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Nach der Postmoderne…

Buchautor_innen
Beyer, Heiko / Schauer, Alexandra (Hg.)
Buchtitel
Die Rückkehr der Ideologie
Buchuntertitel
Zur Gegenwart eines Schlüsselbegriffs
Jahrzehntelang wurde das Ende Ideologie verkündet. Die autoritäre Wende zeigt derzeit jedoch: Die Erneuerung des Ideologiebegriffs ist dringend geboten.

Die Postmoderne hat das „Ende der Ideologie“ verkündet und den Ideologiebegriff durch Konzepte wie Diskurs und Narrativ ersetzt. Allerdings: Wie der postmoderne Pluralismus und das neoliberale „Ende der Geschichte“ sich in den gegenwärtigen Krisentendenzen immer mehr auflösen, so kommen offensichtlich auch die postmodernen Konzepte an ihr Ende. Heute driften immer größere Teile der Gesellschaft in autoritäre Ideologien ab. Die Ideologie scheint zurückzukehren. Oder war sie nie weg?

Das Ende der Ideologie war selbst die Ideologie

Ein umfangreicher Sammelband widmet sich der Erneuerung, oder vielmehr Kontinuität des Ideologiebegriffs. Die Autor*innen machen deutlich: Ideologie trat in der Postmoderne nur nicht mehr so laut und konzentriert auf wie früher, wie Sozialdemokratie, Stalinismus oder Faschismus. Vielmehr gab sie sich dezidiert „unideologisch“, war diffus in den Alltag verstreut, als unpolitische Freizeitkultur (wie etwa Germany‘s Next Topmodel) oder alternativloser Sachzwang (beispielsweise Austeritätspolitik). Heute, da das postmodern-neoliberale Legitimationsgefüge zunehmend in die Krise gerät – so versprach die SPD im Bundestagswahlkampf 2021 das Ende von Hartz IV –, wird auch sein damaliger Ideologiecharakter immer offenkundiger.

Allerdings gab es in den letzten Jahrzehnten durchaus eine Ideologiediskussion – wenn auch abseits des Mainstreams. Sie war sogar in zwei einander bekämpfende Lager geteilt, die auch die Beiträge des Sammelbands durchziehen: in das Lager der wertenden Ideologiekritik – die Frankfurter Schule – und der wertneutralen Ideologietheorie – der Strukturalismus. Der Ideologiebegriff dieser Diskussion, und damit auch des Sammelbands, ist nicht von der übersimplen Art, dass die Bourgeoisie die Massen manipuliert, dass die Klassenlage das Bewusstsein determiniert oder dass der Warenfetisch die Menschen verblendet. In der anspruchsvollen Diskussion wurde Ideologie, und zwar quer durch die Lager hindurch, vielmehr als ein komplexer Zusammenhang von ideellen mit materiellen Strukturen, von Ideen und Praktiken verstanden. Heute geht die Diskussion nun dahin – und daran beteiligen sich auch einige der Beiträge des Sammelbandes –, den Lagerkampf von Ideologiekritik und Ideologietheorie durch einen modernisierten Ideologiebegriff, als Synthese aus beidem, zu überwinden.

Die theoretischen Bezüge der Beiträge sind überaus vielfältig. Sie reichen von Karl Marx und Theodor W. Adorno über Antonio Gramsci und Frigga Haug bis hin zu Louis Althusser, Roland Barthes und Michel Foucault. Ein wenig irritierend ist, dass auch sehr bürgerlichen, unkritischen Bezügen wie Karl Mannheim und Niklas Luhmann ein breiter Platz eingeräumt wird, während mit Angela Davis eine der wenigen behandelten Theoretikerinnen nur hinsichtlich ihres angeblichen Antisemitismus (wegen ihrer Unterstützung von BDS) zur Sprache kommt.

Darüber kann immerhin die große Bandbreite der untersuchten Ideologien etwas hinwegtrösten, zu denen unter anderem die Ideologie des Autos, die Identitätspolitik, der politische Islam und die Esoterik gehören. Sehr spannend zu lesen sind hier etwa die Beiträge von Robert Zwarg, der die Geschichte des Autos als eines hochgradig fetischisierten Alltagsgegenstands nachzeichnet, und von Jeerôme Seeburger, der die esoterische Ideologie als eine Selbstfindung durch die Unterwerfung unter ein vermeintlich unausweichliches Schicksal dechiffriert.

Auf dem Weg zu einem revolutionären Ideologiebegriff

Trotz einiger hervorragender Beiträge ist das Gesamtbild des Bandes aber eher durchwachsen. Beispielsweise reiht Bassam Tibi in seinem Beitrag über den politischen Islam nur Gemeinplätze über Islam und Islamismus aneinander und Lars Rensmann zeichnet in einem dogmatischen Stil ein krasses Zerrbild des Antisemitismus, als dessen aktuelle Form er ausgerechnet die postcolonial studies identifiziert. Außerdem beschäftigt sich der Sammelband – abgesehen von ein paar Sätzen – nicht mit der Frage, warum es überhaupt Ideologien gibt und wie eine Emanzipation von Ideologie aussehen kann. Und diese Frage macht doch den praktischen Kern des Problems aus!

Mit seinen knapp 600 Seiten, seinen meist überlangen Beiträgen und seinem unattraktiven Äußeren stellt der klobige Wälzer also nicht unbedingt ein sinnliches Leseerlebnis dar. Da etliche Artikel inhaltlich oder handwerklich fragwürdig sind, sind es eher einzelne Beiträge – etwa die von Alex Demirović, Christian Schmidt und der erwähnte Jérôme Seeburger – die die Ideologiediskussion voranbringen.

Zur weiteren Lektüre

:
Eine ausführliche Version dieser Rezension ist im Jahrbuch für marxistische Gesellschaftstheorie (2022) erschienen.

Beyer, Heiko / Schauer, Alexandra (Hg.) 2021:
Die Rückkehr der Ideologie. Zur Gegenwart eines Schlüsselbegriffs.
Campus Verlag, Frankfurt a. M..
ISBN: 9783593511702.
584 Seiten. 34,95 Euro.
Zitathinweis: Emanuel Kapfinger: Nach der Postmoderne…. Erschienen in: Pandemisches Zeitalter. 63/ 2022. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1748. Abgerufen am: 02. 10. 2022 05:18.

Zum Buch
Beyer, Heiko / Schauer, Alexandra (Hg.) 2021:
Die Rückkehr der Ideologie. Zur Gegenwart eines Schlüsselbegriffs.
Campus Verlag, Frankfurt a. M..
ISBN: 9783593511702.
584 Seiten. 34,95 Euro.