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Zeit des Zorns

Buchautor_innen
Jutta Ditfurth
Buchtitel
Zeit des Zorns
Buchuntertitel
Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft
Jutta Ditfurth hat mit ihrem neuen Buch die Doppelbödigkeit der Situation gezeigt. Weitermachen wie bisher so unmöglich wie Stehenbleiben - ohne einzubrechen im dünnen Eis.
Rezensiert von Fritz Güde

Es schlittern viele auf dem Eis, das unsere Erde bedeckt. Nicht erst seit der Krise. "Nur weiter, nur schneller". Nicht stehen bleiben! Sonst Einbruchsgefahr! Nicht nachdenken.

Jutta Ditfurth sieht die Lage der Millionen. Sie glauben, sich den Augenblick des Stillstands nicht erlauben zu können. Der Untergang droht. Viele spüren es, zugleich den unbändigen Zorn über die, die ihnen das eingebrockt haben. Oder waren es gar keine "die"? War es ein "ES"? Das System des Kapitalismus selbst? Wer diesem Gedanken nachgeht, der bricht ein.

Jutta Ditfurth kann ihnen allen die freiwillige Verblendung nicht erlauben. Der erste Schritt zur Rettung: einsehen, wie dünn das Eis ist, über dem wir schlittern. Die schwarze Tiefe drunter muss hör- und sichtbar werden: das dumpfe Glucksen, die verschlingende Tiefe.

Ditfurth holt viele Äxte hervor, das gefrorene Meer zu zerschlagen. Genaugenommen: nicht um etwas in die Massen hineinzutragen, sondern um sie an das zu erinnern, was sie schon lange wussten - oder mit geringer Anstrengung hätten wissen können.

Die Streitschrift für eine "gerechte Gesellschaft" hieße vielleicht besser: Streitschrift für eine Gesellschaft, in der die Frage nach dem Richter und dem Recht sich gar nicht mehr stellt. Weil nämlich die Bedürfnisse der Einzelnen mit denen der Gesamtheit endlich zur Deckung gebracht wären.

Was zeigt sich unter der Eisdecke?

Nach all den Versprechungen der bürgerlichen Revolution, die in großem Umfang eben zurückgenommen werden und den Beruhigungen eines Fukuyama, es gebe nach dem Kapitalismus nichts mehr, finden sich jetzt in der Krise die meisten gesotten vor Wut auf der Straße - wissen aber nicht, wie sie dieser Ausdruck verleihen können. Und noch weniger, wie sie dem Ausdruck Handlungen folgen lassen sollen.

Die Deutschen und die Amerikaner kauften Weihnachtsgeschenke wie jedes Jahr. Erzwungene Kaltschnäuzigkeit. Durchhaltevermögen über Wegdenken. Über all das verschaffen sich die Herrschenden vorläufige Beruhigung. "Die werden schon nicht aufbegehren". Die Beherrschten leider genauso.

War das frühe Bürgertum in gewissen Fraktionen noch gegen Patriarchat und Rassismus angegangen, so stellt sich jetzt heraus: Heute verleibt sich das Kapital diese früheren Kämpfe ein und zugleich das, was damals bekämpft wurde. Rassismus und Patriarchat leben weiter.

Beweis: Bhopal und Boatpeople 2009 - Beleg für den inhärenten Rassismus des Kapitals auch heute noch. New Orleans nach den Überschwemmungen. Eine Stadt wird farbigenfrei. Wäre das hingenommen worden, wenn es ausschließlich Weiße betroffen hätte?

Und so in allem: der Wille der Aufklärung zur Erkenntnis verblasst im günstigsten Fall zur müßigen Betrachtung des Weltgeschehens aus der Perspektive des Besserwissers. Im ungünstigeren zur Technokratenillusion, mit einer Prise Wissenschaft ließe sich die Oberfläche der Welt verändern, ohne in ihre gesellschaftlichen Strukturen einzugreifen.

Prägnantes Beispiel für die Aneignung revolutionärer Erinnerung zur Begründung neuer Herrschaft: Obama in den neugeputzten Schuhen eines Martin Luther King. Vergessen und verdrängt dabei Kings Satz von 1967. "Ich musste erkennen, wie mein Traum zum Alptraum wurde."

Fünf Mittel der Täuschung und Unterdrückung

1. Befriedung durch Billigkonsum. Import zwangsverbilligter Waren aus dem Trikont.

2. Propaganda als Ablenkung und Täuschung über die wahren Ursachen

3. Überwachung und Bespitzelung

4. Repression in verschiedener Dosierung.

5. Militarisierung nach außen und innen.

Zur Propaganda gehört die fiktive Unterscheidung von amerikanischem und rheinischem Kapitalismus. Ebenso Globalisierung als Schleierbegriff für Imperialismus. Jutta Ditfurth geht auf die verschiedenen Kriege seit Korea, Vietnam und Irak kurz ein, an denen die Deutschen sich noch nicht offen beteiligten.

Dann aber werden ausführlich die fast vergessenen Saharouis herangezogen, die - trotz eines Votums der UNO - von Marokko unter tatkräftiger Beteiligung der gesamten EU immer noch in mehr oder weniger sklavischer Abhängigkeit gehalten werden.

Um niemand die Chance zu lassen, sich mit der Entlegenheit der Wüsten zu trösten, werden Leserin und Leser gezwungen, sich auf sehr viel verwandtere Gebiete einzulassen. Auf Cleveland zum Beispiel in den USA: Eine Gegend, in der die Gemeinden sich besonders darum bemüht hatten, ein geschlossenes und "adrettes" Stadtbild zu erzeugen und zu bewahren.

Gerade hier wütete die Deutsche Bank, beschlagnahmte Häuser, vertrieb Bewohner und erzeugte, mit anderen Finanzinstituten zusammen, genau das Bild der verlassenen Farmen und Wohnungen, das John Steinbeck siebzig Jahre vorher in "Früchte des Zorns" entworfen hatte. Schließlich ein Blick von geräumten Wohnungen in den USA hin zu den Opelwerken im eigenen Land. Melancholischer Zusatz der Verfasserin: „Es gibt keine aktuellen Bücher mehr.“ Bis die Drucklegung beendet ist, kann OPEL schon alles Denkbare passiert sein.

Lakonisch genug zu den Folgen und ihrer Unsichtbarmachung: "Den Hunger hat Bush einfach abgeschafft, indem er ihn "sehr hohe Lebensmittelunsicherheit" taufte. Das alles lang vor der offen ausgebrochenen Krise." (S. 50)

Aussichten der Krisenbekämpfung

Die Krise soll vom Staat mit den Mitteln bekämpft werden, die sie hervorbrachten. Den ausgelagerten Konten in den Einzelbanken entspricht dann das Sondervermögen des Bundes, unter Steinbrücks Kontrolle und der einiger Abgeordneter, deren Hauptaufgabe es sein wird, statt Öffentlichkeit zu schaffen, diese zu verhindern. Mit Gewalt soll die Eisdecke weiterhin zudecken, was geschieht, wie laut die Risse in ihr auch schon krachen.

Zusammenfassender Blick auf das vorauszusehende Ende. Es läuft hinaus auf die Zerstörung der zwei Springquellen gesellschaftlichen Reichtums: Mensch und Natur. Richtige Anmerkung gegenüber den früheren nur ökologischen Ansätzen der GRÜNEN in ihrer aufrichtigen Frühzeit: die Natur bleibt immer, aber für sich, nicht mehr für uns. Als kalter Ball mag die Erde weiterkreisen, durchaus von Moosen bewachsen, von Kakerlaken bewohnt. Nur: wem hilft das? Gehen muss es um neue Verknüpfung von Arbeitsinteresse und Öko. "Was nützt eine Hütte, wenn das Meer sie wegschwemmt?"

Dass zumindest der Mensch, den Hartz IV getroffen hat, in seinen Möglichkeiten zerstört wird, macht Jutta Ditfurth durch Erinnerung an die Demütigungskampagnen klar, die BILD und andere Medien zusammen mit den ARGEn betrieben. Florida-Rolf als eine schnell zur Strecke gebrachte Beute. Am Beispiel eines Unglücklichen, den Jutta Ditfurth Resch nennt, wird klar, wie schnell es einen erwischen kann, der nur ein einziges Mal unsicher wird. In wirtschaftlichen Schwierigkeiten begeht der Germanistikstudent einen Selbstmordversuch, wird in eine Klinik eingeliefert, in der "positives Denken" getrimmt wird. Am Ende ist Resch kein Germanistikstudent, auch kein Arbeiter mehr, aber potentieller Ein-Euro-Jobber als Hilfshausmeister in eben der UNI, in der er einmal studieren wollte.

Acht Sturmfluten jagen über das Eis

Trotz allem jubelt eine junge Frau nach dem Film "Baader-Meinhof-Komplex" auf: "Gottseidank sind die Zeiten vorbei" - nämlich, wo so geprügelt wurde wie damals, als Ohnesorg dem Kurras zum Opfer fiel, 1967. So was kann man nur glauben, wenn man die Demos immer im Fernsehen sieht, aber nie hingeht. Um aus diesem dogmatischen Schlummer zu rütteln, lässt Jutta Ditfurth all die Sturmfluten noch einmal über das Land ziehen, die sie zum größten Teil mitgemacht hat.

Mai 1985 -Weltwirtschaftsgipfel Bonn

September 1988 - Proteste gegen IWF in Berlin. Polizeieinheit EbLT +USK Bayern

Juli 1992 - Weltwirtschaftsgipfel München

Juni 1999 - EU-Gipfel in Köln - damals schon die lauwarmen NGOs

November 1999 - WTO-Treffen in Seattle

September 2000 - Prag IWF und Weltbank

Juni 2001 - EU-Gipfel in Göteborg. Sehr interessant, weil im angeblich friedlichen und zivilen Schweden die Praktiken von Genua zum Teil vorweggenommen wurden.

Juli 2001 - Genua als bisher blutigster Höhepunkt

Minutiös verfolgt Jutta Ditfurth in diesem Kernstück ihres Buchs zweierlei: einmal die wachsende Brutalität, zum anderen die immer enger verhakte Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen europäischen Ländern.

Einprägsam als Lehrstück vor allem Göteborg in Schweden. Über Schweden halten sich hartnäckig die liebevollsten Phantasien: das fast schon sozialistische Land mit der Bürgerpolizei. Die systematische Verfolgung der Demonstrierenden durch die diversen Sorten von Polizisten lässt keinen Zweifel daran, dass es nur um eines ging: den als Dauerdemonstranten verdächtigten durch Schmerz und Verletzung aller Art ein für allemal die Lust auszutreiben, bei so etwas zwischen Madrid und Neapel noch einmal mitzumachen.

Unbestreitbar die wachsende Ballung, die Schamlosigkeit im Vorgehen, der Vernichtungswille. Vor allem in Genua. An Ditfurths Kapitelüberschrift zu Genua "schleichender Faschismus" wäre allenfalls zu kritisieren, dass Berlusconi -Gottseidank- immer noch die Massenbasis und Massenbegeisterung fehlt, die dem Faschismus Mussolinis und stärker noch dem deutschen Nationalsozialismus die unwiderstehliche Kraft des Niederschlagens aller Widerstände gab. Berlusconi sitzt noch immer nicht so fest im Sesselchen, wie er es sich gerne vorphantasiert.

Jedenfalls: acht der schärfsten Widerlegungen der gutherzigen Illusion, so etwas wie 1967 komme in Zentraleuropa nicht mehr vor. Genauer: es herrsche, wie die gesamten Staatszivilisierer seit ‘68 sich immer wieder gerührt vorsagen Rechtsstaat in dem Sinne, dass einem jeden garantiert sei, auch unglaubhafte, auch abstoßende, auch widerständige Meinungen vorzutragen, wie es ihm eben ums Herz sei.

Wer das begriffen hat, der weiß für immer, dass er sich auf schwankendem Boden bewegt, selbst in dem Augenblick, wo er am Schreibtisch sitzt und wo ihm gar nichts passiert.

Was dagegen unternehmen?

Im vorletzten Kapitel untersucht Jutta Ditfurth die Kräfte, die vorgeben, gegen das Zerstörende vorgehen zu wollen. Keine Gnade findet die LINKSPARTEI vor ihren Augen. Sie sieht zu genau nichts als Wiederholung. Wiederholung des Niedergangs der GRÜNEN von den gutherzigen, aber illusionären Anfängen an bis zum Kriegstreibertum eines Fischer. Was sie bei ihrer Beweisführung von den Aussagen der Oberen her übersieht, ist das immer noch vorhandene Wollen vieler Unterer. Lafontaine bleibt sicher hinter einem Ferdinand Lasalle noch zurück, der im neunzehnten Jahrhundert schon einmal zugleich gewollt hatte das Bündnis mit der Staatsgewalt und die Gefolgschaft der Massen. Trotz des prinzipiell Unmöglichen seines Kalküls: hätte man seine vielen Anhänger gleich mit abschreiben sollen, die ihm ein Stück Wegs zu folgen bereit gewesen waren? Aus wem bestand später die Partei Liebknechts und Bebels? Vermutlich doch zu großen Teilen aus früheren Lasalleanern. (Es wäre da nur an einen der größten unter ihnen, Franz Mehring, zu erinnern).

Das gleiche Problem noch einmal im Schlusskapitel. "Wir werden alles selbst machen müssen". Zur Organisationsfrage erklärt Jutta Ditfurth rigoros, dass von der SPD, den GRÜNEN und vor allem den LINKEN zur Organisierung der Rettung keiner in Frage käme. Organisierung wird da recht schlotterig aufgefasst. Was Koalitionen im Bundestag angeht, so wird das auf jeden Fall stimmen. Schon weil vielleicht kein Bundestag ins Auge zu fassen wäre.

Sollte "Organisieren" aber "zusammengehen" bedeuten, so enthält der Satz eine Unmöglichkeit. Bedeutete er nämlich: an keiner Demo teilnehmen, wo "die" dabei sind, hieße es traurig und bescheiden: im Kreis einiger Autonomer und einiger Frischgewonnener dahin schreiten. Alle anderen wären schon kontaminiert.

Es müsste auf jeden Fall "organisieren" genauer gefasst werden. Und "Zusammengehen". Organisieren auf unterster Ebene heißt ja einfach: sich nicht von Ordnern aller Art plus Polizei herum schubsen oder in eine Falle jagen zu lassen. Das setzt vor allem schnell zu lernende Techniken voraus - zum Beispiel die Fünf-Finger -Technik in Heiligendamm. In diese Art technischer Organisation ließe sich -fast- jeder und jede einbeziehen, von denen nur feststünde, dass sie bis zum Ende ihrer Kraft durchhalten und im gegebenen Fall wirklich blockieren wollten.

Organisation einen Grad höher hieße gemeinsame Willensbildung in einem gewissen theoretisch bestimmbaren Umfang. Hierzu wären vermutlich spezifische Zeitschriften notwendig -heute: Websiten- und damit allerdings schon wieder eine Art Parteibildung. Wenn unter Partei verstanden wird die Herausbildung zum Handeln an verschiedenen Punkten zugleich auf ein gegebenes Zwischenziel hin.

In diesem Zusammenhang wäre es aber kaum vorstellbar, auf alle vorhandenen Kenntnisse und erworbenen Fähigkeiten zu verzichten, auch wenn sich diese in Personen vorfinden, die einem durch vergangene Aussagen oder Taten missfallen. Ich denke etwa an Ulla Jelpke oder Heike Hänsel, um diese nur mal als Beispiel zu nehmen. Hätten diese sich gar nicht eingelassen aufs parlamentarische Spiel, könnten sie auch nicht die Öffentlichkeit des Parlaments nützen. Und die Bundesregierung nicht zu Aussagen zwingen. Selbst wenn diese öfter unwahr sein sollten: schon die Festnagelung verschafft einer Regierung einen kleinen taktischen Nachteil. Nicht umsonst jault FOCUS über Jelpkes Doppelspiel: zwischen Parlamentsinterieur und Bewegung draußen. Gerade ein solches "Doppelspiel" ist nötig, um den Herrschenden näher auf die Pelle zu rücken. Dass der entscheidende Schlag dann nicht innerhalb des Parlaments geführt werden kann, versteht sich.

Insofern hat Jutta Ditfurth uns hier ein Instrument geliefert, um die Doppelbödigkeit unseres gegenwärtigen Daseins getrost ins Auge zu fassen. Dass wir weder so weitermachen können wie bisher, aber auch nicht stehen bleiben, das müssen wir angesichts des Blicks aufs spiegelnde und brüchige Eis wohl einsehen.

Was Jutta Ditfurth nicht liefern konnte, war die Überprüfung der letzten Scholle, auf der wir -stakend, treibend, stoßend - Festland erreichen könnten. Aber wer bietet alles zugleich?

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Die Rezension erschien zuerst im Mai 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ast, 12/2010)

Jutta Ditfurth 2009:
Zeit des Zorns. Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft.
Verlagsgruppe Droemer Knaur, München.
ISBN: 978-3-426-27504-7.
272 Seiten. 16,95 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Zeit des Zorns. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/839. Abgerufen am: 10. 12. 2019 23:39.

Zur Rezension
Zum Buch
Jutta Ditfurth 2009:
Zeit des Zorns. Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft.
Verlagsgruppe Droemer Knaur, München.
ISBN: 978-3-426-27504-7.
272 Seiten. 16,95 Euro.