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Von Wut bis Erstaunen

Buchautor_innen
laika diskurs (Hg.)
Buchtitel
Wenn die Toten erwachen
Buchuntertitel
Die Riots in England 2011
Das Buch zeigt linke Perspektiven und Analysen zu den Riots in England im Sommer 2011 auf und fragt nach den Ursprüngen.
Rezensiert von peps perdu

Das vorliegende Buch beschäftigt sich aus linker Perspektive eingehender mit den Riots in London im August 2011, die nach dem Mord Mark Duggans durch die Polizei ganze Viertel überzogen, aber auch auf andere Städte in Großbritannien übergriffen. Hierbei werden sowohl die unterschiedlichen Positionen innerhalb der radikalen Linken aufgezeigt, wenn es um die Analysen der Ereignisse geht, als auch immer wieder der politische Charakter der Geschehnisse in den Vordergrund gestellt. Ein Großteil der Texte wurden aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und es kommen unterschiedlichste Autor_innen zu Wort – oft auch mit konträren Ansichten. So ist es kein in sich geschlossenes Werk, sondern eine Textsammlung, die durchaus Raum für Fragen und eigene Schlüsse lässt.

„Sie wollen das gesamte verdammte System brennen sehen“

Die Textsammlung wurde von den Herausgeber_innen in verschiedene Abschnitte eingeteilt – wobei das Inhaltsverzeichnis hier einige Verschiebungen und Fehler aufweist. Neben dem Vorwort findet sich im ersten Teil der Beitrag „Von einem Randalierer“, der subjektiv darstellt, wie sich der Hass auf das System aus den eigenen Lebensumständen ableiten lässt. Danach folgt „Ermüdungsrisse im Gebäude“ von Karl Rauschenbach, welcher die „Aufstandserscheinungen“ Frankreich, Griechenland und Ägypten von 2005 bis 2011 genauer beleuchtet. Mit nicht misszuverstehendem Zynismus geht er hierbei auf den Unterschied zwischen Protest und Revolte ein und erläutert diesen wie folgt: „Der alte Gegensatz zwischen Sozialreform und Revolution erscheint nunmehr als Gegensatz von Protestcamp und Riot“ (S. 14). Klare Wort findet er nicht nur zu den Protestcamps, sondern auch zu ihrer Funktion: Es geht nicht um eine Veränderung des Systems, sondern darum, dass das System enttäuscht hat und die Menschen empört darüber sind. Der Unmut wird nach außen getragen und – im wohl bekanntesten Beispiel von „Occupy Wall Street“ direkt in die Finanzzentren – aber auch diese Orte können nach Rauschenbach die Probleme der Produktion nicht lösen. Und auf der anderen Seite lösen junge Menschen in England das Problem des Ausschlusses von Konsum für sich selbst – indem sie plündern, randalieren und zerstören. Sind sie auch die 99%, zu denen sich Occupy-Aktivist_innen zählen? Oder wird der Bodensatz der Gesellschaft, die real existierende „Unterschicht“, nicht immer wieder als ungewollt abgetan, auch von jenen, die sich als links verstehen? Karl Rauschenbach schließt seinen Beitrag mit einer These, die einen genau bei der letzten Anregung hängen lässt:

„Dagegen zerreissen die Ausschreitungen in England den Schleier des sozialen Friedens, stellen effektiv alle liebgewordenen Rollen infrage, so dass jeder angeregt wird, über seine Rolle bei den künftigen Konflikten nachzudenken.“ (S. 30)

Einige Tage im August

Es folgen im zweiten Abschnitt - „Mittendrin“ vier Beiträge, die genauer auf die Geschehnisse im August eingehen und bereits an dieser Stelle einige Analysen liefern. Der Artikel „Großbritannien - Der Kampf gegen das Bestehende geht weiter“ greift dabei nicht nur die Situation der Aufständischen auf, sondern auch ihr Verhalten. Er hebt hervor, dass ein allgemeiner Charakterzug des Aufstands seine antiautoritäre Atmosphäre war und dass sich trotz Verurteilung durch Medien und Politik junge Menschen mit den Aufständen solidarisierten, sodass es zu vielen Nachahmungen und einer Ausbreitung der Riots kam. Es wird aber auch darauf eingegangen, dass gerade Anarchist_innen immer wieder als Zuschauer_innen der Geschehnisse betrachtet werden konnten; sie waren nicht Teil der Masse und diese Masse war nicht das, was sie sich vorgestellt hatten. Die Autor_innen erklären dies folgendermaßen:

„Trotz ihres Erbes konnten die Anarchisten die Trennungslinie nicht überschreiten, weil die rebellischen Protagonisten der letzten Tage eben nicht für die gute Sache der ‚Freiheit‘ gekämpft haben, sondern für sich SELBST.“ (S. 33)

Als Perspektive sehen sie die Aufgabe von Anarchist_innen und Linken darin, Bedingungen zu schaffen, in denen sozial Marginalisierte und Ausgegrenzte an der Zerstörung der repressiven Institutionen – egal ob Staat oder Wirtschaft – arbeiten können und diese auch erkennen.

Von den Autor_innen wird das politische Kalkül der Polizeitaktik kritisch betrachtet und näher in den Blick genommen. So wird angemerkt, dass die Polizei zu Beginn der Aufstände und Plünderungen recht zurückhaltend war, um eine Intensivierung der Riots zu verhindern – und mit einem viel stärkeren Sicherheitsapparat aus Überwachungskameras, Denunziation und Ermittlungen zu reagieren. Dies zeigt sich auch im Fall der ehemaligen Olympia-Botschafterin Chelsea Ives, der neben Sonja Suder und Christian Gauger dieses Buch gewidmet ist: Die 18-jährige Sportlerin wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil sie an den Ausschreitungen in Tottenham teilgenommen und ein Bullenauto demoliert haben soll. Ihre Mutter denunzierte sie, nachdem ihre Tochter bei den Aufnahmen einer Überwachungskamera im Fernsehen zu sehen war.

Medienhetze, politische Denunziation und Argumente dagegen

Im dritten Abschnitt „Politik und Verbrechen“ beschäftigen sich verschiedene Aktivist_innen und Organisationen damit, wie staatlich und medial mit den Riots umgegangen wurde und gehen gegen einige Erklärungsmuster an, die gerade von den Medien immer und immer wieder herangezogen wurden. Hierbei besticht der Artikel von Max von Sudo, „Kriminalität und Belohnung“, nicht nur durch eine sehr klare und unaufgeregte Analyse der Verhältnisse, sondern auch dadurch, dass er diese in den Kontext setzt, der zur Entstehung der Riots führte – nämlich mangelnde Perspektive für all jene, die im Rahmen der Riots auf die Straße gegangen sind. Hierbei stellt er auch die These auf, dass die Menschen in Brixton dadurch eher zu Wohlstand gelangen, als wenn sie es auf gesellschaftlich geachteten Wegen versuchen (vgl. S. 60). Die Darstellung der Medien und die damit einhergehende Kommentierung durch Bürger_innen sieht auch er sehr kritisch und nimmt dabei das Beispiel der Broadwater-Riots von 1985 in den Blick – immer wieder kämen hierbei Personen auf den Tod eines Polizisten zu sprechen, der durch eine Machete ermordet wurde, aber niemand spricht von Cynthia Jarett, die bei der Durchsuchung ihrer Wohnung starb, denn ihr Tod wurde damals zum Auslöser der Krawalle. Von Sudo argumentiert, dass die alltägliche Gewalt, die von der Polizei ausginge, von den Bürger_innen und Guardian-Leser_innen nicht mitgedacht, sondern Gewalt immer nur dann skandalisiert werde, wenn es umgekehrt stattfinde. Und dabei werden alle gefragt, was sie dazu denken, nur nicht jene, die daran beteiligt sind.

Argumentativ schlüssig und zum Teil humorvoll die Bürgerlichkeit demaskierend ist auch „ein offener Brief an all jene, die Plünderungen verdammen“ von Evan Calder Williams – meiner Meinung nach einer der besten Beiträge zur Analyse der Riots. Er nimmt sich einzelne, in den Medien und der Politik immer wieder aufgegriffenen Argumente vor und entlarvt dabei die angelegte Schein- und Doppelmoral, die Angriffe seien nicht politisch, nicht gerecht, nicht gerechtfertigt, gewalttätig und kriminell. Besonders hervorheben lässt sich dabei seine Antwort auf den Vorwurf, die Randalierer_innen seien „materialistisch“ und klauen Dinge, die sie sich nicht leisten können – interessanterweise werden im allgemeinen ja auch die Menschen verurteilt und nicht nur deren Taten, wie sich auch schon daran zeigt, dass sie als „Abschaum“ und „Dreck“ bezeichnet werden. Dieser Vorwurf zeige nicht nur die „alarmierende Abwesenheit von Selbstreflexion als auch ein Beharren auf Pathologisierung, Rassifizierung und Enthistorisierung der Armen und Wütenden“ (S. 73). Des Weiteren werfe die Bürgerlichkeit den Randalierenden ihre eigenen Begierden vor, mit dem Unterschied, dass letztere diese nicht durch finanzielle Leistungen befriedigen könnten, sondern es durch Plündern täten. Hierbei geht Williams darauf ein, was Plündern bedeutet:

„Plündern ist nicht Konsum mit anderen Mitteln, Plündern heißt, alles auf eine Karte zu setzen, indem man das tut, zerreisst man die Widerspruchslosigkeit des Eigentums als einen Teil und einen Austausch zwischen bestimmten Subjekten.“ (S.74)

Die Riots, die Kritik daran – und was die Linke so dazu denkt

Beim „Blick auf die Linke“ geht es um die Frage, welche linken Perspektiven sich aus den Riots ergeben und wie die Linke hierzu Position bezieht. Hierbei gehen die Meinungen weit auseinander: Einige, wie die anarchosyndikalistische North London Solidarity Federation, sehen den politischen Gehalt in den Aufständen, denken aber, dass diese keine klare Ausrichtung hätten und ein Angriff auf die Arbeiterklasse seien, da dabei Unschuldige getroffen würden. Deshalb rufen sie auch dazu auf, dass die Menschen sich verbünden und ihre Häuser und Communities eigenhändig verteidigen sollten, wenn „die Gewalt“ diese zerstöre. Die Wut der Randalierer wäre mächtiger, wenn sie sich auf demokratische Art und Weise organisieren und nicht andere Arbeiter_innen ins Visier nehmen würde. Diese klar formulierte Kritik an den Randalierer_innen – und so auch das Absprechen eines revolutionären Gehalts von Plündern – wird so nicht von allen Aktivist_innen geteilt. Einer der Beiträge in dem Buch geht darauf ein, dass gerade der moralistische Elitismus, der sich auch unter Anarchist_innen findet, den „konterrevolutionären Bullen im Kopf“ (S. 97) darstellte. Auch hier, wie im Beitrag von Evan Calder Williams, wird wieder die Frage nach Gerechtigkeit gestellt:

„Warum soll es gerecht sein, wenn ein selbsternannter Anarchist Ladendiebstahl begeht und das als einen Akt der Ablehnung des Kapitalismus begreift, während es kopflose Gier sei, wenn ein Jugendlicher im Verlauf von Ausschreitungen ein Geschäft ausraubt?“ (S. 98)

Hierbei gehen die Autor_innen auch darauf ein, dass, wer nicht auf der Seite der Unterdrückten stehe, auf der Seite der Unterdrücker sei und dass die Zukunft der Revolution nicht von Anarchist_innen vorherbestimmt werde, sondern von all jenen, die ganz unten sind.

Zurück in die Zukunft?

Der letzte Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit Perspektiven nach den Krawallen, zeigt aber auch Parallelen zu vorhergegangen Ereignissen auf. Slavoj Žižek geht auf den Wiederholungscharakter der Ereignisse ein, aber auch auf eine mögliche Verbindung zu den Protesten im Rahmen der Arabischen Revolutionen. Doch das, was am nachhaltigsten von den Riots im August übrig bleiben wird, sind die Repressionsmaßnahmen und ein Staatsapparat, der noch härter durchgreift als zuvor. Hiermit beschäftigen sich auch die letzten zwei Beiträge. Über 2.000 Menschen wurde allein innerhalb eines Monats nach Ausbruch der Ausschreitungen festgenommen, und die Strafen sind drakonisch: So wurden zwei junge Männer, die über Facebook zu Krawallen – die nie stattfanden – aufriefen zu vier Jahren Knast verurteilt. Ein anderer junge Mann ging für 16 Monate in den Knast, weil er an einem geplünderten Eis geleckt hat. Hier zeigt die Einheit aus Polizei, Politik und Medien, dass sie noch immer die Macht über die Leben vieler haben – und über deren Untergang.

Das Buch lässt mich mit vielen Fragezeichen zurück, aber auch mit vielen neuen Inspirationen. Die Dimension der Aufstände lässt eine genaue Analyse nur schwer zu: Zu viele verschiedene Faktoren können hierbei betrachtet werden, die Frage nach Polizeigewalt, sozialer Deprivilegierung und Marginalisierung, die Rolle von Städten und Gentrifizierung, Ausschluss von Konsum als weitere Widerwärtigkeit des kapitalistischen Systems und die Frage nach Alternativen werden auch von der Linken nur angetastet, aber können nicht ausreichend geklärt werden. Gerade die Auseinandersetzung um die Moralität der Aufstände ist jedoch sehr wertvoll und bietet Einblicke in das weite Spektrum der Linken. Im Buch finden sich keine wissenschaftlichen Texte oder stumpfe Pamphlete – aus den meisten der Texte sprechen die Emotionen, die sich beim Schreiben ergeben haben; über Wut und Verzweiflung bis hin zu Erstaunen über die Geschehnisse selbst. Und die Kürze der Zeit, die zwischen den Ereignissen im August und der Publikation des Buches lag, lässt über einige Fragen in Bezug auf die Textzusammenstellung hinwegsehen.

laika diskurs (Hg.) 2012:
Wenn die Toten erwachen. Die Riots in England 2011.
Laika Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3-942281-23-2.
184 Seiten. 14,90 Euro.
Zitathinweis: peps perdu: Von Wut bis Erstaunen. Erschienen in: Facetten der Krisenproteste. 19/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1035. Abgerufen am: 20. 05. 2019 23:52.

Zur Rezension
Zum Buch
laika diskurs (Hg.) 2012:
Wenn die Toten erwachen. Die Riots in England 2011.
Laika Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3-942281-23-2.
184 Seiten. 14,90 Euro.