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Antiziganismus benennen!

Buchautor_innen
Alexandra Bartels, Markus End, Tobias von Borcke, Anna Friedrich (Hg.)
Buchtitel
Antiziganistische Zustände 2
Buchuntertitel
Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse
Der Sammelband macht Themen und Debatten differenziert sichtbar und bietet damit mehr als eine gute Einführung in das Thema Antiziganismus.
Rezensiert von Bente Gießelmann

Viele der jüngeren Publikationen zum Thema Antiziganismus zeichnen sich durch eine Verkürzung auf „die Roma“, „ihre Eigenschaften“ und „ihre Probleme“ aus, deren vermeintlich reflektierte Oberfläche kaum die darunter liegende stereotype Wahrnehmung verdecken kann. Vielfach äußern sich auch Personen des öffentlichen Lebens in Debatten um Zuwanderung oder „Integration“ über die Situation von Roma in Deutschland und Europa– nicht wenige davon in einer Art und Weise, die den Antiziganismus-Watchblog antizig.blogsport.de dazu veranlasste, seit 2011 den Antiziganistischen Stinkstiefel zu verleihen.

Antiziganistische Zustände in Europa haben sehr unterschiedliche Facetten. Sie reichen beispielsweise von antiziganistisch gefärbten Forderungen des deutschen Innenministers oder rassistischen Anwohner_innen- und Mediendiskursen in vielen deutschen Städten über gewaltvolle Räumungen von Wohnwagenplätzen in England bis zu strukturellen Ausschlüssen und Übergriffen in Tschechien. Zu diesen Prozessen gibt es kritische Stimmen und politische Interventionen – wirkmächtig ist jedoch oft eine Perspektive, die zwar die Begriffe „Stereotyp“ oder „Diskriminierung“ kennt, deren Fokus aber grundlegend der einer Mehrheitsgesellschaft ist, die ihre eigenen Verstrickungen in antiziganistische Zustände nicht hinterfragt. Der Sammelband „Antiziganistische Zustände 2“ kehrt diese Perspektive im Sinne einer gesellschaftspolitischen Antiziganismuskritik um und schaut sich historisch und aktuell Diskurse und Praktiken an: wie und mit welchen Inhalten funktionieren antiziganistische Zuschreibungen und Diskriminierung, und was hat gerade das vermeintlich selbstverständliche „wir“ damit zu tun?

Begriffe finden

Die gesellschaftliche Relevanz des Themas spiegelt sich auch in einer breiteren wissenschaftlichen Beschäftigung wider: Der Sammelband erscheint mitten in einer kontroversen Auseinandersetzung um den Begriff des Antiziganismus. Die versammelten thematisch breit gefächerten Artikel versuchen ein komplexes Gebilde von Zuschreibungen und Diskriminierungen zu beleuchten, das wissenschaftlich bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. Der vorliegende Sammelband schließt sich an die Publikation „Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments“ (End/Herold/Robel 2009) an. Als Antiziganismus wird dabei eine spezifische Form rassistischer Bilder und Ausgrenzung gefasst, die sich vor allem gegen Sinti und Roma richtet. Das aktuelle Buch gliedert sich in verschiedene Abschnitte: Grundlagen, Fremdbilder, Antiziganismus in Deutschland und Europa, Antiziganismuserfahrungen/Interventionen sowie einen Anhang, der eine umfangreiche Bibliografie enthält.

In den wissenschaftlichen und politischen Diskussionen, die bereits seit einigen Jahren geführt werden, werden sehr unterschiedliche Zugänge zur Stereotypisierung und Diskriminierung von Roma sichtbar. Nicht zuletzt geht es dabei auch um die Präzisierung von Begriffen. Im grundlegenden Abschnitt erläutert Markus End deshalb detailliert die aktuellen Begriffsdebatten sowie seinen eigenen Zugang zum Konzept des Antiziganismus. Er betont, dass es sich um ein Konstrukt der Mehrheitsgesellschaft handle, welches auf einem historisch tradierten „Zigeuner“-Stereotyp basiere und in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen (Bilder, Diskurse, Institutionen und Praktiken) ständig reproduziert und aktualisiert werde. Betroffen von Diskriminierung und Ausgrenzung seien mehrheitlich Sinti und Roma. Markus End diskutiert verschiedene Kritiken am Begriff des Antiziganismus, von denen eine besonders aus aktivistischen Kontexten formuliert wird: Sollte der Begriff durch die Reproduktion des Wortelementes „zigan“ verletzen oder rassistische Sprache reproduzieren, müsse ein anderer gefunden werden. Markus End argumentiert, dass der Begriff das System von Stigmatisierung und Diskriminierung momentan jedoch gut zusammenfasst, weil er den Konstruktionscharakter der Zuschreibungen betont und spezifische Sinngehalte des Antiziganismus als Form des Rassismus benennt. Der Definitionsversuch bietet somit eine Grundlage für Debatten und macht Kontroversen um den Begriff sichtbar, die nicht nur im wissenschaftlich-akademischen Kontext ausgehandelt werden können. Die Einleitung des Bandes wie auch Diskussionen rund um die Buchveröffentlichung machen deutlich, dass hinter den verschiedenen (begrifflichen) Diskussionen vor allem die Frage der Repräsentation steht: Wer kann/darf/sollte Antiziganismuskritik betreiben und welche Positionen nehmen dabei jeweils von Antiziganismus Betroffene oder Nicht-Betroffene ein? Die Herausgeber_innen des Sammelbandes, positioniert als Nicht-Betroffene, diskutieren diese Frage nicht im Sinne politischer Lähmung, sondern kritischer Selbstreflexion und emanzipatorischer Bündnisse.

Kontinuitäten sichtbar machen

Dass in der aktuellen akademischen Forschung zu Antiziganismus auch problematische Ansätze vertreten und erneuert werden, zeigt der Artikel von Tobias von Borcke im Abschnitt „Fremdbilder”. Er weist auf essentialisierende und stereotypisierende Wissensproduktion im institutionellen Kontext des Leipziger Forum Tsiganologische Forschungen (FTF) hin. Tobias von Borcke illustriert ein hegemoniales wissenschaftliches Feld und damit den Hintergrund, vor dem der Sammelband als Beitrag in der wissenschaftstheoretischen Debatte wichtige kritische Impulse liefert.

20 Jahre nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen gibt es beispielsweise in Duisburg oder Dortmund erschreckend ähnliche Diskurse um die Zuwanderung von Roma. Stephan Geelhaar, Ulrike Marz und Thomas Prenzel analysieren in ihrem Artikel die antiziganistischen Gehalte der Diskurse in Lichtenhagen und stellen die grundlegende Verbindung zu einem bürgerlichen (Selbst-)Verständnis von Sauberkeit und Ordnung heraus. Auch wenn die Analyse zum Teil den Nutzen psychoanalytischer Konzepte überbewertet und die historische Tradierung der Zuschreibungen von Schmutz und mangelnder Hygiene missachtet, liefert sie wichtige Grundlagen für die Bewertung aktueller Diskurse. Nicht zuletzt wird sichtbar, wie die bürgerliche Selbstpositionierung eine latente Gewaltbereitschaft legitimiert.

Weitere Beiträge versammeln Forschungen zur Geschichte antiziganistischer Fremdbilder und zu europäischen Dimensionen antiziganistischer Zustände, so zum Beispiel in Frankreich und Ungarn. Andreas Koob zeigt am Beispiel ungarischer Bürger_innenwehren, wie sich antiziganistisches Wissen mit ausschließenden (teils gewaltförmigen) Praktiken verbindet – die Analyse der Situation mit dem Fokus der Raumproduktion bietet Ansatzpunkte beispielsweise auch zu Forschungen zu Antiziganismus und städtischem Raum.

Anknüpfungspunkte

Die Selbstverortung des Buches an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik spiegelt sich vor allem im letzten Abschnitt wider, in dem politische Interventionen reflektiert werden und so auch der Kampf gegen Diskriminierung sichtbar gemacht wird. Zu den Aufgaben einer Antiziganismuskritik gehört auch die Reflexion der (politischen) Arbeit gegen antiziganistische Zustände.

Sehr brauchbar ist eine ausführliche, teilweise kommentierte Literaturliste im Anhang des Sammelbandes, die thematisch geordnet wichtige internationale Publikationen zu unterschiedlichen Aspekten von Antiziganismus zusammenfasst. Bedauerlich ist, dass sich kein Bezug zur Einweihung des Mahnmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin findet. Dies ist auch deshalb erstaunlich, da im ersten Band der „Antiziganistischen Zustände“ Yvonne Robel die gedenkpolitische Stereotypisierung von Roma in Debatten um das Erinnern an den Porrajmos (Völkermord an den Sinti und Roma) analysierte. Von daher wäre eine vergleichende Analyse der Diskurse um Schuld und Verantwortung zur Einweihung im Oktober 2012 – dem gleichen Zeitpunkt, zu dem Innenminister Friedrich eine Verschärfung der Asylgesetzgebung für Menschen aus Serbien und Mazedonien forderte – sicherlich sehr aufschlussreich gewesen. Welche Umstände Diskurse um historisch begründete Verantwortung und Schutz gegen Diskriminierung einerseits, repressive Forderungen und antiziganistisch gefärbte Zuwanderungsdebatten andererseits ermöglichen, sollte eine folgende Publikation genauer analysieren.

Die Beiträge verstehen sich zwar als eine kritische Intervention in eine aktuell geführte akademische Debatte und bieten darin spezifische Fragestellungen und Forschungsperspektiven an. Die Themen sind jedoch auch für politisch Aktive, Multiplikator_innen, Mitarbeiter_innen in NGOs und thematisch Interessierte sehr lesenswert, da sie prägnant geschrieben sind und die in Einführungen zu Antiziganismus vermittelten Inhalte an konkreten Praktiken und Diskursen empirisch aufzeigen und vertiefen. Durch die Bandbreite der Artikel werden dabei auch bisher weniger beachtete Bereiche oder Verknüpfungen beleuchtet wie zum Beispiel Zwangssterilisierungen oder Menschenhandelsdiskurse. Diese Artikel zeigen präzise wie beängstigend, welche Verbreitung und Wirkmächtigkeit antiziganistische Zuschreibungen und Politiken haben und wo sie in Verknüpfung mit anderen Diskursen und Praktiken Relevanz besitzen. Deutlich wird dabei ebenso, dass die Frage nach antiziganistischen Mustern oder Exklusionsmechanismen in gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten viel öfter gestellt werden muss.

Zusätzlich verwendete Literatur

End, Markus / Herold, Kathrin / Robel, Yvonne (Hg.) (2009): Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments. Unrast Verlag, Münster.
Winckel, Änneke (2002): Antiziganismus. Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland. Unrast Verlag, Münster.
Wippermann, Wolfgang (2005): Was heißt Antiziganismus? Online hier.
Wippermann, Wolfgang (1997): Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich. Elefanten Press, Berlin.
Zimmermann, Michael (2007): Antiziganismus – ein Pendant zum Antisemitismus? Überlegungen zu einem bundesdeutschen Neologismus. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Jg. 55, H. 4. S. 304-314.

Alexandra Bartels, Markus End, Tobias von Borcke, Anna Friedrich (Hg.) 2013:
Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-518-9.
360 Seiten. 19,80 Euro.
Zitathinweis: Bente Gießelmann: Antiziganismus benennen! Erschienen in: Umkämpfte Migration. 30/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1157. Abgerufen am: 19. 09. 2019 09:06.

Zum Buch
Alexandra Bartels, Markus End, Tobias von Borcke, Anna Friedrich (Hg.) 2013:
Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-518-9.
360 Seiten. 19,80 Euro.