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Die Politik der Schulden

Buchautor_innen
David Graeber
Buchtitel
Schulden
Buchuntertitel
Die ersten 5000 Jahre
David Graeber schreibt eine Genealogie der Schulden und eröffnet neue Perspektiven auf die gegenwärtige Krise.
Rezensiert von Moritz Altenried

„Olafs Problem sind die Schulden – Olaf ist das Problem der Familie“ (RTL, Raus aus den Schulden)

„Innerhalb des neoliberalen Schuldendiskurses wird der Klassenwiderspruch zu einem vermeintlich zentralen Generationenwiderspruch verschoben. Die Frage ist, wessen Kindern und Enkeln Schulden oder Eigentumstitel und damit Ansprüche auf den zukünftig zu erarbeitenden Reichtum hinterlassen werden“ (Gruppe Soziale Kämpfe 2012)

Schulden als polit-ökonomisches Problem sind nicht neu. Noch nicht einmal die Herrschaft durch Schulden, wie sie durch die Troika in Griechenland durchgesetzt wird ist neu – Schulden sind seit tausenden von Jahren ein Instrument von Herrschaft. Die gegenwärtige Krise des Kapitalismus ist auch eine Schuldenkrise und sie ist es in besonderem Ausmaß. Die Rolle von Schulden ist dabei vielfältig, eine zentrale Bedeutung kommt aber der gewaltigen Umverteilung von unten nach oben in Folge der Vergesellschaftung von Schulden durch die sogenannten Bankenrettungen zu. Schulden sind zu einem zentralen politischen, diskursiven wie ökonomischen Herrschaftsinstrument geworden. Die neoliberale Sachzwanglogik, welche nicht nur in Südeuropa brutale Austeritätsmaßnahmen zur Folge hat, findet ihre Erstbegründung mittlerweile in den Schulden der entsprechenden Staaten. Sie bilden den institutionellen Hebel, um demokratische Entscheidungsprozesse faktisch auszusetzen und die Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates zu zerstören. Doch nicht nur Staaten sondern auch Privatpersonen kämpfen mit der wachsenden Schuldenlast. Olaf aus der RTL-Serie „Raus aus den Schulden“ ist mit seinen finanziellen Problemen, die er – wie ihm der RTL-Schuldnerberater moralisierend erklärt – nur lösen kann, wenn er sein Leben grundlegend ändert, nicht allein: Private Schulden sind in gigantischem Ausmaß verbreitet. So liegen etwa die privaten Schulden amerikanischer Haushalte bei 13.970 Milliarden Dollar, in Deutschland sind es 1.550 Milliarden.

Ein zeitgemäßes Buch

Genau deshalb hat David Graeber mit „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ ein zeitgemäßes Buch geschrieben, das, so bleibt zu hoffen, die Politisierung der Schuldenfrage von links nachhaltig bestärkt. Doch noch begeisterter als die Linke (in der sich auch Kritik an Graebers Buch findet) reagiert, zumindest in Deutschland, das bürgerliche Feuilleton. Frank Schirrmacher feiert das Buch in der FAZ als „Befreiung“, der Spiegel bringt einen Vorabdruck des Buches, sein Autor ist in zahlreichen Fernsehsendungen zu Gast und das Buch wird – wenig überraschend – zum Verkaufsschlager. Dies hat sicherlich verschiedene Gründe. Einerseits gilt Graeber als Kopf der Occupy-Bewegung und befriedigt das mediale Bedürfnis nach „Anführern“ oder zumindest „Chefdenkern“. Andererseits, und darauf hat etwa Sebastian Friedrich hingewiesen, gibt es im bürgerlichen Lager anlässlich der Krise eine Debatte um die Reorganisation des Kapitalismus (Friedrich 2012). Hier wird die Bezugnahme auf linke Kritik teilweise strategisch und zur Vereinnahmung genutzt. Auch auf kritisch-lesen.de wurde sich bereits mit zwei anderen Büchern von Graeber in Rezensionen von Torsten Bewernitz (kritisch-lesen.de #19) und Sara Madjlessi-Roudi (kritisch-lesen.de #19) mit dem „Phänomen Graeber“ auseinandergesetzt. Gründe genug, um einen genaueren Blick auf das gefeierte Buch David Graebers zu werfen.

Moral und Ökonomie

Einleitend fragt der in London lehrende Anthropologe und Aktivist nach dem Zusammenhang zwischen ökonomischen Beziehungen und moralischen Systemen – eine Verflechtung, die bereits in der Vieldeutigkeit der Wörter Schuld und Schulden zu finden sei. Für Graeber gilt es herauszufinden, wie die Sprache des Marktes sämtliche sozialen Beziehungen zu durchdringen vermochte, wie moralische Versprechen und Verpflichtungen zwischen Menschen zu Schulden werden konnten. Die Kurzfassung der Antwort, so viel sei vorweggenommen, liegt in der „Fähigkeit des Geldes, Moral in eine Sache unpersönlicher Arithmetik zu verwandeln“ (S. 20), wobei diese Verwandlung immer mit Gewalt durchgesetzt wurde. Versprechen werden zu Schulden und damit zu quantifizierbaren und handelbaren Objekten. Deswegen, so Graeber, müssen die Geschichte der Schulden und die Geschichte des Geldes zusammen erzählt werden.

Folglich beginnt der Anthropologe mit einem Angriff auf den großen „Gründungsmythos der Wirtschaftwissenschaften“ (S. 31), die Geschichte der Transformation des Tauschhandels zur Geldwirtschaft. Er weist darauf hin, dass alle gängigen Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaften eine, höchstens leicht abgewandelte Urszene skizzieren: wahlweise sind es amerikanische Natives oder englische Bauern, denen der Tauschhandel zu unpraktisch wird, weswegen sie das Geld erfinden. Erst aus dem Geldsystem, so die gängige Erzählung, entstehen Schulden. Dieser Gründungsmythos, das möchte Graeber unter Rückgriff auf umfangreiche anthropologische Studien zeigen, ist eine Erfindung: Kreditsysteme existierten bereits vor der Verbreitung von Geld. Auf sie verweisen bereits 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung mesopotamische Keilschriften. Aus diesem Grund, so Graebers provokante These, erzählen die Wirtschaftswissenschaften „die Geschichte des Geldes genau verkehrt herum. Wir fingen nicht mit Tauschhandel an, entdeckten dann das Geld und entwickelten schließlich Kreditsysteme. Was wir heute virtuelles Geld nennen, war zuerst da.“ (S. 47)

Ausgehend von diesem ersten erwiesenen Auftauchen eines Kreditsystems schreibt Graeber daher seine Genealogie der Schulden, in der er auf eine beeindruckende Fülle anthropologischen Materials zurückgreift. Schulden waren, so Graeber, seit jeher ein zentrales Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen:

„Wenn ein offener Konflikt zwischen Klassen entbrannte, fand er im Lauf der Geschichte meistens Ausdruck als Forderung nach Schuldenerlass – nach Befreiung aller, die sich in Schuldknechtschaft befanden, und üblicherweise nach einer Neuverteilung des Landes.“ (S. 93)

Auf die Kritik an den Wirtschaftwissenschaften folgt eine alternative Geschichte des Geldes und der Schulden: Auf über 400 Seiten (dazu kommen noch einmal rund 100 Seiten mit Anmerkungen und Literatur) spannt Graeber ein beeindruckendes historisches Panorama von Mesopotamien bis zum Zeitalter der kapitalistischen Imperien. Den letzten Teil des Buches bildet eine kürzere Betrachtung der aktuellen Situation, die mit der Aufgabe des Goldstandards 1971 beginnt.

Grundprinzipien der Ökonomie und Ökonomie als Krieg

Angesichts der Fülle des anthropologischen Materials ist es mitunter schwierig, die Thesen des Autors im Auge zu behalten. Dabei hat Graeber durchaus grundlegende Gedanken zum Funktionieren ökonomischer Systeme. Im fünften Kapitel etwa entwickelt er drei Grundprinzipien auf denen ökonomische Beziehungen gründen können: Kommunismus, Austausch und Hierarchie. Mit Kommunismus meint Graeber Beziehungen zwischen Menschen, die auf Zusammenarbeit und Kooperation basieren; er beschreibt also einen „elementaren Kommunismus“ (S. 104), der bis zu einem gewissen Grad in allen Gesellschaften anzutreffen sei. Damit grenzt er seinen Begriff des Kommunismus von der gängigen Verwendung ab. Seine These ist dabei, dass „alle gesellschaftlichen Systeme und sogar Wirtschaftsysteme (...) immer auf einem Fundament von real existierendem Kommunismus errichtet“ wurden (S. 101). Die Anschlussfähigkeit dieser Überlegung an gegenwärtige Debatten um die commons und Neoliberalismus als „Sozialismus des Kapitals“ wäre zu diskutieren (Marazzi 2012; Rezension in kritisch-lesen.de #17). Das zweite Prinzip, das des Austausches, sieht Graeber historisch in sehr unterschiedlichen Formen ausgeprägt. Während das Prinzip der Äquivalenz bekannt ist, weist er darauf hin, dass in vielen Gesellschaften Tauschökonomien geradezu umgekehrt darauf basier(t)en, dass die ausgetauschten Dinge eben nicht von gleichem Wert sind (beispielsweise Schenkökonomien). Während Tauschökonomien zumindest auf potenzielle Gleichheit der am Tausch Teilnehmenden ausgerichtet sind, beruhen hierarchische ökonomische Prinzipien auf dem Prinzip der Ungleichheit und führen daher zu Ausbeutung. Auch wenn diese Modalitäten in der gesellschaftlichen Realität nicht in ihrer Reinform sondern immer als Mischformen auftreten, so wird besonders der Aspekt der Hierarchie in Graebers Erzählung zentral.

Zu den stärksten Passagen des Buches gehört die Verbindung der Geschichte ökonomischer Beziehungen mit der von Sklaverei und Krieg. Graeber beschreibt eine Vielzahl von Wirtschaftssystemen, die er als „humane Ökonomien“ bezeichnet, die ohne Geld und ohne Märkte funktionieren. „In humanen Ökonomien ist Geld kein Mittel um Menschen zu kaufen oder zu verkaufen; sondern eine Möglichkeit zum Ausdruck zu bringen, dass man dies eben nicht tun kann.“ (S. 218f, Herv. i. O.). Am Beispiel der Sklaverei zeigt er dann, wie Menschen erst zu Waren werden konnten, indem sie gewaltsam aus ihrem sozialen Kontext gerissen wurden. Kommodifizierung ist folglich laut Graeber immer auf Gewalt aufgebaut, dies gilt nicht nur für den Handel mit Menschen. Darüber hinaus, so Graeber, ist auch das Münzgeld ein Produkt des Krieges. Staaten entwickelten Münzgeld, um ihre Armeen zu bezahlen; in Friedenszeiten kehrten die Menschen dann oftmals zu Kreditsystemen zurück. Gleichzeitig finanzierten (und finanzieren) die entstehenden modernen Nationalstaaten ihre Kriege über den Verkauf von Staatsanleihen. Sie legten so die Grundlage für die moderne Form des Geldes.

In Folge von Krieg und Kolonialismus entwickelte sich der von Graeber so getaufte moderne „Militärische Münzgeld- und Sklaverei-Komplex“ (S. 261). Hiermit wird betont, dass sich der Kapitalismus global nur auf dem Rücken der unfreien Arbeit, insbesondere der Sklaverei, entwickeln konnte. Seine These, dass Kapitalismus „nie hauptsächlich auf der freien Arbeit beruhte“ (S. 368), changiert in ihrer Begründung allerdings zwischen dem Argument, dass Lohnarbeit oftmals nicht wirklich als freie Arbeit bezeichnet werden könne und dem, dass sie selten die dominierende Form der Arbeit sei. Jedenfalls besteht, so Graeber „seit jeher ein eigentümliches Nahverhältnis zwischen Lohnarbeit und Sklaverei“ (S. 370). Graeber schreibt hier eine Geschichte eines Kapitalismus, der auf Krieg, Staatsschulden und Sklaverei aufbaut. Die Entwicklung der Industrialisierung, die spezifische Form von Lohnarbeit oder Kapital sind für ihn sekundär und Klassenverhältnisse vor allem als Schuldner-Gläubiger-Verhältnisse von Interesse. Dies mündet in die These vom gängigen Bild des Kapitalismus als einer kaum verwirklichten Utopie, die sich bei ihrer Einlösung selbst abschaffen würde.

Kapitalismus und seine Anderen

David Graeber gelingt es aufzuzeigen, dass Schulden historisch immer wieder Herrschaftsinstrument waren und wie aus Schuldenkrisen Dynamiken entstanden, die die Geschichte der Ökonomie entscheidend veränderten. Die anthropologische Herangehensweise – oder besser, seine spezifische Version dessen – zeigt deutlich, wie unterschiedlich Menschen gelebt und gewirtschaftet haben und es noch immer tun. Damit eröffnet sich eine Potenzialität, die die scheinbare Naturgesetzlichkeit des Kapitalismus fundamental in Frage stellen kann, auch wenn dies nicht dazu verführen sollte, vorkapitalistische Gesellschaften als Utopien zu stilisieren. Auch Graebers Erzählung des Fundaments von Sklaverei und Kolonialismus, das die kapitalistische Entwicklung ermöglichte, ist überzeugend. Die zahlreichen Formen unbezahlter, nicht direkt Mehrwert produzierender und ihre Funktion im gegenwärtigen Kapitalismus verdienen mehr Aufmerksamkeit – worauf vor allem die feministische und postkoloniale Literatur seit längerem verweist. An Graebers Analyse des Kapitalismus entzündet sich allerdings auch die Kritik von links (zum Beispiel Stützle 2012 und Wildcat 2012). Der Fokus des Buches liegt auf der Geschichte der Schulden, deswegen werden Formen der Produktion und Arbeit nur am Rande thematisiert. Auch wenn es einfach ist, Autoren, das was sie nicht geschrieben haben, vorzuwerfen, wäre eine tiefere Auseinandersetzung mit marxistischen Kategorien durchaus wünschenswert, auch um Differenzen klar zu ziehen.

„Schulden“ ist zugänglich geschrieben, kommt weitgehend ohne Fachtermini aus und breitet dabei eine Fülle an teilweise sehr unterhaltsamem anthropologischem Material aus. Graeber bezieht eine klare antikapitalistische Haltung, auch deswegen kann man ihm seine Vereinnahmung durch das bürgerliche Feuilleton kaum vorwerfen. Das Buch und die folgende Debatte haben zur Politisierung der Schuldenkrise von links beigetragen, auch wenn sich Graeber mit konkreten Alternativen zurückhält. Erst auf der allerletzten Seite schlägt er ein Ablassjahr nach biblischem Vorbild vor. Denn auch heute müssten nicht alle ihre Schulden zurückzahlen, schließlich wurden die verschuldeten Banken mit einem gigantischen Ablass gerettet. Graeber schlägt entsprechend eine Verallgemeinerung dieser Befreiung von Schulden vor. Eine sympathische Idee, auch weil sie, wie das gesamte Buch, gegen den ökonomischen Mainstream gedacht ist. Allerdings, und das weiß auch Graeber, wird diese Maßnahme nicht reichen. Es muss vielmehr darum gehen, diejenigen Umstände zu beseitigen, die Millionen von Menschen zwingen, sich zu verschulden. Ändern sich diese grundlegenden Strukturen nicht – und das gilt für Olafs Misere genauso wie für die Bankenkrise – beginnt das Spiel von vorne. Nicht umsonst legt das Alte Testament ein Sabbatjahr, also einen Schuldenerlass, im Sieben-Jahres-Rhythmus fest.

Zusätzlich verwendete Literatur

Gruppe Soziale Kämpfe 2012: Krise und Herrschaft durch Schulden. In: Arranca 45 (März 2012). Online hier

Friedrich, Sebastian 2012: Sprung nach Links? Zu den jüngsten Wendungen im FAZ-Feuilleton. In: DISS-Journal Nr. 23 (2012). S. 35-37. Online hier

Marazzi , Christian 2012: Sozialismus des Kapitals. Zürich: Diaphanes

Stützle, Ingo 2012: Schuld und Sühne. In David Graebers Buch „Schulden - Die ersten 5000 Jahre“ fehlt die Kapitalismusanalyse. In: Analyse und Kritik Nr. 572 (19.05.2012). Online hier

Wildcat 2012: Kein Interesse außer dem, zu atmen. Online hier

David Graeber 2012:
Schulden. Die ersten 5000 Jahre. 7. Auflage.
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart.
ISBN: 978-3608947670.
600 Seiten. 26,95 Euro.
Zitathinweis: Moritz Altenried: Die Politik der Schulden. Erschienen in: Ökologie und Aktivismus. 22/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1071. Abgerufen am: 25. 08. 2019 20:17.

Zum Buch
David Graeber 2012:
Schulden. Die ersten 5000 Jahre. 7. Auflage.
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart.
ISBN: 978-3608947670.
600 Seiten. 26,95 Euro.