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Chinesischer Wandel

Buchautor_innen
Felix Wemheuer
Buchtitel
A Social History of Maoist China
Buchuntertitel
Conflict and Change, 1949–1976
Eine neue Einführung erklärt uns die Volksrepublik China als gnadenlos gescheiterten Versuch, die befreite Gesellschaft in wenigen Jahren zu erzwingen.
Rezensiert von Alexander Schröder

Dem Kölner Sinologen Felix Wemheuer ist mit seinem neuesten Buch eine Sozialgeschichte der frühen Volksrepublik China (1949–1976) gelungen, die nicht nur in das Land einführt, sondern auch leserfreundlich geschrieben ist. Das im März 2019 erschienene Buch „A Social History of Maoist China” ist ein zeitlich gegliederter Überblick, der uns entlang von staatlicher Politik und heftigen Konflikten verschafft wird.

Neuer Ansatz in der Chinaforschung?

Das Buch betrachtet das Land aus einer unüblichen Perspektive: Der Autor verwendet den Ansatz des Intersektionalismus. Damit versucht er, den Blick auf die besonders und mehrfach Unterdrückten zu richten. Die verschiedensten Unterdrückungen sollen in ihrem organischen Zusammenhang betrachtet werden. Das Buch wird diesem Anspruch nur teilweise gerecht.

Der Fokus auf die Begriffe Klasse, Gender, Ethnie und das Stadt-Land-Gefälle bringt Vor- und Nachteile mit sich. Die Frage ist, was man damit macht: Wemheuer hat sich entschieden, damit eine kollektive Leidensgeschichte und eine Geschichte voll von überambitionierten Plänen, Irrungen und Konflikten zu schreiben. Jedes Kapitel wird mit Einzelschicksalen eingeleitet. Wir erfahren einiges über Biografien, in denen es zu großem Leid kam. Unter der Führung durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) wurden Menschen demnach deswegen diskriminiert, weil sie Kinder eines Großgrundbesitzers waren, weil sie ungerechte Politik gegenüber Bauern kritisiert hatten und als Konterrevolutionäre galten oder weil sie ein Vielparteiensystem nach westlichem Vorbild forderten und als Rechtsabweichler abgestempelt wurden. Besonders das maoistische Klassifizierungssystem wird scharf unter die Lupe genommen und im Kern als unfair und problemreich herausgearbeitet.

In den Kapiteln wird zwar auf die größeren Hintergründe eingegangen. Man erfährt viel über die Zusammenhänge von gesellschaftlichen Herausforderungen und Lösungsansätzen durch die KPCh, die oft nachvollziehbar werden. Die Entscheidungen von oben werden dabei immer mit dem bitteren Kämpfen von unten kontrastiert. Aber jedes Kapitel veranschaulicht letztlich das Versagen der KP Chinas anhand leidvoller und chaotisch abgelaufener Biografien.

Fallstricke sozialistischer Experimente

Wemheuer ist der führende deutsche Experte zur Hungersnot im sogenannten „Großen Sprung nach vorn“. Das ist dem Buch anzumerken. Seine Diskussion der Errungenschaften und Fallstricke der maoistischen Epoche ist von der Hungersnot ab den späten 1950er Jahren überschattet. Er diskutiert die Einschätzungen von Forscher*innen, die von mindestens 15 bis maximal 40 Millionen Hungertoten ausgehen. Wemheuer selbst geht von dutzenden Millionen Toten aus, obwohl es keine verlässlichen Zahlen gibt.

Die Ursachen der Katastrophe erkennt er vor allem im Staatsapparat, denn dieser habe die völlige Kontrolle über die Nahrungsmittelverteilung erzwungen und die Bedürfnisse der Bauernschaft ignoriert. Mao selbst sei eine Mitschuld zuzuweisen, denn er habe viel zu spät auf Berichte über Hungersnöte reagiert und lokalen Behörden Angst eingejagt. Gleichzeitig wird die Korruption lokaler Kader dargestellt, die ihre Macht missbraucht haben. Wir erfahren, dass die einfachen Menschen Überlebensstrategien entwickelten, die von Diebstahl über verfrühte Ernte und Bestechung bis hin zu Prostitution und Kannibalismus reichten. Sie taten alles, um den Hunger zu überleben.

Auch die Jahre bis zu Maos Tod (1976) werden als Verirrungen begriffen. Die KP Chinas habe eine Krise nach der anderen verschuldet. Die „Kulturrevolution“ (1966–1976) wird ganz zu Recht als komplexe Periode dargestellt, in der verschiedene Fraktionen ihre Interessen aushandelten. Wichtige Diskussionen und Konflikte dieser Zeit werden zumindest angerissen. Aber auf die wachsende Ungleichheit und die ausufernden Privilegien der Bürokratie wird zu wenig eingegangen, um die Rebellion der Massen verständlich zu machen. Ein intersektionaler Blick könnte an dieser Stelle wesentlich mehr leisten.

Kaum konkrete Errungenschaften?

Wemheuer versucht in einem winzigen Abschnitt, einige Erfolge des Sozialismus zu würdigen. Der Versuch bleibt holprig. Es werden zwar bedeutende Verbesserungen für die Bevölkerung rein statistisch beziffert, etwa das Anwachsen der Lebenserwartung, der Alphabetisierungsrate, der Einschulungsrate und der medizinischen Grundversorgung. Die Verhinderung von städtischen Slums, die Schaffung eines sozialistischen staatlichen Sektors (Stichwort „Eiserne Reisschale“), größere Beteiligung von Frauen und ethnischen Minderheiten am öffentlichen Leben sowie die landwirtschaftliche und industrielle Modernisierung werden diskutiert. Auch rasche wissenschaftliche Errungenschaften – gerade auch in der gerne dämonisierten „Kulturrevolution“ – werden erwähnt.

Aber die entscheidenden Tatsachen, dass mit der Revolution hunderte Millionen von Menschen erstmals ein sicheres Einkommen und ernsthafte Aufstiegschancen genießen konnten; dass ihnen erstmals eine Stimme und politische Mitsprache ermöglicht wurde; dass die Ausbeutung in der Privatwirtschaft ein Ende nahm; dass die Unterwerfung im privaten Haushalt ernsthaft herausgefordert wurde; dass die körperlich tätige Mehrheit gegenüber den reichen und gebildeten Eliten erstmals in der Geschichte aufgewertet wurde; dass Tibet von einer feudalen Theokratie befreit wurde; Mädchen und Frauen vom brutalen Füßebinden und vom Menschenhandel – all das erscheint in dieser Darstellung merkwürdigerweise als nebensächlich.

Ein einäugiger Blick nach unten

Wemheuers Sozialgeschichte Chinas unter Mao ist eine gute Einführung. Leider bleibt es eine sehr selektive Darstellung. Die Betonung liegt auf den Grausamkeiten des Sozialismus. Das Problem dieser Darstellung ist, dass sie die Leidtragenden fest im Blick behält, während sie die viel zahlreicheren Menschen, welche die Revolution als Befreiung erlebt haben, aus dem Blick verliert.

Der Autor stellt zudem die Befreiung und Ermächtigung von Frauen, Arbeiter*innen, Bäuer*innen, Ethnien abstrakt dar, während er Konflikte mit dem Staat konkret und anschaulich macht. Die Menschen werden uns daher als Opfer und Gegner des Staates präsentiert. Dabei wurde die Volksrepublik von diesen Menschen nicht nur in Jahrzehnten des Bürgerkriegs erkämpft, sondern zunehmend auch von ihnen geleitet. Die Aufwärtsmobilität in China war ohne Gleichen. Viele Kader*innen stammten aus der Masse der Bauern- und Arbeiterschaft, deren Interessenvertretung erst mit der „demokratischen Diktatur des Volkes“ möglich wurde. Insgesamt würdigt das Buch diesen Hintergrund nicht ausreichend. Eine Schwerpunktverschiebung hin zu den aktiven Unterstützer*innen und unzähligen Begünstigten der Revolution hätte dem intersektionalen Ansatz des Buches gut getan. Denn ohne deren Beweggründe ist der Blick nach unten auf einem Auge blind und daher unausgeglichen.

Felix Wemheuer 2019:
A Social History of Maoist China. Conflict and Change, 1949–1976.
Cambridge University Press.
ISBN: 9781316421826.
346 Seiten. 25,00 Euro.
Zitathinweis: Alexander Schröder: Chinesischer Wandel. Erschienen in: Vom Ende erzählen: Dystopien in der Gegenwartsliteratur. 52/ 2019. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1560. Abgerufen am: 24. 07. 2019 06:42.

Zum Buch
Felix Wemheuer 2019:
A Social History of Maoist China. Conflict and Change, 1949–1976.
Cambridge University Press.
ISBN: 9781316421826.
346 Seiten. 25,00 Euro.