten. 26,95 Euro.