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Menschenrauch

Buchautor_innen
Nicholson Baker
Buchtitel
Menschenrauch
Buchuntertitel
Wie der zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete
Nicholson Baker versucht in dieser Protokollsammlung den Verlauf des Zweiten Weltkriegs im Hinblick auf die Kriegseintritte Englands und der USA zu beleuchten.
Rezensiert von Fritz Güde

Das Buch, heftig befeindet, enthält nichts, was für oder gegen Pazifismus spricht, auch wenn sein Autor das glauben machen will. Er schildert - nach einigen Vorgeschichten - den Verlauf des zweiten Weltkriegs - westlich aus englischen und amerikanischen Quellen, unzuverlässiger aus deutschen. Sein letzter Satz: ”Dieses Buch endet am 31.Dezember 1941. Die meisten Menschen, die im zweiten Weltkrieg starben, waren da noch am Leben.” (S. 521) Das ist möglicherweise gedacht als Plädoyer für ein frühzeitiges Kriegsende. Da das Buch allerdings keine Ansätze bietet zu einer anderen Art der Erledigung des Hitler-Reichs, bleibt die Rechnung offen.

Das Buch besteht einzig und allein aus Zeitungsausschnitten, Gesprächsprotokollen, Tagebuchnotizen usw. von beiden Fronten. Ohne offenen Kommentar des Autors. Wobei die kontrollierbaren Zitate aus Deutschland nicht immer zuverlässig scheinen. So wird zum Beispiel von Churchills Begeisterung für Schwarzwaldbrände erzählt - erzeugt durch Fliegerbeschuss - angeblich sehr erfolgreich. Ich habe als Kind die ganze Zeit im Schwarzwald gewohnt, und kaum, dass ich lesen konnte, Zeitung gelesen - und nie etwas von Großbränden dieser Art mitbekommen. Vielleicht handeln die Stellen bloß von Churchills sadistischen Wunschträumen, von denen im Buch auch sonst öfter die Rede ist.

Interessant bleibt das Buch einmal durch Informationen über die Pazifisten in den USA und in England, die am Anfang des Krieges sich noch halbwegs frei bewegen konnten, bis sie nach Pearl Harbour durch Polizei und öffentliche Meinung niedergerungen zusammensinken.

Außer für fanatische Heiligenscheinverleiher aber auch interessant die Notwendigkeit, die Völker zum Krieg bereit zu machen - unabhängig von der mehr kriegsrechtlichen Frage, wer mit den Feindseligkeiten angefangen und wer sie fortgesetzt hat.

England war - wie das Buch tausendfach zeigt - nach der Niederlage in Norwegen und nach Dünkirchen in einer besonders verzweifelten Lage. Wie konnte bewiesen werden, dass Kampf in dieser Lage überhaupt noch möglich war? Der englischen Kriegspartei blieben nur zwei Waffen: Blockade zu Wasser und zu Land - und Bomberangriffe.

Auf die Hungerblockade legt Nicholson besonderes Gewicht. Auch für selbst besetzte Völker konnte keine Ausnahme gemacht werden. Bombenangriffe blieben - für Verteidigung wie Angriff - die zweite Möglichkeit. Ein Verdienst des Buches von Nicholson Baker liegt in dem Nachweis - oder der Erinnerung daran - dass Breitenbombardements im Ruhrgebiet und Rheinland ohne besondere Ausrichtung auf Fabriken von England zuerst durchgeführt wurden. In der von Anfang bis Ende des Krieges durchgehaltenen Illusion, die Bewohner der bombardierten Städte würden in der Not sich gegen die eigene Obrigkeit erheben. Das hat sich weder in Deutschland noch in Vietnam noch sonst wo je erfüllt. (Als Kind später, 1944, wanzenplatt auf einer Wiese unter den Tieffliegern liegend, kann ich mich wirklich nur an die Wut auf die Piloten erinnern. Auf den Rückschluss auf unsere kriegsführende Regierung kam ich gar nicht.)

Auf diesem Hintergrund werden mehr oder weniger genüsslich alle Vernichtungsphantasien Churchills ausgemalt. Die wird es schon gegeben haben: nur tragen sie zur moralischen Beurteilung der Sache Englands nichts bei. Wichtig zu kennen wäre der Beitrag der Bombardements zum Sieg - Gefühle mal abseits. Mehr Streit hat wohl ausgelöst die Darstellung der Kriegsvorbereitungen Roosevelts.

Was im Buch kaum erwähnt wird: Wilson, der Präsident der Kriegsbeendigung von 1918, sah sich doppelt betrogen in Versailles. Die vierzehn Punkte seines Friedensvorschlags spielten keine Rolle mehr. Und nach Versailles verweigerte der amerikanische Kongress dem Hauptbetreiber des Projekts Völkerbund den eigenen Eintritt. Das musste Roosevelt im Kopf behalten. Er musste vor seinem – unbestritten - beabsichtigten Kriegseintritt die breite Strömung der Kriegs-Unwilligen herumkriegen. Er konnte nur offen in den Krieg eintreten, wenn ein Angriff von außerhalb eindeutig festgestellt wurde.

Der See-Standort Pearl Harbour bot sich zu einem Angriff durch Japan geradezu an.

“Während eines Manila-Aufenthalts kam Edgar Mowrer mit einem Mann ins Gespräch. Es war Ende Oktober 1941, und Mowrer sollte im Auftrag von Oberst Donovan “Erkenntnisse” sammeln (...)

Ernest Johann, so hieß der Mann vom Seeamt, erzählte ihm, er habe in San Francisco eine Tochter, befürchte sie aber nie wieder zu sehen. Die Japaner werden Manila so schnell einnehmen, dass ich keine Chancen habe, hier rauszukommen, sagte er.

Manila einnehmen, fragte Mowrer. Das würde Krieg mit uns bedeuten?

Johnson nickte. Wussten sie nicht, dass die Japaner ihre Flotte in östliche Richtung verlegt haben - wohl um unsere Flotte in Pearl Harbor anzugreifen.” (S. 463)

Am 7.Dezember war es soweit.

”Japanische Piloten starteten von sechs Flugzeugträgern und flogen nach Pearl Harbor, einem Flottenstützpunkt in der Nähe von Honolulu. Es war der 7.Dezember 1941. Ihre Bomben versenkten 18 amerikanische Schiffe und töteten über 2000 Menschen.” (S. 490)

“Henry Morgenthau war bei dem Marineminister Frank Knox, als die Katastrophenmeldung aus Pearl Harbor kam. Knox schwant Ensetzliches, schrieb Morgenthau in sein Tagebuch. Sie haben die ganze Flotte an einem Ort - die ganze Flotte lag in diesem kleinen Stützpunkt Pearl Harbor. Warum? Das werden sie nie erklären können” (S. 493).

“In Washington konnte Edgar Mowrer in dieser Nacht nicht schlafen. Er dachte an den Mann in der Bar in Manila.” Wenn ein Mitglied der Maritime Commission das Ziel der japanischen Flotte kannte, warum hatten der Präsident, Knox, Stimson und Hull, die mit Krieg rechneten, es nicht gewusst und die nötigen Gegenmaßnahmen ergriffen?”

Und dann erkannte Mowrer: “Nur ein direkter Angriff konnte die Vereinigten Staaten in den Krieg verwickeln! Das hier war die Chance, auf die sowohl Churchill als auch V. Soong spekuliert hatten.” (S. 493)

Sehr suggestiv stellt das Buch die Planung der amerikanischen Heeresführung dar. Wie gesagt: nichts für oder gegen den amerikanischen Kriegseintritt. Alles aber über die Notwendigkeit, auch für nachträglich gerechtfertigte Kriege mit allen Mitteln demagogischer Anfeuerung und Massenbegeisterung zu arbeiten. Insofern keinerlei Munition für den kollektiven moralischen Brechreiz, als eine Song-Gruppe in Club Voltaire auftreten wollte mit einem Lied, in welchem Roosevelt genau so beschrieben wurde, wie ihn Nicholson Baker darstellt.

Keine Rechtfertigung enthält das Buch auch für die marodierenden Gruppen, die jetzt schon eine Propaganda gegen den Iran entfesseln, die im gegebenen Fall den Angriff auf Teheran billigen lassen soll. Denn ein Unterschied bleibt - ungeachtet der Einschätzung des Buches – NS-Deutschland hatte damals den Krieg unbestreitbar angefangen. Alle Tricks, jeder Massenbetrug durch Churchill und Roosevelt waren nur Folge, vielleicht unvermeidliche Folge dieses Angriffs. Einen solchen des Staates Iran gibt es aber bisher nur in den Köpfen von kriegswütigen Schreihälsen.

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Die Rezension erschien zuerst im November 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ast, 12/2010)

Nicholson Baker 2009:
Menschenrauch. Wie der zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete.
Rowohlt Verlag, Reinbek.
ISBN: 978-3-498-00661-7.
636 Seiten. 24,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Menschenrauch. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/843. Abgerufen am: 23. 08. 2019 19:55.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. November 2009
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Nicholson Baker 2009:
Menschenrauch. Wie der zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete.
Rowohlt Verlag, Reinbek.
ISBN: 978-3-498-00661-7.
636 Seiten. 24,90 Euro.