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Überzeugungstäter und Brückenbauer

Buchautor_innen
Ulrich Herbert
Buchtitel
Best
Buchuntertitel
Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1986
Eine exemplarische Biographie eines überzeugten Nazis, der sich früh auf das post-faschistische Nachkriegsdeutschland vorbereitete.
Rezensiert von Fritz Güde

Mit Werner Best stoßen wir auf einen Typus, der die Herrschaft des NS über die immerhin zwölf Jahre seines Bestehens zugleich sicherte und doch Perspektiven zu entwickeln verstand für den Fall, dass das Reich in seinem gegenwärtigen Krieg unterliege. Die Auseinandersetzung mit Carl Schmitt zeigt diesen Grundzug am deutlichsten. Dieser ging zeitlebens vom Staat aus, als einem souveränen Gebilde, das seine Macht so weit erstreckt, wie es innerhalb des Machtgefüges der restlichen Welt möglich ist. So entwickelte er 1939 die Theorie vom “politischen Großraum mit Interventionsverbot fremder Mächte.” Modell für ein solches war ihm ausgerechnet die “Monroe-Doktrin”. Im neunzehnten Jahrhundert hatte Monroe sich scharf gegen die Metternichschen Tendenzen gewandt, sein Legitimitätsprinzip über den europäischen Kontinent weg nach Südamerika auszuweiten. Klar, dass hier von einer Wesensverwandtschaft der den amerikanischen Kontinent bewohnenden Völker weder der Tradition noch dem Erbgut nach die geringste Rede sein konnte. Es ging einfach um Machterhalt und Ungestörtheit eines bestehenden Staatsapparates in einem gegebenen Großraum. Heftige Kritik dagegen kam von Seiten der SS, den es fehlte das Volk in der Rechnung. Weder konnte die unendliche Expansion des deutschen Reichs mit Schmitts Konzept begründet werden ( Interventionsverbot ist strenggenommen ein defensiver Begriff) noch die “Notwendigkeit” der Beseitigung störender Völker in diesem Raum.

Zusammen mit Sixt, Stuckart und anderen Aufsteigern der SS machte sich Best daran, dem eine Gegenkonzeption entgegenzustellen. Nach Vorarbeiten in der Festschrift für Himmler zum vierzigsten Geburtstag im Jahr 1941 wurden die Ansichten in der eigens gegründeten Zeitschrift publiziert: ”Reich-Volksordnung-Lebensraum“. Ein grundsätzlicher Einwand gegen Schmitt war, sein Großraum könnte der jedes beliebigen staatlichen Machtgebildes sein. Der NS kommt darin gar nicht vor. Best dagegen arbeitet mit zwei Begriffen, die dem Vorstellungsleben eines Hitler und der Seinigen zunächst näher standen: Lebensgesetze und Völkerwillen.

Die Lebensgesetze sind die von “Mein Kampf” her bekannten: Neo-Darwinismus auf Großgruppen übertragen. Von Best entemotionalisiert: er kennt nur selten bessere oder schlechtere Völker, eigentlich sind alle mit Ausnahme der Juden und eventuell der Slawen gleich. Wer dann die Macht über andre erringt, erweist sich solange als Herrscher über diese, als er den Sieg verteidigen kann. Sehr passend zur Situation 1941. Deutschland siegte überall. Völkerwillen ist einmal abzusetzen von nur biologischen „Rassen“theorien. Die so stammverwandten Angelsachsen, die uns doch verstehen müssten, finden keinen Platz bei Best. Keinen Platz gewährt er aber auch allen Vorstellungen von einer diskutierenden Gemeinschaft, die erst über Diskussion und Theorie ihren gemeinsamen Willen bildet. Gerade das wird als Schwäche und Untugend der Weimarer Republik und ähnlichen Organisationen angerechnet. Das herrschaftstechnisch Ideale an Bests Volksbegriff ist, dass das Volk nicht zu Wort kommt und niemals gefragt wird. Es ist Sache der Elite, den Volkswillen zu erkennen und dessen Interessen durchzusetzen.

Die Theorie verschaffte dem Praktiker das permanente gute Gewissen, zwang ihm aber keine Handlungsmaximen auf. So verurteilte Best treu dem Volksbegriff zum Beispiel nach der Besetzung der Rest-Tschechei, dass den Tschechen eine Art Reichsbürgerrecht zuerkannt wurde. Damit war die Bindung an das Volk überschritten. Andererseits war die Besetzung der Tschechei, Polens, Russlands und anderer Länder völlig in Ordnung, denn sie geschah im Dienste des Lebensraums des deutschen Volkes.

Die Konzeption ließ systematische Ausrottung des Judentums zu, forderte sie geradezu. Modern und simpel ausgedrückt: Da Juden sich als prinzipiell nicht assimilierbar erwiesen, mussten sie auf jeden Fall das Reichsgebiet insgesamt verlassen. Im Fall der missglückten dänischen “Säuberung” konnte Best zumindest so tun, als sei er mit deren Entfernung aus dem Einflussgebiets des Reiches voll zufriedengestellt: in Schweden, das ihnen Aufnahme gewährt hatte, störten sie zumindest nicht mehr. Vergleiche dagegen die Selbstfanatisierung eines Goebbels und Hitler. Noch im Kriegswinter 1944 hatten sie nichts Wichtigeres zu tun, als sich gegenseitig am Kaminfeuer zu erzählen, dass erst der Jude die Lüge in die Welt gebracht habe. Vorher gab es keine. Da beide Staatsmänner sich öfter ihrer eigenen Täuschungskunst und Verlogenheit gerühmt hatten und weiterhin rühmten, ist der Vernichtungswillen hier über die deutschen Reichsgrenzen weg zu verstehen als Versuch einer qualvollen Auswerfung des eigenen schändlichen und verhassten Wesens. Solche Wallungen waren Best tatsächlich fremd. Was seine Art des Antisemitismus selbstverständlich nur methodischer machte, nicht weniger vernichtend gegenüber den Juden.

Mit dem Volksbegriff hatte Best ein Instrument erdacht, ganz verschiedene Herrschaftsformen gegenüber unterworfenen Völkern zu entwickeln, ohne sich selbst als opportunistisches Rohr im Wind vorzukommen. Je nach Art und Fügsamkeit des betroffenen Volkes unterscheidet er:

1. Bündnisverwaltung. Muster Dänemark. Das betroffene Volk behält sämtliche Institutionen: König, Beamtentum, Parlament (mit SP-Mehrheit). Regelung der Abhängigkeit läuft über Staatsvertrag. Vorteil: Man verbraucht sehr wenig deutsches Verwaltungspersonal, das an der Front nützlicher eingesetzt werden kann.

2. Aufsichtsverwaltung. Muster Frankreich bis 1943. Hier bleiben ebenfalls sämtliche Strukturen bestehen. Es entspricht aber jeweils einer deutschen Amtsstelle eine französische. Beispiel. Deutsche Gestapo orientiert die französische Polizei über das Vorgehen bei einer angeordneten Groß-Razzia. Funktionierte bis zum Überfall Deutschlands auf die UDSSR und der seither anwachsende Widerstandstätigkeit, bei deren Bekämpfung die französischen Behörden von Deutschland mit zunehmendem Misstrauen beobachtet wurden (Kollaborationsverdacht mit dem Feind).

3. Regierungsverwaltung. Das Führungsvolk übernimmt Regierung und Verwaltung ganz, überlässt allenfalls kleinere Organisationsaufgaben kommunalen Behörden. Beispiel Rest-Tschechei unter Heydrich und seinen Nachfolgern.

4. Kolonialverwaltung. Das Herrenvolk übernimmt Regierung und Verwaltung ganz, allerdings unter möglichster Reduzierung der Überlebensnotwendigkeiten der unterworfenen Bevölkerung. Beispiel vermutlich. Generalgovrnement Polen unter Reichsstatthalter Frank; Ukraine unter Gauleiter Koch usw.

Mit solchen Begriffsbildungen verschaffte Best dem Nazisystem das, was systematischen Berechenbarkeitsbedürfnissen einer jeden Verwaltung noch am nächsten kam. Gescheitert ist Best bei seiner Systematisierung daran, dass es innerhalb des Systems einen Punkt gab, der sich jeder Berechenbarkeit entzog: den absoluten Führerwillen, den Leute wie Best allererst zu Beginn der NS-Ära erzeugt hatten, um absolute Ellbogenfreiheit, gedeckt durch das Führerwort, zu erhalten.
Der Grundstein des Systems wurde zum Pflasterstein ins Fenster. Die Geiselfrage zum Beispiel: Nach den ersten Attentaten in Frankreich verlangte Hitler kategorisch ein bestimmtes Quorum von Sühne-Hinrichtungen. Militär in Frankreich und Best wiesen vergeblich darauf hin, dass die Verwandten und Gesinnungsgenossen der Hingerichteten notwendig sich neu in die Reihen der Resistance eingliedern würden. Wie es auch geschah. Noch härter in Dänemark: Nachdem Best im Auftrag des Außenminsteriums Reichsbeauftragter geworden war und es ab 1943/1944 erste Attentate gab, forderte Hitler nicht mehr nur Hinrichtung, sondern Einsatz von Todesschwadronen. Begründung: An die standrechtlich erschossenen Palm, Andreas Hofer und Schlageter erinnert sich noch jeder, weil gerichtliche Märtyrer. Wer heimlich abgeknallt wird und verscharrt wie ein Hund, an den denkt in der Woche danach keiner mehr. Eine Behauptung, die besonders verblüfft, weil man doch annehmen sollte, dass ein Schlageter - mit oder ohne standrechtliche Behandlung - kraft eigener Leuchtkraft ewig in deutscher Erinnerung bleiben müsse.

Best lavierte, wie er konnte. Er konnte seine reibungslosere Technik der ersatzweisen Deportationen Missliebiger aber nur kurze Zeit lang durchsetzen. Insofern ist Best mit Notwendigkeit an der Systematisierung dessen gescheitert, was ohne Willkürelemente nicht zu haben war. Doch Best dachte tatsächlich über den Bestand des NS-Systems hinaus. So argumentierte er unverschämt offen mit der Eventualität einer deutschen Niederlage in einem Zeitungsartikel, gedacht für die Dänen. Eine Kühnheit, die vielleicht nur er sich erlaubte. (Zur Erinnerung: Die eigenständige Diskussion über Kriegsziele und ein mögliches Kriegsende ohne Sieg war ausdrücklich verboten. Graf Herbert von Moltke wurde von Freislers Gericht zum Tode verurteilt, nur weil er über die Zeit danach “gedacht hatte”.)

Best schrieb nach Ulrich Herbert im November 1944 in der Nordschleswigschen Zeitung:

”Da in Bests Weltbild die Völker unabhängig von ihrer politischen Verfasstheit als 'primäre Erscheinungsformen des Lebens' weiterexistierten, würde es auch nach einer Niederlage eine politische Zukunft geben, und auch die Beziehungen zwischen dem deutschen und dem dänischen Volk würden weiter bestehen. Wer diese Tatsachen nicht erkennen will (...) treibt keine Realpolitik.” (S. 389)

Damit schlägt er die Brücke zu einem vorweggenommenen Nachkriegsdeutschland, ohne seine “völkisch-organischen” Denkgrundlagen preiszugeben. In welchem Umfang ist ihm der Brückenschlag gelungen?

Nach Kriegsende wurde Best in Dänemark in drei Instanzen erst zum Tode, dann zu fünf Jahren, dann zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Auf deutschen Druck 1951 begnadigt. Weiter nicht absonderlich: Mit der Wendung zum Kalten Krieg wurde die alte Frontgesinnung gegen den “Bolschewismus” aktiviert. Damit erlahmte der Wille der westdeutschen Justiz zur “Vergangenheitsbewältigung” - wie man damals zu sagen begann - für gute zehn Jahre.

Best, zurück in der BRD, dachte nicht daran, sich den kleinen Sekten der SRP und DRP anzuschließen. Mit einem Remer und anderen verkrachten Existenzen wollte er nichts zu tun haben. Es musste eine Partei der Mitte sein, anerkannt, nicht von vornherein ausgrenzbar. Also schloss sich Best sofort der nordrhein-westfälischen FDP an und versuchte dort zusammen mit dem Abgeordneten Achenbach, aus der Frankreichverwaltung wohlbekannt, sehr viele jüngere Mitglieder der SS und vor allem des Reichssicherhauptamtes in dieser Partei zu sammeln, in der Absicht, hier eine neue Massenbasis für das Völkische zu gewinnen als dritte Massenpartei neben SPD und Union.

Die deutschen Behörden stellten sich ahnungslos. Es bedurfte des Eingriffs der englischen Besatzungsmacht über Verhaftungen und einstweilige Verfügungen, dem Treiben ein Ende zu bereiten. Formell hatte Best zunächst im Rechtsanwaltsbüro Achenbach eine Stellung gefunden. Nach dem Coup gegen seine Kameraden ging er zu Stinnes über, bei dem er wohl offiziell als Syndikus arbeitete, tatsächlich aber als Organisator des “Generalamnestie-Ausschusses”. In ungeheurer organisatorischer Arbeit kontaktierte Best so ungefähr alle ehemaligen Bediensteten des RSHA.

Hinter dem Gedanken der unmittelbaren Hilfe für die alten Kameraden per General-Straferlass stand ein weiterer, allgemeinpolitischer. Es sollte das Gelände der Zeit eingeebnet werden. Vorgeschwebt hatte Best und anderen wohl etwas nach dem Modell des Westfälischen Friedens, in welchem die ehemaligen Kriegsparteien sich gegenseitig in die Hand versprachen, einander keine Tat aus der Kriegszeit, wie entsetzlich sie gewesen sein möge, in der Friedenszeit juristisch oder propagandistisch vorzuhalten. Nur dass der dreißigjährige Krieg schon lange vorbei war. Best lässt die Maßstäbe dabei bewusst außer Acht. Wie hätten das jüdische Volk, aber auch Polen und Russen vergessen können, was sie nicht nur als einzelnes Unrecht betroffen, sondern in ihrer Existenz bedroht und dem Willen nach fast vernichtet hätte.

Best blieb an seinem Glauben an die “völkische Substanz” kleben und versuchte durch Freischaufeln des Grundes der Zeit, Wegschaffung der Lasten der Vergangenheit, Raum zu schaffen für einen neuen Anlauf. In diesem käme es wieder darauf an, im Kräftemessen - ohne jede übergeordnete Idee von Recht oder gemeinsamer Freiheit - herauszubekommen, wer in Europa die Hegemonie erwerbe und von da aus erneut zum imperialen Ausgriff ansetzen werde.

Um dem Zeitgeist nach 1945 sich halbwegs anzunähern, entwickelte Best seine von Ernst Jünger als Schlagwort von ihm übernommene Haltung des ”heroischen Realismus” weiter hin zu einem ausgebleichten Existenzialismus. Tendenz: der Wissende sieht das Schicksal der Völker und vollzieht ihren Willen. Er wird - sicher oder vielleicht - scheitern, aber er hat keine andere Wahl. Existenzialismus sehr stark angelehnt an Heidegger, nicht an Sartre. Heidegger, von Fall zu Fall durchaus bereit, das Wort vom “Dasein” zu kollektivieren, und nicht das einzelne menschliche Wesen, sondern ganze Völker zur “Entscheidung” und zum “Vorlaufen” aufzufordern, passte gut in die Zeit nach 1945. Best lehnte sich an ihn an. Beide fanden in sich nie und nirgendwo den Willen zu einer analytischen Kritik des NS. Nach Best hatte Hitler allenfalls ab 1941 die Lebensgesetze missachtet und war deshalb untergegangen. Das änderte an der Fruchtbarkeit des Ansatzes nichts. Volksbezogene Machtpolitik! De facto verklärten beide Denker - Best wie Heidegger und eine Kohorte von Mitdenkern - die nötig gewordene Anspruchsermäßigung der Herrschaftsschicht zum rechthaberischen Scheitern, das einer Ermunterung zum heroischen Weitermachen verteufelt ähnlich sah.

Dass das keineswegs die Privatliebhaberei einiger Unentwegter in den fünfziger Jahren darstellte, sondern nahezu Staatsdoktrin, mag ein kleines Beispiel aus Bests immerhin nicht ganz ausgebliebenen juristischen Misshelligkeiten beleuchten. Die Entnazifizierungskammer in Berlin verurteilte Best im Jahre 1958 dann doch zu einer Geldstrafe von 70.000 DM. Best wandte sich an die nordrhein-westfälische Landesregierung. Diese verbot prompt Vollstreckung solcher Strafen aus dem fernen Berlin in ihrem Landesgebiet - ohne größeres Aufsehen. Am Ende bot Best höhnisch einen kleinen Kontobestand aus Reichsmarkszeiten, der in Berlin stehengeblieben war, dem Gericht zur Begleichung seiner Geldstrafe an. Letztlich kam er nach einigem Hin und Her auf eine Strafe von 118,45 DM. (vgl. S 490) Das als einzige wirklich verhängte Strafe für den Organisator sämtlicher Exekutions-Kommandos in Polen im Jahre 39/40 mit Tausenden von Opfern. Best ist erst 1989 gestorben. Er erhielt außer der erwähnten Geldsumme in der Bundesrepublik keine gerichtliche Strafe.

Die Verfahren wegen eines Fememords 1933 in Hessen wurden eingestellt wie das wegen Beteiligung an der Massenhinrichtung von Gefolgsleuten Röhms in München 1934. Wegen seiner Tätigkeit im RSHA wurde gegen Ende seines Lebens zwar Anklage erhoben. Bevor es zur Hauptverhandlung kam, konnte er sich dieser durch ärztliche Gutachten entziehen - wegen Haftunfähigkeit, teilweise auch wegen sehr verminderter Verhandlungsfähigkeit. Dessen ungeachtet lebte er danach noch an die zwanzig Jahre,in reger Tätigkeit als Prozesshelfer im Hintergrund für SS-Kameraden und ist 1989 im Alter von 86 Jahren unbehelligt dahingegangen.

Das Wichtige an seiner Gestalt, wie Ulrich Herbert sie beispielhaft herausgearbeitet hat, liegt in der Kontinuität seines Gebarens. Mag er im äußeren Auftreten auch ganz den Gestalten gleichen, die Theweleit als “kriegerische Männer” bezeichnete, mag er auch die selben Zusammenbrüche aufweisen, wenn ihn die Zustimmung der Mächtigen verließ. Was völlig fehlt, ist das Bedürfnis, den von Zerfall bedrohten Leib durch offenes Vorstürmen gegen den Körper des andern immer neu zusammenzuhalten.

Auch Littell lässt in seinen “Wohlgesinnten” Best auftreten und widmet ihm ab Seite 647 mehrere Seiten. Littell hat seine Hauptfigur von Aue recht genau nach dem Schema Theweleits konstruiert.
Was Best aber vom Konzept Theweleits und dem nach-gestückelten Aues unterscheidet, ist das Seinsgewicht der Theorie, beziehungsweise der systematisieren Versatzstücke einer Haltungs- und Lebenslehre. Best war einer der emsigsten Schreiber. Und dieses Schreiben verschafft ihm offenbar einen inneren Halt über alle Brüche und Unglücksfälle hinweg.

Mit seinen theoretischen Versatzstücken hat Best aber ganz anders auf die jeweiligen Zeiten - vor allem die des Nachkriegs nach 1945 - einwirken können, als dies nach Theweleits Modell den “kriegerischen Männern” hätte möglich sein können. Jeder einzelne ist dort auf seine konstitutionelle Körperlichkeit beschränkt. Was geht diese die anderen an?

Umgekehrt: Bests Begradigungstechnik der Geschichte, seine Einebnungskünste haben große Chancen, nachdem die Epoche der “kriegerischen Männer“ zu Ende ist, fundiert sich eine Haltung, die wieder im Kommen ist. Diejenige nämlich, genau die selben Wege zu gehen wie die deutsche Wehrmacht von 39- 45, bei heftigster Beteuerung des Gegenteils, ja mit der Lüge, der Überfall auf Jugoslawien geschehe eben, um endlich alle Überreste von “Auschwitz” zu sühnen - oder besser - von der Tafel der Geschichte zu wischen. Insofern könnte ein Best nicht gerade in seiner altertümlichen Diktion, aber in seiner Grundhaltung, demnächst durchaus von der “Jungen Freiheit” wiederentdeckt und gefeiert werden. Und nach gebotener Anstandsfrist in irgendeinem Organ der Bundeswehr Chancen als Namenspartron einer KSK-Kaserne bekommen. Oder wie wäre es, wenn man sich in Schäubles neuem BKA an einen alten Vorläufer, ersten Propheten des zugreifenden, erinnerte.

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Die Rezension erschien zuerst im Juli 2008 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 03/2011)

Ulrich Herbert 1996:
Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1986.
Karl Dietz Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-8012-5036-2.
695 Seiten. 28,00 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Überzeugungstäter und Brückenbauer. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/817. Abgerufen am: 21. 01. 2020 06:07.

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Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. Juli 2008
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Ulrich Herbert 1996:
Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1986.
Karl Dietz Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-8012-5036-2.
695 Seiten. 28,00 Euro.