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Wider den Waffengang

Buchautor_innen
Ole Nymoen
Buchtitel
Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde
Buchuntertitel
Gegen die Kriegstüchtigkeit

Der schmale Band zerlegt die moralischen Rechtfertigungen des Krieges und insistiert darauf, dass Menschen kein „Material“ staatlicher Interessen sein dürfen.

Das schmale Buch wirkt mit seinem Cover zunächst wie ein Werbeplakat der Bundeswehr. Weißer Rahmen und weiße Schrift auf feldgrün gemustertem Hintergrund. Die Verwechslungsgefahr ist Absicht, denn schon der Titel unterläuft die Erwartungshaltung: „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“. Also kein Werben fürs Sterben. Auf rund 140 Seiten legt Ole Nymoen seine gegenwärtig keinesfalls selbstverständliche Position gegen die Kriegstüchtigkeit vor.

Dafür weißt er zunächst die Unterstellung zurück, die dem Krieg grundsätzlich Sinnlosigkeit attestiert. Im Gegenteil: In der Konkurrenz der Staaten erfülle er durchaus einen Zweck. Die Bestimmung der Kriegszwecke – nämlich: „Er [der Herrscher] will möglichst große Gebiete erobern und die dort lebenden Menschen zu seinen Untertanen machen“ (S. 35) – trifft dabei den Charakter moderner Kriege zwischen mehr oder weniger entwickelten kapitalistischen Nationen nur unzureichend. Auf diese Bestimmung kommt es ihm nicht an, sondern auf die Klärung, wie die Menschen in diesem Gegeneinander vorkommen. Schließlich sind sie das Material des Krieges, dessen Vernichtung von beiden Kriegsparteien eingepreist wird.

Die zweite Kernfrage, der sich Nymoen widmet, lautet: Warum akzeptiert das besagte „Material“, also die Staatsbürger*innen, willentlich genau dieses Verhältnis? Die Menschen seien nicht einfach unwissend oder manipuliert, sondern lassen sich den Krieg als notwendiges Mittel ihrer politischen Interessen einleuchten. Im Schnelldurchlauf dekonstruiert er die gängigen staatstragenden Parteinahmen für den Krieg: Bedrohung der Heimat; wenn man angegriffen wird, muss man sich verteidigen; Faschismus muss verhindert werden, denkt an Hitler; es gilt, die freiheitlichen Werte zu verteidigen; das Völkerrecht muss durchgesetzt werden; et cetera. Diese Punkte liefern jedoch lediglich Begründungen des Krieges, sind aber nie Grund für diesen. Die Begründungen und tatsächlichen Gründe für den Waffengang liefern stets die kriegführenden Parteien, also die Staaten selbst, die im Krieg ihren politischen Zweck vollstrecken. Schon an dieser Differenz zwischen den Gründen für Krieg und ihren Begründungen, Auftrag zum Kampf und Sterben im Kampf, ließe sich also erahnen, dass eine Differenz zwischen Staat und Bürger*in vorliegt. Sich demnach diese Begründungen persönlich zu eigen zu machen, ist der Unsinn, auf den Nymoen hinweist.

Warum Ole nicht für sein Land kämpfen würde

Dagegen bietet Nymoen seinen eigenen Materialismus als Argument an: Er möchte weder töten noch getötet werden. Die Privilegien, die er als Publizist in Deutschland genießt, würde er nicht gegen sein Leben oder das Leben anderer aufwiegen wollen. So selbstverständlich diese Haltung wirken mag, der öffentliche Diskurs um das Buch zeigt, wie wenig selbstverständlich antimilitaristische Positionen im heutigen Deutschland geworden sind. Doch dieser Diskurs deckt auch eine Schwachstelle in der Argumentation des Textes auf.

Ole Nymoen wird seit dem Erscheinen seines Buches von Talkshow zu Talkshow gereicht. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte dies am 4. März 2026 in der Sendung von Markus Lanz, bei dem er, gegen drei andere Diskutant*innen plus Moderator die skurrile Außenseiterposition mimen durfte. Nymoen versuchte dort konsequent, aber erfolglos, den Gedanken zu irritieren, dass Deutschland so etwas wie der Besitzstand jedes einzelnen Deutschen ist.

Es ist zunächst absolut richtig, die Kriegsmoral dort anzugreifen, wo sie sich aus der ideologischen Verschmelzung von Nation und Individuum speist. Zwischen die meisten Deutschen und „ihre“ Nation passt bekanntlich kein Blatt. Es ist „ihr“ Staat, als wäre er ihrem Willen entsprungen und tatsächlich für sie da. Dabei gerät in Vergessenheit, dass auch die Demokratie eine Herrschaftsform ist, die Interessengegensätze einhegt – so auch die Gegensätze zwischen individuellem Wollen und staatlichem Handeln. Notfalls setzt der Staat seine Interessen auch mit Gewalt durch. Genau darin besteht die Herrschaft. Dafür braucht es den Blick auf „die Diktaturen“ nicht. Dennoch wird verlangt, dass man sich den Staat als sein Lebensmittel, ja die Voraussetzung für das eigene Leben überhaupt vorstellt, und sich ihm in letzter Konsequenz unterzuordnen hat.

Von der Meinungsfreiheit gedeckt

Nymoen kritisiert diesen Grundsatz jedoch nicht. Stattdessen beurteilt er den Staat anhand seines Nutzens für das Individuum. Der Befund fällt aus seiner Perspektive recht negativ für die herrschende Demokratie aus. Daher ergebe es schlicht keinen Sinn, sich für den Staat zu opfern. Gerade diese Argumentation macht ihn angreifbar. Denn sie zeigt, dass sich Nymoen ein Zusammengehen von Staatsinteressen und Volk sehr wohl vorstellen kann, nur eben nicht in diesem Staat. Seine Kritiker*innen können Nymoens Einwände gegen den Staat insofern anerkennen, als dass sie diese nicht als Grundsatzkritik verstehen, sondern als reine Verweise auf korrigierbare Fehler im System werten. Das Argument, wonach die Demokratie nicht perfekt sei, sondern als ein immerwährendes Projekt zu gelten habe, kennen die meisten. Darum solle man sich lieber für das System engagieren.

Die zweite Angriffslinie gegen ihn erkennt seine grundsätzliche Systemkritik an, klopft ihn aber darauf ab, unter welchen Bedingungen er bereit wäre, trotzdem ein Opfer zu bringen. „Ich bin Sozialist“, gibt Nymoen freimütig in der Sendung „Sternstunden der Philosophie“ zu. Für das vorherrschende System würde er also keine Opfer bringen. Deshalb wird ihm mangelnde Loyalität zum Staat vorgeworfen. Formal bleibt diese Haltung als Meinung zulässig, dient jedoch zugleich dazu, ihn als ernsthaften Gesprächspartner zu diskreditieren. Die Talkshows nehmen Nymoens Position damit eigentlich nicht ernst, insofern sie seine Position auf eine Meinungsäußerung reduzieren. Als solche darf seine Haltung problemlos in der öffentlichen Debatte stattfinden.

So grundlegend die Kritikpunkte auch sind, relativieren sie nicht den Wert des Buches im aktuellen Diskurs. In Zeiten der fast kritiklos galoppierenden Militarisierung der Gesellschaft ist Nymoens Buch ein wichtiger Einwand, dessen Leistung es ist, der häufig stark moralisierenden Kriegskritik eine materialistisch argumentierende Analyse und Kritik an die Seite zu stellen. Vor allem jüngeren Leser*innen, welche jetzt die ersten Musterungsbescheide erhalten, gibt er hier taugliche Argumente und Denkanstöße gegen den Waffengang an die Hand. Wer eine vertiefte theoretische Auseinandersetzung sucht, muss jedoch zu anderer Literatur greifen. Die von Ole Nymoen zitierten Texte bilden dafür einen guten Ausgangspunkt.

Ole Nymoen 2025:
Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit.
Rowohlt.
ISBN: 978-3-499-01755-1.
144 Seiten. 16,00 Euro.
Zitathinweis: Karl Sommer: Wider den Waffengang. Erschienen in: Zivil-Militärische Zusammenarbeit. 79/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/oqgdi. Abgerufen am: 21. 04. 2026 14:39.

Zur Rezension
Zum Buch
Ole Nymoen 2025:
Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit.
Rowohlt.
ISBN: 978-3-499-01755-1.
144 Seiten. 16,00 Euro.