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Es geht nicht um Fußball

Buchautor_innen
Dagmar Schediwy
Buchtitel
Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold?
Buchuntertitel
Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive
Der „neue deutsche Fußballpatriotismus“, so zeigt die Studie, erfüllt vor allem die Sehnsucht nach gefühlter nationaler Gemeinschaft und Zugehörigkeit.
Rezensiert von Selma Haupt

„70 Jahre Bundesrepublik haben ein neues Land mit neuen Werten hervorgebracht. Das Deutschland, auf das ich heute schaue, ist weder nationalistisch, militaristisch, ausländerfeindlich, noch chauvinistisch. Wir sind weltoffen und multikulturell, wirtschaftlich erfolgreich, wünschen uns die europäische Integration, setzten uns für freie Medien und Menschenrechte ein, versuchen uns an der Klimawende. Wir sind eine stabile, erfolgreiche und tolerante Demokratie, in der die individuelle Freiheit zur persönlichen Entfaltung im Grundgesetz festgeschrieben ist.“ (Kölner Stadtanzeiger, 23./24. Juni 2012, S. 4)

So kommentiert Jan-Lucas Schanze (21 Jahre) unter dem Titel „Warum soll ich dieses Land nicht mögen?“ den „Jubel über die Nationalelf“ während der EM 2012, zu dem auch deutsche Fahnen gehören. Das Bild, dass der junge Journalist von Deutschland zeichnet, entspricht wohl dem Erleben eines privilegierten und unreflektierten Mitbürgers, der weder von rassistischen Übergriffen noch von deutschen Waffenlieferungen und Kriegseinsätzen oder dem erniedrigenden Umgang mit Flüchtlingen und deren unmenschlichen Abschiebungen und vielem mehr Kenntnis genommen hat. Auch während der 2012er Fußball-EM der Männer scheint ein offener Nationalismus weiterhin möglich, erwünscht und verteidigt zu werden. All jene, die diesen kritisieren oder überhaupt nur hinterfragen, werden als Nörgler und Miesmacher abgestempelt. So hat es sich seit der „Heim“-WM 2006 bei Fußballgroßereignissen im öffentlichen Mainstream etabliert.

Kontext des neuen Fußballpatriotismus

Mit eben diesem „neuen deutschen Fußballpatriotismus“ (S. 2) und seiner Entwicklung zwischen 2006 und 2011 beschäftigt sich Dagmar Schediwy in ihrer Studie „Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold?“. Im ersten Kapitel präsentiert sie Belege, die erklären sollen, warum Fußball so eine populäre Sportart ist. Die Erklärungen reichen von der Faszination der Sportart selbst, über das moderne Leistungsideal, dass sie verkörpert, bis zu der Suche nach kollektiven Identifikationsmöglichkeiten. Auch wenn die Autorin diese Ansätze nicht explizit diskutiert, scheint sie sich einem Spezifikum der letzteren Variante, der nationalen Identifikation, als bedeutsamer Erklärung zu widmen. Anschließend hat Schediwy zusammengetragen, welche historische Bedeutung und Entwicklung verschiedene, das Nationale prägende Begriffe wie Nation, Nationalismus und Patriotismus gehabt haben. Eine Skizze der Entwicklung von Fußball und Nationalgefühl in Deutschland bildet das zweite Kapitel. Dieser erste Teil der Dissertation ist von der Idee her sinnvoll, leider jedoch in der Ausführung zu wenig analytisch und argumentativ, so dass es weniger eine wissenschaftliche Grundlegung für die eigene Erhebung, als eine Darstellung verschiedener Ergebnisse zum Thema bildet. Die folgende Analyse der Printmedienberichterstattung während der WM 2006 hingegen ist interessanter. Im Ergebnis wird deutlich, dass der Eindruck eines neuen Deutschlands, dass eine „fröhliche und friedliche Fußballweltmeisterschaft“ (S. 91) ermöglicht, vor allem auch auf eine selektive Medienberichterstattung zurück zu führen sei. Dieser Text, der bereits 2008 in Schediwys „Sommermärchen im Blätterwald“ erschien und möglicherweise aufgrund dessen auch stilistisch aus dem Rahmen fällt, stellt gemeinsam mit einem knapp zweiseitigen Text über die Fernsehberichterstattung während der WM 2006 das Kapitel Mediendiskurse.

Bevor die Autorin zur ihrer eigenen Erhebung kommt, zeichnet sie weiterhin sehr deskriptiv die sozioökonomischen Bedingungen Deutschlands und die daraus resultierende Bedeutung für die Einzelnen fast ausschließlich anhand von Butterwegges, Löschs und Ptaks Sammelband „Kritik des Neoliberalismus“ (2008) und Heitmeyers „Deutschen Zuständen“ nach. Auch diese definitiv wichtige Kontextualisierung ist in ihrer deskriptiven Variante wenig ertragreich, da sie zunächst neben den vorherigen Darstellungen steht und keine eigenen, auf die Studie bezogenen Positionierung oder Schlüsse zu finden sind.

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Die aus dieser Herleitung resultierende Forschungsfrage lautet dann endlich: „Wie lässt sich der ‚Neue deutsche Fußballpatriotismus‘ aus sozialpsychologischer Perspektive erklären?“ (S. 137). Dafür hat Schediwy während der Männer-WM 2006 und 2010 wie auch während der EM 2008 der Männer und der WM 2011 der Frauen Interviews mit Menschen geführt, die sich aufgrund der Accessoires, der Kleidung und der Fahnen als Fans der deutschen Mannschaft zu erkennen gaben.

Die zunächst etwas langatmige Zusammenstellung der Untersuchungsergebnisse, sortiert nach den Interviewfragen, besteht vor allem aus vielen aneinandergereihten Zitaten der Befragten. Interessantestes Ergebnis ist hier, dass der von den Medien beschworene „Party-Patriotismus“ (S. 143) in den Interviews zwar auftaucht wenn die Fans sich über das neue Gemeinschaftsgefühl und die mitreißende Stimmung äußern, die Beteuerung eines neuen Nationalgefühls gehe jedoch weit über diese „Party“ hinaus. Den Interviewpartner_innen sei es besonders wichtig, dass ein „öffentliches Bekenntnis zum eigenen Deutschsein möglich ist, ohne daß das gleich mit Nationalismus oder Nationalsozialismus assoziiert wird“ (S. 187).

Die von Schediwy aufgenommene Frage bezüglich der Fußballer mit „ausländischen Wurzeln“ (S. 153) scheint mir zu stark an der medialen Rezeption dieses Themas angelehnt. Ihr sonst reflektierter Umgang mit nationalen Zuschreibungen ist hier bedauerlicherweise nicht vorzufinden. Sie diskutiert nicht, was mit Zuschreibungen wie „Migrationshintergrund“ bewirkt wird oder wie diese verstanden werden könnte. Sie geht davon aus, dass in der 2010er WM mehr Spieler mit „Migrationshintergrund“ gegeben habe als 2006. Würde man beispielsweise, die eigene Migration als Kriterium für die Bezeichnung „mit Migrationshintergrund“ wählen, würde deutlich, dass 2006 vier der Fußballer der deutschen Nationalmannschaft nicht in Deutschland geboren sind und im Jahr 2010 fünf. 2010, und das wurde medial stark diskutiert, gab es jedoch zu den fünf im Ausland geborenen Spielern noch sechs Spieler, die zwar in Deutschland geboren, auf Grund ihrer Eltern oder Großeltern jedoch einen „Migrationshintergrund“ aufzuweisen haben.

Die knapp hundert Seiten umfassende Gesamtauswertung bietet den aufschlussreichsten Teil der Studie. In der Suche danach, wie das untersuchte Material in seiner Gesamtheit zu deuten, wie der neue Fußballpatriotismus zu verstehen und welche Schlüsse daraus zu ziehen sein, kommt Schediwy zu dem Ergebnis, dass der gesamtgesellschaftliche Kontext für die Interpretation ihrer Erhebung entscheidend ist.

In der „Hartz-IV-Gesellschaft“ (S. 275), verstanden als eine Gesellschaft in der „soziale Kälte“ (S. 276) bestimmend sei, die das berufliche Scheitern in die Verantwortung des Einzelnen stelle und in der mit einem zunehmend prekären Leben der „soziale (…) Tod“ (S. 277) drohe, entstehe ein großes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Massenerlebnisse wie das insbesondere seit der 2006er WM populäre Public Viewing bieten die Möglichkeiten, diesen fehlenden „sozialen Kitt“ (S. 265) wieder zu erleben. Sich derart zugehörig fühlen zu können, könne als „Inklusionsstrategie“ (S. 285) verstanden werden, die aus Angst vor Exklusion oder aus dem Erleben derselben gewählt würde. Die Frage, warum gerade die nationale Identifikation den sozialen Zerwürfnissen entgegen gesetzt wird, beantwortet die Autorin schlüssig. Durch die mediale Darstellung und Vermittlung Deutschlands seit der WM 2006 erscheine es attraktiver zu dieser Nation zugehören. Die nationale Zugehörigkeit sei deswegen so erstrebenswert, da diejenigen, die sich einmal zugehörig fühlen dürfen, diesen Status nicht mehr verlieren können. Das ‚Deutsch-Sein‘ stehe also im Gegensatz zu beruflichen Perspektiven nicht unter „Prekaritätsverdacht“ (S. 288).

Die „tiefe Sehnsucht nach gemeinsamen Zielen, Gefühlen und Erfahrungen“ (S. 328), welche die Befragten äußerten, könne in den Fußballgroßereignissen befriedigt werden. So dass den Einzelnen, die „glaubten, an sich selbst verzweifeln zu müssen, da es keine Leistung gibt, deren Anforderungen sie als Einzelne genügen, (…) der Stolz auf das Kollektiv als Kompensation möglich und erlaubt“ (S. 302f) ist.

„Nationales Coming-Out“

Das derart erlebte „nationale Coming-Out“ (S. 313) betreffe vor allem die Jüngeren, die froh seien, endlich (wieder) stolz auf Deutschland sein zu dürfen. Von einem Coming-Out spricht sie, weil die Jugendlichen glauben, dieses Bedürfnis schon immer in sich zu haben, es aber bis dato nicht für möglich befunden hätten, dies zu zeigen. Dass Schediwy hier von einer „Jugendrevolte“ (S. 313) spricht, „mit der eine ganze Generation gegen das von den familiären und schulischen Sozialisationsinstanzen geprägte Geschichtsverständnis rebelliert“ (ebd.) scheint mir überzogen und begrifflich ungenau.

Abschließend lässt sich sagen, dass die vorliegende Studie der medialen Verharmlosung eines „Party-Patriotismus“ während der Fußballmeisterschaften aufs Deutlichste und zu Recht widerspricht und dabei gleichzeitig auf die Dynamik der gesellschaftlichen Verhältnisse aufmerksam macht, die es nicht zu vernachlässigen gilt. Im Sinne dieser Analyse bleibt mit Frank-Olaf Radke zu warnen:

„Überall, wo ‚Werte‘ und ‚Gemeinschaft‘ kurzgeschlossen und Wir-Gefühle beschworen werden, um Übereinstimmung in ‚der Mitte‘ zu erzeugen, besteht zumindest die Gefahr, dass grundlegende Spannungen geleugnet, grundsätzliche Antagonismen überspielt, ja legitime Konflikte delegitimiert werden.“ (Radtke 2011, S. 37)

Zusätzlich verwendete Literatur

Radtke, Frank-Olaf (2011): Kulturen sprechen nicht. Die Politik grenzüberschreitender Dialoge. Hamburger Edition, Hamburg

Dagmar Schediwy 2012:
Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold? Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive.
LIT Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-643-11635-2.
366 Seiten. 34,90 Euro.
Zitathinweis: Selma Haupt: Es geht nicht um Fußball. Erschienen in: Facetten der Krisenproteste. 19/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1030. Abgerufen am: 06. 12. 2019 21:38.

Zur Rezension
Rezensiert von
Selma Haupt
Veröffentlicht am
03. Juli 2012
Erschienen in
Ausgabe 19, „Facetten der Krisenproteste” vom 03. Juli 2012
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Zum Buch
Dagmar Schediwy 2012:
Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold? Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive.
LIT Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-643-11635-2.
366 Seiten. 34,90 Euro.