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Kartographie(n) des Kapitalismus

Buchautor_innen
Alberto Toscano / Jeff Kinkle
Buchtitel
Cartographies of the absolute
Das Buch verbindet marxistische Theorie mit Popkultur und zeigt, dass sich Marx’ Werk auch für kulturkritische Interventionen eignet.
Rezensiert von Fabian Namberger

Mit dem Kapital verhält es sich wie mit der Schwerkraft: Unsichtbar, wahrzunehmen nur durch theoretische Abstraktion und doch unmittelbar präsent in seinen Auswirkungen. Diese Bemerkung des marxistischen Geographen David Harvey bringt Alberto Toscano und Jeff Kinkles Anliegen auf den Punkt. Wenn die abstrakten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten eines globalen kapitalistischen Systems stets unsichtbar und abstrakt bleiben, dann stellt uns „der“ Kapitalismus nicht nur vor ein politisches oder ökonomisches, sondern eben auch vor ein gravierendes ästhetisches Problem: Wie – so die zentrale Frage in „Cartographies of the Absolute“ – kann ein global vernetztes kapitalistisches System visuell dargestellt und so, im wahrsten Sinne des Wortes, sichtbar gemacht werden?

Auf der Suche nach Anschauungsmaterial bedienen sich Toscano und Kinkle bei Hollywoodstreifen und TV-Serien ebenso wie bei Kunstwerken. Das Faszinierende an „Cartographies of the Absolute“ ist dabei gerade die Leichtigkeit, mit der dieses Buch die (vermeintlichen) Grenzen zwischen Ökonomiekritik, sozial- und kulturwissenschaftlicher Analyse, Popkultur und Kunst sprengt und diese Teilbereiche zu einem weitverzweigten Gemenge aus filmischen Sequenzen, kartographischen Bildausschnitten und philosophischen Argumenten neu zusammensetzt. Nicht nur deswegen ist es ein Buch zum genussvollen Wiederkauen und zieht selbst nach mehrfachem Lesen noch in seinen Bann.

Als theoretischer Takt- und Ideengeber für Toscano und Kinkles Vorhaben firmiert der marxistische Literatur- und Kulturtheoretiker Fredric Jameson und sein Konzept des „cognitive mappings“ („kognitive Kartierung“), das er erstmals 1983 auf der Konferenz Marxism and the Interpretation of Culture (Marxismus und die Interpretation von Kultur) vorstellte. In dieser „kämpferischen Konferenzpräsentation“ (S. 7, Übers. FN) beschreibt Jameson den Spätkapitalismus als geprägt von einer fundamentalen Lücke, die sich auftut zwischen individueller (beziehungsweise kollektiver) alltäglicher Erfahrung einerseits und der systemischen „Totalität“ des Kapitalismus andererseits: Einer Lücke zwischen „der lokalen Positionierung des individuellen Subjekts und der Totalität von Klassenverhältnissen, in denen er oder sie sich befindet“ (Jameson 1988, S. 353, Übers. FN). Zentrales Anliegen des „cognitive mappings“ ist es nun, diese Kluft mittels kultureller Repräsentationen (Romane, Kunstwerke, Filme, Installationen, Bilder et cetera) zu schließen und so zumindest kurzzeitig eine Verbindung zwischen subjektiver Erfahrung und kapitalistischer „Totalität“ herzustellen. Genau an diesem Punkt setzen Toscano und Kinkle an und machen sich – nunmehr drei Jahrzehnte später – auf die Suche nach visuellen Versatzstücken, die eine Aktualisierung von Jamesons Mammutprojekt erlauben:

„Es zog uns zu visuellen und narrativen Werken, die, in der einen oder anderen Weise, flüchtige Blicke auf die, oder entfernte Lichtbrechungen der, Funktionsweise einer globalen politischen Ökonomie bieten; Werke die den Platz von Individuen und Kollektiven innerhalb dieses erhabenen Systems thematisieren“ (S. 20, Übers. FN).

Damit ist zugleich die politische Stoßrichtung der Praxis des „cognitive mappings“ benannt. Sollte es möglich sein, eine (wenn auch nur skizzenhafte) Landkarte des Kapitalismus zu zeichnen, dann könnten damit bestehende Herrschaftsregime sichtbar(er) gemacht und vielleicht sogar ausgehebelt werden: „Die Kartierung des Kapitalismus ist eine Voraussetzung für die Identifizierung jeglicher ‚Hebel’, Nervenzentren oder schwacher Glieder in der politischen Anatomie gegenwärtiger Herrschaft“ (S. 8, Übers. FN). Befreiend wirkt in diesem Zusammenhang Toscano und Kinkles Anliegen, Jamesons monotone Vorrangstellung von Klassenverhältnissen zu durchbrechen und kognitive Landkarten auch entlang der sich überschneidenden Achsen von „Klasse, Rasse, Geschlecht, Sexualität und mehr“ (S. 15, Übers. FN) zu denken. Nicht umsonst überzeugt „Cartographies of the Absolute“ gerade dort, wo – wie etwa in Kapitel vier und fünf sowie im Prolog zum dritten Teil – das ökonomische Narrativ kapitalistischer Krisenhaftigkeit mit antirassistischen und feministischen Perspektiven durchkreuzt wird.

Die Ästhetik der Ökonomie

Toscano und Kinkle unterteilen ihr Werk in insgesamt drei Teile, die wiederum jeweils zwei bis drei Kapitel umfassen. Den Ausgangspunkt bildet Toscano und Kinkles Frage nach der (Un-)Sichtbarkeit kapitalistischer beziehungsweise sozialistischer Gesellschaftsordnungen: „Wie wurde dieser Bereich menschlicher Angelegenheiten namens ‚Ökonomie’ als Forschungsobjekt und als Gegenstand technischer und ästhetischer Repräsentation fixiert?“ (S. 31, Übers. FN). Das Buch spürt dabei zunächst der visuellen Darstellbarkeit des Kapitalismus nach. Es spannt einen weiten Bogen, der von den Anfängen ökonomischer Repräsentation durch die Erfindung der Graphendarstellung über die verräterischen Monologe in aktuellen Hollywoodfilmen bis hin zu den geheimen Orten des US-amerikanischen Überwachungs- und Militärstaates reicht. Zugleich erkunden Toscano und Kinkle sowohl Reichweite als auch Grenzen einer „sozialistischen kognitiven Kartierung“ (S. 85, Übers. FN) und zeichnen in diesem Zuge die (nicht weniger zahlreichen) Eigenheiten und Widersprüche kommunistischer Ästhetik(en) nach.

Der zweite Teil führt die Autoren in die urbanen Epizentren US-amerikanischer Großstädte: „Obwohl ihre verheerende Wirkung auf das Land und das Außerstädtische berüchtigt sind, sind kapitalistische Krisen oftmals als ausnehmend städtische Angelegenheiten dargestellt worden“ (S. 105, Übers. FN). Kapitel drei versetzt die Leser_innen in das heruntergekommene und von neoliberalen Umstrukturierungen (sprich: Austeritätspolitik und rassistischen Ausgrenzungen) geprägte New York der 1970er Jahre. In Gleichschritt mit Michael Wadleighs Polit- beziehungsweise Horrorfilm „Wolfen“ (1981) zeichnen Toscano und Kinkle ein ebenso facettenreiches wie fesselndes Bild der ökonomischen und sozialen Verwerfungen der damaligen Zeit und ihrer Einschreibung in das urbane Gewebe der US-Metropole. Das düster gehaltene Baltimore der TV-Serie „The Wire“ (2002-2008) vervollständigt den Bildausschnitt. Gerade der eng umgrenzte Radius dieser „abgehängten“ Stadt erlaubt es den Autoren, die Verbindungen zu einem global agierenden kapitalistischen System zu beleuchten und zugleich die schiere Unmöglichkeit einer allumfassenden Darstellung des selbigen zu reflektieren. Der letzte Abschnitt fällt zwar etwas aus dem urbanen Rahmen des zweiten Teils, bietet jedoch ein nicht weniger reizvolles Panorama aktueller (Hollywood-)Filme, welche die derzeitige ökonomische Krise – sowohl in gelungener als auch in weniger gelungener Weise – in Szene setzen.

Die Kunst der Logistik und die verwüsteten Landschaften des Kapitals

Weg von den städtischen Gefilden New Yorks und Baltimores führt der dritte und abschließende Teil die Leser_innen in die kahlen Landschaften spätkapitalistischer Logistikzentren und Umschlagplätze. Ihren Fokus richten Toscano und Kinkle sowohl auf globale Warenströme und deren ästhetische Versinnbildlichung im modularisierten Raum des (Schiffs-)Containers als auch auf ganze Landschaften toter kapitalistischer Arbeit. Fotografien, in denen Menschen (wenn überhaupt) mehr als passives Beiwerk denn als aktive Handlungsträger_innen in Erscheinung treten, rücken in den Mittelpunkt: „Räume sind entvölkert oder Menschen erscheinen in jener Art des gleichbleibend Alltäglichen, das sie unterwürfig durch Wüsten aus Architektur irren lässt“ (S. 228, Übers. FN). Die kognitiven Landkarten, die in diesem Kontext entstehen (Romane, fotografische Werke und Filme), dürften – so die zentrale Warnung des gesamten dritten Teils – nicht zu einer Romantisierung verleiten, die die tatsächlichen (also politischen) Ursachen menschlicher Verelendung unangetastet lässt. Als Gegenrezept schlagen die Autoren eine Verlagerung des Blickwinkels vor: Weg von den bloßen Abbildungen logistischer Netzwerke, hin zu den Entstehungsbedingungen der Bilder, die selbst erst durch die „totale Sicht“ (S. 216, Übers. FN) militärischer Überwachungstechniken (Satellitenbilder, GPS, Drohnen) möglich werden.

Marxismus als Kulturkritik

„Cartographies of the Absolute“ ist ein ebenso faszinierendes wie komplexes Buch. Nicht nur Toscano und Kinkles anspruchsvolle englische Sprache und ihr zum Teil ausuferndes Vokabular, auch die enge Anknüpfung an Jamesons Theoriewerk machen ihre Essays zu einer Herausforderung. Sind diese Hürden erst einmal genommen (die Einleitung bietet eine durchaus gelungene Einführung in die knifflige Thematik des cognitive mappings), erschließt sich eine breite Fülle an Themenfeldern und Zugängen. Zwei grundlegende Einschränkungen beziehungsweise Bedenken bleiben jedoch stets präsent: Erstens – Toscano und Kinkle reflektieren diesen Punkt ausgiebig in ihrer Einleitung – sprechen die „Landkarten“ in „Cartographies of the Absolute“ eine durchweg eurozentristische Sprache. Kartographiert wird hier (fast) ausschließlich aus Sicht des „westlich-kapitalistischen Zentrums“. Damit verbindet sich zweitens eine gewisse Kurzsichtigkeit in Bezug auf die oben angesprochenen Differenzkategorien „Rasse“, Geschlecht und Sexualität, die Toscano und Kinkle – trotz ihrer gegenteiligen Ankündigung – nie vollständig auflösen können. Nichtsdestotrotz: „Cartographies of the Absolute“ ist ein wertvolles Buch. Auf bravouröse Weise machen Toscano und Kinkle deutlich, dass die marxistische Dialektik eben nicht nur auf ökonomischem Terrain Sprengkraft entfaltet, sondern auch einen wichtigen (und oftmals sträflich vernachlässigten) Wegweiser für kulturkritische Interventionen bietet.

Das Buch erschien bisher nur auf englisch.

Zusätzlich verwendete Literatur

Jameson, Fredric (1988): Cognitive Mapping. In: Nelson, Cary/Grossberg, Lawrence (Hg.): Marxism and the Interpretation of Culture. University of Illinois Press, Chicago.

Alberto Toscano / Jeff Kinkle 2015:
Cartographies of the absolute.
Zero Books.
ISBN: 978-1-78099-275-4.
311 Seiten. 23,55 Euro.
Zitathinweis: Fabian Namberger: Kartographie(n) des Kapitalismus. Erschienen in: Asylpolitik: Wider die Bewegungsfreiheit. 38/ 2016. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1318. Abgerufen am: 21. 09. 2018 06:21.

Zum Buch
Alberto Toscano / Jeff Kinkle 2015:
Cartographies of the absolute.
Zero Books.
ISBN: 978-1-78099-275-4.
311 Seiten. 23,55 Euro.
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