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Die Krise der Regulation

Buchautor_innen
Roland Atzmüller, Joachim Becker, Ulrich Brand, Lukas Oberndorfer, Vanessa Redak, Thomas Sablowski (Hg.)
Buchtitel
Fit für die Krise?
Buchuntertitel
Perspektiven der Regulationstheorie
Die AutorInnen des Sammelbands diskutieren die Potentiale und Sackgassen der werttheoretischen Regulationstheorie insbesondere mit Blick auf die Krise des globalen, europäischen und deutschen neoliberal-kapitalistischen Entwicklungsmodells.
Rezensiert von Christian Stache

Die Krise des Kapitalismus belebt die Konjunktur der Krisentheorien und -interpretationen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch die deutschsprachigen Gallionsfiguren der Regulationstheorie und ihre Verbündeten sich zu Wort melden. Offen gestanden: Der Sammelband kommt erstaunlich spät. Und es ist wie so häufig mit den hiesigen RegulationistInnen: die Tiefe der ökonomischen Krisenanalyse nötigt den LeserInnen Respekt ab, die theoretische Debatte wird halbherzig geführt und Auseinandersetzung mit anderen marxistischen (Krisen-)Analysen bleibt trotz artikulierter Kritik oberflächlich.

Die Ursprünge der Regulationstheorie und die „deutsche Schule“

Die „Regulationstheorie“ oder, wie Joachim Becker aufgrund der Ausdifferenzierung der regulationstheoretischen Positionen in seinem Beitrag schreibt, der „Regulationsansatz“ (S. 26) ist neben der Weltsystemtheorie in ihren unterschiedlichen Variationen (zum Beispiel in den Linien von Giovanni Arrighi, Samir Amin oder Immanuel Wallerstein) und den verschiedenen marxistisch-leninistischen Analysemodellen eine der dominanten Gesellschaftstheorien, die sich zumindest dem eigenen Selbstverständnis ihrer VertreterInnen nach positiv auf das Marxsche Werk beziehen und die gleichzeitig das Ziel verfolgen, eine Analyse des historischen kapitalistischen „Entwicklungsmodells“ zu liefern. „Gegenstand der Regulationstheorie“ war und ist Zeit ihres Bestehens „also nicht die kapitalistische Produktionsweise im Allgemeinen, sondern die Untersuchung konkreter historisch und national spezifischer Entwicklungsphasen“ (S. 9). Es geht also nicht um die Analyse des Kapitalismus in seinem „idealen Durchschnitt“ (MEW 25, S. 839) wie im Marxschen „Kapital“, sondern um die Untersuchung der Formen, die kapitalistische Gesellschaftsformationen als Ergebnis spezifisch geschichtlicher Klassenkämpfe annehmen. Die Regulationstheorie, so zitiert Bernd Röttger einen häufig wiederholten Satz des französischen Ur-Regulationisten Alain Lipietz, „‚die Art und Weise‘, wie sich das Kapitalverhältnis ‚trotz und wegen seines konfliktorischen und widersprüchlichen Charakters reproduziert‘“ (S. 292). Anders als im strukturalen französischen Marxismus in der Tradition Louis Althussers unterstellen die RegulationistInnen also nicht, dass sich die grundsätzlich antagonistische kapitalistische Produktionsweise von sich aus reproduziert. Daher suchen sie nach den Resultaten der Klassenkämpfe, die eine zeitlich und räumlich begrenzte Stabilität ökonomischer Reproduktion erlauben und die gleichzeitig verhindern, dass es erstens zu einer Krise kommt und dass es zweitens einen Bruch zu einer anderen nicht-kapitalistische Entwicklung gibt.

Allerdings gründen nicht mehr alle Strömungen der ursprünglich in den 1970er und 80er Jahren in Frankreich in Abgrenzung zum Marxismus Althussers entwickelten Regulationstheorie ihre Forschungen auf Marx' Wertformanalyse und die durch sie generierten Erkenntnisse. Ein einflussreicher Teil um einen der exponiertesten Köpfe der französischen RegulationistInnen – Robert Boyer – hat sich mit ihrer sogenannten preistheoretischen Variante des Regulationsansatzes von der „werttheoretischen“ abgesetzt und „institutionalistischen und post-keynesianischen Positionen“ (S. 26), so lautet die berechtigte Kritik, zugewandt. Letztere verorten nicht mehr in der Widersprüchlichkeit kapitalistischer Gesellschaften das zentrale Problem ihrer Reproduktion, sondern in falschen institutionellen Arrangements.

Die AutorInnen des Bandes verorten sich jedoch in der Marxschen und somit in der „werttheoretischen“ Tradition. Unter ihnen befinden sich zahlreiche Ikonen der „deutschen Schule“ (S. 62) der Regulationstheorie, die sich laut Bob Jessop und Ngai-Ling Sum

„von einem formalanalytischen Ansatz über die Natur und die Funktionen des kapitalistischen Staates in der Regulation des Fordismus und Postfordismus auf nationaler Ebene (insbesondere in Deutschland) zu einer eher neogramscianisch und neopoulantzianischen Gewichtung von ökologischen Vorstellungswelten, Akkumulationsstrategien, Staatsprojekten und hegemonialen Vorstellungen als bestimmende Faktoren in der Gestaltung von Natur-Kapital-Verhältnissen, Akkumulationsregimen, Regulationsweisen und vergesellschaftlicher Organisation“ (S. 62)

gewandelt habe. Neben der deutschen existierten laut Jessop und Sum drei weitere Schulen, die zur internationalen Wirkmächtigkeit des regulationstheoretischen Dispositivs beigetragen haben: die Pariser Schule rund um die „rebellischen Söhne Althussers“, die den „approche en termes de régulation“ seit den 1970er Jahren maßgeblich entwickelt haben, die „Amsterdamer Schule des transnationalen historischen Materialismus“ und eine vergleichsweise marginalisierte „Social Structure of Accumulation School“ in den USA.

Was für eine Krise?

Die AutorInnen des Konvoluts sind sich weitgehend einig, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise um eine, wie Thomas Sablowski und Alex Demirović in ihrem Beitrag schreiben, „Krise des finanzdominierten Akkumulationsregimes“ (S. 190) handelt. Unter diesem verstehen sie „die heute bestimmende Form der Kapitalverwertung, [...] die sich seit den 1970er Jahren herausgebildet hat, um die Krise des Fordismus zu bewältigen“ (ebd.).

„Um der damaligen Profitabilitätskrise zu entgehen, verfolgte das Kapital verschiedene Strategien: die Verlagerung der Produktion in die kapitalistischen Peripherie und Semiperipherie, den direkten Angriff auf die Arbeiterklassen in den Zentren (Massenentlassungen, Schwächung der Gewerkschaften, Senkung der Löhne, Abbau der Sozialleistungen, Prekarisierung) und die Erschließung neuer Anlagemöglichkeiten für Kapital durch Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung. Infolge dieser Umstrukturierungsprozesse hat sich die Entwicklungsweise in vieler Hinsicht geändert. 1. In den kapitalistischen Zentren haben sich die Kräfteverhältnisse zwischen den herrschenden und den beherrschten Klassen massiv zuungunsten der Letzteren verschoben“ (S. 199).

Zweitens hat das Finanzkapital sich gegenüber dem industriellen Kapital eine dominante Stellung im Akkumulationsregime verschafft. Und schließlich hat sich das Kapital drittens „erheblich“ (S. 205) internationalisiert. Die, wie es die RegulationistInnen sagen, Artikulation dieser drei Vorgänge – je nach Einschätzung und Vorliebe als Neoliberalismus oder Postfordismus bekannt – hat im letzten Jahrzehnt zu einer klassischen Überproduktionskrise geführt. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass das Kapital, in diesem Fall, das Finanzkapital im Marxschen Sinne, sein zinstragendes und fiktives Kapital nicht mehr verwerten kann. „Multipel“ ist die Krise laut Sablowski und Demirović deshalb, weil sich in ihr gegenwärtig „generische Krisendynamiken“ aus „einer Reihe von gesellschaftlichen Bereichen“ (S. 213) kumuliert hätten. „Vielfachkrisen“ würden zwar als „primär ökonomische Krisen bestimmt“, aber auch immer „von Krisen in anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht nur begleitet, sondern auch durchdrungen“ (S. 211). Dass etwa die politische Krise der EU und die ökologische Krise mit der Wirtschaftskrise zusammenfallen, ist für AnhängerInnen der Regulationstheorie folglich kein Zufall.

Noch bedeutender im Sinn der Regulationstheorie ist aber die Frage, ob es sich um eine „große Krise“ (S. 190) des oder um eine kleine innerhalb eines Entwicklungsmodells dreht. Die AutorInnen des Buches sind sich überwiegend einig, dass der Kapitalismus eine große Formationskrise durchschreitet, „weil sie im Unterschied zu einer ‚kleinen‘ Krise nicht durch kleinere Anpassungen im Rahmen des vorherrschenden Akkumulationsregimes und der dominanten Regulationsweise des Kapitalismus gelöst werden“ (S. 190) könne. Was aber aus der gescheiterten historisch einmaligen Konstellation hervorgeht, ist, so haben es die verschiedenen Generationen von RegulationstheoretikerInnen bekräftigt, weder historisch noch logisch vorherbestimmt, sondern eine Frage der Dialektik zwischen den Kräfteverhältnissen und den politisch-ökonomischen Strukturen. Entsprechend, so konstatiert Bernd Röttger zurecht, „bleibt es auch heute eine strategische Aufgabe der emanzipatorischen Kräfte, die ‚Fesseln‘, die den Gesellschaften in der krisenhaften Kapitalakkumulation gesetzt sind, selbst zu durchschneiden“ (S. 306f.). Ob dazu aber der bisweilen radikale Reformismus ausreicht, wie ihn zahlreiche RegulationstheoretikerInnen vorschlagen, darf bezweifelt werden.

Theoretische Perspektiven und das Verhältnis zu anderen Marxismen

Es gibt scheinbar nahezu keine AutorInnnen aus dem Kreis der deutschsprachigen RezipientInnen der Regulationstheorie, die wirklich zufrieden mit ihren eigenen Theorien sind. Ostentativ und gebetsmühlenartig artikulieren sie Fehler, Unzulänglichkeiten, Blindflecken und Selbstkritiken an einem Ansatz, den sie dennoch alle kultivieren. Joachim Hirsch spricht vom „Problem der Periodisierung“ (S. 381), von einer „gewissen staatstheoretischen Leerstelle“ (S. 382) und ebenso wie Bieling von einem „methodologischen Nationalismus“ (S. 383), Aulenbacher und Riegraf diagnostizieren „Selbstbeschränkungen der Kapitalismustheorie“ (S. 90), insbesondere mit Blick auf die Reproduktions- und Geschlechterverhältnisse, Brand und Wissen meinen, „Mechanismen der Externalisierbarkeit sowie reale Externalisierung von negativen Aspekten“ würden „in der Regulationstheorie immer unterschätzt“ (S. 143).

Einerseits ist es natürlich erfreulich, dass die Debatten und die Theorieentwicklung nicht still gestellt werden. Gleichwohl hat sich keine Kritik am analytischen Kern der Regulationstheorie wirklich durchgesetzt – vielleicht mit Ausnahme staats- und hegemonietheoretischer Erweiterungen im deutschsprachigen Raum. Poulantzas und Gramsci erfreuen sich hier aber eines bisweilen auffällig unkritischen und einseitigen Revivals. Wie sich zum Beispiel laut Hans-Jürgen Bieling ein „transnationaler historischer Block“ (S. 318) in der Europäischen Union herausbilden könne, ohne dass dieser über einen Staat und dessen Mittel gepanzerten Zwangs nach Innen und Außen in relativer Unabhängigkeit von ihren nationalstaatlichen Mitgliedern verfügt, ist nicht nachvollziehbar.

Andererseits folgt die zur Schau gestellte Offenheit der RegulationstheoretikerInnen natürlich auch dem wissenschaftspolitischen Überlebenstrieb des eigenen Dispositivs. Mit der Regulationstheorie können viele Trends, wie die kulturtheoretische Wende in den Sozial- und Geisteswissenschaften, aufgegriffen, andere Ansätze integriert und adaptiert und neue Netzwerke begründet werden. Ein Beispiel dafür ist die – zumindest im deutschsprachigen Raum jahrelang – für die Fortentwicklung der wesentlichen Elemente der Regulationstheorie weitestgehend ergebnislose Auseinandersetzung mit Einwänden von WissenschaftlerInnen, die sich als FeministInnen verstehen. Ob herrschaftskritische Ergänzungen oder gar kulturtheoretische Umwälzungen der gesamten Theorie, seien sie noch so imposant vorgetragen wie von Jessop und Sum, mit der Herleitung der strukturellen Formen kapitalistischer Entwicklungsmodelle aus der Darstellung der kapitalistischen Produktionsweise in „ihrem idealen Durchschnitt“ (MEW 25, S. 839) logisch überhaupt kompatibel sind, wird dabei leider gar nicht geklärt. Auch die immer wieder affirmativ aufgenommene und als Fortschritt gegenüber dem „Basis-Überbau-Schema“ (S. 384) imaginierte Ontologie althusserischer „Instanzen“ wird nicht hinterfragt. Nicht nur auf diese beiden Punkte trifft also Joachim Hirschs Einschätzung zu, dass „eine im strikten Sinne theoretische Debatte“ über die Regulationstheorie „kaum mehr“ (S. 381) stattfinde.

Die HerausgeberInnen des Bandes lassen darüber hinaus bedauerlicherweise die Möglichkeit ungenutzt, im Vergleich konkret zu zeigen, inwiefern ihre Krisenanalyse andere, tiefere Erkenntnisse über die gegenwärtigen Krise des Kapitalismus hervorbringt und damit letztlich auch eine andere Praxis privilegiert als marxistische Untersuchungen beispielsweise weltsystemtheoretischer oder marxistisch-leninistischer Provenienz. En passant werden letztere vereinzelt für reale oder mutmaßliche Verfehlungen abgewatscht, erstere werden gar nicht weiter diskutiert. Nur auf den „Varieties of Capitalism“-Ansatz wird von mehreren AutorInnen direkt Bezug genommen, allerdings ohne ihre Differenzen ausgehend von ihren Krisendeutungen gegenüberzustellen.

Zusätzlich verwendete Literatur

MEW 25 - Marx, Karl 1983 [1894]: Das Kapital. Band 3. Marx-Engels Werke Band 25. Dietz-Verlag, Berlin.

Roland Atzmüller, Joachim Becker, Ulrich Brand, Lukas Oberndorfer, Vanessa Redak, Thomas Sablowski (Hg.) 2013:
Fit für die Krise? Perspektiven der Regulationstheorie.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-925-0.
399 Seiten. 36,90 Euro.
Zitathinweis: Christian Stache: Die Krise der Regulation. Erschienen in: Kunst in Ketten. 31/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1191. Abgerufen am: 15. 12. 2019 04:40.

Zum Buch
Roland Atzmüller, Joachim Becker, Ulrich Brand, Lukas Oberndorfer, Vanessa Redak, Thomas Sablowski (Hg.) 2013:
Fit für die Krise? Perspektiven der Regulationstheorie.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-925-0.
399 Seiten. 36,90 Euro.