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Aus der Rüstungsindustrie nichts Neues

Buchautor_innen
Hauke Friederichs
Buchtitel
Bombengeschäfte
Buchuntertitel
Tod made in Germany
In einem journalistischen, einfach zu lesenden Stil präsentiert Hauke Friedrichs viele interessante Details. Doch mangelt es an analytischer Tiefe.
Rezensiert von Sophia Hoffmann

Ein gutgemeintes Buch ist schwierig zu besprechen. Wenn das Herz für die Thematik und das Anliegen schlägt, ist die Enttäuschung umso größer, wenn es an der Umsetzung hapert. Die richtige Balance zwischen Fairness und Aufrichtigkeit zu treffen, wird für die Rezensentin zu einer noch größeren Herausforderung.

„Bombengeschäft – Tod made in Germany“ beleuchtet Deutschlands Waffenproduktion und deren Export. Dies ist ein derzeit besonders wichtiges Thema, da das außenpolitische Machtstreben deutscher Eliten neue Höhen erreicht. Man denke an die im Januar 2014 von Bundespräsident Joachim Gauck geäußerte Forderung, Deutschland solle sich mehr militärisch zu engagieren und international einmischen, selbstverständlich zum Schutz des Weltfriedens. Allerortens hört man dieser Tage, dass Deutschland mehr internationale ‚Verantwortung’ übernehmen solle. Eine Analyse der deutschen Rüstungsindustrie und ihrer engen Verflechtung mit politischen EntscheidungsträgerInnen kommt da genau zum richtigen Zeitpunkt.

Die stärksten Passagen des Buches sind dann auch jene, die sich mit den spezifischen, administrativen und personellen Strukturen beschäftigen, durch die in Deutschland die Kommunikation zwischen Waffenindustrie und Politik funktioniert. Hier liest man zum Beispiel vom ‚Förderkreis Deutsches Heer’, eine Art Netzwerkverband für PolitikerInnen und RüstungsmanagerInnen, die sich als Unterstützergruppe für die Bundeswehr tarnt und deren große Sorge die mangelnde Ausrüstung der Truppe ist. Oder man erfährt, wie eifrig Angela Merkel in Angola dafür wirbt, dass die Angolanische Regierungsmafia Patrouillenboote von deutschen Werften kauft. Solche Kabinettstückchen und Anekdoten erlauben es den LeserInnen durchaus, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie die deutsche Waffenproduktion im Tagesgeschäft so funktioniert – abseits aller hären Paragraphen, in denen die Bundesregierung einen vorsichtigen und restriktiven Umgang mit dem Export von Rüstungsgütern verspricht. Solche Einsicht ist für PolitikwissenschaftlerInnen diverser Richtungen interessant, da sie eine (wenn auch oberflächliche) Prüfung der eigenen Theorien und Forschungsmethoden zulässt. Für ‚Laien’ ist es politisch bildend und spannend zu lesen.

Die Frage nach der Leserschaft, an die sich das Buch richtet, stellt sich bereits nach kurzer Lektüre. Ein anstrengender, effekthaschender Schreibstil durchzieht das Buch, der wohl den Eindruck hinterlassen soll, dass der Autor bei seinen Recherchen permanent auf zwielichtigen und geheimniskrämerischen Pfaden wandelte. Aber wer findet es heutzutage noch wirklich überraschend, dass PolitikerInnen von LobbyistInnen in teure Restaurants in Berlin Mitte eingeladen werden? Oder dass sich Waffenindustrielle höhnisch über AktivistInnen äußern, oder dass auf großen Messen die Todesmaschinerie ganz offen ausgestellt wird, und sich Waffennarren daran begeistern? Es wirkt, als ob sich der Autor in einem Dauerzustand der Empörung befindet, das gerade Deutschland, von dem man so etwas ja nie gedacht hätte, so viel Waffen exportiert. Dies erweckt den Eindruck politischer Naivität. Denn gerade die Tatsache, dass dies eben nicht dubiose Prozesse sind, die durch irgendwelche Hintertürchen stattfinden müssen, sondern stattdessen alltägliches Geschehen, ist wichtig und interessant und bedarf der Erklärung und Analyse. Stattdessen liest sich das Buch über weite Strecken leider wie eine Aneinanderreihung reißerischer Spiegel-Artikel.

Die relevantesten Tatsachen geraten dabei zur Beiläufigkeit. Frühzeitig wird erwähnt, dass die deutsche Ausfuhr von Kriegsmaterial zwischen 2007 und 2011 im Vergleich zu den vorigen fünf Jahren um 37 Prozent stieg. Das ist eine bedeutende Entwicklung! Wie lässt sie sich erklären, und womit hängt sie zusammen? Vielleicht damit, dass es seit 2011 seit langem wieder ein Anstieg der Anzahl von Kriegen in der Welt gibt? Oder gehen deutsche Waffen in andere Regionen? Welche heimischen und internationalen Faktoren haben sich im letzten Jahrzehnt verändert, die mit diesem Anstieg verbunden sein könnten? Dem Buch fehlt eine übergeordnete Fragestellung und Analyse, stattdessen springt Friedrichs hin und her zwischen sehr allgemeinen Beobachtungen, überraschenden historischen Exkursen und länglicher Darstellung einiger, spezifischer Fälle (etwa dem des öffentlichen Aufschreis um die Lieferung deutscher Leoparden Panzer in 2011, oder die Firmengeschichte der im Schwarzwald ansässigen Waffenschmiede Heckler&Koch). Solche Einzelfälle sind durchaus interessant, allerdings fördern sie nichts wirklich Neues oder Brisantes zu Tage, noch werden sie in interessanter oder origineller Weise miteinander verknüpft.

„Bombengeschäft“ gerät so zu einer guten bis mäßigen Zusammenstellung von bereits bekannten Berichten über einige verschiedene Facetten der deutschen Rüstungswirtschaft und –Exportpolitik. Das Buch vermittelt ein − einfach zu lesendes − Basiswissen zum Thema. Teile könnten daher nützliches, zusätzliches Lesematerial für den Hochschulunterricht oder die Universitätslehre jüngerer StudentInnen bieten. Doch von einer wirklich „investigativen Recherche“ oder einem „brisanten Report“, wie der Buchumschlag verspricht, kann nicht wirklich die Rede sein. Vieles in dem Buch entstammt öffentlich zugänglichen Quellen, und von den wenigen Treffen mit Insidern, die beschrieben werden, wird nicht viel herausgeholt, auch nicht von den Reisen nach Saudi-Arabien oder dem Besuch der bekannten Londoner Waffenmesse DSEI. Der investigative Journalismus in Deutschland ist im Vergleich mit USA oder Großbritannien schwach ausgeprägt, das Buch bestätigt dies.

So bleibt „Bombengeschäft“ ein gut gemeintes Buch, zu einem wichtigen Thema, das es jedoch leider nicht schafft, wirklich unter der Oberfläche zu kratzen. Außer für wirkliche Neulinge zum Thema, die zugleich noch mit einem gewissen Glauben an die ‚gute’ deutsche Weltmacht ausgestattet sind, bietet das Buch nichts Überraschendes. Das definitive Werk über den deutschen Waffenexport, am besten in Verbindung mit einer Analyse, wie sich die deutsche Außenpolitik seit den 1990er Jahren verändert, steht noch aus!

Hauke Friederichs 2012:
Bombengeschäfte. Tod made in Germany.
Residenz Verlag, Pölten.
ISBN: 9783701732807.
240 Seiten. 21,90 Euro.
Zitathinweis: Sophia Hoffmann: Aus der Rüstungsindustrie nichts Neues. Erschienen in: Deutschland im Krieg. 32/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1201. Abgerufen am: 23. 05. 2019 01:45.

Zur Rezension
Zum Buch
Hauke Friederichs 2012:
Bombengeschäfte. Tod made in Germany.
Residenz Verlag, Pölten.
ISBN: 9783701732807.
240 Seiten. 21,90 Euro.