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Der neue Imperialismus

Buchautor_innen
Maurizio Lazzarato
Buchtitel
Krieg und Gewalt

Der kurze Essay zeigt wie aus Krieg ein neues Verhältnis der Produktion und ein neues Arrangement von Rassismus, Geschlechter- und Klassenverhältnissen entsteht.

Donald Trumps Imperialismus ist zu ungeniert und unverhüllt, um selbst von der liberalen Öffentlichkeit länger nicht als solcher benannt zu werden. Was hier oft wie eine Wiederkehr verhandelt wird, täuscht über die Wirklichkeit hinweg. Tatsächlich war der Imperialismus nie weg. Das Buch der Stunde – „Krieg und Gewalt“ – hat der italienische Postoperaist Mauricio Lazzarato schon vor zwei Jahren auf französisch veröffentlicht. Nun wurde der Band ins Deutsche übersetzt.

Der kurze Essay schließt an Lazzaratos früheres Werk aus dem Jahr 2021 an, in dem er seine aktuelle Theorie des Spätkapitalismus ausführlich unter dem eingängigen Titel „Capital hates everyone – Fascism or Revolution“ ausgearbeitet hat. Auf nur 28 Seiten hat vorliegender Essay mehr Gehalt als andere Bücher, wie etwa der 304 Seiten dicke Versuch „Der Rest und der Westen“ von Sandro Mezzadra und Brett Neilson.

Krieg als blinder Fleck

Lazzarato, 1955 geboren, gehört zur alten Schule der italienischen Postoperaisten. Er war als Marxist und Revolutionär in Italien in den Kämpfen der 70er Jahre aktiv und rettete sich vor dem Gefängnis wie so Viele ins französische Exil. Sein Stil ist für die deutsche und die wissenschaftliche Literatur ungewohnt polemisch. Lazzarato ist weder gefällig im Ton noch bequem optimistisch. Er vertritt eine sehr einfache, wie derzeit faktisch leider unabweisbare These: Die von Marx so genannte primäre Akkumulation geht allen weiteren Stufen des Kapitalismus voraus, und, wie Silvia Federici in ihrem Buch „Caliban und die Hexe“ dargestellt hat, wird sie im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus regelmäßig wiederholt. Primäre Akkumulation ist ein Euphemismus für Krieg und Gewalt, Raub und Kolonisation, Vertreibung und Versklavung, Enteignung und Bereicherung.

Lazzarato ist als Postoperaist einerseits von der Arbeiter:innenklasse enttäuscht und sieht den gegenwärtigen Kapitalismus auf den Faschismus zusteuern. – Wer wöllte ihm im April 2026 noch widersprechen? Gleichwohl bleibt er dem kollektiven Subjekt der Rettung treu, der Arbeiter:innenklasse. Und immerhin liegt er nicht ganz falsch damit. Im letzten Jahr waren es die italienischen Hafenarbeiter:innen, die mit Streiks den Waffentransport nach Israel behinderten. Die französischen Arbeiter:innen haben im Herbst die Arbeitszeitverlängerung ihrer Regierung erfolgreich zu Fall gebracht. Und schließlich, wenn Matros:innen als Arbeiter:innen zählen sollen, dann haben wahrscheinlich einige von ihnen bewiesen, dass ein Streik durch Sabotage selbst im Krieg möglich ist: Auf dem Flugzeugträger „Gerald Ford“ war im März das Abwassersystem regelmäßig verstopft und dann brannte auch noch die Wäscherei. Die 4500 Matros:innen werden voraussichtlich nicht mehr am Krieg gegen den Iran teilnehmen. Ohne saubere Wäsche und Klos geht es nun einmal nicht.

Lazzarato sieht in der Gegenwart eine ähnliche Phase wie vor dem ersten Weltkrieg mit dem Unterschied, dass die Proletarier vor einem Jahrhundert „eine Klassenperspektive auf die Verhältnisse zwischen Kapitalismus, Staat und Krieg“ hatten und daher weder vom Krieg um die Ukraine noch um den Iran überrumpelt gewesen wären. „Die gegenwärtige politische Ohnmacht ist die direkte Konsequenz des Ausschlusses von Kriegen aus der politischen Theorie“. Es gelte, „eine solche Perspektive aufs Neue zu etablieren, und zwar auch in Anlehnung an die Revolutionär:innen, die im 20. Jahrhundert Kriege geführt und erlitten haben“. Das gegenwärtige Unverständnis beziehungsweise das völlige Überrumpelt-sein, dass der Krieg nach Europa zurückkehrt und mit dem Iran nun „unseren“ Konsum bedrängt, resultiere eben aus dem „Ausschluss von Kriegen aus der politischen Theorie, der seinerseits aus einem anderen Ausschluss resultiert: nämlich dem der Klassenkämpfe“.

Krieg wieder denken

Es erscheint heute hoffnungslos antiquiert, dass die Bibliotheken und Lehrpläne der Politikwissenschaft, Soziologie und Literaturwissenschaft fast drei Jahrzehnte lang dominiert wurden von den Postmodernisten wie Michelle Foucault oder Bruno Latours Netzwerktheorie, die behauptet, Gegenstände wären bewusste „Akteure“ neben und mit den Menschen. Lazzaratos Essay ist in Wahlverwandtschaft mit „Caliban und die Hexe“ ein weiterer Anti-Foucault und Anti-Latour. Macht und Herrschaft, so seine Argumentation, werden nicht durch Sprache, Symbole und die epistemische Ordnung gemacht, wie von diesen behauptet. Eine berichtigte Sprache alleine könne deshalb keinen wirksamen Widerstand leisten. Macht und Herrschaft würden immer durch einen Gewaltakt etabliert, und der primäre Gewaltakt sei der Krieg. Lazzarato ruft dazu auf, den Krieg wieder verstehen zu wollen, statt ihn aus dem Denken als ungewollten Schmutzfleck auszuschließen.

„Es gilt daher, die Frage nach dem Verhältnis zwischen Gewalt und Krieg erneut zu stellen. Und in diesem Zusammenhang ist es von grundlegender Bedeutung, dass wir Diskurse über den Krieg wieder einführen, auch in bestehende Diskurse über individuell erlittene Gewalt: sexualisierte Gewalt, rassisierte Gewalt, die Gewalt der Ausbeutung, alle möglichen Arten von Gewalt. Es gibt eine Menge Arbeit zu tun“.

Viel Hoffnung macht Lazzarato nicht, aber zunächst geht es ihm um die Entsorgung der vielen falschen Hoffnungen, resultierend aus falschen linken Theorien, und darin ist er gründlich.

„Das betrifft all die verschiedenen Konzepte der ‚Produktion‘, die seit den 1960er-Jahren die marxistische Theorie angereichert, ausgeweitet, angefochten und hinter sich zu lassen versucht haben: libidinöse Ökonomie (Lyotard), Ökonomie der Affekte (Klossowski), Diskurs des Kapitalisten (Lacan), Begehrensproduktion (Deleuze und Guattari), Biopolitik (Foucault)“.

Lazzaratos Vorwurf an die „entpolitisierten“ Neomarxismen kommt in einem Satz auf den Punkt: „Die Aufteilungen von Besitzenden und Besitzlosen sowie die Herrschaft von Männern über Frauen und von Weißen über Nicht-Weiße sind nicht das Ergebnis der Produktion, sondern deren Voraussetzung“. Neomarxist*innen von Lyotard bis zu den neueren Feminismen, „die zwar Gewalt analysieren, aber nicht den Krieg“, hingegen erschöpfen sich in der Suche nach den Gründen für die binären und ungleichen Gender-Verhältnisse, rassistische Verhältnisse und Klassenherrschaft innerhalb der Produktion. Sie raten dann oft dazu, diese innerhalb derselben zu verbessern. Lazzarato hingegen insistiert, dass hier eben kein Unfall vorliege sondern die gewollte und notwendige Voraussetzung des Status Quo der Produktionsverhältnisse.

Kriegszyklen

Lazzarato macht zwei einfache Kategorien auf. Zuerst komme immer der „Unterwerfungskrieg“. Das sei historisch der Krieg gegen die Bäuer:innen Europas, gegen die gesamte Bevölkerung der Americas und gegen Frauen* im Zuge der Hexenverfolgung. Aus einem Unterwerfungskrieg entstehe dann ein neuer „Akkumulationszyklus“, ein neues Verhältnis der Produktion und ein neues Arrangement von Rassismus, Geschlechter- und Klassenverhältnissen. Ein Akkumulationsregime münde eben weil es funktioniert – nicht etwa weil es defekt wäre – in organisierte Gewalt zwischen Staaten, die wir allgemein Krieg nennen. Der Zyklus ende mit dem großen Kladderadatsch wie nach dem 30-Jährigen oder 1. oder 2. Weltkrieg oder mit einer Revolution wie der russischen oder chinesischen oder algerischen.

Was Foucault und die Postmodernisten bis heute als „Gouvernementalität“ beschreiben, ist laut Lazzarato nur die Fortsetzung des Unterwerfungskriegs mit anderen Mitteln. Der letzte Unterwerfungskrieg sei der gegen Lateinamerika in den 1960er und 70er Jahren gewesen; der damals neue und nun an sein Ende stoßende Akkumulationszyklus ist der Neoliberalismus, seine bekannteste Akteurin Margaret Thatcher. So wie Trump und Netanjahu nun in glasklarer Unverhülltheit den imperialistischen Krieg vorführen, ist die ebenso vulgäre Reinkarnation des Thatcher´schen Unterwerfungskrieges gegen die „eigene“ Bevölkerung der bösartige Irre aus Buenos Aires, Xavier Millei. Und so wie „wir“ natürlich am imperialistischen Krieg mitwirken, durchaus in der Hoffnung auf Profit, hat der neue Unterwerfungskrieg à la Millei auch hierzulande, als „Zeitenwende“, längst begonnen.

Zusätzliche Informationen

Mauricio Lazzarato, Krieg und Gewalt, AdKdW, Paris/Wien 2023. Ein PDF des Essays kann hier kostenfrei heruntergeladen werden.

Maurizio Lazzarato, Capital hates everyone – Fascism or Revolution. Online einsehbar hier.

Maurizio Lazzarato 2023:
Krieg und Gewalt. Übersetzt von: Stefan Nowotny.
transversal texts, Wien.
ISBN: 978-3-903046-41-2.
38 Seiten. 10,00 Euro.
Zitathinweis: Conrad Kunze: Der neue Imperialismus. Erschienen in: Zivil-Militärische Zusammenarbeit. 79/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/U4L8s. Abgerufen am: 21. 04. 2026 14:39.

Zum Buch
Maurizio Lazzarato 2023:
Krieg und Gewalt. Übersetzt von: Stefan Nowotny.
transversal texts, Wien.
ISBN: 978-3-903046-41-2.
38 Seiten. 10,00 Euro.