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Vom Übernazi zum Edelfascho

Buchautor_innen
Ernst von Salomon
Buchtitel
Der Fragebogen
Ernst von Salomons Rezept zur Umpolung.
Rezensiert von Fritz Güde

Wie haben sie es alle nur geschafft? Bis 1945 treu Hurra geschrien - einen Tag nach dem 8.Mai 45 freudige Europäer gewesen, Demokraten, aufrechte Deutsche. Männer nach wie vor - aufgeweckt, nicht eingeweckt. Immer den Kopf oben und im Grunde ok. Geschafft haben müssen das Millionen. Aber als 1951 von Salomons Fragebogen herauskam, fiel ihnen nachträglich ein, wie sie das hinbekommen hatten.

Fragebogen - als Drucksache eines der verbreitetsten Schriftstücke deutscher Zunge. Von den Besatzungsmächten - aber vor allem den USA - ausgegebenes Monster-Verhör-Werk über das ganze bisherige Leben. Natürlich waren die 144 Fragen von niemand völlig wahrheitsmäßig auszufüllen. Deshalb auch bald das große Verzeihen: aus der Umerziehung wurde nichts. In den Spruchkammern kamen bald die ersten echten Nicht-Nazis in Bierverschiss. Der Rest verzieh sich gegenseitig. Nicht ohne Mulm-Rückstände Da kam das Buch von Salomon gerade recht. Salomon verwendete geschickt die Fragen, um sein Leben unchronologisch zu servieren - als den Normalfall. Zugleich als Ausnahme. Salomon nämlich hatte sich in allerjüngsten Jahren an der Verschwörung gegen Rathenau beteiligt und war infolgedessen den längsten Teil der zwanziger Jahre im Knast gesessen. Gerade zur Krisenzeit 1929 wieder freigekommen. Er also - der allerälteste Rebell gegen Versailles, Weimarer Klüngelklub und nationale Erniedrigung - berufen, nach solchen Leiden für das Reich zu höchsten Ämtern unter den Nazis, hält sich vornehm zurück und tritt nicht einmal ein in die Partei der neuen Sieger. Offizier darf er auch nicht werden: die Bürokraten in der Musterungskommission halten hin oder her eine Zuchthausstrafe für ein Totalhindernis. Von da her hat von Salomon die optimale Erzählperspektive: die dessen, dem die Rabauken der SA zu proll sind - und die neuen Emporkömmlinge des NS zu schleimig. Nicht dass er ihren Willen zum Krieg irgendwo missbilligte: er tadelt die unedle, unentschlossene Art, am Krieg zu verdienen, ohne Krieg allen Ernstes zu wollen. Von Salomon verdient beim Film ein hübsches Sümmchen und vor allem noch einmal den schönen Schein, als Zuschauer bei allem dabei und an nichts schuldig gewesen zu sein.

Eine der verlogensten Passagen des Buchs deshalb sein Preis des Films und des lustigen dort versammelten Völkchens. Es war exterritorial. Hatte zum Beispiel mit dem Hitlergruß nie etwas zu tun. Dass Goebbels und seine Filmindustrie schon aus Exportgründen auf das prononciert Nazistische im Film verzichteten, ist bekannt. Hinzukommt, dass in den Filmen auf eine behäbige Art gerade deutsche Tugenden als selbstverständlich gefeiert werden sollten, dass sie als ewig hingestellt wurden. Deshalb die Vorliebe fürs Historische. Die ganze Fridericus-Serie, schon vor 1933 begonnen, sollte immer nur das eine Plakat illustrieren: Friedrich – Hindenburg - Hitler. Schon immer ging es um das ewige Deutschland. Es geriet in große Not - und siegte am Ende - durch Glauben. Seine Zustimmung zum Dritten Reich stilisiert Salomon als erhabenen Stoizismus. Hitler ist uns auferlegt. Wir müssen ihn bis zum Ende ertragen. So etwa im Gespräch mit einem ehemaligen Mitverschwörer. Besonders schamlos im Gespräch mit den Mitgliedern der Roten Kapelle. Kaum ist eine Soirée mit denen überstanden, muss Solomons Lebensgefährtin Ille herhalten.

”'Ich will nichts mehr vom Erschießen hören. Ich will nicht. Ich will nicht, dass es so weitergeht, hier wird erschossen und dort, und wer erschießt wen. Ich will nicht!'(...) Sie stand mitten auf dem Bürgersteig der nächtlichen Friedrichstraße und schrie: 'ch habe genug von Revolutionen.'” (S. 399)

Das mitten im Bombenkrieg und in Erwartung der Dinge, die ohne Revolution sich ereignen sollten. Dieselbe Ille, dann vollkommen hingerissen von Eva Braun, der sie gesellschaftlich näher kommt. Auf die Frage, ob man nicht manchmal an Eva herantreten könne, um die größten Schweinereien zu beseitigen, entsetzte Abwehr, das könne man dem Mann - Hitler - nicht zumuten. Er habe zuviel um die Ohren. Das müsse Ille doch gerade als Frau verstehen. Sie verstand.

Das ist Version 1: Rechtfertigung für das Nichts-Tun. Version 2: Die Sache muss zu Ende geführt werden. Niemand darf dem Schicksal in den Arm fallen. Nichtstun als Heroismus. Gandhitum ohne Gandhi. Am Ende, nachdem alles passé, und Salomon mit heiler Haut durch Nichts-Tun davongekommen, der gezogene Hut: die hatten ja die mächtigste Idee der Welt hinter sich: den Bolschewismus. Natürlich ohne jede Konsequenz. Jetzt konnten sich Leser und Leserin ihre Rechtfertigung für die letzten zwölf Jahre herauspicken.

Weitere Entlastungsoffensive: Die Erfindung der Obergruppe Imming. So heißt die Putzfrau aus dem Berliner Wedding, die sich von der Gestapo nichts sagen lässt, das Herz auf dem rechten Fleck hat. Salomon und Göring verzeiht, dass sie Reaktionäre sind, weil eben mal Kadetten gewesen, aber dem Goebbels nicht. Und so weiter. Angeblich stellvertretend für 80 Prozent Deutsche, einschließlich Autor und Ille. Bei anderen Autoren oft durch den redlichen Taxi-Chauffeur oder den Möbelpacker ersetzt.

Schließlich der Clou: die Amerikaner kommen, zunächst von Ille begrüßt, dann aber entlarvt: sie sperren Leute ins Internierungslager, da vorlaut und unbesonnen auch Frau Ille ist. Verpflegung schlecht, Prügel. Hier greift Salomon noch einmal auf das Ethos seiner früheren Jahre zurück, so wie ihn Theweleit schildert. Er muss vermuten, dass - so wie er - auch Ille geprügelt wird und sinkt in sich zusammen: Das Urrecht, die Urpflicht des Mannes, seine Frau zu beschützen - dahin.

Anthropologisch versehrt erzählt Salomon unverdrossen dreihundert Seiten weiter. Das US-Internierungslager unterschied sich sicher nur wenig von deutschen Gefangenenlagern. Nur, was nur durch Berechnungen herauskommt: die gesamte Haft dauerte für Ille ein halbes Jahr, für Salomon ein ganzes. Allen Eingesperrten ein Trost im Weh: die Amis sind kein Haar besser. Wer siegt, zwiebelt, wo er kann.

Am Ende verlässt Salomon noch einmal die Trivialitäten des “Wir sind Schweine allzumal“ - ob German, ob US, und errichtet ein Heldenporträt. Das seines Freundes Ludin aus Lörrach, neben Scheringer der zweite Reichswehroffizier im Prozess 1930, hoher SA-Führer, am Ende Botschafter Deutschlands im neu losgetrennten Staate Slowakei unter dem Priester Tiso. Dieser Ludin besteht darauf, sich an die Slowakei zur sicheren Hinrichtung ausliefern zu lassen - war er nicht “des Reiches” Vertreter dort und hat er jetzt nicht einzustehen für alles? Das feierlich vorangestellte “Des Reiches” verfolgt den Leser über die letzten zwanzig Seiten. Also, es gab doch etwas, dem alle dienten, auch die Diener des Nichtstuns.

Auch Salomon nämlich diente - wie man gegen Ende erfuhr - immer nur dem Staat, nie der Bewegung. Wie man in actu das immer so schnell auseinanderhalten konnte, verrät Salomon nicht. Aber er bietet mit der Unterscheidung den bedürftigeren unter den Entschuldigung suchenden eine letzte Anschlussmöglichkeit. War das nicht Adenauers und der Seinigen Litanei: der Staat besteht als Anspruch und Verpflichtung mindestens in den Grenzen von 1938 fort. Mit dem Nebenakzent: Bewegungen - wie Götz Aly jetzt neu herausgefunden hat - sind Schlamm, Getriebe, Überschwemmungen:- Staat ehernes Gerüst, Zwangsapparat, Verlässlichkeit für immer.

Ist klar geworden, warum das Rowohlts erster Bestseller nach dem Krieg werden musste? Alle die alles mitgemacht hatten, konnten sich bestätigen, dass sie im einzelnen immer dagegen waren. Im Ganzen die Sache aber großartig, nur leider im letzten Augenblick in die Binsen gegangen. Neumann hatte in seinem “Behemoth” im Exil schon 1942 detailliert beschrieben, wie das Machtgefüge des Nationalsozialismus aus vier Machtsäulen zusammentrat, die jede gegen jede andere sich in erbittertem Widerspruch befanden. Nur unendliches Vorwärtsstürmen hinderte das Gebilde am vorzeitigen Zusammenfall.

Aus der Vereinigung des Unvereinbaren ergibt sich zwingend, dass jedes Individuum “dazwischen” eingeklemmt, sich dauernd im Zustand der Wut und des Protests befand gegen ein anderes Element. Zugleich musste es sich der ungeheuren Beschleunigung hingeben, um nicht selbst zerrissen zu werden. Salomon lieferte nachträglich die Verklärung dieses Zustandes. Jeder war dabei gewesen: doppelt stolz aufs Überlebthaben - und aufs Rechtgehabthaben gegen die Millionen anderen, gegen die er rotzte zwölf Jahre lang - und nach dem Krieg gleich wieder. Mit einem Wort: Der Fragebogen - das Hohelied des Ressentiments auf dem Sofa, ohne weitere Unannehmlichkeiten von Eisenhower oder Globke befürchten zu müssen.

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Die Rezension erschien zuerst im Februar 2008 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 12/2010)

Ernst von Salomon 1951:
Der Fragebogen. 19. Auflage.
Rowohlt Verlag, Reinbek.
ISBN: 978-3-499-10419-0.
672 Seiten. 11,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Vom Übernazi zum Edelfascho. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/780. Abgerufen am: 18. 05. 2021 04:35.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. Februar 2008
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Zum Buch
Ernst von Salomon 1951:
Der Fragebogen. 19. Auflage.
Rowohlt Verlag, Reinbek.
ISBN: 978-3-499-10419-0.
672 Seiten. 11,90 Euro.