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Leider nur ein Hauch

Buchautor_innen
Stéphane Hessel
Buchtitel
Empört Euch!
Das Pamphlet "Indignez-vous!" (Empört euch!) sorgt derzeit für einige Aufregung, was verwundert, weil nichts Aufregendes geschrieben steht.
Rezensiert von Dirk Brauner

Der Verfasser Stephane Hessel, französischer Widerstandskämpfer, KZ-Buchenwald-Überlebender und Mitverfasser der Menschenrechtserklärung von 1948 legt in seiner Streitschrift den Leser_innen nahe sich zu empören. „Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung.“ (S. 10), denn: „Wir alle sind aufgerufen, unsere Gesellschaft so zu bewahren, dass wir auf sie stolz sein können“ (S. 7). Als Gefahren für die Gesellschaft nennt er einige, beschränkt sich aber auf die Nennung hinlänglich bekannter Tatsachen, wie das Diktat des Kapitals. Das alles kommt sehr dünn daher. Das Heftchen schließlich umfasst nicht mal zwei Dutzend Seiten. Umso erstaunlicher ist es, dass der Erfolg nicht ausbleibt. In Frankreich ein Bestseller, wurde es jetzt auch in Deutschland ein solcher. Gründe für den Erfolg dieses Heftchens wurden in den vergangenen Wochen einige genannt. Auffallend ist, dass sie überhaupt gesucht werden. Der Erfolg wirft anscheinend Fragen auf.

Dabei sind Antworten immer schnell zur Hand. Da wird Hessel als moralische Instanz à la Helmut Schmidt gesehen (z.B. FAZ.de, 11.02.2011), er hätte vielen aus dem Herzen gesprochen (taz.de, 05.01.2011), oder er selbst glaubt schließlich, dass das Heft zu einem Zeitpunkt erschienen wäre, wo die jungen und weniger jungen Menschen sich Sorgen um die Zukunft machen würden (Welt-Online, 09.02.2011). Hier soll versucht werden, einen weiteren Blick zu werfen.

Wie Hessel unlängst erklärte, wolle er mit seinem Text kein Programm bieten, sondern das Verantwortungsbewusstsein der Leser sensibilisieren. Deshalb hätte er bewusst keine Lösung vorgeschlagen (Welt-Online, 09.02.2011).

Hessel bezieht sich auf Sartre (S. 11). Dieser argumentierte in seiner Existenzphilosophie, dass das Handeln der Menschen durch das Berufen auf höhere Werte moralisch verklärt werden würde. Der Mensch hätte einzig seine Freiheit und da er sich nicht aus der Verantwortung ziehen könne, sich also allein rechtfertigen müsse, sei er verurteilt, frei zu sein. Sartre postulierte den freien Willen und erklärte schließlich, dass jede_r als Einzelne_r verantwortlich ist und sich erst im Engagement als Individuum schafft. Aus dieser Logik begründet Hessel nun selbst sein Handeln: „Es war gar nicht so sehr das Gefühl, das mich bewegte, sondern mehr die Entschlossenheit zum Engagement.“ (S. 11)

Der Existenzialismus verkam in den 1950er Jahren zum Klischeebild des melancholischen Intelektuellen, der mit gleichgültigen Augen unter seiner schwarzen Baskenmütze in verrauchten Kellern dem Jazz eines Miles Davis lauschte. Ein elitärer Zirkel, der den Protest zur Mode machte und den Anschein gab engagiert zu sein, deren tatsächliches Engagement oft aber der eigenen Individualität galt. Der Protest fand sein Ende schließlich auch dort in der Individualisierung des Einzelnen durch Engagement.

Nun führt Hessel zwar Sartre an, um seine Leser_innen in die Verantwortung zu nehmen, in der Frage der Gewalt widerspricht er ihm aber. Hessel ist für Gewaltlosigkeit, so wie er für die Menschenrechte ist. Er sieht sie als Fortschritte in der Geschichte. Die Geschichte wiederum ist für ihn, er folgt hier Hegel, eine sinnhafte: „Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen – zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit.“ (S. 10)

Die Botschaft, welche hier mitgenommen werden könnte: Im Grunde reicht es aus sich zu engagieren, denn die Geschichte trägt zur Veränderung quasi automatisch bei. Es geht hier um die anfangs gestellte Frage, warum das Heft erfolgreich ist: Dem Apell „Empört euch!“ gibt Hessel den Sinn mit, dass der Weg schon geschrieben steht. Das ist angenehm, auf der Straße geht es sich besser, als durchs Unterholz. Hessel nennt das optimistisch und gibt auch ganz zuversichtlich auf die Frage, wo denn jetzt genau Probleme sind, mit: „Suchet, und ihr werdet finden.“ (S. 15)

Dabei ist die Frage erstmal nicht, ob es einen und, wenn ja, welchen Geschichtssinn es gibt, hierzu gibt es verschiedene Antworten, und Hessel hat seine: Wichtig ist, dass Engagement entsteht. Das ist auch Hessels Anliegen und er hat hier recht. Aber Engagement ist noch nicht Engagement, es braucht immer auch die Diskussion und Auseinandersetzung. Das mühselige, aber konkrete klein- klein. Sicher muss dieses Pamphlet als Produkt der französischen Rhetorik, wie sie in den lycées gelehrt wird, gesehen werden, was erklärt, warum es so geschrieben wurde, wie es geschrieben wurde. Dort aber, wo mit Rhetorik an das Engagement appelliert wird, könnte Engagement vielleicht auch nur Rhetorik bleiben. Und wo schließlich Engagement um des Engagements willens in den Vordergrund rückt, also wichtiger als tatsächliche Veränderungen ist, bleibt vielleicht nur heiße Luft. Protest wird Habitus und auf der Demo wird die Botschaft genossen. Deshalb braucht es Anregungen für konkrete Praxen.

Folgt diese Rezension einer gewissen Polemik, dann nicht, um Hessel als Person zu diffamieren, noch sein Schaffen und Handeln zu bewerten, das wäre eine Dreistigkeit (der Verfasser ist im Vergleich zu Hessel sehr jung und grün hinter den Ohren), sondern um ihn dann als Instanz in Frage zu stellen, wenn er sich hinstellt und ruft: Empört euch! Eine irgendwie geartete Empörung ist eine zutiefst persönliche Sache und entspringt vielleicht aus eigenen Überzeugungen oder durch die Umwelt hervorgerufenes Unrecht, aber es bedarf keiner Autoritäten. Zu dem sich Hessel aber macht, wenn er appelliert.

Gleichwohl hat „Empört euch!“ viele Menschen erreicht und bei jeder_m, bei der_dem es zu lebendigem Protest führt, hat Hessels Botschaft unbedingt seine Berechtigung.

Stéphane Hessel 2011:
Empört Euch!
Ullstein Verlag, Berlin.
ISBN: 9783550088834.
32 Seiten. 3,99 Euro.
Zitathinweis: Dirk Brauner: Leider nur ein Hauch. Erschienen in: 140 Jahre Commune. 2/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/892. Abgerufen am: 24. 07. 2019 06:41.

Zur Rezension
Rezensiert von
Dirk Brauner
Veröffentlicht am
28. April 2011
Erschienen in
Ausgabe 2, „140 Jahre Commune” vom 28. April 2011
Eingeordnet in
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Zum Buch
Stéphane Hessel 2011:
Empört Euch!
Ullstein Verlag, Berlin.
ISBN: 9783550088834.
32 Seiten. 3,99 Euro.