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Dekonstruktion und Destruktion

Buchautor_innen
Michail Ryklin
Buchtitel
Dekonstruktion und Destruktion
Buchuntertitel
Gespräche
Der russische Philosoph Michail Ryklin spricht mit einigen der wichtigsten Philosophen unserer Zeit
Rezensiert von Adi Quarti

Zeitgenössische europäische Philosophie und ihre Wurzeln sind nicht immer leicht zu interpretieren. Wenn nun ein russischer Philosoph ein ganzes Buch mit Gesprächen einer ganzen Reihe der Wichtigsten ihres Fachbereichs veröffentlicht, wird es spannend. Zumal er gleich in der Einleitung mit dem Titel „Was sie schon immer über Philosophie wissen wollten, aber nie zu fragen wagten...“ klarmacht, dass es ihm darum geht, auf unsere nicht gestellten Fragen an die Gegenwartsphilosophie zu antworten. Michail Ryklin wäre drauf und dran, den dümmsten philosophischen Witz zu wiederholen, wären seine Gesprächspartner nicht die Crème brûllée der Denker: Jacques Derrida, Félix Guattari, Jean Baudrillard, Jean-Luc Nancy, Paul Virilo, Richard Rorty und einige andere. Im Mittelpunkt des Buches und fast aller Gespräche steht das Denken Derridas, der sich allerdings selbst ungewöhnlich zugeknöpft gibt. Kein Wunder: Geht es doch Ryklin darum, die Dekonstruktion Derridas, welche die Probleme elliptisch angeht, in die Nähe der Destruktion Heideggers zu rücken, was dieser zu Recht zurückweist. Entsprechend kurz ist das Gespräch geraten, mit einem, der gewöhnlich gerne, ausführlich und immer gerissen geantwortet hat. Hier liegt genau die Schwierigkeit des Autors von Dekonstruktion und Destruktion, dass er versucht, ein im Grunde unvereinbares Gedankenpaar zusammen zu bringen. Dabei so weit geht zu behaupten, dass sie (die Dekonstruktivisten, seiner Meinung nach Derrida, Nancy und Lacoue-Labarthes) dem gesprochenen Wort zutiefst mißtrauen würden. Das kann schon deshalb als absurd bezeichnet werden, wenn man weiß, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil des Werkes von Derrida auf das gesprochene Wort zurückgeht, die vielleicht schönsten sogar direkt aus Vorlesungen und Kolloquien hervorgegangen sind. Eilige können auch einfach das letzte Interview auf dem Sterbebett mit Derrida lesen (Lettre International, Heft 66/2004). Oder die erste Lieferung von Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits (Berlin 1982), die man lesen könnte als das Vorwort eines Buches, das er nicht geschrieben habe. Philosophische Liebesbriefe, nicht an die Philosophen allerdings, an seine Frau möglicherweise. In der UB-Ausgabe, in der ich gerade blättere, sind exakt immer jene verfänglichen Stellen von einer aufmerksamen LeserIn markiert, in denen der Autor sich wiederholt abmüht, die LeserIn zu verführen! Übrigens folgt auf eine erste Lieferung immer auch eine zweite. Die hat es in sich. Oder das gespenstische R-Gespräch eines gewissen Martin Heidegger am 22.08.1979 aus den USA, ob er annehmen wolle? Derrida: „It’s a joke, I do not accept“! Egal ob Fiktion, oder echt, die Frage bleibt: Wer zahlt?

Guattari hat viel geraucht, klar, dass er auch seinem Kollegen eine angeboten hat. Die Gespräche sind schon deshalb spannend, weil der Mitverfasser von Mille Plateaus schnell zu erkennen gibt, dass er eigentlich von Denksystemen wenig versteht. Das macht ihn zwar sympathisch, kann aber nicht über den doppelbödigen Nietzscheaner hinweg täuschen. Gleich zwei Interviews mit Félix Guattari, ist der nicht längst tot? Gewiss, sie sind von 1991 und 1992.

Bei Baudrillard gab es Eis ins Glas, was sonst noch drin war, verrät Ryklin nicht. Dafür aber plaudert der gerne in die postmoderne Ecke gedrängte Autor darüber, dass er immer noch auf einer Schreibmaschine publiziere, sein Freund Virilo schreibt sogar noch mit Hand. Computer bedienen können sie beide nicht, aber das soll die großen Entwürfe nicht schmälern.

Die ergiebigste Unterhaltung ist zweifellos die mit Jean-Luc Nancy, Co-Autor von Der Nazi-Mythos. Der ist es nämlich, welcher der ständigen Gleichsetzung des Stalinismus mit dem Nationalsozialismus, die Ryklin vornimmt, widerspricht. Und den Bogen bis zu Le Pen spannt. Ein Buch für Theorie-Freaks, die sich komplizierten Themen über die berühmten kleinen Texte nähern wollen.

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Die Rezension erschien zuerst im Juli 2006 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ps, 01/2011)

Michail Ryklin 2006:
Dekonstruktion und Destruktion. Gespräche.
diaphanes Verlag, Zürich.
ISBN: 978-3-935300-52-0.
304 Seiten. 25,90 Euro.
Zitathinweis: Adi Quarti: Dekonstruktion und Destruktion. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/737. Abgerufen am: 12. 12. 2019 04:52.

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Michail Ryklin 2006:
Dekonstruktion und Destruktion. Gespräche.
diaphanes Verlag, Zürich.
ISBN: 978-3-935300-52-0.
304 Seiten. 25,90 Euro.