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Homohochzeit in Kriegszeiten

Buchautor_innen
Judith Butler
Buchtitel
Queere Bündnisse und Antikriegspolitik
Buchuntertitel
Queer Lectures Heft 9
Einen Tag vor der Ablehnung des Zivilcouragepreises des Christopher-Street-Day (CSD) hielt Judith Butler einen vielbeachteten Vortrag an der Volksbühne in Berlin, der nun vorliegt.
Rezensiert von Eugen Januschke

Noch haben wir einen öffentlich bekennenden Schwulen als Außenminister. Und der ehemalige Wehrbeauftragte des Bundestages Reinhold Robbe heiratete am 16. April Freo Majer, der mit seinem Verein „Frontkultur“ Theater für deutsche Soldaten in Afghanistan macht. Die Zeiten, da man annehmen konnte, dass Schwule der Bundeswehr zumindest mit Vorbehalten gegenüber stehen, scheinen vorbei. Nicht nur viele Schwule sehen Staat und Bundeswehr als Verteidiger ihrer „Minderheitenrechte“. Judith Butler ordnet dies ein in „Versuche, Schwule für den Aufbau nationalistischer und fremdenfeindlicher Kulturen zu rekrutieren“, so in ihrem nun publizierten Vortrag Queere Bündnisse und Antikriegspolitik.

Gehalten wurde dieser Vortrag an der Berliner Volksbühne am Vorabend des Christopher-Street-Day (CSD) letzten Jahres. Butler sollte auf der Abschlusskundgebung des CSD dessen Zivilcouragepreis verliehen werden. Dort verweigerte sie öffentlich die Entgegennahme und begründete dies mit rassistischen Tendenzen innerhalb einiger Organisationen, die den CSD in Berlin veranstalten. Da es personelle Überschneidungen zwischen dem Veranstalter des Abends mit den Organisatoren des CSD gibt, konnte offensichtlich nicht der Versuchung widerstanden werden, den Beitrag im Buch noch um Annotationen zu ergänzen, die sich um diesen Rassismusvorwurf drehen. Dabei ist das Anliegen des Textes von Butler durchaus weitergehend, indem sie Grundlagen für eine queere Antikriegspolitik aufzuzeigen sucht.

Hierzu entwickelt Butler zunächst ihre Forderung nach „radikaler Demokratie“ aus dem sich im CSD artikulierenden Wunsch, öffentlichen Raum für sich zu beanspruchen. Dieses Recht auf die Beanspruchung von öffentlichem Raum hilft Butler zu begreifen, warum der sich darin ausdrückende Kampf mit dem Kampf aller entrechteten Minderheiten verknüpft ist. War diese Bündnisforderung früher in emanzipatorischen Bewegungen mal selbstverständlich (ob sie dann tatsächlich erfüllt wurde, ist eine andere Frage), so hat diese Selbstverständlichkeit heute verschiedene Risse: Viele Schwule sind nicht nur gut integriert, sondern fühlen sich Staat und Militär auch in deren rassistischem Handeln verpflichtet. Anderseits behindern rassistische Einstellungen bei schwulenpolitisch aktiven Bündnisse mit anderen Minderheiten.

Butler beklagt nicht lediglich diesen Rassismus, sondern sie sucht - indem sie quasi einen Schritt zurück tritt - nach einer Grundlage queerer Antikriegspolitik. Diese sieht sie in der Auseinandersetzung mit der „normativen Rahmung“ des menschlichen Körpers durch Staat und Gesellschaft: „Dieser normative Rahmen legt von vornherein fest, welches Leben lebenswert, schützenswert und betrauernswert ist. Diese Auffassungen vom Leben durchziehen und rechtfertigen die heutigen Kriege. Leben wird danach unterschieden, ob es einen bestimmten Staat repräsentiert oder ob es eine Bedrohung für die liberale staatliche Demokratie darstellt, so dass reinen Gewissens ein Krieg im Namen eines bestimmten Lebens geführt werden oder die Zerstörung eines anderen reinen Gewissens gerechtfertigt werden kann.“

Deshalb kann Butler ihre Vorstellung von radikaler Demokratie - sich dem Fremden, fremden Ansprüchen, mögen sie auch irritieren, zu stellen - als Antikriegspolitik verstehen. Ob sie damit die Gay Community in ihrer Breite erreicht, kann man in Anbetracht von Homohochzeiten in Kriegszeiten bezweifeln. Interessant ist allerdings Butlers Text durchaus für KriegsgegnerInnen, die vom Ringen queerer Zusammenhänge um Antikriegsbündnisse jenseits von kulturellen Relativismus und Universalismus inhaltlich profitieren möchten.

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Die Rezension erschien zuerst in der Zeitschrift Zivilcourage – Magazin für Pazifismus und Antimilitarismus der DFG-VK im Mai 2011 und wurde uns freundlicherweise von der Redaktion und dem Autor zur Verfügung gestellt.

Judith Butler 2011:
Queere Bündnisse und Antikriegspolitik. Queer Lectures Heft 9.
Männerschwarm Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3-939542-83-4.
48 Seiten. 6,00 Euro.
Zitathinweis: Eugen Januschke: Homohochzeit in Kriegszeiten. Erschienen in: Entwicklungen feministischer Politiken. 7/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/918. Abgerufen am: 23. 07. 2019 20:35.

Zum Buch
Judith Butler 2011:
Queere Bündnisse und Antikriegspolitik. Queer Lectures Heft 9.
Männerschwarm Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3-939542-83-4.
48 Seiten. 6,00 Euro.