Zum Inhalt springen

Eine kleine Geschichte der Bundeswehr

Buchautor_innen
AK Antimilitarismus (Hg.)
Buchtitel
Die große Mobilisierung
Buchuntertitel
Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung zur Kriegstüchtigkeit

In Zeiten der Aufrüstung legt dieser Sammelband eine Bestandsaufnahme deutscher Militärpolitik vor – und erinnert daran, dass Widerstand möglich ist.

Als dieser Beitrag Mitte Februar 2026 entsteht, genügt ein schneller Blick auf die Schlagzeilen einschlägiger Nachrichtenportale, um sich die Auswirkungen der 2022 vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufenen militärpolitischen Zeitenwende in der Bundesrepublik Deutschland vor Augen zu führen. Die NATO startet unter dem Namen „Arctic Sentry“ („Wächter der Arktis“) eine Militärmission auf und um die Insel Grönland. Es geht um die „Sicherung von Seewegen“ und Zugriff auf die enormen Rohstoffreserven der Region. Die Bundeswehr beteiligt sich hieran mit vier Kampfjets. Gleichzeitig wird der oberste Soldat der Bundeswehr, Generalinspekteur Carsten Breuer, von seinem Dienstherrn, Verteidigungsminister Boris Pistorius, für den Vorsitz des NATO-Militärausschusses vorgeschlagen.

Doch auch der Widerstand gegen die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft und die steigende Kriegsgefahr formiert sich immer weiter. Mit dem Schulstreik gegen Wehrpflicht entstehen Ansätze einer breiteren antimilitaristischen Mobilisierung, vor allem unter jungen Menschen.

Der Zeitpunkt erscheint also definitiv passend gewählt, um sich der Geschichte der Bundeswehr und den aktuellen militärpolitischen Entwicklungen in der BRD anzunehmen.

Von der Frontarmee des Kalten Krieges zur neuen Verantwortung

Der AK Antimilitarismus legt hierfür einen Sammelband vor, in welchem Beiträge von 19 Autor:innen auf 200 Seiten enthalten sind. Die Beiträge sind entsprechend relativ knapp und somit schnell und gut zu lesen. Inhaltlich gliedert sich der Band in vier Abschnitte. Behandelt werden hier in den einzelnen Kapiteln die historische Entwicklung der Bundeswehr von ihrer Gründung im Rahmen der bundesdeutschen Eingliederung in den westlichen Machtblock vor dem Hintergrund des Kalten Krieges bis zu ihrer Entwicklung zur „Kriegstüchtigkeit“ im Rahmen der Politik der „Zeitenwende", die Auslandseinsätze der Bundeswehr, ihre innere Struktur sowie ihre Rolle für deutsche Machtpolitik.

Gerade der Abschnitt zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr ist lesenswert, da er neben den bekannten Einsätzen in den Kriegen in (Ex-)Jugoslawien und Afghanistan auch unbekanntere Einsätze wie den ersten bewaffneten Auslandseinsatz der Bundeswehr in Somalia sowie ihre Rolle in mehr oder weniger erfolgreichen Evakuierungsmissionen im Ausland beleuchtet. Jakob Reimann fasst am Ende seines Textes zur UNOSMOM II-Mission in Somalia treffend zusammen, warum eine Betrachtung der unbekannteren Auslandseinsätze der 90er Jahre auch für das Verständnis der weiteren Entwicklungen in diesem Bereich von Bedeutung ist:

„UNOSOM II war der Auftakt zu über einem Dutzend bewaffneter Auslandseinsätze, die seitdem folgen sollten. Nach fünf Jahrzehnten vermeintlicher Buße wurde Beled Weyne damit zum Wegbereiter der Normalisierung deutscher Uniformierter im Ausland – und legte den Grundstein für all die sonderbaren Geschichten ‚Unsere Sicherheit‘ müsse am Hindukusch, im Sahel oder je nach Bedarf auch in den noch so entlegensten Winkeln der Welt ‚verteidigt‘ werden. In Somalia fing das alles an“ (S. 70).

Eine weitere Stärke des Buches liegt in den vielfältigen Bezügen zu Auswirkungen der fortschreitenden Militarisierung auf gesellschaftliche Bereiche außerhalb des Systems Bundeswehr: beispielsweise die massiven Kürzungen im sozialen Bereich sowie die schrittweise Aushöhlung erkämpfter Arbeiter:innenrechte. So werden unter anderem das Arbeitszeitgesetz sowie das Streikrecht im Zuge der aktuellen „Zeitenwende“ schrittweise immer mehr eingeschränkt, was Ulrike Eifler in ihrem Text sehr anschaulich ausführt.

Bedingt durch Vielzahl an Autor:innen kommt es im Laufe des Buches zu einigen Wiederholungen. Die Beteiligung der Bundeswehr am völkerrechtswidrigen Bombardement Jugoslawiens während des Kosovokrieges 1999 als Tabubruch für Nachkriegsdeutschland und das zentrale Strategiepapier „Neue Macht – Neue Verantwortung“ von 2013 sind fraglos sehr wichtige Punkte in der Betrachtung der Bundeswehr. Dass jedoch an so vielen Stellen Bezug auf sie genommen wird, scheint zum Teil etwas repetitiv. Wünschenswert wäre außerdem eine tiefergehende Behandlung personeller Kontinuitäten von der faschistischen Wehrmacht zur Bundeswehr gewesen. Dies hätte gerade dem lesenswerten Text von Andrea Röpke zu faschistischen Umtrieben innerhalb der Bundeswehr einen weiteren spannenden Aspekt hinzugefügt.

Unsere Antwort Widerstand

Der Band schließt mit einer Übersicht über antimilitaristische Mobilisierungen. Vom breiten gesellschaftlichen Widerstand gegen die Wiederbewaffnung in den 1950er Jahren, über die großen Protestbewegungen gegen die Notstandsgesetzgebung Ende der 1960er Jahre bis hin zu antimilitaristischen Kampagnen der letzten Jahre. Hierbei wird deutlich, dass die antimilitaristische Bewegung sich über die Jahre von einer von großen Teilen der Gesellschaft getragenen Massenbewegung zu deutlich kleineren aktivistischen Kernen gewandelt hat. Einer Bewegung gegen Krieg und Militarisierung in Deutschland neue Impulse zu verleihen, gerade vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen, ist der erklärte Anspruch der Autor:innen dieses Bandes. Dies ist ihnen mit dieser niedrigschwelligen und übersichtlichen Textsammlung gelungen. Jeder behandelte Aspekt lädt zu einer tiefergreifenden Beschäftigung ein. Wissen auf diese Weise zugänglich zu machen, ist ein wichtiger Teil zum Aufbau einer breiten antimilitaristischen Bewegung, für die gilt: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

AK Antimilitarismus (Hg.) 2025:
Die große Mobilisierung. Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung zur Kriegstüchtigkeit.
PapyRossa.
ISBN: 978-3-89438-856-0.
208 Seiten. 16,90 Euro.
Zitathinweis: Max Albrecht: Eine kleine Geschichte der Bundeswehr. Erschienen in: Zivil-Militärische Zusammenarbeit. 79/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/BE4jQ. Abgerufen am: 21. 04. 2026 14:42.

Zum Buch
AK Antimilitarismus (Hg.) 2025:
Die große Mobilisierung. Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung zur Kriegstüchtigkeit.
PapyRossa.
ISBN: 978-3-89438-856-0.
208 Seiten. 16,90 Euro.