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Die Neue Rechte als Aneignungmaschine

Buchautor_innen
Vojin Saša Vukadinović (Hg.)
Buchtitel
Randgänge der Neuen Rechten
Buchuntertitel
Philosophie, Minderheiten, Transnationalität

Ein ambitionierter Sammelband will die Aneignungsstrategien der Neuen Rechten erkunden, verliert dabei jedoch deren politische Ziele aus dem Blick.

Nazis hassen Muslime, Linke, Juden und Frauen. An dem Satz ist nur wenig falsch. Und doch gibt es immer mehr Nazis, die ihn mit Verweis auf Publikationen der Neuen Rechten zurückweisen könnten. Woran das liegt, versucht der von Vojin Saša Vukadinović herausgegebene Sammelband „Randgänge der Neuen Rechten“ zu erkunden. Ob das gelingt, bleibt fraglich.

Der rund 400 Seiten starke Band kommt mit 15 Artikeln plus Einleitung daher und deckt eine beachtliche thematische Bandbreite ab: ob Homosexuelle in der AfD, das Islambild rechter Theoretiker*innen oder die Kriege im ehemaligen Jugoslawien als ethnopluralistischer Mythos.

So breit gefächert die Themen auch sind, zeigt sich doch vor allem eins: die Neue Rechte nistet sich in Diskurse ein. Sie ist eine Aneignungsmaschine. In „Randgänge der Neuen Rechten“ werden einige dieser Aneignungen exemplarisch vorgeführt.

Die Aneignung eines marxistischen Klassikers als Paradebeispiel

Das Beispiel Gramsci: Dass sich die Neue Rechte mit Antonio Gramsci ausgerechnet einen linken Denker angeeignet hat, der von den italienischen Faschisten ins Gefängnis gesperrt wurde, ist zwar mittlerweile keine Neuigkeit mehr. Dennoch spielt die Aneignung eine große Rolle im Sammelband. Zurückgeführt wird das auf zwei Mechanismen.

Erstens heißt es, Gramsci würde nur selektiv von der Neuen Rechten aufgenommen und verfälscht. Hier ist Aneignung gleichzeitig Abänderung. Deutlich lauter ist aber eine andere Lesart vertreten: Die Linke sei von der Rechten nur bedingt verschieden, Schuld am Aneignungserfolg der Neuen Rechten seien die „Einbildungen queerer Linker“. (Stolzenberger, S. 202)

Es seien nämlich linke „Verfehlungen“ (ebd., S. 203), die der AfD Steilvorlagen lieferten, ja ihren Erfolg eigentlich erst ermöglichten. Dass die Linke, so Hannah Kassimi, sich „oftmals nicht mehr auf die soziale Frage“ (S. 244), sondern auf „Identitätsfragen“ (ebd.) fokussiere, bereite der Neuen Rechten erst das diskursive Feld.

Ist die Linke das eigentliche Problem?

Besonders deutlich werde das in der angeblichen „Islam-Apologetik“ (Stolzenberger, S. 202) der Linken. Die „Randgänge der Neuen Rechten“ holen zum Rundumschlag aus: nicht nur ihr eigentlicher Gegenstand, die Neue Rechte, wird kritisiert, sondern immer auch eine vermeintlich kulturrelativistische, abgehobene, vor allem aber als antizionistisch begriffene Linke.

Bereits im Vorwort wird der entsprechende Ton gesetzt, wenn Vukadinović „bemerkenswerte Parallelen“ (S. 16) zwischen linker, rechter und islamistischer Ideologie sieht. Beklagt wird, „dass sich rechtsreaktionäre Publikationen bisweilen nicht sonderlich von gefühlslinken akademischen Veröffentlichungen unterscheiden“ (ebd., 15). Und auch der konservative Evergreen, „Israelkritik“ sei bloß eine Sonderform des Antisemitismus, kommt im Band zu seinem Recht. (Schreiter, S. 262)

Natürlich: keiner der Autor*innen lässt sich als eine akademische Version von Dieter Nuhr abstempeln – und doch wird hier, wenngleich akademisch-smart, mit erstaunlicher Hartnäckigkeit auf die linke Seite eingeprügelt. Warum? Weil ihr die „notwendigen analytischen Kompetenzen“ (Vukadinović, S. 16) fehlen würden, die Spezifika der Neuen Rechten überhaupt zu durchdringen.

Überspitzt: Die Linke solle bitte schweigen, wenn ernsthafte Akademiker*innen reden. Passend dazu wird die Menge an Publikationen, die jemand vorzuweisen hat, als Ausschlusskriterium konzipiert (Vukadinović, S. 19) – und gleichzeitig die Foucault'sche Diskursanalyse, die solche Ausschlussmechanismen untersucht, abgelehnt (Kassimi, S. 248).

Die Pointe lautet: Schuld am rechten Aufstieg ist der linke Niedergang. Aber damit macht es sich der Band viel zu einfach.

Der akademische Zeigefinger

Keine Frage, man lernt viel, wenn man den Band liest, zurück bleibt aber eine gewisse Ratlosigkeit. Denn was lernt man hier eigentlich genau? Dass die Rechte Theoreme der Linken übernimmt? Dass die Linke den Rechten die Tür geöffnet hat? Dass die Gender-Studies verkappt rechts, weil „misogyn-rassistisch“ (Vukadinović, S. 24) seien?

Zur Kenntnis nehmen kann man jedenfalls, dass es eine bestimmte Denkrichtung ist, der die Autor*innen die Verantwortung für den Erfolg der Neuen Rechten ankreidet: dem Poststrukturalismus. Der nämlich habe, so Hannah Kassimi, die Geistes- und Sozialwissenschaft „korrumpiert“ (S. 247).

Denker*innen in der Tradition Derridas, Foucaults oder Butlers werden hier als mehr oder weniger unfreiwillige Diskursbereiter der Neuen Rechten konzipiert und bekommen dazu noch den Antisemitismusvorwurf ab.

Und so bleibt die Frage: Was ist eigentlich die Position der Autor*innen? Woher formulieren sie ihre Kritik? Der Verdacht tut sich auf, dass sie sich vor allem als Vertreter*innen einer akademischen Mitte verstehen, die sich durch ihre Überparteilichkeit und Neutralität auszeichnen will.

Die Neutralität wird aber durch Zeigefinger und Tonfall unterwandert. Es hat den Anschein, dass hier immer wieder Schattengefechte geführt werden: eine Kritik an der Kritik. Damit macht sich der Sammelband sicherlich nicht zum heimlichen Apologeten rechten Denkens, aber er verliert sich immer wieder und lässt am Ende mehr Fragen offen, als er überhaupt gestellt hat.

Und warum nun ein Randgang?

Diese ganze Uneindeutigkeit zeigt sich bereits im Titel. Dieser geht zurück auf Jaques Derridas „Randgänge der Philosophie“ von 1972. Derrida selbst spielt in dem Band allerdings keine Rolle – tatsächlich kommt er nur an einer Stelle vor – und auch dort nur in einer Aufzählung. Wenn aber die Randgänge hier losgelöst von Derrida verstanden werden sollen, stellt sich die Frage, was mit ihnen und damit mit dem Titel noch anzufangen ist.

Inwiefern handelt es sich um Randgänge der Neuen Rechten? Wohlgesonnen könnte man sagen: Es wird damit ein Philosophieren bezeichnet, das sich bewusst an den Rändern von Texten und politischen Positionen bewegt, wo sie auf Anschlussfähigkeit lauert. Die Neue Rechte beitreibe damit diskursive Metapolitik: eine Strategie, die darauf abzielt, langsam und stetig einzusickern in die großen Diskurse. Ziel ist eine diskursive Landnahme durch eine rechte Ideologie, die sich nicht mehr einfach so als solche zu erkennen gibt.

Nicht ganz so wohlgesonnen könnte man aber auch sagen: Der Band bedient sich eines Titels, den er gar nicht einlösen kann. Und warum? Weil er genau das tut, was er der Neuen Rechten (wenigstens stellenweise) vorwirft: die selektive Rezeption. Denn so wie die Neue Rechte Gramsci selektiv rezipiert, rezipiert der Band poststrukturalistische Theorie. Sie wird als antiuniversalistisch, identitätspolitisch und antisemitisch abgetan, ohne sie wirklich einer Untersuchung unterzogen zu haben.

Vojin Saša Vukadinović (Hg.) 2022:
Randgänge der Neuen Rechten. Philosophie, Minderheiten, Transnationalität.
transcript.
ISBN: 978-3732859962.
624 Seiten. 32,00 Euro.
Zitathinweis: Johannes Below: Die Neue Rechte als Aneignungmaschine. Erschienen in: Kulturkampf von rechts? 81/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/RnBHV. Abgerufen am: 14. 10. 2026 00:52.

Zum Buch
Vojin Saša Vukadinović (Hg.) 2022:
Randgänge der Neuen Rechten. Philosophie, Minderheiten, Transnationalität.
transcript.
ISBN: 978-3732859962.
624 Seiten. 32,00 Euro.