Die Lust an der Grausamkeit
- Buchautor_innen
- Dagmar Herzog
- Buchtitel
- Der neue faschistische Körper
Wie Rassismus, Behindertenfeindlichkeit und die Lust an Grausamkeit zusammenwirken, zeigt ein Blick auf die historischen Kontinuitäten faschistischer Affektpolitik.
Die menschliche Existenz ist prekär. Unsere Körper sind offen für die Welt – müssen dies geradezu sein, um überleben zu können – und darum auch verletzlich. Wir sind daher auf Andere angewiesen, auf andere Menschen und auf deren Solidarität und Sorge, aber auch auf funktionierende soziale Infrastrukturen oder intakte Ökosysteme.
Auch wenn ihre Auswirkungen sehr ungleich verteilt waren, zwang etwa die Covid-19-Pandemie dazu, dieses geteilte menschliche Prekärsein zu reflektieren – wobei breite Bevölkerungsschichten sich dieser Tatsache entzogen und ihre Verletzlichkeit geradezu aggressiv verleugneten. Die Pandemie konnte geleugnet oder wenigstens kleingeredet und als Problem lediglich bestimmter Gruppen – Menschen mit „Vorerkrankungen“ beispielsweise – dargestellt werden.
Jedes Zeichen von Verletzlichkeit, so Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, weckt in den selbstgenügsamen Subjekten, die sich hart gegen die Welt gemacht haben, Wut und Vernichtungswillen, da es sie an das erinnert, was sie mühevoll verdrängen mussten. Die Reaktion: An den Schwächeren soll das ausgetrieben werden, was sich die autonomen Subjekte selbst versagen.
Elemente der Faschisierung
Dies, so könnte man sagen, sind zentrale, wenn auch eher implizit mitschwingende, Grundannahmen über menschliche Existenz und soziale Beziehungen, die Dagmar Herzogs Buch „Der neue faschistische Körper“ prägen. Der schmale Band basiert auf zwei Vorträgen der US-amerikanischen Historikerin zu ihren einflussreichen Studien über den Zusammenhang von Sex und Faschismus sowie über die Geschichte der Eugenik. Die Faschismen der Gegenwart, so Herzog, nutzen eine fatale Verknüpfung von libidinös aufgeladenem Rassismus und Behindertenfeindlichkeit, um einen „Krieg gegen die Kapazität, mitmenschlich zu sein“ zu führen, wie Herzog es im Interview mit kritisch-lesen.de ausdrückt und „Lust an Grausamkeit“ (S. 48) zu wecken.
Das Buch, das bereits vor der unlängst in deutschen Feuilletons geführten Debatte über die Angemessenheit der Faschismus-Diagnose erschienen ist, hält sich nicht allzu lange mit der Frage auf, ob diese*r oder jene*r Politiker*in Faschist*in sei. Stattdessen widmet es sich der Beschreibung konkreter Merkmale einer politischen Praxis, die faschistisch ist, da sie:
„die Ideale menschlicher Gleichheit und Solidarität vehement ablehnt und Bosheit gegenüber den Menschen an den Tag legt, die sie als verletzlich ausmacht; da die rassifizierende Erklärungen für komplexe wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamiken in Umlauf bringt; und nicht zuletzt, da sie ein narzisstisches Verlangen nach Größe bedient.“ (S. 8 f.)
Keines dieser Elemente würde für sich gestellt die Bezeichnung „faschistisch“ hinreichend rechtfertigen – sonst wären im deutschen Kontext nahezu alle politischen Parteien faschistisch. Mit Patrick Eiden-Offe (2026, S. 14) ließe sich aber präzisieren, dass es auf die „Bündelung“ dieser Elemente ankommt, die Prozesse der Faschisierung bilden. Der Fokus liegt nicht auf einem fixen Objekt (dem Faschismus), sondern auf Prozessen der Herausbildung, die an „bestehenden Strukturen ansetz[en] und diese in eine bestimmte Richtung treib[en]“. (Ebd.)
Genau das beobachtet Herzog auch, wenn sie untersucht, wie bereits in den Jahrzehnten vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein geistig-affektives Klima aufkam, in dem eugenische Vorstellungen und eine mörderische Feindschaft gegenüber Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft der Weimarer Republik zunehmend normal wurden.
Faschistische Affektpolitik
Daher ist es nur konsequent, dass Herzog einen Aspekt beleuchtet, der zwar im Diskurs der AfD eine zentrale Rolle spielt, aber in der öffentlichen Debatte nur selten hervorgehoben wird: ihre „obsessive Beschäftigung mit Behinderung“ (S. 9), artikuliert als Ablehnung der Inklusion an Regelschulen. Getrieben vielleicht von dem verleugneten Wissen darum, „dass Behinderung jede*n treffen kann“ (S. 35), werden als behindert markierte Körper mit Spott und Häme überzogen. Die AfD setze dabei „auf bewährte affektive Strategien“ wie etwa das „Aufrufen von Ekel oder wirtschaftlichen Sorgen“ (S. 21), wenn Menschen mit Behinderung als finanzielle Belastung für Angehörige, Volkswirtschaft und Volksgemeinschaft repräsentiert werden.
Das passt, so Herzog, in die unter Rechten übliche Hierarchisierung menschlichen Lebens. Wurde diese in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts pseudo-wissenschaftlich mit eugenischen Vorstellungen von der Vererbung von Behinderung und der vermeintlichen Gefahr „illegitimer“ sexueller Beziehungen gerechtfertigt, ist es heute die nicht minder pseudo-wissenschaftliche Verklärung von Intelligenzquotienten.
Herzogs zentrale These ist, dass die Behindertenfeindlichkeit gegenwärtiger und vergangener Faschismen mit einem sogenannten „sexy Rassismus“ (S. 9) zusammengedacht werden müssen. Anders als es etwa die Geschichtsschreibung der 68er behauptete, war der Nationalsozialismus keineswegs schlicht und einfach restriktiv und sexfeindlich. Vielmehr wurde die Abwertung bestimmter Bevölkerungsgruppen und sexueller Praktiken – den als jüdisch gekennzeichneten – mit dem Versprechen für die Mitglieder der Volksgemeinschaft gekoppelt, traditionelle sexuelle Grenzen überschreiten zu dürfen. Eine ähnliche Strategie findet Herzog auch im AfD-Diskurs wieder, wo etwa Homosexualität akzeptiert wird, wenn diese Akzeptanz die Form der gleichzeitigen Abwertung migrantischer und/oder muslimischer Menschen annimmt: Einerseits, so Herzog, drücken AfD-Politiker*innen durch einen sogenannten „Stolzmonat“ ihre Ablehnung der LGBTQ-Bewegung aus. Andererseits wirbt die Partei auf Wahlplakaten mit „unverhüllt rassistischen Slogans“, die Homosexuelle und „muslimische Einwanderer“ gegeneinander ausspielen, wenn letztere als inhärent homophob dargestellt werden (S. 12 ).
Faschismen im Überfluss
Wenn die Theoretisierung des Faschismus manchmal in Ansätze zu zerfallen scheint, die entweder sozio-politische Institutionen und Strukturen untersuchen oder solche, die die affektive Ebene betonen (wobei Herzogs Buch eher in die zweite Kategorie gehören würde), zeigt der Philosoph Alberto Toscano in seinem lesenswerten Nachwort einen Weg auf, wie beides zusammengedacht werden kann. Dazu bedient er sich der Marxschen Kategorie der „relativen Überbevölkerung“: also all die Menschen, welche unsere Wirtschaftsordnung als überflüssig für die Bedürfnisse der Kapitalakkumulation ausschließt. Neben „Rasse“ und Ethnizität, Geschlecht, Alter oder Staatsbürgerschaft spielt Behinderung hier eine wichtige, wenn auch oft ignorierte, Vermittlungsrolle, wenn es darum geht, Menschen als wegwerfbar zu markieren.
Herzogs Buch ist daher auch anschlussfähig und anregend für jüngere Diskussionen um einen „Surplus-Faschismus“ (Daniel Loick und Vanessa E. Thompson) der Gegenwart, der davon lebt, die „Stigmatisierung, Beherrschung, Vertreibung und/oder Vernichtung“ (Toscano, S. 101) verletzlich gemachter Menschengruppen – seien es Menschen mit Behinderung, Flüchtende, Palästinenser*innen, trans Menschen oder andere – lustvoll zu zelebrieren. „Der neue faschistische Körper“ bietet zwar keine Großtheorie des Faschismus, aber eine konzise, und gleichzeitig sehr anregende Deutung von Elementen der Faschismen der Gegenwart und deren historischer Ursprünge.
Zusätzlich verwendete Literatur
Eiden-Offe, Patrick (2026): Was ist Faschisierung? Einige theorie- und begriffshistorische Überlegungen. In: Merkur, Heft 922. Online einsehbar hier.
Der neue faschistische Körper. Übersetzt von: Lisa Jay Jeschke.
Wirklichkeit Books, Berlin.
ISBN: 978-3-948200-21-3.
124 Seiten. 18,00 Euro.