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Literarische Berichte über die Revolte

Buchautor_innen
Thomas Atzert, Andreas Löhrer, Reinhard Sauer (u.a.) (Hg.)
Buchtitel
Nanni Balestrini
Buchuntertitel
Landschaften des Wortes
Zum 80. Geburtstag von Nanni Balestrini ist bei Assoziation A ein lesenswerter Sammelband erschienen, der zur Lektüre des linksradikalen „Klassikers“ animiert.
Rezensiert von Jens Renner

Am 2. Juli wurde der italienische Schriftsteller Nanni Balestrini 80 Jahre alt. Sein deutscher Verlag Assoziation A nahm das zum Anlass für einen Sammelband, der nicht nur die zahlreichen Fans bedient. Das Buch ist auch für Leser_innen geeignet, die Balestrini erst noch kennenlernen wollen. Balestrini, der mutmaßliche „italienische Lieblingsautor der deutschen Linken“ (Assoziation A), ist nicht nur Journalist und Schriftsteller, sondern auch Aktivist. 1968 war er Mitbegründer der linksradikalen Gruppe Potere Operaio (Arbeitermacht), später geriet er als Unterstützer der Autonomia Operaia und der militanten 1977er Bewegung ins Visier des Staatsschutzes. Es war die Zeit, als der italienische Staat nach einem Jahrzehnt der Revolte Rache nahm und Tausende Linke mit teils abenteuerlichen Anschuldigungen verfolgte. Die Vorwürfe gegen Balestrini lauteten: Mitgliedschaft in einer bewaffneten Gruppierung und Beteiligung an 19 Morden, darunter dem an dem christdemokratischen Politiker Aldo Moro. Gerade noch rechtzeitig konnte Balestrini im April 1979 auf Skiern über die Alpen fliehen und sich nach Paris absetzen. Erst 1984 wurde die Anklage gegen ihn fallengelassen, und er konnte nach Italien zurückkehren. Heute lebt er in Rom und Paris.

In dem vorliegenden Band trägt sein deutscher Übersetzer Peter O. Chotjewitz einiges an biografischen Daten über Balestrini zusammen. Sein einleitender Aufsatz „Nanni Balestrini und die ,Neo-Avantgarde' der 60er Jahre“, erstmals 1991 erschienen, gibt einen guten Eindruck von Balestrinis breit gefächertem kreativem Potenzial. Er schrieb Gedichte und experimentelle Prosa, redigierte diverse Zeitschriften, arbeitete als Lektor in großen Verlagen (Bompiani und Feltrinelli), organisierte als Mitglied der Literatenvereinigung Gruppo 63 Konferenzen. Außerdem malte er und fertigte teilweise riesige Collagen aus Texten. Einige von Balestrinis Kunstwerken sind in dem Band abgebildet. Hinzu kommen Gedichte und Prosastücke, in denen er aktuelle politische Vorgänge kommentiert, darunter ,,Die reaktionäre Gewalt der bürgerlichen Institutionen beantworten wir mit revolutionärer Gewalt“. Beiträge von Kolleg_innen und Weggefährt_innen komplettieren die Sammlung.

Im deutschen Sprachraum ist Balestrini vor allem für seine politischen Romane bekannt. Insbesondere „Vogliamo tutto“ (Wir wollen alles; veröffentlicht 1971), „Gli invisibili“ (Die Unsichtbaren; 1986) und „L’editore“ (Der Verleger; 1989) sind als künstlerisch verarbeitete kollektive mündliche Geschichte enorm wichtig für die Geschichtsschreibung der italienischen Neuen Linken. In besonderem Maße gilt das für „Wir wollen alles“, über den Jost Müller einen lesenswerten Aufsatz beigesteuert hat: „Vogliamo tutto – ein literarischer Bericht über den Massenarbeiter.“ Darin hat Balestrini ein eminent wichtiges politisches Ereignis verarbeitet: die Revolte am Corso Trajano in Turin am 3. Juli 1969. Spektakulär trat damit ein neuer politischer Akteur hervor, der von den Theoretikern des Operaismus so genannte „Massenarbeiter“ (operaio massa), der aus dem Süden des Landes in die großen Industriestädte des Nordens kam. Hier, im Dreieck Mailand-Turin-Genua, fanden Zehntausende Arbeit in den großen Fabriken, etwa bei FIAT. Müller zitiert ausführlich, was Balestrinis Ich-Erzähler von dem „Mythos FIAT“ hält:

„Man hat uns glauben gemacht, die FIAT sei das versprochene Paradies, Kalifornien, wo wir in Sicherheit sind. Ich habe alles gemacht, Genossen, alle Berufe, Maurer, Tellerwäscher und Verladearbeiter. Ich habe schon alles mal mitgemacht, aber die größte Scheiße ist wirklich die FIAT. Als ich zur FIAT kam, dachte ich, jetzt wäre ich gerettet. Dieser Mythos der FIAT und der FIAT-Arbeiter. In Wirklichkeit ist es dieselbe Scheiße, wie alle anderen Arbeiten auch, nur noch schlimmer.“ (S. 123)

Der Kampf gegen die Arbeit, die Hetze an den Fließbändern, die Kontrolle der Aufseher beginnt in der Fabrik. Hier entsteht auch die Parole „Wir wollen alles!“ Der Streik richtet sich gegen das Fabriksystem insgesamt. Und er springt über auf die Stadt: „Eine ganze Stadt im Streik, die räumlich-funktionale Trennung von Arbeitsplatz und Wohnviertel war außer Kraft gesetzt.“ (S. 119) Schließlich kommt es zum Aufstand. Nach 24 Stunden Straßenschlacht siegt die Staatsmacht, aber die Ausstrahlung des Kampfes auf junge Linke, auch in Deutschland, war enorm. Durch seinen „literarischen Bericht“ – ein besser treffender Begriff als Roman – hat Balestrini dazu maßgeblich beigetragen.

Der von Thomas Atzert, Andreas Löhrer, Reinhard Sauer und Jürgen Schneider herausgegebene Sammelband „Landschaften des Wortes“ leistet vor allem eines: Er ist eine „Einladung an alle, Balestrini zu lesen“ (Chotjewitz, S. 29). Balestrinis Romantrilogie „Die große Revolte“ (Wir wollen alles, Die Unsichtbaren, Der Verleger), ist in einem Band ebenfalls bei Assoziation A erschienen.

Thomas Atzert, Andreas Löhrer, Reinhard Sauer (u.a.) (Hg.) 2015:
Nanni Balestrini. Landschaften des Wortes.
Assoziation A, Hamburg.
ISBN: 978-3-86241-445-1.
224 Seiten. 16,00 Euro.
Zitathinweis: Jens Renner: Literarische Berichte über die Revolte. Erschienen in: Antifa anders machen!. 37/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1299. Abgerufen am: 19. 09. 2019 08:38.

Zur Rezension
Zum Buch
Thomas Atzert, Andreas Löhrer, Reinhard Sauer (u.a.) (Hg.) 2015:
Nanni Balestrini. Landschaften des Wortes.
Assoziation A, Hamburg.
ISBN: 978-3-86241-445-1.
224 Seiten. 16,00 Euro.