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Abgang und Abgesang

Buchautor_innen
Walter Kappacher
Buchtitel
Der Fliegenpalast
Büchnerpreisträger Kappacher über eine kure Reise des Schriftstellers Hofmannsthal und die Auflösung bürgerlicher Idylle.
Rezensiert von Fritz Güde

Wie Lenin einmal forderte, ist nicht nur auf die unteren zu achten, ob sie nicht mehr wollen, sondern mindestens so sehr auf die Oberen, die nicht mehr können. Dass die Anzeichen für beides nicht immer zusammenkommen, gehört zu den Unebenheiten der Geschichte. Einen Beweis für das Unvermögen der Oberen hat nun Kappacher, ein Mann von siebzig Jahren, in seinem Buch "Fliegenpalast" geliefert, einem Buch über den Schriftsteller Hofmannsthal, der heim wollte in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, aber sich dort nicht mehr zurechtfand. Damit markiert er neunzig Jahre nach der Zeit noch einmal den Zeitpunkt des endgültigen Bruchs, Bruch des neunzehnten Jahrhunderts, Bruch aller Sicherheit.

Rudolf Kassner, Freund und Altersgefährte Hofmannsthals, schrieb nach dem Ersten Weltkrieg "Die Nacht des ungeborgenen Lebens". Ein Großer Herr kommt aus dem Krieg ins ererbte Gut zurück. Als der neu eingestellte Kammerdiener sich verabschiedet, fragt er: "Wann wollen Sie morgen geweckt werden?" Diese - nach damaligem Begriff - ungehobelte Anrede bestätigt dem Schlossherrn, dass eine Zeit endgültig vorbei ist, in welcher "der gnädige Herr" in dritter Person geweckt zu werden wünschte, und damit auch die fraglose Dankbarkeit des Personals fürs Ausgebeutetwerden. Ab jetzt dringt die Frage "wer wen" auch ins behütete Dasein der Schlossbewohner ein, die nach Herr und Knecht.

Das ganz leise Anzeichen für eine Umwälzung ist kennzeichnend für die Literatur dieser Abdankenden, Erschütterten. Es kennzeichnet den lichtesten Augenblick ihrer Selbsterkenntnis, auch den des Loslassens.

Schnell ging er vorbei - und selbst jene, die das Unwiederbringliche als unwiederbringlich einmal erkannt hatten, erstarrten, versteiften sich und wollten die angebliche Sicherheit mit allen Mitteln zurück - auch den gewaltsamsten. Wobei Sicherheit immer weniger von Herrschaft zu unterscheiden war. So verstand sich selbst ein Hofmannsthal dazu, in seinem Todesjahr 1929 "die konservative Revolution" zu fordern. Wir wissen nicht genau, was er damit meinte. Aber wozu das Schlagwort von anderen aufgegriffen wurde, um so genauer.

Von Hofmannsthals Reise in den Kurort Bad Fusch erzählt Walter Kappacher in seinem schmalen letzten Werk. Nachgebildet dem Handlungsgang folgend ist die Erzählung wohl Schnitzlers "Casanovas Heimreise". Der alt gewordene Abenteuerer will noch einmal zurück in die Heimatstadt; die im Meer schaukelnde, die in Wirklichkeit niemandes Heimat sein kann.

Kappacher wählt viel leisere Töne, um das Gleiche anzudeuten: das Heimwollen als endgültiges Verlorengehen. Unzählige Einzelheiten sind eingestreut: Freunde, mit denen der Briefwechsel stockt, Projekte, die untergingen, Adelshäuser und gewöhnliche, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

Nach dem Krieg, in den fünfziger Jahren, war neben Thomas Mann Hofmannsthal das Äußerste, was einer zaghaften Germanistik noch zugänglich schien. "Hofmannsthal! Lesen Sie ein ganzes Semester Hofmannsthal" riet gebieterisch Professor Gerhart Baumann in Freiburg. Ein Rat, für den man in Zeiten von Bachelor und Master vermutlich sofort den Lehrauftrag verloren hätte.

Die Gestalten jener Tage vor nun mehr als einem halben Jahrhundert werden in dem Buch berufen: Carl Jacob Burckhardt, der spätere Völkerbundskommissar in Danzig, Rudolf Borchardt, Freund-Feind Georges, Thankmar von Münchhausen, Freund von Hofmannsthals Tochter Christiane, Strauss, die Fürstin Thurn und Taxis, Rilkes Gönnerin, Leopold von Andrian, der mit zwanzig Jahren eine erfolgreiche literarische Laufbahn beendete, der alte Kaiser Franz und sein stark irrlichternder Erbe mit seinen kindischen Putschversuchen in Ungarn. An den Rändern noch Benjamin, dessen "Wahlverwandtschaften" Hofmannsthal als erster würdigte und veröffentlichte und Joseph Roth als Reisejournalist der "Frankfurter Zeitung". Sie alle aber nur noch als Erinnerungspartikeln, schwirrend - wie die Fliegen, die der Erzählung den Namen liehen.

Und tausend Landschaftserinnerungen die den Dichter verlocken - und narren. An keiner Stelle trifft er Rasenbank und Ausflugsweg der Zeit vor dem Kriege wieder. Hofmannsthals innerstes Problem: die stockende Produktion nach dem Untergang der Welt, der die bisherige entsprang. Es gibt noch Projekte und Erinnerungen: nichts mehr, das vorzuzeigen wäre auf der flachen Hand.

Der Zusammenhang wird nur angedeutet: die Art Dichtkunst, die auf der Wiederverwertung des Barock beruhte, "Jedermann", "Welttheater" in Salzburg, wird zur Beute selbstdarstellender Rest-Österreicher und schlappender Touristen. Das mitempfindende Publikum ist hingeschwunden, zum Teil auf den Schlachtfeldern des Kriegs, zum Teil auf den der Inflation. Einzig in der "Turm" nach Calderon sollte es Hofmannsthal noch einmal gelingen, das Grausige und Grausame der eigenen Zeit zu erfassen: In der furchtbaren Hausknechtsfigur eines Olivier, der den gefangenen Prinzen zugleich befreit und erpresst.
Kappachers mitfühlende Begleitung des Dichters, dem kein Gedicht mehr gelingt, läuft immer wieder auf eines hinaus: Du willst nach Hause, aber da steht kein Stein mehr auf dem andern! Verborgener, und vom Dichter nicht einmal zu verstehender Appell dahinter: Gib auf! Verzichte! Kehr um zur Gegenwart!!

Das Buch wird vielleicht nur von Baumann-Schülern ausgekostet werden. Und was hat sein Dichter mit dem Revolutionär Büchner zu tun? So wenig wie die meisten Preisträger vor ihm.

Bleibt zu hoffen, dass er nicht - wie ein unwürdiger Vorgänger - Büchner als heimlichen Verehrer des Königtums entdecken wird. Vermutlich wird Kappacher sich die wenigen ermüdeten Zitate Büchners zu eigen machen aus den Briefen an die Eltern aus Strasbourg im Exil. Wo er davon redet, dass das Huhn im Topf den "gallischen Hahn" besiegt. Aber, was schreibt man den besorgten Eltern in bewegten Zeiten nicht alles.

Wenn Kappacher den Hörern zu verstehen gibt, was er im Buch schon tat, dass die Zeiten eines bürgerlichen Lagers hoffnungslos vorbei sind, wird er genug getan haben. Hoffnungslos in dem Sinn, dass dieser Klasse alles Glänzende, Entdeckerische, Vorbildhafte restlos verloren ging, auf das es sich einst berufen und mit dem es verführen konnte, wird er für die Erkenntnis genug getan haben.

**

Die Rezension erschien zuerst im Mai 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 03/2011)

Walter Kappacher 2009:
Der Fliegenpalast. 2. Auflage.
Residenz Verlag, St. Pölten.
ISBN: 978-3-7017-1510-7.
171 Seiten. 17,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Abgang und Abgesang. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/856. Abgerufen am: 09. 08. 2022 04:22.

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Walter Kappacher 2009:
Der Fliegenpalast. 2. Auflage.
Residenz Verlag, St. Pölten.
ISBN: 978-3-7017-1510-7.
171 Seiten. 17,90 Euro.