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Revolte statt Quartiersmanagement!

Buchautor_innen
Robert Maruschke
Buchtitel
Community Organizing
Buchuntertitel
Zwischen Revolution und Herrschaftssicherung
Wo verläuft die Grenze zwischen revolutionärer Basisarbeit und neoliberaler Einhegung? Die Antwort ist verzwickter als sich das Buch eingestehen will.
Rezensiert von Robert Pfützner

„Trotz gegenteiliger Absicht fällt es Stadtteil- und Erwerbsloseninitiativen, autonomen Gruppen, Hausprojekten oder linken sozialen Zentren schwer, Menschen jenseits subkultureller oder akademischer Kreise anzusprechen“ (S. 9). Mit dieser Aussage ist eines der Probleme gegenwärtiger linker Politik auf den Punkt gebracht. Sie ist angesichts der um sich greifenden Neuformierung der Rechten besonders brisant und für emanzipatorische Politik stellt sich die Frage, wie sie sich organisieren kann. Stadtteil- und Nachbarschaftsorganisation ist dafür ein Ansatz. Robert Maruschkes 2014 erschienener Band beschäftigt sich mit dieser aus einer herrschaftskritischen Perspektive.

Selbstorganisation: Neoliberale Ausgangspunkte...

Selbstorganisation, Community, Organizing oder Beteiligung sind Schlagworte, die sowohl in linken Debatten Verwendung finden, sich aber auch in regierungsoffiziellen Planungspapieren und Veröffentlichungen privater Think-Tanks lesen lassen. Maruschke hat daher das Anliegen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein Ziel seiner Arbeit ist es, zu verdeutlichen, dass die in der Organizing-Debatte vorherrschende Bezugnahme auf Saul Alinsky „strategisch […] kontraproduktiv“ (S. 10) und stattdessen eine „kritische Distanz zu liberalen Ansätzen des Community Organizings“ (S. 10) nötig sei. Er illustriert das nachvollziehbar sowohl an der Geschichte der von Alinsky gegründeten liberalen Organisationen in den USA (wie dem Back of the Yards Neighborhood Council oder der Woodlawn Organization) als auch mit seiner exemplarischen Analyse der Bürgerplattform der Berliner Stadtteile Wedding/Moabit. Letztere betrieben zwar durchaus partizipative Basisarbeit, räumten der Kooperation mit städtischen Behörden und Unternehmen letzten Endes aber doch Vorrang vor wirklich emanzipatorischer Politik ein. Dementsprechend auch Maruschkes vernichtendes Urteil über die mit etlichen Firmen (unter anderem dem Pharmakonzern Bayer Schering) verknüpfte Bürgerplattform Wedding: Sie „verweigert den Blick auf die Ursachen von Armut und Verdrängung“ (S. 78) und komme „primär der Mittelschicht zugute. Einkommensarme Bewohner_innen hingegen leiden unter der politischen Praxis der Bürgerplattform“ (S. 79).

Die Bürgerplattform wird damit zum Paradebeispiel neoliberalen Community Organizings, das sich – stellvertretend auch für andere Bewegungen – an vier Kernmerkmalen festmachen lässt:

„Das Fehlen einer strukturellen Gesellschaftskritik, die kleinteilige Projektarbeit, die Entwicklung neoliberaler Kontroll- und Ausgrenzungsstrategien im Namen der Allgemeinheit und die Legitimation neoliberaler Programme durch neue Beteiligungsformen“ (S. 77).

Statt tatsächlich Verbesserungen für alle zu bringen, betreibe und legitimiere die Bürgerplattform den „urbanen Klassenkampf gegen die einkommensschwache Bevölkerung Weddings“ (S. 77). Wirklich emanzipatorische Selbstorganisation sieht anders aus: Anstatt sich am Singsang des liberalen „Partizipationszirkus“ (S. 67) zu beteiligen, müsste sich eine (tatsächlich) kritische politische Strategie an der revolutionären beziehungsweise transformativen Traditionslinie des Community Organizing orientieren.

...und revolutionäre Gegenentwürfe

Dementsprechend habe, so Maruschke, die politische Basisarbeit das „Herzstück“ (S. 60) transformativen Community Organizings zu sein. Ziel sei es, „möglichst viele Nachbar_innen in die eigene Arbeit einzubinden“ (S. 60). Jedoch solle sich dabei nicht auf alle Nachbar_innen konzentriert werden: Der Fokus habe auf den Menschen zu liegen, „die am stärksten unter den Verhältnissen leiden, also einkommensarmen Menschen, People of Color, Migrant_innen, Alleinerziehenden etc“ (S. 61). Schon die Rede vom „Einbinden der Nachbar_innen in die eigene Arbeit“ macht dabei auf ein Problem aufmerksam, das Maruschke umgeht, das aber zentral für die Frage von politischer Selbstorganisation im Kontext von Community Organizing ist: Denn heißt Selbstorganisation nicht, dass sich diejenigen selbst organisieren, die ein gemeinsames Anliegen teilen? Der Akzent bei Community Organizing aber ist ein etwas anderer: Eine Gruppe hat ein Anliegen und will andere – die vermeintlich dasselbe Anliegen haben – einbinden. Ob „Andere“ dieses Anliegen auch teilen wollen oder ob sie zur Gruppe gehören (dürfen, wollen) steht nicht zu Debatte. So wohltuend es ist, dass sich Maruschke hier von zuweilen überhandnehmenden identitätspolitischen Diskussionen fernhält, sind diese doch gegenwärtig ein Thema, um das sich auch Diskussionen um Community Organizing nicht drücken können. Auf der anderen Seite hat er völlig Recht damit, dass sich ein revolutionäres Organizing nicht an den Interessen einer weißen Mittelschicht orientieren kann.

Die etwas grobschlächtige Gegenüberstellung liberalen und revolutionären Organizings relativiert Maruschke an etlichen Stellen. Vor allem betont er immer wieder das Verdienst Saul Alinskys, konfrontativen Formen politischer Auseinandersetzung zu öffentlicher Anerkennung verholfen zu haben. Jenseits davon aber verwirft er die Methoden liberalen Organizings zugunsten dessen, was er revolutionäres Organizing nennt. Dieses lässt sich wiederum – spiegelbildlich zum Pendant des neoliberalen Organizings – anhand von vier Kriterien bestimmen:

„Eine kritische Analyse und grundsätzliche Opposition gegen die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse; eine ausdrücklich politische Basisarbeit; die Anwendung konfrontativer Politikformen; sowie eine organisationsübergreifende und grenzenlose Solidarität“ (S. 55).

In Kapitel 5 stellt er diese vier Eckpunkte mit Beispielen aus den USA ausführlicher vor. Nicht nur wegen der zahlreichen historischen Beispiele, sondern auch wegen seiner dezidiert auf politische Praxis bezogenen Ausrichtung lohnt es sich, dieses Kapitel intensiver zu lesen. So sind die US-amerikanischen Knights of Labor (Ritter der Arbeit) in den 1880er Jahren oder der Aufstand der Arbeitslosen in den 1930er Jahren in Deutschland wenig bekannte Beispiele für erfolgreiche radikale Bewegungen, aus deren Strategien und Arbeitsweisen auch für heute noch zu lernen ist.

Ebenso weist Maruschke auf die Notwendigkeit kontinuierlicher politischer Bildung im Organisationsprozess hin. Nur so könne „die Basis in sozialen Kämpfen eine richtungsweisende Rolle spielen, ohne auf Bewegungsexpert_innen angewiesen zu sein“ (S. 65 Herv. i.O.). Hingegen erscheint sein bedingungsloses Plädoyer für konfrontative Politikformen manchmal etwas doktrinär. Auch wenn es richtig ist, dass diese „vor einer Vereinnahmung durch den Partizipationszirkus neoliberaler Stadtpolitik“ (S. 67) geschützt werden müssen, müssen sie nicht in jeder Situation die angemessenen Mittel sein. Dies verdeutlicht auch eine Aussage von Sebastian von der Gruppe Zwangsräumungen verhindern, die im Buch zitiert wird:

„Die Situation ist ja für die Menschen lebensbedrohlich. Alle Betroffenen sagen, sie schlafen wochenlang nicht richtig. Ganz viele kriegen Depressionen. Da muss man echt aufpassen, dass man nicht noch den Anspruch an sie heranträgt, sie sollen sich jetzt möglichst krass wehren. So haben wir uns auch Sensibilität antrainieren müssen“ (S. 85).

Ein bedingungsloses Plädoyer für konfrontative Politik kann also unter Umständen an den Bedürfnissen der Leute vorbei gehen.

Von der Theorie zur Praxis

Die wiederholte Gegenüberstellung liberaler und revolutionärer/transformativer Politik ist eingängig und prinzipiell nachvollziehbar. Sie bleibt jedoch schematisch, wenn versucht wird, sie auf die Ebene konkreter politischer Aktionen zu beziehen. Denn gerade wenn es darum gehen soll, „politisch sinnvolle und zwischenmenschlich ehrliche Antworten“ (S. 8) zu geben, stellt sich im Einzelfall die Frage der konkreten Praxis immer wieder neu. Wesentlich wichtiger erscheint die an einigen Stellen betonte Überlegung, dass es transformativem Organizing nicht nur darum gehen darf, die Verhältnisse ändern zu wollen, sondern es „die Beteiligten selbst revolutionieren [muss]“ (S. 52). So ist es auch eingängig, dass Maruschke diesen Prozess als „soziale Such-Bewegung“ (S. 70) beschreibt, die in und mit Unklarheiten und Widersprüchen handeln muss. Allerdings: Die Ambivalenzen, denen sich Handelnde dabei mitunter aussetzen, bleiben im Buch etwas unterbeleuchtet. Auch der Frage von Staats- und Polizeigewalt wird wenig Gewicht beigemessen: Mit welchen Reaktionen haben welche Formen des Organizing zu rechnen? Mit Blick auf die US-Beispiele wird deutlich, dass die dortigen Organizing-Projekte zum Teil „massive[r] Repression“ (S. 47) ausgesetzt waren. Wie sie darauf reagierten, wäre nicht nur spannend, sondern auch politisch lehrreich gewesen.

Alles in allem: Für einen ersten Feldzugang ist das Buch hervorragend geeignet. Maruschkes Plädoyer für eine Hinwendung linken Aktivismus zur Nachbarschaft und seine Unterscheidung zwischen liberalem und revolutionärem Organizing ist analytisch so nachvollziehbar wie nötig. Die praktischen Widersprüche politischen Handelns verliert er jedoch etwas aus dem Blick. So bleibt die Frage, wer sich warum organisieren soll jenseits der Formel der am stärksten Marginalisierten offen. Denn die pluralen und multiplen Ausgrenzungsmechanismen moderner Städte führen nicht zwangsläufig zu gemeinsamen Bedürfnissen und Bündnissen, wie dies vielleicht noch in den Arbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts der Fall war. Wer sich vertieft mit Fragen von Strategien, Formen und Methoden der radikalen Community-Arbeit auseinandersetzen will, erhält bei Maruschke eine erste grundlegende Orientierung, die in der kritischen Literatur zur Gemeinwesenarbeit oder in den aktuellen Diskussionen stadtteilpolitischer Initiativen, vor allem der Recht auf Stadt Bewegung, vertieft werden kann.

Robert Maruschke 2014:
Community Organizing. Zwischen Revolution und Herrschaftssicherung.
Edition Assemblage, Münster.
ISBN: 978-3-942885-58-4.
112 Seiten. 9,80 Euro.
Zitathinweis: Robert Pfützner: Revolte statt Quartiersmanagement! Erschienen in: ...können wir nur selber tun!. 45/ 2017. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1441. Abgerufen am: 18. 10. 2017 09:39.

Zum Buch
Robert Maruschke 2014:
Community Organizing. Zwischen Revolution und Herrschaftssicherung.
Edition Assemblage, Münster.
ISBN: 978-3-942885-58-4.
112 Seiten. 9,80 Euro.
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