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Plädoyer für die Intoleranz

Buchautor_innen
Slavoj Zizek
Buchtitel
Ein Plädoyer für die Intoleranz
Ist die Intoleranz wirklich momentan die größte Gefahr - oder ist es doch die dieser Annahme zugrunde liegenden Entpolitisierung der Ökonomie?
Rezensiert von Adi Quarti

Slavoj Zizek versucht in einem Essay die moderne Post-Politik von links zu kritisieren, also Multikulturalismus, partikulare (hybride) Identitätspolitik (ethischer, sexueller u.a.), welche Minderheiten bevorzugen. Er stellt der sogenannten Globalisierung einen radikalen Universalismus entgegen und plädiert für eine Rückkehr zum Primat der politischen Ökonomie. Was wäre, fragt sich der Philosophieprofessor, wenn alle diese postmodernen Ansätze exakt das Modell des Neoliberalismus verkörpern würden?

Keine Angst, Zizek ist keiner jener Querdenker, die aus der Analyse von Phänomenen gleich in radikale Gegenpositionen kippen. Wenn er also thematisiert, warum die politische Strömungen, welche Minderheiten in den Mittelpunkt stellen, wie z.B. MigrantInnen, wo die Klassenfrage überhaupt nicht mehr gestellt wird, wenn man zudem weiß, wie das Arte-Magazin „Mit offenen Karten“ kürzlich berichtete, dass 63% der Ärzte aus Angola heute in OECD-Staaten arbeiten, dann liegt die Vermutung nahe, dass wir alle früher oder später in Bananenrepubliken leben werden. Man sollte sich hier nichts vormachen: Es sei leicht die Hybridität des postmodernen Migrantensubjekts zu feiern, welches einerseits ein modernes, mit passendem Visa ausgestattetes Mitglied der Oberschicht sei, anderseits aber die der Unterschicht, welche niemals in der Lage sein werden, sich im neuen Zuhause legal einzurichten. Die traumatisiert von der Erfahrung mit geldgierigen, das Leben ihrer „Klienten“ aufs Spiel setzenden, Schleusern, um schließlich auch noch um den kärglichen Lohn in einer illegalen Tätigkeit betrogen, vom Zoll abgeschoben werden. Genau davon handelt der höchst aktuelle Film Welcome von Philippe Lioret, der in Frankreich sehr kontrovers diskutiert wird. Noch klarer wird dies in der Frage der Abtreibung bei den amerikanischen Rechten. Wenn sie davon sprechen, taucht immer eine schwarze Karrierefrau auf, was im eklatanten Widerspruch zu den Fakten stehe, die zeigen, dass die Mehrzahl der Abtreibungen in den kinderreichen Familien der unteren Klassen durchgeführt werden:

„in dem Augenblick, wo wir dem Fall der Abtreibung in einer Großfamilie der Unterschicht, die nicht in der Lage ist, ein weiteres Kind aufzuziehen, als ‚typisch‘ annehmen würden, kippt die gesamte Perspektive auf radikale Art und Weise...“

Wo der liberale Multikulturalismus lediglich nur als Platzhalter für den Universalismus fungiert, wird Politik zum apolitischen Schattentheater, welches entweder völlig militarisiert oder aber als Sachverwaltung des Möglichen auftritt. Zizek versucht dies mit den Klassifikationen der Politik von Jacques Rancière zu erklären („Das Unvernehmen“, 2001), genau wie die komplexen Strukturen des Universalen von Etienne Balibar abgeleitet werden. Der Autor versucht einen Raum aufzumachen, in dem das politische Ereignis wieder eintreten kann, als genau das Gegenteil der „Kunst des Möglichen: ...das heißt die Kunst des Unmöglichen – sie verändert gerade die Parameter dessen, was als in der existierenden Konstellation ‚möglich‘ betrachtet wird“. Hier kommt Zizek, wie so oft, mit einem Film: Under Fire.

Er spielt in den 1980er Jahre während der Revolution in Nicaragua, Nick Nolte gibt einen amerikanischen Fotoreporter, der mit den Sandinisten symphatisiert. Kurz vor dem Sieg der Revolution töten Anhänger des Diktators Somosa einen einflussreichen Sandinisten-Führer, worauf seine Sandinistenfreunde ihn bitten, ein Foto des Getöteten zu fälschen, um zu beweisen, dass er noch am Leben sei. Dadurch könnte der schnelle Sieg der Revolution unterstützt und unnötiges weiteres Blutvergiessen verhindert werden. Für den Reporter ist das keine einfache Sache, beruflicher Ethos stehen auf dem Spiel und die Frage, ob man die journalistische Objektivität zum Instrument des politischen Kampfes macht. Nichtsdestotrotz fälscht er schließlich das Foto. In vierundzwanzig Bildern pro Sekunde um die Welt, ganz großes Kino. Und dass Lacans Bildtheorie wieder einen wichtigen Raum einnimmt, versteht sich fast wie von selbst, der sah sich gelegentlich nach dem Öffnen einer schönen Sardinendose regelrecht von denen beobachtet.

Zizeks Polemik sollte ernst genommen und diskutiert werden, gelesen wird sie ohnehin!

**

Die Rezension erschien zuerst im April 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 12/2010)

Slavoj Zizek 2009:
Ein Plädoyer für die Intoleranz.
Passagen Verlag, Wien.
ISBN: 978-3-85165-466-0.
104 Seiten. 15,00 Euro.
Zitathinweis: Adi Quarti: Plädoyer für die Intoleranz. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/854. Abgerufen am: 18. 10. 2019 05:58.

Zur Rezension
Rezensiert von
Adi Quarti
Veröffentlicht am
01. April 2009
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Zum Buch
Slavoj Zizek 2009:
Ein Plädoyer für die Intoleranz.
Passagen Verlag, Wien.
ISBN: 978-3-85165-466-0.
104 Seiten. 15,00 Euro.