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„Wir“ und „ihr“

Buchautor_innen
Inan Türkmen
Buchtitel
Wir kommen
Inan Türkmen hat mit „Wir kommen“ einen veritablen Medienhype um das Thema TürkInnen in Österreich und Deutschland ausgelöst. Doch nach der Lektüre des Buches bleibt dieser Hype eher ein Rätsel.
Rezensiert von Sebastian Kalicha

Der 25-jährige BWL-Student Inan Türkmen wurde in Österreich quasi über Nacht ein Medienstar. Sei es einer guten PR-Arbeit des Verlags geschuldet oder dem Bedürfnis der Medien, einen jungen, gut aussehenden Migranten, „der es geschafft hat“, einer von Vorurteilen nur so triefenden und von RechtspopulistInnen angestachelten Öffentlichkeit zu präsentieren. Türkmen und sein Buch „Wir kommen“ war einige Wochen lang überall – Fernsehen, Radio, Zeitung, Internet. JournalistInnen reichten den jungen Mann herum, sprachen von einem türkischen „Anti-Sarrazin“, einem „neuen Popstar des Multikulti“ und bedienten sich Neologismen wie „Wuttürke“. Ein derartiger medialer Hype macht neugierig, was das Buch inhaltlich zu bieten hat.

Berlin

Türkmen beginnt im ersten Kapitel zu erklären, warum er dieses Buch geschrieben hat. Ausschlaggebend war ein Vorfall in Berlin, wo er – nicht zum ersten Mal – rassistisch angepöbelt wurde. Nun wollte er aber seine verständliche Wut und Frustration in produktivere Kanäle lenken als sich – wie in seinen jungen Jahren – mit derartigen RassistInnen auf eine Schlägerei einzulassen. Deshalb begann er unter dem Titel „Wir kommen“ seine Gedanken, die ihm nach dem rassistischen Übergriff durch den Kopf gingen, niederzuschreiben.

Was gut klingt, entwickelt sich bald zu einem Essay, in dem essentialistisches Denken oberstes Gebot ist, dem/der LeserIn ein Überangebot stereotyper Pauschalbehauptungen über „die Türken“ und „die Deutschen/Österreicher/Europäer“ aufgetischt wird und zudem noch mit allerhand nationalistischer und kulturalistischer Überlegenheitsfantasien angereichert ist. Der Autor, so seine erklärte Absicht, will dem negativen Türkeibild, das hierzulande leider mit Sicherheit vorherrscht, ein positives entgegenstellen. Negative Klischees mit positiven Klischees und Verallgemeinerungen zu beantworten (und das ist es, was letztendlich in dem Buch betrieben wird), ist aber wohl kaum ein vielversprechender Weg, das zu tun – es bleiben halt doch nur Klischees. Damit begibt sich Türkmen auf den Holzweg. In einem Interview darauf angesprochen, meint er: „Ohne Klischees zu schreiben ist unmöglich. Außerdem sind es neue Klischees.“ Und davon findet man auf den 96 Seiten nicht gerade wenig.

„Wir“ sind ...

Eine Passage des ersten Kapitels, die besonders häufig durch die Medien geht, auszugsweise im Klappentext zu lesen ist und vom Autor selbst gerne zitiert wird, ist exemplarisch für den Inhalt des Buches und macht deutlich, aus welcher Richtung der Wind hier weht:

„Egal, ob ihr, und mit ‚ihr‘ meine ich ganz Mitteleuropa, die Türkei mögt oder nicht, egal, ob ihr uns türkische Migranten integriert oder nicht, egal, ob ihr die Türkei in der EU haben wollt oder nicht, der türkische Einfluss in Europa wird steigen. Miteinander sind wir, und mit ‚wir‘ meine ich in diesem Fall die Türkei hier in Mitteleuropa und alle Menschen, die innerhalb der aktuellen politischen Grenzen der Türkei leben, euch zahlenmäßig überlegen. Wir sind jünger und hungriger, unsere Wirtschaft entwickelt sich besser und wir sind stärker.“ (S. 27)

In dieser Aussage wird gar nicht erst versucht, dessen essentialistischen Charakter zu verschleiern. Wie man sieht schafft es Türkmen leider nicht, essentialistische Argumentationsmuster zu vermeiden oder gar zu delegitimieren, sondern bedient sich dieser ganz offen. Indem er mit seinen „wir“- und „ihr“-Formulierungen in die Falle tappt, Dichotomien und scheinbar homogene gesellschaftliche Blöcke zu konstruieren, betritt er in seiner Argumentation Pfade, von denen es ratsam gewesen wäre, großen Abstand zu halten.

… „mehr“ und „jünger“

Die ersten beiden Kapitel lauten „Wir sind mehr“ und „Wir sind jünger“. Die demografische Komponente, die Türkmen ins Spiel bringt, ist eng verzahnt mit jener des Alters, wobei nicht ganz klar wird, was er mit der von ihm präsentierten wachsenden Anzahl an TürkInnen – man behalte in Erinnerung wen er unter diesem Begriff alles subsumiert – genau sagen will. Einerseits ist es nahe liegend, dass er damit ökonomisches Potential anspricht, andererseits spielt er aber auch mit dem, was Rechte die „demografische Gefahr“ nennen, nur, dass er in dieser demografischen Entwicklung eben keine Gefahr, sondern etwas positives sieht. Dass diese aber zweifelsohne vonstatten geht, daran hat auch er keine Zweifel. Seine Ausführungen wirken stellenweise wie der Versuch einer diffusen Machtdemonstration durch Quantität gegenüber Ländern wie Deutschland – „Türkische und europäische Türken zusammengerechnet, sind wir die größte Bevölkerungsgruppe Europas. (…) Ihr dagegen werdet immer weniger“ (S. 34f) Wenn man eine derartige Entwicklung ausgemacht hat, wäre zum Beispiel eine Diskussion um die möglichen Forderungen, die man daran knüpfen könnte, hilfreich gewesen.

Zum Thema Alter liest man kurz gesagt: jung ist besser als alt. Junge sind offener, spaßiger, innovativer und wirtschaftlich produktiver. Und laut Türkmen sprechen die demografischen Zahlen für sich, dass „die TürkInnen“ und „die Türkei“ eben jung sind/ist und wohl ganz Mitteleuropa alt. Das trübt laut dem Autor auch die Stimmung in der Bevölkerung. Während in Istanbul (und er beschränkt sich häufig bei seinen Beispielen auf Istanbul) alles super und locker – eben „jung“ – ist, „[wird] [b]ei euch dagegen (…) die Stimmung mit dem steigenden Alter eurer Bevölkerung immer spießiger und konservativer werden.“ (S. 45) Wie verträgt sich das mit der Tatsache, dass unter JungwählerInnen die höchst spießige und konservative rechtsaußen Partei FPÖ bereits die am meisten gewählte Partei in Österreich ist? Genau, gar nicht.

… „hungriger“

Der Hunger, den Türkmen im nächsten Kapitel „Wir sind hungriger“ anspricht, ist als wirtschaftliche Verwertbarkeit, Nützlichkeit und Belastbarkeit am neoliberalen Arbeitsmarkt zu verstehen, denn, in Abgrenzung zu „den MitteleuropäerInnen“, „[haben] wir Türken das Unternehmertum im Blut (…)“ (S. 59). Und weiter (einen Investmentbanker zitierend): „Wenn ein Unternehmer einen Inländer um mehr Pünktlichkeit bittet, rennt der vielleicht zur Gewerkschaft oder bekommt gleich ein Burn-out“ (S. 55). Ja, das ist wohl der Alptraum eines jeden Investmentbankers: die Gewerkschaft oder einen durch unzumutbare Arbeitsbedingungen psychisch erkrankten – und somit arbeitsunfähigen – Menschen... Türkmen aber, dem Investmentbanker zustimmend, sekundiert:

„Es stimmt. Wir sind hungriger. Während hier die jungen Generationen vom Sozialstaat verwöhnt werden, lernen die jungen Türken in der Türkei zu kämpfen. (…) Ein Türke, der arbeitet, arbeitet richtig. Er hackelt [österreichische Bezeichnung für „arbeiten“; Anm. S.K.] auch mal 12 oder 15 Stunden durch und wenn er nach Hause kommt, arbeitet er weiter. Wir sind ein Volk, das anpackt.“ (S. 55f)

Der gute Migrant und die gute Migrantin werden also über ihre Bereitschaft, sich den (ausbeuterischen) ökonomischen Verhältnissen zu beugen, definiert. Aber nicht nur das. Auch zu Bildungsfragen liest man etwas: „Türkische Eltern sind erwiesenermaßen bei der Bildung ihrer Kinder ehrgeiziger als deutsche und österreichische.“ (S. 57; Hervorhebung im Original) Das ist zwar eine nette Abwechslung zu der gängigen Behauptung, dass türkische Eltern in diesen Belangen eben besonders säumig seien, wer das wann und wie erwiesen hat und wie sich das äußert, bleibt aber dennoch völlig im Dunkeln.

Ähnlich geht es im darauf folgenden Kapitel „Unsere Wirtschaft wächst schneller“ weiter. Es ist im Grunde eine komprimierte Zusammenstellung diverser Jubelmeldungen und positiver Zukunftsprognosen zur türkischen Wirtschaft. Da wird sich schon mal darüber gefreut, was der Coca-Cola-Chef auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos über die Türkei zu sagen hat und, dass die Türkei neben den USA und China die treibende Kraft sei, wenn es um den zukünftigen ökonomischen Einfluss in Afrika gehe. Dass wirtschaftliche Intervention der Industrienationen und neoliberale „Marktöffnungen“ den AfrikanerInnen (und nicht nur denen) selbst in der Regel geschadet haben, geht im Freudentaumel darüber, dass man auch mit dabei ist „den afrikanischen Markt [zu] erobern“ (S. 72; Hervorhebung im Original), unter.

… „stärker“

Obwohl der Autor von all den wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen begeistert ist und nicht müde wird zu erwähnen, wie viel Umsatz türkische „Einkaufsparadiese“ machen, die im Vergleich sogar „besser abgeschnitten“ hätten als „die Avenue des Champs-Élysées in Paris und die 5th Avenue in New York – und als die Friedrichsstraße in Berlin sowieso“ (S. 78f.); obwohl transnationale Konzerne von der „Konsumlust der 74 Millionen überdurchschnittlich jungen Türken angezogen“ (S. 78) würden und er es großartig findet, dass „in den schickeren Gegenden (…) Villen für arabische Herrscherfamilien [entstehen]“ (S. 80) und das Mietniveau teilweise jenes des „legendär teure[n] Viertel[s] Knightsbridge in London erreicht“ (S. 80) hätte, findet er es trotzdem tragisch, dass „[h]ier in Europa (…) das Wertesystem zunehmend kapitalistisch [wird]“. (S. 87) Unter EuropäerInnen hätten sich „nur noch die Traditionen [gehalten], die der Wirtschaft dienen“ (S. 86). Und diese von ihm ausgemachte Distanz zu dem kapitalistischen Wertsystem des „ihr“ – wobei man einigermaßen überrascht ist, dass derartiges nun plötzlich negativ konnotiert wird – ist neben (vage umrissenen) Schlagwörtern wie Familie, Traditionen und Werten einer der Gründe, der laut Türkmen für die „Stärke“ des „wir“ verantwortlich sei. Zwei Seiten nach der Distanzierung von kapitalistischen Werten ist aber alles wieder beim Alten: „Eines der Symbole für unsere Stärke sind die Dönerstände geworden.“ (S. 89). Warum? Die machen in Deutschland insgesamt „dreimal so viel Umsatz wie McDonald's“ (S. 89; Hervorhebung im Original).

Aufmerksamkeit schaffen mit wenig Inhalt

„Wir kommen“ ist bewusst als Provokation gedacht und der Ansatz des Buches hat, in dem (gesellschaftlichen, zeitlichen, etc.) Kontext, in dem es erschienen ist, sicher etwas – im positiven Sinne – subversives inne; sprich: einfach mal Dinge zu einem bestimmten Thema recht unbekümmert zu behaupten und auszusprechen, die der Großteil deiner Umgebung im Brustton der Überzeugung bestreitet. Türkmen selbst sagte in einem Interview, man müsse eben provozieren um gehört zu werden. Wenn er in Interviews mit kritischen Nachfragen zu diversen besonders undifferenziert wirkenden Passagen konfrontiert wird, versucht er zumeist zu relativieren und zurück zu rudern, weshalb man sich die Frage stellt, warum es dann überhaupt so niedergeschrieben wurde. Doch auch Provokationen müssen sich an ihrem Inhalt und ihrer Botschaft messen lassen. Ein als Provokation verstandener Text mit politischer Message wie dieser will ja auch nur bestimmte Schief- und Problemlagen aufzeigen und problematisieren – es ist lediglich die Sprache, die eine andere ist. Und wenn man sich die Argumentationen und den Sprachstil im Buch genau ansieht, wird man unweigerlich stutzig. Aber vielleicht war die schlichte Provokation tatsächlich wichtiger als ein überlegter Inhalt? Einiges deutet darauf hin. Dass das gesamte Konzept des Buches wohl schon von Anfang an auf eine mediale und öffentlichkeitswirksame Debatte angelegt war, darauf lässt der Klappentext schließen, der mit den Worten „[e]in junger Türke regt auf“ beginnt. Das ist zumindest in Österreich gut gelungen, und die Debatte, die das Buch angefacht hat, hatte – trotz des eher substanzlosen Inhalts – sicher auch ihre positiven Seiten.

Ein Rezensent der links-liberalen österreichischen Tageszeitung Der Standard brachte das Gefühl, das man nach der Lektüre des Buches hat, recht gut auf den Punkt: „Der Text, eine Mischung aus Türkei-Werbeprospekt, Schüler-Erlebnisbericht und bemühter Provokation, liest sich flott. Debatten wird er nicht anheizen.“ In österreichischen Mainstream-Medien gab es wie gesagt dennoch eine Debatte, die aber häufig eher den Charakter hatte den Autor zur Schau zu stellen, ohne dabei wirklich fundiert auf den Inhalt des Buches einzugehen. Wie und ob das Buch in den türkischen Communities diskutiert wird, bleibt abzuwarten (wobei das ansatzweise auch bereits passiert ist). Vermutlich aber bewahrheitet sich die Prognose aus dem Standard.

Inan Türkmen 2012:
Wir kommen.
Edition a, Wien.
ISBN: 978-3990010310.
96 Seiten. 14,90 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Kalicha: „Wir“ und „ihr“. Erschienen in: Körperregeln. 18/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1022. Abgerufen am: 26. 02. 2020 14:36.

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Inan Türkmen 2012:
Wir kommen.
Edition a, Wien.
ISBN: 978-3990010310.
96 Seiten. 14,90 Euro.