Schuss ins Blaue
- Buchautor_innen
- Christoph Bartmann
- Buchtitel
- Attacke von rechts
- Buchuntertitel
- Der neue Kampf um die Kultur
Wer im Kulturkampf der Rechten lediglich einen Angriff auf den liberalen Kulturbetrieb erkennt, unterschätzt die Reichweite rechter Kulturpolitik.
Ist von „Kulturkampf“ die Rede, dann ist es um die an Fortschritt interessierte Debatte schon geschehen. Fronten mit gegensätzlichen politischen Positionen haben sich bereits aufgebaut. Und mit jedem weiteren gescheiterten Austausch türmen sie sich höher auf. Die Verfechter*innen der einen oder anderen Meinung stehen sich in Unversöhnlichkeit gegenüber. Dieser kulturkämpferische Diskursmodus läuft in unserer Gegenwart fast schon auf Autopilot und wirkt im digitalen Raum noch verbissener.
Der Kulturkampf zeigt sich aber auch an einem bestimmten Repertoire kulturpolitischer Themen, die wiederkehrend bespielt und bisweilen ausgeschlachtet werden. Seien es Fragen von Gender, Klimapolitik, Medien oder („Hoch“-)Kultur: Hier will vor allem die politische Rechte Geländegewinne gegenüber einem (links-)liberalen Establishment verzeichnen. Und sie tut das mit Erfolg.
Lust an Zerstörung
Christoph Bartmann, Autor und ehemaliger Leiter der Goethe-Institute in Kopenhagen, New York und Warschau, stört sich an diesen demokratischen und diskursiven Abgründen. Gerade sein Feld der Kulturarbeit steht unter regelmäßigen Angriffen von rechts – er sollte damit als ein Kenner eben jener Kulturkämpfe, ihrer Akteur*innen sowie ihrer Abläufe gelten. Doch diese Annahme bewahrheitet sich nach der Lektüre seines Buchs „Attacke von rechts“ nicht. Die Schrift von gut 150 Seiten wirkt unscharf und etwas aus der Zeit gefallen. Und das sogar, obwohl Bartmann darin auch Beispiele jüngster Kulturstreits anführt, wie etwa um das von der Alternative für Deutschland (AfD) angefochtene Weltkulturerbe Bauhaus in Sachsen-Anhalt. Es wirkt, als habe Bartmann die Mechanismen des Kulturkampfs und seiner Bedeutung für die Rechte nicht gänzlich begriffen.
Der Autor hält zuerst einmal treffend fest, dass es einer Partei wie AfD um die Störung des – verhassten liberalen – Politikbetriebs geht. Kultur im weitesten Sinn ist für sie dabei oft das Feld der Wahl: Hier können sie am einfachsten Punktegewinne erzielen. Aber nicht, weil Liberale und Linke der Rechten hier das Zepter überlassen haben, wie Bartmann meint, sondern weil die Rechte sich hier am besten zu inszenieren und in Opposition zum herrschenden Politikbetrieb zu stellen weiß. Wo sie kann, stellt sie parlamentarische Anfragen und versucht unliebsamen Akteur*innen aus Kulturbetrieb und Zivilgesellschaft die Finanzierung und den gesellschaftlichen Rückhalt streitig zu machen.
Die Blockade oder gar die Zerstörung der etablierten Institutionen ist Bartmann zufolge dabei nicht das einzige Ziel der Rechten. Es gehe ihr um das Erringen „kultureller Hegemonie“ – ein Konzept, das die Neue Rechte einst vom marxistischen Intellektuellen Antonio Gramsci übernahm. Das heißt für die Rechte, so lange den Kampf um die Köpfe und die herrschenden Ideen zu führen, bis sie zu realer politischer Macht gelangt. Diesen Kampf um kulturelle Hegemonie setzt Bartmann voreilig mit dem Kulturkampf gleich, der nur ein Mittel gesellschaftlicher Einflussnahme darstellt. An anderer Stelle unterstellt er der AfD, sie wolle über die Machtmittel des Staates zur Hegemonie gelangen. Doch ist Hegemonie gerade die politische Führung, die ohne Zwang funktioniert. Die Menschen folgen aus eigenem persönlichen oder gesellschaftlichen Interesse. Da merkt man, dass Bartmann weder Gramsci noch die politische Rechte ausgiebig studiert hat.
Argumentative Beruhigungspillen
Bartmanns mangelhaftes Verständnis der politischen Rechten zeigt sich indes nicht nur an begrifflichen Unschärfen. Es zieht sich durch das gesamte Buch. Obwohl Bartmann die „größer angelegte Offensive“ (S. 13) der AfD ernst zu nehmen gedenkt, unterschätzt er sie in ihrer Ideologie und Politik. Mit Blick auf eine originär rechte Kulturpolitik ist für Bartmann eine „kulturelle Gründerzeit der AfD […] nicht einmal im Status unausgegorener Einfälle erkennbar“ (S. 93). So sei „der kulturpolitische Wirkungsgrad der AfD derzeit noch äußerst kümmerlich […]. Sie beschränkt sich aufs Stören, am liebsten in Kleinstädten wie zum Beispiel dem sächsischen Wurzen“ (ebd). Spätestens mit dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt müsste jedoch auch Bartmann klar geworden sein, dass die Rechte sehr wohl erfolgreich ein eigenes kulturelles Imaginarium zu kreieren weiß und davon abgeleitet auch versuchen wird, kulturpolitische Ideen umzusetzen. Allein die bildungspolitischen Vorhaben der AfD Sachsen-Anhalts würden die Bildungs- und Wissenskultur des Landes in kürzester Zeit umkrempeln.
Die westdeutsche Abgrenzung und gleichzeitige Schmälerung der rechten Bedrohung für Kultur und Gesellschaft ist gleichermaßen naiv wie fatal. So führt Bartmann sogar selbst die jüngste Geschichte der USA oder Polens als Beispiele für erfolgte kulturelle Umwälzungen an. Hier hat rechte Politik bereits Effekte jenseits der (Zer-)Störung etablierter Kultur hervorgebracht, nämlich eine neue, regressive (Un-)Kultur. Das oft wiederholte Argument, die AfD sei unfähig, eine eigene Kultur hervorzubringen, lässt Bartmanns Buch fast schon zu einem Sedativum für seine Leser*innen geraten. Es könne – zumindest kulturpolitisch – schon nicht so schlimm werden und eine AfD an der Macht wäre in ihrer Unfähigkeit schnell bloßgestellt, so der unausgeschriebene, sich aber anschließende Gedanke.
Es braucht nur die gute Kultur
Bartmanns Vorschlag für die Auseinandersetzung mit der rechten Formierung bleibt schließlich auch unbefriedigend. Weniger das mutige und konflikthafte Auftreten im Diskurs und – noch viel wichtiger – im Alltag vor Ort sei entscheidend, sondern die Wiederaneignung der ehemals gültigen Spielregeln der Demokratie. Diese könnten einen „halbwegs vernünftigen demokratischen Streit zwischen linken und rechten Positionen“ (S. 8) gewährleisten und der linksliberalen Seite sogar zum Sieg im Kulturkampf verhelfen. Was Bartmann im Kulturkampf konkret gewinnen will, würde man ihn da gern fragen.
Der Autor greift schließlich noch Peter Sloterdijks Idee von Kultur als einzuübender „Anthropotechnik“ auf. Demzufolge müsse man bloß eine zugänglichere (Hoch-)Kultur schaffen, die am Ende „weder rechts noch links, sondern einfach gut“ (S. 98) sei. Ein fast schon zynischer Vorschlag in die eigenen Reihen des Kulturbetriebs, mit dem Problem rechter Hegemonie wie auch mangelnder sozialer und kultureller Teilhabe umzugehen. Eine wütende Anklage gegen die kulturpolitischen Anfeindungen und Kürzungsandrohungen, die nicht bloß von der AfD hervorgebracht werden, erwartet man demnach vergebens.
Attacke von rechts. Der neue Kampf um die Kultur.
Hanser.
ISBN: 978-3-446-28568-2.
176 Seiten. 18,00 Euro.