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Freiheit im Reservat

Buchautor_innen
Hanno Rauterberg
Buchtitel
Wie frei ist die Kunst?
Buchuntertitel
Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus

Über Kunst wird viel gestritten. Die Alternative zwischen identitätspolitischer Anerkennung und liberaler Kunstfreiheit greift aber zu kurz.

Im Jahr 2017 kritisierten Studierende das Gedicht „ciudad (avenidas)“ von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Es objektiviere Frauen; sein alltäglicher Anblick erinnere daran, „dass […] potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können“ (S. 104). Daraufhin wurden alle Register des gegenwärtigen Kulturkampfs gezogen. Am Ende ließ die Hochschulleitung das Gedicht übermalen und durch ein anderes ersetzen. Problem demokratisch gelöst, könnte man meinen. Doch die grundlegende Frage blieb offen: Was ist Kunst, und wie frei sollte sie sein?

Kunst als Antrieb

Für Hanno Rauterberg, stellvertretender Ressortleiter des Feuilletons der Zeit, fällt die Antwort in seinem Essay „Wie frei ist die Kunst?“ eindeutig aus: Die Kunst muss frei sein. Historisch habe sie die Entfaltung der Freiheit in der Gesellschaft vorangetrieben, indem sie Normen überschritt und Neues ausprobierte. Während Konservative diese Freiheit immer wieder bekämpften, sei sie von Liberalen und Progressiven zumeist verteidigt worden.

Heute jedoch, so Rauterbergs Diagnose, habe sich diese Konstellation verschoben. In progressiven Kreisen diene Kunst zunehmend der Selbstvergewisserung und Abgrenzung: Entscheidend sei weniger, was ein Werk ästhetisch eröffnet, als die Frage, welche Identitäten und Erfahrungen es anerkennt oder verletzt und wer mit welchem Recht für wen sprechen darf. Ausgerechnet die Rechte könne dadurch als rebellische Verteidigerin der Freiheit auftreten. Die damit einhergehenden Kulturkämpfe von heute illustriert Rauterberg in fünf kurzen Kapiteln anhand bekannter Fälle überwiegend aus den 2010er Jahren.

Der Grund für diese Verschiebung liegt für ihn in einer Krise des Liberalismus. Gerade der Sieg im Systemwettstreit des kalten Krieges sei das Problem. Seine prinzipielle Offenheit führe schnell zum Relativismus aller Werte und damit zur Erosion der verbindenden Kultur. Das vereinzelte Individuum erkenne nur noch sich selbst als Autorität an. Zuvor sei die Grenze der Kunstfreiheit durch die Rechtsprechung festgesetzt, heute liege sie in individuellen Befindlichkeiten.

So verlange das progressive Lager im Namen partikularer Interessen Unfreiheit im Inneren der Gesellschaft. Das Gegenstück sei der offen auftretende Illiberalismus der Rechten, der für die gesellschaftliche Schließung nach außen eine Freiheit im Inneren verspricht. Ähnliches wird deutlich präziser unter dem Begriff Postliberalismus als Gegenwartsdiagnose diskutiert, bei der einige Autor*innen auch eine Rückbesinnung auf Werte oder Traditionen fordern.

Doch ist die Verbindung aus gesellschaftlichem Fortschritt und Freiheit wirklich erst vor Kurzem zerbrochen? Erinnert nicht die Idee der freien Kunst schmerzlich daran, dass die Freiheit im Rest der Gesellschaft nicht verwirklicht ist?

Krise und Avantgarde

Das liberale Verständnis von Kunst war eng mit der Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit verbunden und stand in der Tradition der bürgerlichen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts. Gerade von Kirche und Zünften befreit, sollte die künstlerische Erfahrung integraler Bestandteil des Lebens werden. Das humanistische Ideal war die allseitige Entfaltung des Subjekts in Freiheit.

Doch mit der industriellen Revolution geriet die bürgerliche Gesellschaft in eine Krise namens Kapitalismus. Jener untergrub die Bedingungen des bürgerlichen autonomen Subjekts. In der Kunst drückte sich dies in der Entstehung der Avantgarde aus. Sie versuchte das kritische Moment der ästhetischen Erfahrung in der Krise des Subjekts festzuhalten.

Das Scheitern der europäischen Revolutionen von 1848 macht diesen Bruch sichtbar. Für Karl Marx betrat das Proletariat hier die historische Bühne als negatives Gegenstück zur Bourgeoisie. Damit ändert sich auch das Verhältnis zur Geschichte. Das Bürgertum rechnete damit, dass sich die Freiheit immer weiter entfalte. Für das Proletariat gilt das nicht. Es kann der bürgerlichen Freiheitsidee aber keine eigene positive Konzeption von proletarischer Subjektivität oder Freiheit entgegensetzen. Seine neue, historisch notwendige Aufgabe war laut Marx: die Errichtung der Diktatur des Proletariats als Übergang zur klassenlosen Gesellschaft und einer neuen Form von Freiheit.

Bei Rauterberg steht 1848 für etwas anderes: Er erinnert daran, dass die freie Kunst damals in Preußen „als Element nationaler Bildung“ (S. 112) auf die politische Agenda kam, die Garantie ihrer Freiheit jedoch nie umgesetzt wurde. Mit dem Ende der Einheit von technischem Fortschritt und Entfaltung der Freiheit erscheint die Kunst als deren letztes Refugium.

Schließung statt Öffnung

Der Band erschien nicht zufällig im Jahr 2018. Als Symptome der Krise des Neoliberalismus hatten Brexit, Trump und der Aufstieg des Populismus progressive Gewissheiten weltweit erschüttert. Der Begriff Neoliberalismus kommt in Rauterbergs Essay zwar kein einziges Mal vor, doch schwingt die ganze Zeit mit. Er referiert Luc Boltanski und Ève Chiapello, denen zufolge die Kritik der Künstler*innen an hierarchisch geprägten und fordistischen Formen des Kapitalismus dessen Erneuerung mit vorbereitet hat: „Der Künstler ist zum Inbild einer postfordistischen Ökonomie aufgestiegen.“ (S. 89) Arbeitswelten verlangen eine künstlerische Geisteshaltung: Kreativität, Mobilität und Innovation. Zugleich sei Kunst stärker vermarktet worden.

Hier hätte eine Meditation über das Verhältnis von Kunst und Ökonomie anschließen können, vor allem aber über deren Verbindung zur Politik. Stattdessen folgt nur eine Betrachtung des geistigen Klimas. Rauterberg registriert ein Problem, kommt aber über ein Sowohl-als-auch nicht hinaus. Manchmal hat Kunst für ihn die Aufgabe, Gesellschaft zu verbessern. Manchmal ist die Kunst Selbstzweck und von der Gesellschaft streng getrennt. So fordert er auch am Ende:

„Die Kunst muss daran erinnern, dass ihre Freiheit anders ist als die ökonomische, politische, soziale. Ihre Freiheit ist eine, die zu nichts verpflichtet und die nicht hilflos macht: eine Freiheit ohne Zwang.“ (S. 142)

Er nennt diese Verbannung der Freiheit in die Sphäre der Kunst Liberalismus und fällt doch hinter den bürgerlichen und sozialistischen Horizont von Freiheit zurück.

An dieser Stelle hätte es sich gelohnt weiterzudenken. Vielleicht ist die Alternative selbst das Problem. Auf der einen Seite eine Demokratie, die vor allem als Zugehörigkeit zu Kollektiven verstanden wird. Die Rechte organisiert die post-neoliberale Ordnung. Die Linke versucht darin lediglich Errungenschaften des Marsches durch die Institutionen zu verteidigen. Auf der anderen Seite steht ein Liberalismus, der Freiheit auf Grundlage des Rechts. Beide Seiten setzen voraus, dass die Verhältnisse, in denen gewählt werden soll, nicht zu ändern sind. Beide lassen die gesellschaftlichen Umstände unberührt, in denen Menschen leben müssen.

Es wäre jedoch falsch, hinter der Kunst einfach die Ökonomie in einem vulgären Materialismus wiederzuentdecken. Kunst ist eher Zumutung. Sie verlangt auszuhalten, dass die Einlösung ihres Potenzials auf eine Politik verweist, die derzeit nicht stattfindet. Dies könnte Ausgangspunkt eines Weiterdenkens sein. Rauterbergs Essay bleibt leider an dieser Schwelle stehen.

Zusätzlich verwendete Literatur

Boltanski, Luc/ Chiapello, Ève (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. UVK, Konstanz.

Greenberg, Clement (1961): Avant-Garde and Kitsch. In ders.: Art and Culture. Critical Essays. Beacon Press, Boston, S. 3-21.

Hanno Rauterberg 2018:
Wie frei ist die Kunst?. Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-12725-4.
141 Seiten. 15,00 Euro.
Zitathinweis: Salim al-Hefel: Freiheit im Reservat. Erschienen in: Kulturkampf von rechts? 81/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/9zFPD. Abgerufen am: 14. 10. 2026 00:51.

Zum Buch
Hanno Rauterberg 2018:
Wie frei ist die Kunst?. Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-12725-4.
141 Seiten. 15,00 Euro.