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Die grüne Bibel der Sozialarbeit

Buchautor_innen
Autorenkollektiv
Buchtitel
Gefesselte Jugend
Buchuntertitel
Fürsorgeerziehung im Kapitalismus
Die in den 1970er Jahren formulierte radikale Kritik an der Funktion Sozialer Arbeit im Kapitalismus zeigt: eine solche Kritik ist auch für die Gegenwart höchst relevant.
Rezensiert von

Im Jahr 1971 erscheint die erste Auflage des Buchs „Gefesselte Jugend – Fürsorgeerziehung im Kapitalismus“, verfasst von einem Autor_innenkollektiv bestehend aus Sozialarbeiter_innen und Pädagogen_innen. Die Autor_innen haben zum Ziel, die ökonomischen, politischen und ideologischen Grundlagen der Fürsorgeerziehung im Kapitalismus zu analysieren und einer umfassenden Kritik zu unterziehen. Als theoretischer Rahmen für dieses Vorhaben fungiert der Historische Materialismus nach Karl Marx und Friedrich Engels.

Die Beweggründe für das Verfassen des Buches waren zuallererst praktischer Natur. Es waren die unmittelbaren Erfahrungen mit der autoritären und repressiven Fürsorgeerziehung in den Kinder- und Jugendheimen dieser Zeit sowie das Interesse, diese Praxis zu verändern. Ganz im Duktus der marxistischen Theorie schreiben die Autor_innen, dass das Buch ein Beitrag dafür sein soll, dass sich die proletarische Jugend als Teil der Arbeiterklasse begreift, um Widerstand gegen den „Zwangsapparat der bürgerlichen Fürsorgeerziehung” (S. 9) formieren zu können. Damit dies funktionieren kann – so die Argumentation – müssten auch die notwendigen Bündnisschichten des Proletariats erreicht werden, unter anderem eben auch die Sozialarbeiter_innen. Insofern ist „Gefesselte Jugend“ auch als der Versuch eines Eingriffs in die damalige Ausbildung von Sozialarbeiter_innen zu verstehen. Diese sollten durch die Auseinandersetzung mit der marxistischen Theorie befähigt werden, den eigenen Beruf in seiner Funktion im Kapitalismus zu analysieren und darauf aufbauend, nach Alternativen zu fragen.

Das Buch wurde ein ungeahnter Erfolg und in der Folge umfassend und kontrovers diskutiert. Besonders unter jenen Student_innen, die sich im Zuge der 68er-Bewegung politisiert hatten und eine alternative, sozialistische Erziehungspraxis anstrebten, war es eine Pflichtlektüre. Mehr als 40 Jahre später kann von einer solchen Bedeutung für die Soziale Arbeit keine Rede mehr sein, auch wenn man das Buch durchaus noch in den Bibliotheken der Hochschulen finden kann – wenn man nur danach sucht. Dennoch lohnt es sich auch heute, sich mit dem Buch zu beschäftigen.

Historische Perspektive

Aus historischer Perspektive ist „Gefesselte Jugend“ interessant für die Auseinandersetzung mit kritischen Ansätzen und Bewegungen der Sozialen Arbeit in den 1970er Jahren. Schon der gewählte Titel verrät in welcher Tradition Kritischer Sozialer Arbeit sich die Autor_innen verstehen, wenn sie im Vorwort das im Jahr 1929 erschienene Buch „Gefesselte Jugend in der Zwangsfürsorgeerziehung“ (S. 9) als Anknüpfungspunkt ihrer politischen und theoretischen Position aufführen. Diese Tradition sozialistischer Pädagogik und marxistischer Theorie wurde im deutschen Faschismus gewaltsam niedergeschlagen.

Auch in der Zeit des sogenannten Wiederaufbaus nach Kriegsende blieben diese Ansätze für die Sozialpädagogik und Sozialarbeit marginal. Die Anknüpfung an eine solche, sozialistische Tradition war in den 1970er Jahren auch deshalb von enormer politischer Tragweite, da zu dieser Zeit viele ehemalige Nazis einflussreiche Positionen in der Ausbildung und Praxis sozialer Berufe (wieder-) erlangt hatten. Dieser Umstand sowie die unhaltbaren Zustände in den Heimen und Erziehungseinrichtungen Sozialer Arbeit der 1950er und 1960er Jahre waren Gründe für eine zunehmend lauter werdende Kritik an der Ausbildung, den theoretischen Grundlagen und der Praxis Sozialer Arbeit. Linke Student_innen und kritische Sozialarbeiter_innen führten, teilweise gemeinsam mit den Betroffenen, öffentlichkeitswirksame Aktionen durch (etwa die sogenannte „Heimkampagne“) und stellten das gesamte System der Heimerziehung offensiv in Frage. Parallel entstanden alternative Projekte und Konzepte und vielen diente die radikale Kritik aus „Gefesselte Jugend“ dabei als theoretisches Fundament. In einigen Kreisen sprach man bald – der Farbe des Umschlages wegen – von der „Grünen Bibel“ der Sozialarbeiter_innen. Insofern kann das Buch als Teil der Geschichte Kritischer Sozialer Arbeit gelesen werden.

Theoretische Perspektive

Der vom Autor_innenkollektiv gewählte Untertitel „Fürsorgeerziehung im Kapitalismus“ verweist auf das theoretische Anliegen. So geht es den Autor_innen um die Analyse der objektiven Funktionen Sozialer Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen. Ausgehend vom Historischen Materialismus nach Karl Marx und Friedrich Engels versuchen die Autor_innen durch die Analyse der ökonomischen Verhältnisse die Geschichte der Fürsorgeerziehung, und damit auch der Sozialen Arbeit, anders zu schreiben.

„Die Analyse der Geschichte der Heimerziehung, der Ursachen ihrer Entstehung, ihrer Organisationsformen und ihrer Selbstinterpretation soll in ihrer Abhängigkeit von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungstendenzen Aufschluß über die jeweilige historische Funktion der Heimerziehung geben” (S. 14).

So heißt es im ersten Kapitel, das zum einen die Geschichte der Fürsorgeerziehung vom Mittelalter bis zur Gegenwart analysiert und zum anderen in theoretische Grundbegriffe der marxistischen Theorie einführt. Aufbauend darauf werden in den Folgekapiteln die Schwerpunkte auf spezifischere Themen gelegt, wie die Rolle der Fürsorgeverbände oder Reformtendenzen in der Fürsorgeerziehung.

Aus Perspektive einer kritischen und selbstkritischen Sozialer Arbeit

Eine Stärke des Buches ist die konsequente Verbindung der Gesellschaftsanalyse von Marx und Engels mit einer Kritik der Sozialen Arbeit und ihrer Institutionen. Die Autor_innen wollen so „die Funktion der in Heimen betriebenen Fürsorgeerziehung im Kontext der Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland” (S. 10) nachvollziehen. Dadurch gelangen sie zu einer Deutung von Sozialer Arbeit, die das Bild einer Profession selbstloser Helfer_innen nachhaltig erschüttern muss: Soziale Arbeit erscheint selbst verstrickt in Prozesse der sozialen Ungleichheit. Sie nimmt dabei eine aktive Rolle bei der Herstellung, Durchsetzung und Aufrechterhaltung von gesellschaftlichen Machtverhältnissen ein.

Diese Kritik verweist nicht nur auf die Notwendigkeit der Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen zur Lösung sozialer Probleme (eine Position, die in der Sozialen Arbeit ohnehin kaum ernsthaft angezweifelt wird), sondern auch in selbstkritischer Perspektive auf die strukturellen Widersprüche Sozialer Arbeit im Kapitalismus selbst. Aus unserer Sicht bieten sich hier viele interessante Anknüpfungspunkte für weitergehende Überlegungen und Beschäftigungen im Anschluss an die Lektüre. Wir möchten in diesem Zusammenhang exemplarisch auf die späteren Veröffentlichung von Manfred Kappeler, einem Mit-Autor von „Gefesselte Jugend“ verweisen, der sich im Jahr 2012 zurückerinnert und einige interessante Kritikpunkte, eine historisch-biografische Einordnung und weitergehende Überlegungen anbringt. Verweisen möchten wir auch auf die vielen Geschichten der ehemaligen Heimzöglinge der 1950er und 1960er Jahre, deren Kampf um Aufklärung und Entschädigung 2009 (!) zur Einsetzung eines „Runden Tisch Heimerziehung“ durch den Bundestag führte und die kurz darauf erleben mussten, dass viele ihrer Ansprüche, Forderungen und Hoffnungen abermals abgewiesen und enttäuscht wurden (siehe hierzu aus Sicht einer kritischen Sozialen Arbeit die Beiträge in der Zeitschrift Widersprüche Nr. 123, 129 und 131).

Zusätzlich verwendete Literatur

Kappeler, Manfred (2012): Kritische Soziale Arbeit. Biografie und Zeitgeschichte. In: Anhorn, Roland / Bettinger, Frank / Horlacher, Cornelis / Rathgeb, Kerstin (Hg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. S. 271-296.

Autorenkollektiv 1971:
Gefesselte Jugend. Fürsorgeerziehung im Kapitalismus.
Suhrkamp, Frankfurt am Main.
ISBN: 9783518105146.
355 Seiten.
Zitathinweis: Arne Sprengel und Sven Schaub: Die grüne Bibel der Sozialarbeit. Erschienen in: Radikale Soziale Arbeit?. 33/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1227. Abgerufen am: 22. 08. 2019 22:48.

Zum Buch
Autorenkollektiv 1971:
Gefesselte Jugend. Fürsorgeerziehung im Kapitalismus.
Suhrkamp, Frankfurt am Main.
ISBN: 9783518105146.
355 Seiten.