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NS-Terrorjustiz as usual

Buchautor_innen
Wolfgang Fritz
Buchtitel
Die Geschichte von Hans und Hedi
Buchuntertitel
Chronik zweier Hinrichtungen
Wolfgang Fritz hat ein erschütterndes und berührendes Buch über zwei Menschen verfasst, die völlig unerwartet in die Mühlen der nationalsozialistischen Unrechtsjustiz gerieten.
Rezensiert von Sebastian Kalicha

Von den Millionen von Menschen, die während der Herrschaft des Nationalsozialismus als politische Verfolgte in Konzentrationslagern, Gefängnissen oder bei Pogromen ermordet wurden, sind uns aufgrund der schieren Masse derartiger Fälle notgedrungen verhältnismäßig wenige individuelle Schicksale und Leidensgeschichten näher bekannt. Jede dokumentierte Geschichte ist jedoch ein ungemein wichtiger Baustein einer essentiellen Erinnerungskultur. Viele Fälle von WiderstandskämpferInnen und politischen DissidentInnen, die für ihre Überzeugungen ihr Leben riskierten – und diese allzu oft auch verloren – sind spektakulärer Natur. Manche Geschichten kommen jedoch völlig ohne HeldInnen- und MärtyrerInnenpathos aus und sind dennoch bewegend. Die Geschichte von Hedwig (Hedi) und Johannes (Hans) Schneider aus Wien ist einer derartige Geschichte, die der Historiker Wolfgang Fritz aufgearbeitet hat.

Hans und Hedi

Hans und Hedi Schneider waren keine todesmutigen WiderstandskämpferInnen, über die es spektakuläre Geschichten zu erzählen gäbe. Dennoch ist ihre Geschichte eine, die es sich in Erinnerung zu rufen lohnt. Sie waren ein – wie man so schön sagt – „ganz normales“ Ehepaar aus der ArbeiterInnenklasse mit einer politischen Orientierung, die ins klassisch sozialdemokratische ging. Die politischen Aktivitäten von Hans beschränkten sich auf das Besuchen von sozialistischen Versammlungen und, als es nach den kurzen Kämpfen des Österreichischen Bürgerkriegs im Februar 1934 zur Implementierung des Austrofaschismus durch Engelbert Dollfuß kam, auf diverse Aktivitäten auf Seiten der (bald verbotenen) sozialistischen Kräfte. Von Hedi ist keine einschlägige politische Tätigkeit überliefert. Was den beiden offenbar viel wichtiger war als Politik, war ihr kleines Haus in Wien-Floridsdorf und ihr Garten, an dem sie sehr gehangen haben.

Eines Tages kamen sie mit Floridsdorfer Mitgliedern der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) in Kontakt. Ein Mitglied der KPÖ, der ursprünglich aus Interesse an ihrem Garten zu Besuch kam, bat sie schließlich um einen Gefallen: Er wollte eine (kaputte) Abziehmaschine zur Vervielfältigung von KPÖ-Flugblättern bei ihnen in der Scheune vorübergehend unterstellen. Hans und Hedi willigten ein, was ihnen zum Verhängnis wurde. Als die Gestapo die Floridsdorfer KommunistInnen Schritt für Schritt verhaftete, fiel bei den Verhören und Folterungen in der Gestapo-Zentrale in Zusammenhang mit dieser Abziehmaschine der Name der Schneiders, die postwendend ebenfalls in Haft genommen wurden. Es kam wie es kommen musste und nach einem dreiviertel Jahr Haft wurden Hans und Hedi Schneider – gemeinsam mit den meisten anderen Floridsdorfer KommunistInnen – zum Tode verurteilt und durch Enthauptung hingerichtet.

Tiefe Einblicke in die NS-Unrechtsjustiz

Wolfgang Fritz rekonstruierte diesen Fall mittels Interviews, die er mit Hedis Schwester geführt hat, Originaldokumenten aus diversen Archiven und vor allem mithilfe des regen Briefverkehrs, der zwischen den Schneiders und Hedis Schwestern zur Zeit ihrer Haft vonstatten ging. Dieser Briefwechsel prägt das Buch und schafft bewegende Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der beiden Inhaftierten. Besonders der Briefwechsel in der Zeitspanne zwischen dem Todesurteil am 24. September 1942 und der Hinrichtung am 2. Dezember 1942, den der Autor so gut wie lückenlos – gar bis wenige Stunden vor der Hinrichtung – vermochte wiederzugeben, ist emotional sehr herausfordernd. Dabei sind diese Briefe inhaltlich notgedrungen keine politischen Traktate oder Anklagen, was durch die Zensur und Überwachung ja überhaupt gar nicht möglich war. Die Briefe zeichnen ein Bild zweier Menschen, die versuchen, sich in ihrer Verzweiflung an jeden erdenklichen letzten mutbringenden Gedanken aufzubauen und an der Sorge füreinander (es war ihnen zumeist verboten, direkten Kontakt zu halten) fast zerbrechen. Der resignativ wirkende Gedanke, dass „der Krieg [vielleicht] doch bald aus“ (S. 78) sein werde, war wohl eine der letzten Hoffnungen, die ihnen blieb. Mit seitenlangen Auszügen aus Briefen der beiden zu Tode Verurteilten, führt Fritz dem/der LeserIn die ganze Monströsität, Unmenschlichkeit und Absurdität dieses Systems, in dessen Fänge die beiden wie aus heiterem Himmel gekommen waren, vor Augen. Nicht, dass es einen derartigen Beweis noch bedurft hätte, aber das direkte und unmittelbare Teilnehmen an den Gedanken von Menschen mit einem Schicksal wie jenes der Schneiders, ist etwas, das schlichten und anonymen Zahlen von Opfern, mit denen man häufig konfrontiert wird, eine ganz anderen Dimension gibt.

Der Autor hat einen klugen und zugänglichen Erzählstil gewählt. Vor allem ein Aspekt ist hier erwähnenswert: Fritz bettet das Schicksal des Ehepaares Schneider in den breiteren historischen Kontext des Österreichischen Bürgerkriegs, des Austrofaschismus, dem wenige Jahre danach erfolgten „Anschluss“ Österreichs durch Nazi-Deutschland und die daraufhin etablierte nationalsozialistische Herrschaft ein, sodass das Buch nicht bei einer schlichten Schilderung von individuellen Schicksalen stehen bleibt, sondern auch das politische Klima, in dem sich diese Geschichte abspielte, auf fundierte und abwechslungsreiche Weise miteinbezieht und erläutert.

Diese „Chronik zweier Hinrichtungen“ zeigt dem/der LeserIn auf erschreckende Weise auf, welche Trivialitäten diesem Amok laufenden Unrechtssystem bereits genügten, um Menschen hinrichten zu lassen – und wie konsterniert, verzweifelt und ungläubig die Betroffenen und Angehörigen ob derartiger Urteile zurückblieben. „Die Geschichte von Hans und Hedi“ ist ein bedrückendes Buch, das auch stellvertretend für die Millionen von Opfern der NS-Unrechtsjustiz steht, die heute bereits so gut wie in Vergessenheit geraten sind und nicht das Glück hatten, von einem engagierten Historiker gewürdigt zu werden.

Wolfgang Fritz 2009:
Die Geschichte von Hans und Hedi. Chronik zweier Hinrichtungen.
Milena Verlag, Wien.
ISBN: 978-3-85286-183-8.
139 Seiten. 17,90 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Kalicha: NS-Terrorjustiz as usual. Erschienen in: Sommerausgabe. 20/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1048. Abgerufen am: 20. 05. 2019 23:51.

Zum Buch
Wolfgang Fritz 2009:
Die Geschichte von Hans und Hedi. Chronik zweier Hinrichtungen.
Milena Verlag, Wien.
ISBN: 978-3-85286-183-8.
139 Seiten. 17,90 Euro.