Zum Inhalt springen
Logo

Alles andere als verstaubt

Buchautor_innen
Sabine Hess, Torsten Näser (Hg.)
Buchtitel
Movements of migration
Buchuntertitel
Neue Perspektiven im Feld von Stadt, Migration und Repräsentation
Der Ausstellungskatalog zeigt, wie Migrationsbewegungen in das Format Museum passen.
Rezensiert von Ellen Höhne

Der Band ist zum einen Ausstellungskatalog zu „Movements of Migration. Neue Perspektiven auf Migration in Göttingen“. Darüber hinaus ist er ein Ausschnitt aktueller wissenschaftlicher Diskussionen zu den Themen Stadt, Migration und Repräsentation. Die Ausstellung und begleitende Veranstaltungen wurden im März 2013 als Kooperationsprojekt von drei städtischen Akteur_innen vorbereitet und durchgeführt. Es handelte sich dabei um Aktive des Integrationsrates sowie des Kunstvereins Göttingen und der ansässigen Universität. Einflüsse aus der Forschung, Kunst und Aktivismus wirkten bei der Erarbeitung der Ausstellung in Göttingen zusammen. Dass Migration im Göttinger Museum überhaupt thematisiert wird, stellt eine Ausnahme dar. Schließlich finden sich im bundesdeutschen Vergleich nur wenige Ausstellungsräume, die sich mit Fragen um Einwanderung befassen. Migration in der Geschichte nicht aufzuzeigen heißt, dem keine Bedeutung oder Anerkennung beizumessen. Nun wollen die Macher_innen des Ausstellungskatalogs klar aufzeigen: Deutschland ist schon lange ein Einwanderungsland und Göttingens Geschichte und Gegenwart von Migration geprägt. Migrant_innen als zuvor „Ausgeblendete“, ihre Kämpfe und Errungenschaften erhalten eine Plattform und Anerkennung.

Migrantische Positionen, ihre Aktivitäten, Kritiken und Forderungen standen im Mittelpunkt der Forschung im Vorfeld der Ausstellung. Dabei hatten die Ausstellungsmacher_innen keine Scheu, sich in Konflikte und politischen Kämpfe zu begeben. Neben biographischen Interviews waren Dokumentationen migrantischer Selbstorganisationen, politischer Gruppen und Einzelpersonen Quellengrundlagen. Dabei hatten sich die Macher_innen der Ausstellung einer bestimmten Blickweise verschrieben, was als „reflexive Migrationsforschung“ benannt wird. Gemeint ist damit unter anderem, dass Migration nicht als geradliniger Prozess gedacht wird. Vielmehr werden auch Weiterwanderungen in den Blick genommen, sowie Beziehungen, die Menschen zu mehreren Orten im Alltag haben können. Neben Großkategorien wie „Gastarbeiterära“ oder „Flucht und Vertreibung im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg“ werden selbstorganisierte Migrationen mit einbezogen. Außerdem glauben die Macher_innen der Göttinger Ausstellung nicht an die Idee einer institutionellen Regulierbarkeit von Migration. Neben staatlichen Einwanderungsprogrammen nutzen viele Migrant_innen irreguläre Wege der Einreise in ein Land.

Von Kunst...

Zunächst zum kleineren Part des vorliegenden Buches, dem künstlerischen Ausstellungskatalog. Diese etwa 40 Seiten laden zum Blättern ein und gehen exemplarisch auf die Fragen ein, was wie im Zuge der Göttinger Ausstellung arrangiert wurde. Außerdem enthält dieser Teil des Buches Fotografien, die zusätzliche Anhaltspunkte zum Design einzelner Ausstellungsobjekte liefern.

„Routes of Migration“ beispielsweise ist eine Bildcollage, die anhand einer konkreten Biographie die Auswirkungen des europäischen Grenzregimes auf die Lebenssituation eines Menschen aufzeigt. Hier zeigt sich Komplexität anstelle eines einfachen, durchgezogenen Pfeiles auf einer Karte. Orte werden nicht einfach verbunden. Dies würde unsichtbar lassen, wo ein Mensch lange verweilt oder beispielsweise im Zuge einer Migration zurückgewiesen wird. Komplexität, das sind bei dieser Bildcollage viele kleine Zettel mit Zitaten von Birin, der von Syrien nach Göttingen migrierte. Weitere Zettel enthalten Informationen über Unterstützungsgruppen und einiges mehr. Es entsteht eine Collage, die Vielschichtigkeiten von Informationen abbildet.

...zu neuen Positionen im Feld - wissenschaftliche Beiträge

Der Großteil des Buches besteht aus Textbeiträgen in mehr oder weniger wissenschaftlicher Ausdrucksweise. Vorteilhaft sind diese schriftlichen Ausführungen, wenn Leser_innen sich für Fragen von Macht und Herrschaft im Bereich Migration, für Raumkonzepte oder städtische Kämpfe interessieren. Sehr gelungen sind die Ausführungen zum Stand der Musealisierung von Migration in Deutschland. Erst mit einem historischen Verständnis der Institution Museum als „Wissenskammer“ (S. 77) und ihrem Erbe können Leerstellen in vielen Museen in Deutschland verstanden und Forderungen zu Veränderungen adressiert werden. Außerdem werden Akteure wie DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e. V.), der als migrantischer Verein sehr früh mit dem Sammeln und Aufbereiten von eigener Geschichte begonnen hat, erwähnt. Sie schließen kämpferisch mit der umfassenden Forderung, Inhalte, Strukturen und Arbeitspraxis im Museumsfeld zu verändern.

Neben der Göttinger Ausstellung wurde auch eine Homepage als Archiv erstellt. Hier sind alle Materialien der Macher_innen der Ausstellung zusammengetragen und doch liefert die Homepage keinen Gesamtüberblick in Form einer geordneten Sammlung. Dies würde, so Torsten Näser, keine Prozesshaftigheit vermitteln können. Es würden Informationen aus einem Blickwinkel fixiert präsentiert werden. Stattdessen können Benutzer_innen des Online-Archivs selbst entscheiden, ob sie eher thematisch oder über Kunst Zugang zu den Inhalten bekommen möchten. Außerdem reflektiert Näser stellenweise über das Gelingen bestimmter methodischer Ansätze der Göttinger Ausstellung. Beispielweise sollten Einsprechboxen und Scanner Besucher_innen ermöglichen, Teile der eigenen Migrationsgeschichte in die Ausstellung einzuspeisen. Allerdings wurde diese Möglichkeit der Teilnahme nicht wahrgenommen. Dem Katalog hätte es gut getan, wenn die Beiträge noch intensiver diskutiert hätten, ob die Ideen der Ausstellungsmacher_innen gelungen sind.

Ein anderer Beitrag blickt über den nationalen Tellerrand. Er befasst sich mit dem Kampf für ein Archiv der Migration in Österreich. In diesen Ausführungen geht es um grundsätzliche Fragen der Motivation des Sammelns, der Verbindung zum politischen Antirassismus und schließlich großen Zielen, wie der Veränderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Dass Rassismus kein Thema ist, was ruhig in die Schublade der Vergangenheit gelegt werden kann, machen die Autor_innen klar.

In einem Beitrag des Kapitels „Repräsentieren & Regieren“ treibt Maja Frykman die Frage um, welche Objekte in einem Museum zu Migration gezeigt werden sollen. Sie spricht sich für Objekte des alltäglichen Lebens aus, da darüber die Einsicht in die Normalität vom Verankert-sein an mehreren Orten geschaffen werden könnte. Sie beantwortet auch, welche Aufgabe Museen haben. Anstatt zu exotisieren, sollten Museen Vorstellungen von „Fremdartigkeit“ überwinden, indem sie die tatsächlichen sozialen und politischen Probleme aufzeigen.

Folgen des Containerdenkens

Im letzten Abschnitt des Buches zu „Migration & Stadt“ kommen Autor_innen zu Wort, die zur Debatte um Raumverständnisse anregen. Zwei praktische Beiträge schlagen eine Brücke zu vorherigen theoretischen Überlegungen und zeigen, was reale Auswirkungen eines bestimmten Raumverständnisses sein können.

Jana Pasch geht auf das Projekt „Soziale Stadt“ in Göttingen ein. Dieses Förderungsprojekt „Soziale Stadt“ wurde als Bund-Länder Programm 1999 initiiert und seitdem deutschlandweit in über 600 Quartieren durchgeführt. Pasch zeigt die Folgen auf, die mit der Vorstellung vom Raum als Container einhergehen. Ein solcher beispielsweise, in dem von Armut betroffene Menschen begrenzt durch Straßenzüge miteinander und von anderen abgeschottet leben. Als „Hilfsmaßnahme“ werden in genau so einem künstlich abgesteckten städtischen Bereich Sanierungsmaßnahmen durchgeführt. Jana Pasch kann durch ihre Studie vor Ort, die Ziele, Mittel und Effekte für die Menschen im betroffenen Quartier genau untersuchen. Schließlich enttarnt sie das Programm nicht als soziales, sondern vielmehr als „Management der Ausgrenzung“ (S. 204), welches am Ende nur sich selbst am Leben erhalte.

Migration als nicht trennbarer Teil von Gesellschaft wird auch nach dieser Ausstellung weiter in Deutschland und darüber hinaus bearbeitet werden müssen. Insgesamt leistet der Katalog meiner Meinung nach einen sehr gelungen Beitrag auf mehreren Ebenen. Zunächst, um Ausstellungen zur Migrationsgesellschaft zu zeigen, ist eine Beschäftigung mit früheren Darstellungen von Migration in Museen nötig. Es müssen die Geschichte des Ortes Museum, die traditionellen Museumsmacher_innen, ihre Ziele und Darstellungsweisen reflektiert werden. Dann erst können Brüche mit traditionellem Vorgehen, hin zu einem Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung, eingeleitet werden. Auf inhaltlicher Ebene zeigen die Beiträge des Katalogs, dass aktivistische Forschung diese Inhalte produziert, die Auseinandersetzung befeuert. Damit werden auch politische Signale gesendet, denn in der Göttinger Ausstellung kamen Menschen zu Wort, deren Beitrag zur Stadtgesellschaft sonst ausgeblendet wird. Zuletzt sind die künstlerischen Herangehensweisen der Göttinger Ausstellung spannend. Auch ein gutes Forschungsprojekt muss schließlich eine Aufbereitung finden, die andere Menschen neugierig macht.

Sabine Hess, Torsten Näser (Hg.) 2015:
Movements of migration. Neue Perspektiven im Feld von Stadt, Migration und Repräsentation.
Panama Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-938714-37-9.
231 Seiten. 24,90 Euro.
Zitathinweis: Ellen Höhne: Alles andere als verstaubt. Erschienen in: Asylpolitik: Wider die Bewegungsfreiheit. 38/ 2016. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1311. Abgerufen am: 21. 07. 2019 19:18.

Zum Buch
Sabine Hess, Torsten Näser (Hg.) 2015:
Movements of migration. Neue Perspektiven im Feld von Stadt, Migration und Repräsentation.
Panama Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-938714-37-9.
231 Seiten. 24,90 Euro.