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Staatsstreich

Buchautor_innen
Joachim Fest
Buchtitel
Staatsstreich
Buchuntertitel
Der lange Weg zum 20. Juli
Das Buch, das die gängige Auffassung sämtlicher Bundesregierungen zum 20.Juli zusammenfasst und in kanonischer Form darstellt.
Rezensiert von Fritz Güde

Wer erinnert sich daran, dass Joachim Fest einmal Chefredakteur des PANORAMA war, und in den sechziger Jahren wegen unliebsamer Kritik sozusagen von einem Tag auf den andern seine Kündigung erhielt. Niemand anders als die Kolumnistin von KONKRET, Ulrike Meinhof, empörte sich damals dagegen und rief zu einer Kundgebung vor dem Funkhaus auf.

Lang ist das her - und Fest hat einen weiten Weg zurückgelegt: Zu seiner Hitlerbiographie mit anschließendem Film über die langjährige Redaktion des Feuilletons der FAZ und seine Rolle im damaligen Historikerstreit bis endlich zu den Büchern über den 20. Juli und schließlich zu dem über Hitlers letzte Tage, das dem Film Der Untergang zu Grunde liegen soll. Inzwischen ist er zum Bündelschnürer des Gültigen geworden, nicht ausgesprochen rechts, allenfalls Vertreter eines abgewogen Erhabenen, das sich für überzeitlich gültig hält.

Das Buch „Staatsstreich" ist 1994 herausgekommen und erlebt eben jetzt eine Neuauflage als Taschenbuch. Trotz seines frühen Erscheinungsdatums enthält es immer noch das im Konzentrat, was alljährlich bei den Gedächtnisfeiern und Massenvereidigungen im Bendlerblock in Berlin zu hören ist. Die Überschrift verrät schon zweierlei: Es ist nicht an eine Darstellung des Gesamtwiderstandes gedacht, sondern fast ausschließlich an die des Militärs. Nur Militärs schaffen Staatstreiche, die anderen Revolutionen. Und der Hinweis auf „den langen Weg” im Untertitel unterstreicht noch einmal, dass es nicht um Widersprüche in der Bevölkerung oder gar der Klassen im Dritten Reich gehen soll, sondern ziemlich ausschließlich um solche in der deutschen Wehrmacht.

Vernachlässigt wird beim Blick auf die Wehrmacht, dass diese schon als Reichswehr keineswegs so unpolitisch war, wie sie sich zu geben liebte. Vielmehr hat sie von der Niederschlagung der Revolution von 1918 über den Einmarsch in Thüringen und Sachsen 1923 und in der Forcierung der Anklage gegen Ossietzkys angeblichen Landesverrat immer wieder die Kräfte gestärkt, die vielleicht nicht geradezu zurück zur Monarchie wollten, aber im Wesentlichen die alte Klassenherrschaft von vor 1914 zu stützen und zu restaurieren suchten.

Fest sieht genau den Selbstbehauptungswillen der Reichswehr im Jahr 1933, der zu massenhafter Zustimmung zum Regime des Mannes führte, der ihnen neue Waffen, neue Stellen, neues Ansehen versprach - von vielen deutlich erkannt, aber gebilligt: auch neue Kriege.

Den letzten Aspekt - Ausrichtung im Heer auf neue, konsequentere imperialistische Kriege im Osten - sucht man bei Fest vergebens. Er schildert richtig, wie Hitler zu Beginn seiner Herrschaft dem Heer wenig aufzwingen musste, weil dieses in Gestalt des nichtnazistischen Blomberg aus reiner Selbstbegeisterung alles von alleine tat, was die Nationalsozialisten nur träumen konnten (Übernahme des Hakenkreuzes, Übernahme des Beamtengesetzes gegen jüdische Offiziere usw.).

Im Wesentlichen gibt es bei Fest nur die langsam übertölpelte und unterworfene Wehrmacht, nicht aber die wollende, die nach Rückeroberung alter und Eroberung neuer Gebiete schrie. Die muss es ja wohl auch gegeben haben. Mansteins Sichelschnittplanung zur schnellen Niederwerfung Frankreichs 1940 setzte einige Vorüberlegungen voraus. Von da aus entwickelt Fest seinen langen Weg - von der Kränkung der Übertölpelten zur Angst vor einer zweiten Niederlage nach der von 1918 in der Krise 1938 bis hin zur Auflehnung gegen den Russlandfeldzug aus ähnlichen, berechtigten und realistischen Überlegungen.

Fest lässt von den 1994 bekannten Fakten nichts aus. Mit seiner in Jahren der FAZ-Stilkunst verfeinerten Schreibweise suggeriert er immer wieder gewisse Sichtweisen, ohne sie auszusprechen. Dazu dienen zunächst die in der FAZ geschätzten Plurale von abstrakten Begriffen, die sonst nur als Singularität existieren. Etwa „Aufgeregtheiten”. Bei Fest wimmelt es von: „Bedenklichkeiten”, „Egoismen” usw. Der Kreisauer Kreis um die Moltkes gerät durch bloße Stilmittel ins Licht eines „Verschwörungskränzchens”, einer Gruppe bloßer Theoretisierer. Erst Karl Heinz Roth hat in seinem Sammelband „Schwarze Kapellen...” sich die Mühe gemacht, die wirklich bahnbrechenden und neuen Überlegungen eben dieses Kreises herauszuarbeiten, die ganz entschieden über Goerdelers Eintopf aus Erinnerung und gutgemeinter Absicht hinausgingen.

Direkt unverschämt die Bewertung der „Roten Kapelle”, die sich schließlich zu genau so großen Anteilen aus Wehrmachtsangehörigen zusammensetzte wie die Offiziersverschwörung.

„Die Gesinnungsbedürfnisse dieses überwiegend intellektuell geprägten Zirkels, dessen Mitglieder der einen Ideologie den Vorzug vor der andern gaben und über alle Gemeinsamkeiten der Herrschaftspraxis den verhüllenden Schleier politischer Philosophismen legten oder gar den alten Traum von der historischen Sendung der beiden 'tiefen' Kulturvölker gegen die platte Welt des Westens weiterträumten, waren nur auf Unverständnis gestoßen” (S. 237).

Und das bald zehn Jahre nach Peter Weiss' Ästhetik des Widerstands. Fests Verweis trifft ebenso das Komitee „Freies Deutschland” aus Kriegsgefangenen in der UdSSR. Den Aufschrei Stauffenbergs „Ich betreibe Hochverrat, die aber Landesverrat” schreit Fest im Herzen mit. Als wäre in einer solchen Situation der Unterschied überhaupt aufrechtzuerhalten. Bei linken Tendenzen lässt Fest nicht mit sich spaßen. So wird allen Ernstes der illegalen KPD vorgeworfen, dass sie von Spitzeln unterwandert war - und dass der Kontakt mit ihr den edlen, aber leider sozialistisch verdämmernden Reichwein in die Fänge der Gestapo gebracht habe. Breiter Volkswiderstand wie in anderen europäischen Ländern wurde von den Verschwörern des 20. Juli nicht gesucht, geradezu gefürchtet. Auch in diesem Punkt pflichtet ihnen Fest durch die Art der Darstellung bei. In seiner Selbstdarstellung „Der Fragebogen” lässt Ernst von Salomon, der Inbegriff des opportunistischen Mitläufers der Nazis von rechts, seine Frau Ille nach einem Abend mit unvorsichtig plauderfrohen Verschwörungs-Beteiligten mitten auf der Straße ausrufen: „Ich will keine Revolution! Ich will meine Kleider, mein Rouge und nicht wieder hungern”. Ganz wie sie zieht Fest - wie etwa ein Adenauer - die blutige Selbstzerstörung des Reichs der wahrscheinlich weit weniger blutigen Volkserhebung vor. Das Volk muss druntenbleiben - das galt 1944 und 1994 immer noch.

Mit Recht verweist Fest darauf, dass die adlige und großgundbesitzerische Herkunft der Mehrzahl der Verschwörer nicht denunziatorisch eingesetzt werden darf. Moltkes etwa mit ihrem riesigen ererbten Besitz traten offen für Aufteilung der Güter nach dem Umsturz ein. Das ändert nichts daran, dass die Konservativen, die vor 1938 Kontakt zu London suchten, sich in ihren Gebietsforderungen von Hitler nur wenig unterschieden. Im Großen und Ganzen sollte es Deutschland von 1914 sein, um Österreich erweitert, etwa auch um das Sudetengebiet. Hugh Dalton kennzeichnete diese Gruppe mit Recht als „Sorte fleischfressender Schafe”. Das ist ein Wort Thomas Mores aus der UTOPIA und meint die Großgrundbesitzer, die Pächter vertreiben, um auf ihrem Landbesitz durch Schafzucht viel mehr zu verdienen. Mochten die ehemaligen Pächter drüber auch zu verhungernden Bettlern werden! Insofern wurde der Klassencharakter der Kreise, die später die Verschwörung trugen, von außen her klar sichtbar, was Ausnahmen nicht ausschließt.

Dass die Entschlossenheit zum Widerstand erst in dem Augenblick breitere Zustimmung in diesen Kreisen fand, als der Krieg offenbar verloren war, will Fest nicht gelten lassen. Er argumentiert: 1938 - zur Zeit von Hitlers Siegen - hätten die Militärs doch schon Widersetzlichkeit geplant. Er vergisst nur, dass es damals eben nicht zur Tat kam, weil die Lage für diese Kreise nicht so bedrohlich war.

Bei Italien schwankt Fest keinen Augenblick: die dortigen Militärs und Faschisten stürzten Mussolini, weil sie retten wollten, was gegenüber den Amerikanern zu retten war. Warum sollten die Überlegungen in Deutschland so anders gelaufen sein? Weniger unter den breit diskutierten Moral- und Ehrenvorstellungen betrachtet, mehr nach der Nützlichkeit hätte eine rechtzeitige Revolte auch aus diesem realistischeren Grund Hunderttausenden das Leben gerettet. Und könnte heute mit weniger Tam-Tam erinnert werden.

Fests Buch - bei aller Genauigkeit im Detail - leidet an einem Grundwiderspruch. In der Gesamtdarstellung kommen die Leute, die nach Gründen suchen, die über die Zeit danach nachdenken, schlecht weg: Kreisauer Kreis, Goerdeler usw. Begeistert schreibt Fest nur über die, die entschlossen waren, tatkräftig, ja zum Teil bedenkenlos. Das betrifft vor allem von Tresckow und Stauffenberg selbst. Sie werfen alle „Bedenklichkeiten” von sich, sie handeln. Nur in der Schlussbewertung entwertet Fest eben dasjenige Handeln völlig, das realen Eingriff in die materiellen und gesellschaftlichen bedeuten würde. Nach der Invasion gab Tresckow den Satz aus: die Tat muss gewagt werden, „coûte que coûte” - um der Nachwelt willen. Fest sieht es genau so. Die vorher gerühmte Tatwilligkeit wird spurenlos entwertet. Nur das Symbol soll bleiben, das bloße Zeichen - böse hinzugefügt: zur Reinwaschung der Überlebenden. Genau zu diesem Zweck dient das Attentat in der Republik seit den neunziger Jahren. Das Messbuch dieser Gedenkrituale hat Fest geschrieben. Sein letzter Satz das Zitat von Bonhoeffers Bruder: „Ich glaube, es war gut, dass es gemacht wurde, und vielleicht auch gut, dass es misslang”. Damit gibt Fest den Leitfaden zur Rezeption allen Widerstands in der deutschen Geschichte! Er darf erinnert werden, aber nur eingeweckt als Konserve. Nicht zum Verzehr geeignet. Eben: Symbol. Es gibt als Gedächtnisstütze die Gräte, aber beileibe nicht den ganzen Fisch!

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Die Rezension erschien zuerst im Juli 2006 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ps, 01/2011)

Joachim Fest 2003:
Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli.
btb Verlag, München.
ISBN: 978-3-442-72106-1.
416 Seiten. 10,00 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Staatsstreich. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/734. Abgerufen am: 15. 08. 2020 00:21.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. Juli 2006
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Zum Buch
Joachim Fest 2003:
Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli.
btb Verlag, München.
ISBN: 978-3-442-72106-1.
416 Seiten. 10,00 Euro.