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Occupy Insights

Buchautor_innen
David Graeber
Buchtitel
Inside Occupy
Wie anarchistisch ist die Occupy-Bewegung? Glauben wir David Graeber, dann sehr. Der Anarchist und Anthropologe hat mit „Inside Occupy“ seine persönliche Entstehungsgeschichte von Occupy Wall Street vorgelegt.
Rezensiert von Torsten Bewernitz

„Da kann ja nichts mehr schiefgehen!“ denke ich, als ich den blauen Aufkleber auf David Graebers „Inside Occupy“ sehe: „Inklusive 24-seitigem Revolutions-Guide“. Eine ganz hübsche Werbeidee, die sich der Campus-Verlag da ausgedacht hat, auch wenn das 24-Seitige Heftchen nicht hält, was der Titel verspricht. Neben Karten mit Occupy-Camps in Deutschland und weltweit sowie einem Interview mit dem Frankfurter Aktivisten Erik Buhn enthält es ein „Occupy-Glossar“. Ein hier beschriebener Begriff ist „Anarchismus“. Günter Neeßens – er hat das Glossar verfasst - Auffassung von Anarchismus orientiert sich an den Praktiken aktueller Anarchist_innen – also auch an der Auffassung David Graebers. Anarchismus wird auf eine „Radikaldemokratie“ verkürzt, im Mittelpunkt scheint das Individuum zu stehen. Wäre das so, hätte Karl Marx mit seiner Kritik des frühen Anarchismus durchaus recht, aber es fehlt den Ausführungen an gewissen Grundvoraussetzungen: Anarchismen hatten immer auch einen Begriff des Gemeinwesens, der Gesellschaft und einen Anspruch an soziale Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit. Die Orientierung an einem Konsens ist durchaus nicht Konsens, sie entspricht dem Anarchismus, wie David Graeber ihn vertritt, aber auch in seiner eigenen Organisation, bei den Industrial Workers of the World, gibt es ganz andere Positionen, wie sie etwa Graebers Gewerkschaftskollege Tom Wetzel in seinem Text „On Organisation“ deutlich gemacht hat.

„Linke Utopie der Zukunft“ (FAZ)?

Anarchismus ist modern, er schafft es dank Occupy wieder in die Medien. Nicht nur in „Inside Occupy“, auch in dem Suhrkamp-Bändchen „Occupy!“ wird das Wissen, was Anarchismus ist, im Wesentlichen vorausgesetzt. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)kürte im Herbst 2011 den Anarchismus gleich zur Leitideologie des neuen Jahrhunderts und sah den Marxismus abgelöst. Dieses neue öffentliche Interesse resultiert in der Tat zu einem nicht geringen Teil aus der Publikationstätigkeit David Graebers, Anthropologe, anarchistischer Aktivist, Globalisierungskritiker und Wobblie (Bezeichnung für Mitglieder der Industrial Workers of the World - IWW). Sind bis dato neben der „Anarchistischen Anthropologie“ und „Frei von Herrschaft“ im Peter Hammer-Verlag lediglich kürzere Texte in Anthologien kleiner linker Verlage erschienen, so verdanken wir dem öffentlichen Interesse gleich drei neue deutsche Publikationen: „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ erschien im Mai 2012 bei Klett-Cotta. Die wissenschaftliche Studie, die ohne Occupy wahrscheinlich immer noch einer Übersetzung harren würde, ist sicherlich die beachtenswerteste Neuerscheinung Graebers, ein halbes Jahr vor Erscheinen druckte der Spiegel – wie seinerzeit bei Thilo Sarrazins unsäglichem „Deutschland schafft sich ab“ – ein Kapitel ab und Graeber wurde im Herbst 2011 und im Frühjahr 2012 durch sämtliche deutsche Kultursendungen, zu Parteispitzen und in Theater und Museen geschleift. Graeber analysiert hier „Schulden“ als ein Dispositiv, dass die gesamte Menschheit über Jahrtausende geprägt habe. Ausgerechnet der Bertelsmann-Ableger Pantheon veröffentlicht zeitgleich einen Sammelband mit politischen Aufsätzen unter dem Titel „Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus: Es gibt Alternativen zum herrschenden System“ (Rezension ebenfalls in dieser Ausgabe hier. Zuerst ist diese Sammlung auf Griechisch unter dem Titel „Bewegung, Gewalt, Kunst und Revolution“ erschienen und hätte, so behauptet Graeber selber im Vorwort der deutschen Ausgabe, die Revoltierenden in Griechenland stark beeinflusst. Exemplarisch ist hier die Titeländerung durch den Bertelsmann-Konzern: Gewalt und Kunst verkaufen sich offenbar nicht so gut wie eine Kritik an einem „Kamikaze-Kapitalismus“, der gleich mit verschweigt, dass es Graeber um eine Kritik des Kapitalismus als solchen geht. Aber Bertelsmann darf sich auch mit dem Titel „Kamikaze-Kapitalismus“ mit gemeint fühlen, was den Verlag wohl nicht anficht. Das ist der historische Heimvorteil des Kapitalismus, seine eigenen Kritiker_innen zu integrieren und zu vermarkten.

Der Campus-Verlag, schon vom Namen her derjenige mit dem höchsten akademischen Anspruch, publiziert in diesem Reigen ein weiteres Buch Graebers. „Inside Occupy“ ist eine sehr subjektive Darstellung der Entstehung von Occupy Wall Street.

Wie alles anfing…

Linken Aktivist_innen im deutschsprachigen Raum dürfte einiges bekannt vorkommen, was Graeber beschreibt. „Occupy“ ist Graeber zufolge genau so entstanden, wie zahlreiche Initiativen hierzulande: Nach einer Veranstaltung in einem Infoladen beim Bier in der Kneipe um die Ecke. Die Beschreibung der ersten Versammlungen an der Wall Street, in der die World Workers Party die Organisierung an sich reißt und an einem offenen Mikrophon zur Latschdemo aufruft, unterscheidet sich in nichts von der Okkupierung der Hartz IV-Proteste durch die MLPD. Aber in diesem Moment geschieht das Entscheidende, das im deutschsprachigen Raum weder 2004 noch 2011 geschehen ist: Die „Horizontalen“, wie Graeber sie nennt – Anarchist_innen, Zapatist_innen und syndikalistisch-unionistische Gewerkschafter_innen – verharren trotz sich ausbreitender Langeweile und setzen sich letztlich mit dem Ansinnen, eine wirkliche Vollversammlung durchzuführen, durch. Aktivist_innen der trotzkistischen ISO (hierzulande früher Linksruck oder SAV) versuchen noch zu vermitteln, werden dann aber teilweise von der direktdemokratischen Vorgehensweise überzeugt – „offensichtlich hat niemand (…) gesagt, dass die Position der ISO diesbezüglich darin besteht, stets auf Mehrheitsbeschluss zu drängen“ (S. 193), wie Graeber in einer Fußnote schelmisch anmerkt.

Es sind diese Anekdoten aus der Anfangszeit von Occupy Wall Street, die Graebers Buch lesenswert machen. Etwa, wie die Aktivist_innen mit liberalen Ägypter_innen zusammentreffen, die politisch zwar ganz anders drauf sind, aber ihre US-amerikanischen Verbündeten dennoch lieber unter den Anarchist_innen als unter Linksliberalen suchen. Oder wie das „menschliche Mikrophon“ erfunden wurde, beziehungsweise, wie Graeber als Anthropologe anmerkt, wahrscheinlich eher wieder entdeckt wurde. Wer allerdings eine Analyse der Motivationen, der Prozesse in Occupy und einen Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise, gar Daten über die Art der Betroffenheit der US-amerikanischen Unterschichten erwartet, der wird enttäuscht sein. In dem Kapitel „Postings“ finden wir zwar zahlreiche Einzelschicksale, die der Tumblr-Website „We Are The 99%“ entnommen und die auch allesamt ergreifend und interessant sind, die Analyse, wie diese Einzelschicksale gesellschaftlich und ökonomisch zusammenhängen, überlässt Graeber allerdings seinen Leser_innen. Anstatt einer materialistischen Herleitung von Krise und Revolte verzettelt Graeber sich in einer Demokratiegeschichte, die in einer sehr spezifischen, von Graeber favorisierten Konsens-Methode endet, die er dann sehr ausführlich beschreibt.

Demokratie, Staat, Kapital…

Als Analytiker des modernen Kapitalismus ist Graeber durchaus zu kritisieren. Werner Plumpe hat in der FAZ zurecht darauf hingewiesen, dass Graebers wissenschaftlicher Verkaufsschlager „Schulden“ in der Zeit seit dem Ende von Bretton Woods (der einseitigen Aufhebung des Goldstandards durch die USA) argumentatorisch dünn wird. Ingo Stützle hat Graeber in der Zeitschrift analyse & kritik und auf seinem Blog eine sich auf Marx berufende Kritik entgegengesetzt, die darauf beruht, dass Graebers letztlich unhistorische Auffassung von Geld, Kredit und Schuld daran scheitert, dass diese Auffassung keine Werttheorie hat und kein Verständnis von einem Begriffswandel. Diese Defizite wirken sich auch auf die Schilderungen in „Inside Occupy“ aus. So stellt Graeber fest, dass aktuell kaum noch von Kapitalismus die Rede sein könne, da Banken nicht wie Kapitalist_innen handelten – diese gäbe es „nur noch in Indien, Brasilien oder im kommunistischen China“ (S. 67). Die Bemerkung, dass das kapitalistische System einen zunehmend feudalen Charakter erhält, ist zwar durchaus zutreffend, dennoch wird hier die leidige Trennung zwischen Finanz- und Realkapitalismus reproduziert. Darunter leidet auch Graebers Staatskritik: Da seine Kapitalismuskritik letztlich eine Kritik des aktuellen Status des Kapitalismus bleibt, in der der Staat auf neue Weise zu einem reinen Erfüllungsgehilfen des Kapitals wird (wie Graeber es ausdrückt, das Kapital agiert nicht mehr mit dem Staat, sondern durch ihn hindurch), hat man immer wieder den Eindruck, hier würde sich in neokeynesianischer Manier das alte Verhältnis zwischen Staat und Kapital zurückgewünscht. Gleichzeitig ist der Staat für Graeber eine immer gleich funktionierende Repressionsmaschine, die es abzuschaffen gilt. Aus dieser Sichtweise resultieren dann auch Positionen wie jene, dass Märkte als solche ohne Staat nicht problematisch seien – eine Position, der auch die „Libertarians“, die Graeber ansonsten kritisiert (sehr schön: S. 188f!), zustimmen würden.

Anarchist_innen müssen sich seit fast zwei Jahrhunderten gegen das Klischee wehren, dass sie Naivlinge seien, die an eine natürliche Gutmütigkeit des Menschen glauben würden. Diese Naivität ist aus den Klassikern des Anarchismus nicht herauszulesen, vielmehr betonten die verschiedenen anarchistischen Theoretiker_innen, dass der Mensch stets die freie Wahl zwischen positiven und negativen Handlungsweisen hat (selbstverständlich im Rahmen seiner jeweils historischen Möglichkeiten). Der Neoanarchismus nach 1968 hat dieses Vorurteil allerdings teilweise zur Selbstbeschreibung übernommen, und Graebers anthropologische Sichtweise, die gewissermaßen eine „Essenz“ des Menschlichen kennt, unterstützt diese neue Naivität. Sein Anarchismus ist letztlich weniger von anarchistischer Tradition und Theoriebildung geprägt als vielmehr von den Diskussionen der neuen Linken, insbesondere der Autonomen. Das Konsensmodell, das er favorisiert, stammt von „Starhawk“, einer in den USA populären Autorin des Spiritualismus. Seine Vorstellung von Direkter Aktion hat mehr mit Schwarzem Block als mit den wirtschaftskämpferischen Konzepten der IWW zu tun. Und letztlich passt diese neoanarchistische Sichtweise auch besser zu Occupy: Denn ein Primat des historischen Anarchismus war immer auch die Organisierung, während Occupy – einer der wenigen Aspekte, in denen sich Occupy in USA und in Europa gleichen – die Organisierung verweigert, sondern stattdessen einen übertrieben individualistischen Freiheitsanspruch hat, nachdem sich jede_r seiner_ihrer Affinität folgend jederzeit einer Gruppe anschließen oder sie verlassen kann. Das funktioniert allerdings nur, wenn man diese Gruppen inhaltlich bestimmt, und nicht, wenn man den Anspruch erhebt, die „99 Prozent“ der Ausgebeuteten zu sein, also ein soziales Kriterium anlegt.

Andererseits, und hier wird „Inside Occupy“ wieder spannend, betont Graeber auch eine alte anarchistische Tradition, die des Anti-Utopismus. Wie der Marxismus entstand der Anarchismus durchaus in Ablehnung des frühsozialistischen Utopismus, schlicht, weil dieser einen autoritären Charakterzug trug. Die Frühsozialist_innen hatten häufiger mal versucht, fertige Pläne für eine zukünftige Gesellschaft zu entwerfen und diese exakt so umzusetzen. Ohne deswegen auf Utopie zu verzichten, lehnten Kommunismus und Anarchismus diese Vorgehensweise ab, denn: „Aus historischer Perspektive ist das lächerlich. Wann sind gesellschaftliche Veränderungen je nach einem Plan zustande gekommen?“ (S. 180) Daraus entwickelt Graeber sein demokratisches, globales und vor allem soziales, das heißt nicht auf einen gewaltsamen Punkt mit einem Machtumsturz herauslaufendes, Modell der Revolution. Auch das ist nicht neu, dieses Verständnis von Revolution entwickelten Theoretiker_innen wie Rudolf Rocker aus der Erfahrung der deutschen Revolution 1918/19, der stalinistischen und faschistischen Bedrohung sowie aus den Erfahrungen der Spanischen Revolution. Graeber aber entwickelt es auch aus dem aktuellen Zustand des Kapitalismus und des Widerstands gegen diesen – und das ist nicht nur allemal spannend zu lesen sondern in der aktuellen Situation auch eine strategische Debatte wert.

Medienhype und Massenbewegung

David Graeber wird in den Geschichtsbüchern stehen. Das ist eine objektive Feststellung, die man nicht befürworten muss und die auch nicht berechtigt ist. Die Medien haben sich in einer historischen Situation, die global zu Revolten führt, für die gesellschaftliche Dynamiken ursächlich sind, einen Anführer herausgepickt, der allein schon aufgrund seiner medialen Omnipräsenz im Gedächtnis bleiben wird. Die nächsten Übersetzungen sind schon in Vorbereitung. Schulden wird der Autor des gleichnamigen Buches nach 2012 wohl keine mehr haben. Obwohl konservative Medien wie die FAZ den Anarchismus entdecken, fragen sie doch keine vor Ort real existierenden Anarchist_innen, wie sie dazu stehen, sondern halten sich dann doch lieber wieder an Occupy-Aktivist_innen mit letztlich sozialdemokratischen Positionen wie den oben genannten Erik Buhn („Ich persönlich halte die soziale Marktwirtschaft für einen guten Kompromiss“ sagt er, Sarah Wagenknecht folgend, in Spiegel 18/2012). Graeber selber tut wenig, um seine Position in der Medienwelt zu relativieren. Immer wieder benennt er geschickt seine zentrale Rolle: Als Stichwortgeber für die griechische Revolte oder als Erfinder der 99-Prozent-Parole. Er betont zwar, die Parole „We are the 99%“ sei ein Gemeinschaftsprodukt, aber eben das von drei Personen, von denen er derjenige ist, der zuvor die entscheidende Mail, „womöglich (…) die wichtigste E-Mail meines Lebens“ (S. 36), geschrieben hätte: „Wie wär’s mit ‚99%-Bewegung‘?“ Ähnlich inszeniert Graeber sich immer wieder selber – die teilweise Rücknahme gehört zum guten Ton, wenn es doch eigentlich um den Abbau von Hierarchien geht. Diese Selbstpräsentation passt nur schlecht zu Graebers vor sich her getragenem Anspruch, dass ihm „weniger an der Klärung seiner Stellung in der Bewegung gelegen ist“ (S. 123).

Es wäre illusionär zu glauben, Revolten oder Proteste, wie sie momentan global vor sich gehen, kämen ohne engagierte, treibende Einzelpersonen aus. Dennoch sind sie nicht das Alpha und Omega einer Bewegung wie Occupy. David Graebers Einsatz ist durchaus beachtenswert, auch sein theoretischer Einsatz ist mehr als respektabel, ohne dass man mit allen Aspekten einverstanden sein muss: Die hippieeske Zeichensprache, die vermeintlich Demokratie vereinfachen soll, war schon bei Hausbesetzungen im letzten Jahrhundert zu gekünstelt und für einen Wobbliespricht Graeber erschreckend wenig von Klassengegensätzen. Nichtsdestotrotz hat Graeber den Anarchismus wieder sagbar gemacht. Diesen Samen fruchtbar machen, das müssen nun andere.

David Graeber 2012:
Inside Occupy.
Campus, Frankfurt a.M. / New York.
ISBN: 978-3593397191.
200 Seiten. 14,99 Euro.
Zitathinweis: Torsten Bewernitz: Occupy Insights. Erschienen in: Facetten der Krisenproteste. 19/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1037. Abgerufen am: 20. 05. 2019 23:45.

Zum Buch
David Graeber 2012:
Inside Occupy.
Campus, Frankfurt a.M. / New York.
ISBN: 978-3593397191.
200 Seiten. 14,99 Euro.