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Sloterdijks Opfer Safranski beim Romantikfleddern

Buchautor_innen
Rüdiger Safranski
Buchtitel
Romantik
Buchuntertitel
Eine deutsche Affäre
Safranskis Versuch, weise die Epoche zu deuten, erweist sich als katastrophal.
Rezensiert von Fritz Güde

Zusammen mit Sloterdijk betreibt Safranski im Fernsehen seine Philosophie-Abgewöhnungsstunde. Das fordert viel. Sloterdijk führt das große Wort, Safranski bleibt in der Hinterhand. Offenbar hat ihn das beunruhigt. Er hatte in früheren Jahren ausgezeichnete Biographien geschrieben, später immer noch lesbare. Jetzt sollte doch auch mal eine Epochendeutung her, wie Kamerad Sloterdijk sie dutzendweise aus dem Ärmel schüttelt. Da Safranski sich schon als Student und Assistent mit der Romantik beschäftigt hatte, lag es nahe, die Reste von damals zu verwerten. Und zugleich sollte es was Zeitgemäßes werden. Also frisch, Nazis und 68er zugleich als Romantiker erwischen und verurteilen. Der neue Bestseller ist fertig. Und wird in Politikerkreisen schon gefällig zitiert. Die Fischers, Künasts und Vollmers, alle in jungen Jahren etwas politischer als heute, fanden Gelegenheit, sich milde und geschmeichelt vom als romantisch hingestellten Jugendbild zu verabschieden.

Damit das Kunststück gelang, musste erst einmal der literarische Fachbegriff “Romantik” erweitert werden um einen flachgebügelten “das Romantische”. Wir kennen Begriff zwei aus der Werbung vom “romantischen Nachthemd” zu tragen im “Romantic-Hotel” zum “romantischen Dinner”. Alle zusammen Erwecker vager Assoziationen: Leben wie in einem Roman. Dass die wirklichen Schriftsteller der Epoche Romantik mit dieser Art Verschnitt am wenigsten zu tun haben, weiß Safranski besser als jeder andere. Um doch eine Verbindung zwischen beiden Begriffen hinzubekommen, muss er den Schriftstellern der Epoche Romantik sorgfältig alle zeitpolitischen Bestrebungen herausoperieren. Bei solchen wie Kleist, wo Politik unleugbar eine lebensbestimmende Rolle spielte, wird sein Aufruf zum Kampf gegen Napoleon einfach Intensitätssteigerung. Hat eigentlich mit dem wirklichen Napoleon und der wirklichen Massenbewegung gegen ihn nichts zu tun. Nichts auch die Rezeptionsgeschichte, die selbst extrem politische Aussagen enthält. Heute denken wir uns den “Prinz von Homburg” oft als Verherrlichung des Großen Kurfürsten und damit des gesamten Hohenzollerngeschlechts. In Wirklichkeit hatte das Stück in Berlin am Hoftheater bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts Aufführungsverbot. Warum? Der Prinz von Homburg bebt im vierten Akt vor dem Tod. Todesangst ist bei einem preußischen Offizier unmöglich. Also weg mit solchen Beleidigungen!

Bei den anderen Dichtern scheint Entpolitisierung leichter. Safranski verwendet einfach zur Charakterisierung direkte Selbstaussagen der Betreffenden, in denen sie sich abfällig gegen das damalige Treiben äußern. Dazu gab es viel Anlass, entsprechend viele Weltabwendungserklärungen. Safranski übersieht, dass auch das Unpolitische politisch wirkt. Nehmen wir Der König und die Königin von Novalis. Dem jungen Königspaar sinnt darin der Dichter an, Inbegriff des Republikanischen zu sein. Es soll sich kein Blatt Papier zwischen Regentenpaar und Untertan schieben. In einem Akt kollektiver Identifikation sollen alle Preußen sich als königlich empfinden. Reaktion des beglückten Paars: “Der Neveu von Minister Hardenberg hat da etwas herausgegeben. Man mutet uns als königlichen Personen doch allzu viel zu.” Missvergnügen! Und zu Recht. So sehr der Text sich gegen Verfassungsbestrebungen und gegen die Tendenzen der französischen Revolution wendet, es doch mal ganz ohne Regenten zu probieren: Er setzt eine Aktivbeteiligung der Untertanenschaft am Regierungsgeschäft,voraus, wenn auch nur nachfühlend, die den bürokratischen Betrieb entschieden stören musste.

In diesem Sinn werden alle Vertreter der “anderen Romantik” gewissenhaft ausgeschlossen aus der Betrachtung. Zum Beispiel das Werk der Bettina von Arnim, Frau und Schwester zweier der bedeutendsten Dichter der Epoche. In ihr Sammelwerk dies Buch gehört dem König (Friedrich Wilhelm IV) hat sie zunächst rührende Gestalten sich um das Bett des schlafenden Königs sich sammeln lassen: Der Ungar, Der Böhme usw. - daneben auch: Der Proletar. Sie alle verlangen Gehör. Neben diese mehr allegorisierende Erfassung der Kämpfe der vierziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts schiebt sie aber ein eine der ersten reportagehaften Statistiken über das Vogtland, eins der ersten Slums der Zeit. Das aus dem Kontext gezogene “Armenbuch”, von revolutionär gesonnenen Leuten sofort separat veröffentlicht, wurde polizeilich augenblicklich beschlagnahmt - bei der persönlichen Bekannten des Königs aus Kronprinzentagen traute man sich nicht.

Am peinlichsten und auffälligsten das Verstecken des Politischen in der Darstellung E.T.A. Hofmanns. In seiner Biographie, erschienen als erste der ganzen Reihe von Safranski im Lauf der Zeit verfassten, wird ausführlich deutlich, wie E.T.A. Hofmann in seiner letzten veröffentlichten Novelle Meister Floh direkt die Demagogenverfolgungen anging. Seine Hauptperson hatte ins Tagebuch geschrieben “war mord(s)faul“. Die Polizei unter Kamptz las voll sittlicher Entrüstung: “Inkulpat bekennt, sogar zum Morden zu faul gewesen zu sein.”.Eben diese aus den Akten übernommene Stelle führte dann zu dem bekannten Disziplinarverfahren wegen “Dienstgeheimnisverletzung”. Kamptz hatte sich in dem Knarrpanti der Novelle erkannt. Hofmann entzog sich durch Tod.

Über dieses Detail hinaus politisch unübertroffen die Darstellung der Beamten- und Justizwelt als eine der Gespenster. Das Abgestorbensein zu Lebzeiten der Schnüffler und Verfolger hat keiner so erkannt und dargestellt wie Hofmann. Darin erwies gerade er, der Dichter, sich als der allseitig Wahrnehmende, die Assessoren und Aktuare aber im Leben wie im Buch als diejenigen, die nichts mehr mitbekamen außer dem, was sie selbst in ihren Akten vermerkt hatten. Der Vorwurf der Weltvermeidung, den Safranski implizit seinen Romantikern macht, trifft nicht den Darsteller, sondern die dargestellten Figuren in vollem Recht.

Hätte Safranski sich nicht so eng auf die deutschen Romantiker beschränkt, hätte er den schreienden Realismus gerade der größten Dichter, die dieser Schule zugerechnet werden, nicht übergehen - und übersehen können. Nur an Gogol sei erinnert! Seine Novellen, von Gespenstern durchirrt, seine “Toten Seelen” zeigen die Deformation in der Armut des damaligen Russland in bitterster Anklage. Die Aufkäufer und Verkäufer der “Toten Seelen”, der toten Leibeigenen, die noch im Register geführt wurden und auf die man Geld aufnehmen konnte wie auf sonst ein Besitztum; haftet an ihnen - in ihrer Hast, ihrer Gier - nicht penetrantester Leichengeruch? Das Urteil schon über das damalige Russland: Dass es in seiner gesellschaftlichen Formation an sein Ende gekommen war, ließ sich nur über den stechenden Blick des Außenstehenden erfassen. Keineswegs von dem, der an der “Realität” dieses Treibens teilhatte. Davon ist wenig bis nichts übriggeblieben schon bei der Darstellung der Schriftsteller der Epoche selbst. Schade! Ausradiert nach solchen Anfängen - nur um der billigen aktuellen Wirkung willen.

Kleine Anmerkung zum Heinebild Safranskis: Heine ist schon bei der sabotierten Heine-Preis-Verleihung an Handke in alle Richtungen gedehnt, gezerrt und gezogen worden. Mit Recht bezeichnet Safranski Heine als letzten Romantiker - der zugleich Romantik überwinden will. Er referiert das letzte Vorwort der französischen Übersetzung von “Lutetia”, in dem Heine voraussieht, dass ein altes Weiblein in der künftigen gerechteren Welt seinen Tabak in einer Tüte heimtragen wird, gedreht aus einem Blatt seines “Buchs der Lieder”. Was Safranski nicht wiedergibt, ist Heines schließliche Zustimmung zum Untergang, nicht nur, weil kein Mensch hungern soll, sondern weil die Kommunisten, wenn sie denn anrücken, all seine alten Feinde als erste am Schlafittchen packen werden, all die verdrucksten Lobredner des Metternichsystems - samt diesem selbst. Insofern ist der Dichter Heine hier keineswegs nur der Erliegende, sondern einer, der weiß, dass er seine Zeit gehabt hat, und dass, was er im Gedicht verhüllte, nun in der Wirklichkeit vollstreckt wird.

Insgesamt wäre der Darstellung Safranskis entgegenzuhalten, dass einmal die romantischen Stilmittel des “Schweifenden”, ”Schwebenden” von sämtlichen Dichtern der Epoche genau so verwendet wurden. Goethes Faust II und sogar Schillers Jungfrau von Orleans arbeiten mit ziemlich ähnlichen Mitteln der Verfremdung, des Außenblicks, der Übernahme von Sprachformen und Figuren außerhalb des Raums der griechisch-römischen Antike. Umgekehrt sind Schillers und Goethes Versuche, sich auf ihr souveränes Ich und ihren Eindruck von der Sache zu berufen so auffällig wie die der Romantiker, die sich explizit auf Fichte berufen.

Damit nämlich kommen wir zum zweiten - katastrophalen - Teil des Buchs, wo die immerhin noch untersuchbare Stilrichtung der Dichtung zwischen 1800 und 1830 endgültig verbrosamt und zerflattert in etwas auf der Tischplatte Zusammengepustetem. Die politische Kritik von Löwenthal und anderen richtet sich gegen Selbstmächtigkeit und Absolutsetzung des eigenen Ich, die dann haftbar gemacht werden für alles Schiefgegangene in der Politik seit 1900. Wenn da auch Plessners Verspätete Nation herangezogen wird, zeigt sich sofort, dass das sich keineswegs ausschließlich auf die Epoche der Romantik oder das Romantische richtet, sondern auf die Entwicklung der deutschen Geschichte seit der Reformation und der damit verbundenen konfessionellen Spaltung.

Wie locker Safranski in der Benutzung des von ihm eingesetzten All-Erklärungs-Mittels Romantisch umgeht, zeigt sich an seiner Behandlung des Flottenprogramms unter Wilhelm II. Die Matrosenanzüge kommen zu Ehren, dass Kaiser Wilhelm sich als Mann beweisen musste und dass die Aufstiegs-Chancen zur See für Bürgerliche größer waren. Kein Wort aber über Imperialismus, konkrete Bestrebungen, sich Kolonien in Übersee zu sichern, deren Eroberung und Erhalt ohne Kriegsflotte nicht denkbar war. Der Kern der Sache wird ausgelassen, die Verzierungen bleiben.

Quälend das Resumé, in welchem Voegelin, Isaiah Berlin und Lukacs als Verurteiler der Romantik herhalten müssen. Alle drei kritisieren angeblich den Verstoß der Romantiker gegen das Objektive: "Für Berlin handelt es sich um die Objektivität des moralischen Konsenses, bei Voegelin bedeutet sie die Verantwortung vor Gott und bei Lukacs die 'objektive Dialektik des Geschichtsprozesses'." (S. 365) Dass die zwei ersten moralisierende Forderungen stellen, während Lukacs eine objektive Abweichung, das Verfehlen einer in der Geschichte wirklich angelegten Tendenz konstatiert, kommt in dieser Formulierung nicht mehr vor.

Ähnlich wird oft schnell aus den Vorräten serviert. So wird Hannah Arendts ohnedies brüchiges “Zusammengehen von Elite und Mob” gleich für die französische Revolution umschweiflose statuiert, während Arendt es für die Epoche als wesentlich ansah, die sie “totalitär” nannte. Auf Seite 249 wird Lenin haftbar gemacht für den Ausdruck ”stählerne Romantik”, der später ganz richtig als eine Neu-Version von Goebbels erkannt wird.

Was genau an der 68er Bewegung das “Romantische” gewesen sein soll, wird aus dem Buch selbst nicht klar. Es gibt ein späteres Interview mit Voss in 3sat. Da gibt Safranski eine Kurzfassung:

"1789 stürmte das französische Volk die Bastille und im Anschluss rollten in Frankreich die Köpfe. In Deutschland bewunderten die oft sehr jungen Romantiker (erste Parallele zu 68) die Revolution, versprach sie doch das Ende der Knechtschaft und die ungestörte Entfaltung eines jeden 'Ich'. Politik wurde erstmals nicht als Schicksal begriffen, sondern als veränderbar (hier die zweite Parallele zum Nachkriegsdeutschland) Aus der Frühromantik sprach eine Verachtung des Monetären. Der Mensch könne sich nicht entfalten, das 'Ich' werde durch den bürgerlich-kapitalistischen Staat verstümmelt. Die Romantiker setzen die Poesie gegen das Nützlichkeitsdenken (dritte Parallele zu 68)."

So war das also. Dass Mai 68 in Frankreich erst ausbrach, als in Berlin schon alles lichterloh brannte, muss hier kurz ausgeblendet werden. Die Meinung, Politik könne die Welt verändern, scheint auch älteren Datums. Viele, die Safranski noch nicht gelesen haben, schieben sie Aufklärern verschiedener Couleur zu. Auch Marxisten vor der Studentenbewegung kämen allenfalls in Frage. Und setzten die 68er wirklich die Poesie als Hauptwaffe ein gegen „Nützlichkeitsdenken“? An anderen Stellen fällt Safranski ein, dass die ganze Literatur und Poesie 68 und später einen außerordentlich schweren Stand hatte bei seinen Mit-Studis, und dass alle eher nach den blauen und braunen Bänden griffen. Dass schließlich fast alle Romantiker nur zu Beginn der französischen Revolution für diese eintraten, später aber dagegen - sollen wir daraus schließen, dass die Fischers, Künasts usw. in ihrem Taumelschwung schon von Beginn der Bewegung an eingeplant waren?

Die Schwäche des letzten Teils, der am meisten Zustimmung fand bei Unwissenden, liegt im Erschließen der Welt aus Büchern. Safranski hat als Jahrgang 45 und Assistent an der Universität diese Zeit wohl intensiver selbst miterlebt als jeder andere. Davon - außer einer kurzen Demo-Beschreibung - kein Wort. Dagegen wird Schelsky zitiert mit seiner „skeptischen Generation“ von 1958. Um die Plötzlichkeit des Umschwungs zu betonen. Tatsächlich war der Tatbestand, den Schelsky konstatierte, ohne weiteres bei damals Dreißigjährigen aufzufinden. Nur, dass er weder Staatsbejahung noch Applaus für die deutschen Zustände bedeutete, sondern äußerste Distanz. Distanz, aus der sich ohne Konversion, ohne Übertölpelung von außen Gegnerschaft, Kritik und Widerstand entwickelten, als die Verhältnisse dem zunächst leise gehegten Verdacht immer mehr zu entsprechen begannen.

Insgesamt ein irreführendes und verdunkelndes Werk. Eines, das traurig macht, weil es mehrere aus besseren Tagen des Autors auslöscht. Eines, das sicher in nächster Zeit auf Kanzel und Rednertribüne immer wieder zitiert werden wird, um vor allen Anwandlungen zu warnen, die sich gegen den Trott der gegenwärtigen Entwicklung der Politik richtet. "Romantik - Vorsicht!" - "Romantik -pfui Teufel". Das ist die Gebrauchsanweisung, die der Autor, vielleicht leichtfertig, vielleicht mit Absicht, seiner „Romantik“ mitgegeben hat.

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Die Rezension erschien zuerst im Dezember 2007 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 3/2011)

Rüdiger Safranski 2007:
Romantik. Eine deutsche Affäre.
Carl Hanser Verlag, München.
ISBN: 978-3-446-20944-2.
416 Seiten. 24,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Sloterdijks Opfer Safranski beim Romantikfleddern. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/797. Abgerufen am: 07. 08. 2020 18:01.

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Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. Dezember 2007
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Rüdiger Safranski 2007:
Romantik. Eine deutsche Affäre.
Carl Hanser Verlag, München.
ISBN: 978-3-446-20944-2.
416 Seiten. 24,90 Euro.