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Dressur für den Krieg

Buchautor_innen
Cal Brunker (Regie)
Buchtitel
Paw Patrol
Buchuntertitel
Der Mighty Kinofilm
Der Paw-Patrol-Hype endet nicht. Der zweite Kinofilm hält dem neoliberalen Paradigma die Treue und betreibt – durchaus raffiniert – eine Militarisierung über die Kinderzimmer.

Über die neoliberale Ideologie in „Paw Patrol“ habe ich bereits in einer früheren Filmanalyse gesprochen; im zweiten Film „Paw Patrol – Der Mighty Kinofilm“ werden die Hunde nun – wer hätte es gedacht – zu Superhelden. Hollywood weiß nichts anderes mehr zu erzählen als Superheldenfilme, also muss auch aus der Paw-Patrol-Truppe eine Superheldentruppe werden.

Aber bevor wir näher ins Detail gehen, müssen wir einen Schritt zurücktreten und darüber nachdenken, was das Besondere an Filmen für Kinder ist, beziehungsweise ob es überhaupt so etwas wie Kinderfilme gibt? Der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman würde sagen: eigentlich nicht. Es gibt zwar Kinderbücher, weil man sich das Lesen selbst erst einmal peu à peu erschließen muss, um später auch kompliziertere Texte zu verstehen. Bei Bildern ist das laut Postman jedoch völlig anders. Dabei bezieht er sich mit seiner Kritik in „Das Verschwinden der Kindheit“ besonders auf das Fernsehen, aber man kann das natürlich auch auf das Kino erweitern. An einer Stelle schreibt er sehr eindrücklich, dass wir es beim Fernsehen nicht mehr mit einer Informationshierarchie zu tun haben. Er sagt: „Vom Fernsehen jedoch wird dieser Informationshierarchie die Grundlage entzogen.“ Das heißt, alle Bilder können von Kindern wie von Erwachsenen gesehen werden. Wir haben es also nicht mit einem verschlossenen Werk zu tun. Postman schreibt: „Entscheidend ist, daß das Fernsehen Informationen in einer Form präsentiert, die unterschiedlos jedem zugänglich ist, und das bedeutet, das Fernsehen braucht nicht zwischen den Kategorien ‚Kind‘ und ‚Erwachsener‘ zu unterscheiden.“

Nun gibt es zwar durchaus Kinderprogramme, aber wie verhält es sich bei Paw Patrol? Die Serie wie die Kinofilme richten sich ja dezidiert an Kinder und nicht an die Eltern – Letztere müssen es nur ertragen. Es ist nicht wie in den Animationsfilmen aus dem Hause Pixar, wo man jung und alt bedienen will. Die Hunde und ihre Mitstreiter sind putzig gezeichnet, es gibt Stimmen für Kinderohren und Pointen für Kindergemüter. Die ganze Überdrehtheit ist dabei die Summe des dominierenden und enervierenden Kinderfernsehens, das man so kennt oder auch nicht kennt. Das Süßliche, das die Kulturindustrie produziert, deckt sich mit dem Zucker, den die Zuckerindustrie produziert.

Und dennoch: „Paw Patrol – Der Mighty Kinofilm“ ist ein Erwachsenenfilm für Kinder. Hier wird keine kindliche Welt erschlossen, sondern die Kleinen werden auf die Welt der Großen vorbereitet. Die Narrative der Großen-Welt werden bedient, die Spannungsbögen der Großen-Welt werden etabliert und die Kinder können natürlich alles nachvollziehen, weil es sich um Bilder und eine recht simple Dialogführung handelt. Sagen wir es also gleich: Wir haben es hier mit einer Fortsetzung der elenden Blockbuster-Produktion der Gegenwart zu tun. Aber es handelt sich auch um die ideologische Vorbereitung auf den Ernstfall.

Worum geht es? Das Böse bedroht Adventure City; dieses Mal in Gestalt der finsteren Wissenschaftlerin Victoria Vance. Diese will mit einem Magneten einen Meteoriten herlocken und damit die Stadt in Schutt und Asche legen, was die Paw-Patrol-Hunde natürlich verhindern wollen. Zunächst haben die Hunde aber bereits durch einen anderen Meteoriten Superkräfte erhalten. Jedes Hündchen besitzt nun eine eigene Superkraft und kann sich somit nicht nur Victoria Vance in den Weg stellen, sondern auch dem bösen Ex-Bürgermeister Besserwisser. Außerdem gibt es neben der schon etablierten Paw Patrol nun noch eine Mini Paw Patrol aus Welpen.

Superhunde

Wie Tiere und Krieg zusammenpassen, das erleben wir in den sozialen Medien, wo immer stärker darauf gesetzt wird, dass man rührende Geschichten aus Kriegen berichtet, in denen Tiere eine Rolle oder sogar die Hauptrolle spielen. Es ist ja alles so süß. Und diese Welpen werden, wie wir im Laufe des Filmes sehen, auf einer Militärstation im offenen Meer einem Wehrdienst unterzogen und sind danach gut ausgebildete Kindersoldaten, die jedoch nicht im Namen des Staates, sondern für die private Söldnertruppe namens Paw Patrol agieren. Das neoliberale Paradigma der Serie und des ersten Kinofilms wird hier nicht verlassen, sondern erweitert: Haben die Hunde in der Serie vor allem ein privates Unternehmen, das staatliche Aufgaben im Inland übernimmt wie private Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt, etc., ist die Privatisierung nun fortgeschritten. Auch das Gewaltmonopol auf internationaler Ebene wird zu einem Gewaltmarkt. Die Hunde greifen nun hochgerüstet auf dem Feld des Krieges ein. Damit treten sie in die Fußstapfen der Marvel-Superhelden, der Torettos, der Expendables; all das sind dynamische und effiziente Eingreiftruppen, die zur Not den Weltfrieden wiederherstellen können. Einmal mehr zeigt sich, dass Paw Patrol nicht nur primitiv gezeichnet und entsetzlich nervig ist; viel schlimmer ist, dass den Kindern die Kindheit geraubt wird, indem man sie mit dem, was gern Härte des Lebens genannt wird, konfrontiert und von ihnen verlangt, dass sie sich abhärten. Sie sollen früh bereit sein, militärisch einzugreifen, wann immer es erforderlich ist.

Der erste Eindruck täuscht: Wir haben es an keiner Stelle mit einem Kinderfilm zu tun. Dieser nämlich würde das Reich der Fantasie öffnen, würde etwas erzählen, was Kinderaugen noch sehen können, was Erwachsenen aber allzu oft versperrt bleibt; beispielsweise eine Welt, wie die von Pu der Bär, die jenseits der Herrschaftslogik, jenseits von Staatsräson und Militarismus angelegt ist. „Paw Patrol – Der Mighty Kinofilm“ geht den entgegengesetzten Weg: Man verkauft das Militärische als putzig, niedlich und bunt. Ideologisch wird früh eingehämmert, dass man stets auf der Seite der Guten steht. Schlussendlich heißt es dann auch: Wir beschützen Adventure City, und die Guten, und kein Einsatz – so wird immer wieder betont – ist zu groß, selbst für die kleinste Pfote nicht. Auch die kann immer zeigen, was sie drauf hat. Es ist also eine Rekrutierung auf allen Ebenen. Mit Superkräften ausgestattet dürfen alle über sich hinauswachsen, was in der Superheldenlogik bedeutet: Sie dürfen sich heroisch verhalten. Gegenseitig rufen sich die Hunde dann, wie wir das aus dem Marvel-Universum kennen, zu: Wir glauben an dich! Ich werde euch nicht enttäuschen! Und auch die Hündin Liberty bekommt schlussendlich eine Superkraft, lange hatte sie darauf gewartet. Sie bekommt einen dehnbaren Körper und kommentiert das mit den Worten: „Ich wollte schon immer flexibler sein.“ Das Credo des Neoliberalismus schlechthin.

Die kleinen Zuschauer werden hier zu Pawlowschen Hunden abgerichtet. Sie sollen lernen, was die sogenannte Erwachsenenwelt von ihnen erwartet. Die globale Aufrüstung trifft auf ein global erfolgreiches Franchise. Das Stumpfe und Rohe der Wirklichkeit wird hier in eine stumpfe und rohe Geschichte gegossen. Schließlich hätte man ja einmal keinen Superheldenfilm drehen können. Man hätte ja einmal irgendetwas anderes erzählen können. Aber nein, es gibt nur noch Weltbedrohungsszenarien und man braucht Helden, um uns vor der Bedrohung zu schützen. Man braucht Helden, die zu allem bereit sind.

Eindimensionale Zuschauer

Das Kino rekrutiert hier auch seine Zuschauer der Zukunft; also richtet sie auf das ab, was das erwachsene Publikum schon die ganze Zeit erwartet, nämlich einen Superheldenfilm nach dem nächsten. Und wenn wir über Hunde sprechen, liegt es selbstverständlich nahe, über Konditionierung und das berühmte Experiment des russischen Mediziners und Physiologen Iwan Pawlow zu reden. Wenn man dem Hund Futter zeigt, dann ist dies ein unmittelbarer Reiz und die Speichelproduktion beginnt. Wenn man eine Glocke läutet, passiert hingegen erst einmal nichts. Bringt man die beiden Reize aber in einen zeitlich engen Zusammenhang, läutet man erst eine Glocke und danach gibt es immer Futter, wird es bei dem Hund irgendwann soweit sein, dass, wenn man die Glocke schlägt, bei dem Hund sofort die Speichelproduktion einsetzt.

Wie verläuft nun die Kino-Konditionierung? Gewisse Figuren oder Narrative wie ästhetische Versatzstücke haben sich als gut und richtig eingeprägt. Sie werden einem eingehämmert und wir werden auf diese konditioniert. Der kleinste Hund, so lernen wir früh in diesem Film, ist immer der größte Held. Und wir können das dann auf alle weiteren Filme, die kommen werden, übertragen, sodass wir immer schon wissen, ah ja, so verläuft das also, so muss es sein. Schurken sehen wie Schurken aus und wenn die Welt bedroht ist, dann schlagen die Macher bei uns sofort die Glocke und wir sagen, die Welt muss gerettet werden. Was immer auch kommt, sie muss gerettet werden. Wir stellen keine anderen Fragen mehr. Wir rennen zum Fressnapf.

Gilt das nicht auch für politische Schlagworte? Ja sagt Herbert Marcuse in seinem Buch „Der eindimensionale Mensch“ von 1964 und in gewisser Weise ist dieser Titel ideal für Paw Patrol. Denn hier werden eindimensionale Menschen herangebildet. Marcuse schreibt:

„In diesem behavioristischen Universum tendieren Wörter und Begriffe dazu, zusammenzufallen oder viel mehr der Begriff wird tendenziell durch das Wort absorbiert. Jener hat keinen anderen Inhalt als den, den das Wort im öffentlichen und genormten Gebrauch hat, und das Wort soll nichts über das öffentliche und genormte Verhalten (Reaktion) hinaus bewirken. Das Wort wird zum Cliché und beherrscht als Cliché die gesprochene oder geschriebene Sprache; die Kommunikation beugt so einer wirklichen Entwicklung des Sinnes vor.“

Das ist sehr abstrakt formuliert. Was ist damit gemeint? Nun, es gibt ja ganz viele Hochwertwörter im Diskurs, die immer so gebraucht werden und alle nicken sofort und sagen: Ja ja, so ist es wohl. Da wird im Prinzip auch so eine Glocke geschlagen und sofort wissen alle Bescheid. Damit ist dann aber auch gesetzt, was wir unter den Worten zu verstehen haben. Marcuse schreibt weiter:

„An den Knotenpunkten des Universums der öffentlichen Sprache treten Sätze auf, die sich selbst bestätigen, die analytisch sind und gleich magisch rituellen Formen funktionieren. Indem sie dem Geiste des Empfängers immer wieder eingehämmert werden, bringen sie die Wirkung hervor, ihn einzuschließen in den von der Formel verordneten Umkreis von Bedingungen.“

Und diese Einschließung ist jetzt interessant, er sagt:

„Substantive wie ‚Freiheit‘, ‚Gleichheit‘, ‚Demokratie‘ und ‚Frieden‘ implizieren, analytisch, eine bestimmte Reihe von Attributen, die immer dann auftreten, wenn das Substantiv ausgesprochen oder geschrieben wird. […] Der ritualisierte Begriff wird gegen Widerspruch immunisiert.“

Das führt dazu, dass das Aufrufen dieser Begriffe wie das Erklingen der Glocke bei Pawlow wirkt.

„Damit wird die Tatsache, dass die herrschende Art der Freiheit Knechtschaft ist und die herrschende Art der Gleichheit von außen auferlegte Ungleichheit durch die abgeschlossene Definition dieser Begriffe im Sinne der Mächte, die das jeweilige Universum der Rede modeln, daran gehindert, Ausdruck zu finden.“

Und das führt im Extrem eigentlich in eine Orwellsche Sprache, wenn Krieg dann Frieden ist und Frieden Krieg.

Wenn wir jetzt zum Paw-Patrol-Film zurückkehren und uns noch einmal überlegen, was wir für ein Ausgangsszenario haben: Es gibt eine Bedrohung, es gibt die Hunde und die Welpen und alle kämpfen gemeinsam mit schwerem militärischem Gerät. Dann sehen wir auch hier, dass wir in ein Bedrohungsszenario eingeschlossen werden, bei dem wir nur noch sagen müssen: Ja, ihr müsst für die Freiheit kämpfen, denn ihr beschützt ja die Guten. Der Rahmen selbst wird dabei nicht mehr in Frage gestellt. Pu der Bär würde beispielsweise fragen: Warum müssen wir überhaupt kämpfen? Warum muss man überhaupt andere beherrschen? Weshalb können wir nicht lieber spielen oder schlafen? Das wären kindliche Fragen, die eigentlich auch Erwachsenen gut täten. Aber diese Fragen stellen sich nicht in diesem Film. Die Hunde stellen sie nicht. Aber auch die Macher mit ihrer hündischen Ideologie stellen sie nicht. Es reicht Freiheit zu rufen und sofort sind alle bereit diese zu verteidigen, anstatt in Frage zu stellen, ob dies, was da verteidigt wird, wirklich Freiheit bedeutet. Paw Patrol verbietet Kindern ihre Lieblingsfrage: Warum? Und sie stellen sie zurecht. Aber dieser Film sagt einfach nur: Darum! Darum müsst ihr kämpfen, darum müssen Filme so sein und darum seid ihr gefangen in der Blockbuster-Logik. Paw Patrol will dass die Kinder nur schauen, aber nicht sehen.

Diese Besprechung erschien zuerst am 1. Oktober 2023 auf dem Youtube-Kanal „Die Filmanalyse“ von Wolfgang M. Schmitt: Link

Zusätzlich verwendete Literatur

Herbert Marcuse [1967] 2014: Der eindimensionale Mensch. Zu Klampen Verlag, Lüneburg.
Neil Postman 1983: Das Verschwinden der Kindheit. S. Fischer, Frankfurt am Main.

Cal Brunker (Regie) 2023:
Paw Patrol. Der Mighty Kinofilm.
Zitathinweis: Wolfgang M. Schmitt: Dressur für den Krieg. Erschienen in: Wer braucht eigentlich die Polizei?. 70/ 2024. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1852. Abgerufen am: 23. 02. 2024 11:21.

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Paw Patrol. Der Mighty Kinofilm.