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Die Rückkehr eines vermeintlichen „toten Hundes“

Buchautor_innen
Georg Fülberth
Buchtitel
"Das Kapital" kompakt
Georg Fülberth regt mit einer gelungenen Einführung in das „Kapital" an, Marx wieder zu lesen.
Rezensiert von Kai Eicker-Wolf

Die im Jahr 2008 mit der Lehman-Pleite offen ausgebrochene Finanz- und Weltwirtschaftskrise ist auch ein Scheitern der herrschenden ökonomischen Theorievorstellungen, wie sie üblicherweise an Fachhochschulen und Universitäten gelehrt werden: Auf freien (Finanz-)Märkten würden rational handelnde Wirtschaftssubjekte, so die Vorstellungen, das Wirtschaftssystem in ein optimales Gleichgewicht bringen. Ein möglichst unregulierter Wettbewerb führe grundsätzlich zum effizientesten (Markt-) Ergebnis. Und auch auf internationalen Märkten seien ein freier Kapitalverkehr und Wettbewerb bestens geeignet, um Ressourcen wie Kapital und Arbeit optimal zu steuern und einzusetzen.

Tatsächlich macht die aktuelle Finanzkrise deutlich, dass unregulierte Marktprozesse gerade keine effiziente Allokation hervorbringen – als „Allokation“ so wird von Mainstream-Ökonominnen und -Ökonomen die optimale Verwendung knapper Ressourcen bezeichnet. Unregulierte Marktprozesse können vielmehr ökonomisch verheerende Folgen bis hin zu systemischen Krisen nach sich ziehen.

Eine Alternative zu neoliberalen Theorien stellt die Theorie Karl Marx' dar. In umfassender Weise hat Marx die grundsätzliche Krisenanfälligkeit der zeitgenössischen Wirtschaftsweise – des Kapitalismus – herausgearbeitet. Wer sich mit dem Kapital befassen möchte, seinem ökonomischen Hauptwerk, muss eine Menge Zeit investieren: Alle drei Bände umfassen mehr als 2.200 eng beschriebene Seiten. Zur Lektüre des Kapitals anregen will Georg Fülberth mit seinem im PapyRossa Verlag erschienen Einführungsbuch „'Das Kapital' kompakt“. So heißt es dort in der Vorbemerkung: „Dies Büchlein wendet sich an Menschen, die fest annehmen, sie fänden niemals in ihrem Leben die Zeit, die drei Bände des ‚Kapital’ von Karl Marx zu lesen. Sein Zweck ist, sie zu einer Revision dieser Annahme und des daraus resultierenden Verhaltens zu veranlassen.“ (S. 7)

Diesem eigenen, äußerst bescheidenen Anspruch wird der Autor mehr als gerecht. Er liefert mit seiner Einführung bewusst keine eigene Kapital-Interpretation, sondern zeichnet eng am Kapital orientiert und gut verständlich die Gesamtargumentation von Marx nach. Die Gliederung orientiert sich an den drei Kapital-Bänden: Auf den Produktionsprozess folgt der Zirkulationsprozess des Kapitals, und als drittes wird dann der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktionsweise behandelt. Ein Schwerpunkt der Einführung liegt auf dem dritten Band des Kapitals, wobei hier wiederum die Darstellung des so genannten Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate mit 20 Seiten vergleichsweise breiten Raum einnimmt. Fülberth kommt bei Darstellung dieses Theorems, das die wohl bekannteste Krisenerklärung im Marxschen Kapital ist, zu dem Ergebnis, dass ein tendenzielles Sinken der Profitrate zwar möglich, aber anders als von Marx angenommen nicht unvermeidlich sei (S. 89).

In einem fünfseitigen Exkurs (S. 65ff) widmet sich der Autor dem so genannten Transformationsproblem. Nach Marx bestimmt sich der Wert einer Ware bekanntlich durch die für ihre Produktion notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit. Das Transformationsproblem wirft die Frage auf, ob – und wenn ja: wie – Arbeitswerte logisch konsistent in ein Preissystem mit einheitlicher Profitrate überführt werden können. Die Debatte um das Transformationsproblem im Kapital, die kurz nach dem Erscheinen des dritten Kapital-Bandes im Jahr 1894 begann, wird von Fülberth in ihren Grundzügen bis zu den aktuellsten Diskussionsbeiträgen nachgezeichnet. Wer sich damit ausführlicher befassen möchte, findet in dem Exkurs die relevanten Literaturhinweise.

Insgesamt ist es Georg Fülberth in vorbildlicher Weise gelungen, die Marxsche Analyse von Struktur und Funktionsweisen des Kapitalismus in komprimierter Form auf gut 100 Seiten zu bündeln. Das Buch eignet sich daher – wie vom Autor beabsichtigt – als Vorbereitung auf die Lektüre des "Kapital". Aber auch für Menschen, deren Zeitbudget eine Lektüre von Marx Originalwerk nicht erlaubt, liefert das Buch eine gute Zusammenfassung. Und nicht zuletzt dürfte das Bändchen für jene interessant sein, die sich bereits in der Vergangenheit ausführlich mit der Marxschen Theorie befasst haben und eine komprimierte Aufarbeitung zur Wiederauffrischung suchen.

Jahrzehnte lang wurde Marx von interessierter Seite als „toter Hund“ abgetan. Es waren keineswegs nur die Grundsätzlichkeit und die Radikalität seiner Analyse, die zur Ablehnung Marxscher Gedanken in Wirtschaftswissenschaften geführt hat. Der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream wollte vielmehr von jeglicher, noch so vorsichtig formulierten Kritik an Marktprozessen und am Glauben an die Effizienz unregulierter Märkte nichts mehr wissen. Besonders, aber keineswegs ausschließlich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten Staaten wurde ein unregulierter und ungebremster Kapitalismus als historisch einzig verbliebene Möglichkeit des Wirtschaftens verkauft. Die derzeitige Krise entlarvt derlei Ideologien als wirre Spinnerei. Gerade vor diesem Hintergrund kommt Fülberths inhaltlich und sprachlich gelungenes Buch genau zur richtigen Zeit.

Georg Fülberth 2011:
"Das Kapital" kompakt.
PapyRossa Verlag, Köln.
ISBN: 978-3-89438-452-4.
123 Seiten. 9,90 Euro.
Zitathinweis: Kai Eicker-Wolf: Die Rückkehr eines vermeintlichen „toten Hundes“. Erschienen in: Kapitalismus, Märkte, Krisen. 14/ 2012, Marx!. 46/ 2018. URL: http://kritisch-lesen.de/c/977. Abgerufen am: 24. 10. 2018 05:07.

Zum Buch
Georg Fülberth 2011:
"Das Kapital" kompakt.
PapyRossa Verlag, Köln.
ISBN: 978-3-89438-452-4.
123 Seiten. 9,90 Euro.
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