Die Geschichte eines Schwarzen Widerstands
- Buchautor_innen
- Toni Keppeler
- Buchtitel
- Haiti
- Buchuntertitel
- Sklaven, Vodou und ein endloser Kampf um Befreiung
Die Geschichte der ersten Schwarzen Republik wurde maßgeblich von unten geprägt. Doch das kommt in der offiziellen Geschichtsschreibung kaum vor.
Einerseits: Haiti ist die erste ehemalige Kolonie, die Sklaverei verbot. Schon sehr früh gab es dort organisierten Widerstand der versklavten Menschen, der 1791 in einem revolutionären Aufstand mündete. Haiti erlangte damals seine Unabhängigkeit und wurde zur weltweit ersten Schwarzen Republik. Der Name Haiti, den die Revolutionär*innen dem Staat nach der Unabhängigkeit gaben, geht auf den Namen aytii (das Land der Berge) zurück – so nannte die indigene Bevölkerung das Land selbst, bevor die französischen Kolonisten einen Genozid gegen sie verübte. Weite Teile antirassistischer und antikolonialer Theorie nahm hier ihren Anfang; haitianische Intellektuelle haben diese Diskurse maßgeblich beeinflusst.
Andererseits: Sehr viele Staaten erkannten Haitis Unabhängigkeit lange nicht an. Erpresste Geldforderungen, Waffengewalt und Einflussnahme in der haitianischen Politik durch die westlichen Staaten waren an der Tagesordnung. Bis heute lenkt eine kleine, aber mächtige Elite die Geschicke des Landes, während die Landbevölkerung – die moun andeyó (haitianisches Kreyól für die „Menschen draußen“, also die von Armut betroffene Landbevölkerung, die im Land die große Mehrheit ausmacht) – politisch und medial unsichtbar bleibt.
Interpretation und Wirklichkeit
In seinem Buch „Haiti. Sklaven, Vodou und ein endloser Kampf um Befreiung“ versucht der Journalist und Autor Toni Keppeler, die Geschichte Haitis als Geschichte der moun andeyó zu erzählen. Seit fast vierzig Jahren beschäftigt Keppeler sich intensiv mit Lateinamerika und hat in den vergangenen Jahren Bücher zum Schwarzen Widerstand in Lateinamerika und der Karibik, zu Chile, zu Kaffee – und zum Axolotl in Mexiko veröffentlicht. Über das Haiti-Buch sagt er, dass es sein persönlichstes Buch sei. „Es ist ganz anders, als alle anderen Bücher, die ich bisher geschrieben habe“, so Keppeler. Es ist ein Buch, in dem Magie und Wirklichkeit gleichberechtigt Platz nebeneinander haben, in dem die literarische Fiktion zeitgenössischer haitianischer Autor*innen ebenso als Quelle dient wie historische Realitäten und journalistische Recherche. „Ich habe mindestens genauso viel belletristische Literatur als Quellen genutzt wie historische Quellen“ erzählt der Autor im Gespräch mit der Rezensentin.
Von der Geschichtsschreibung ignoriert
Das Vorgehen Keppelers hat verschiedene Gründe. Ein wichtiger: Haitianische Geschichte ist hauptsächlich anhand der Geschichte der Elite dokumentiert; eine Geschichte des Volkes haben Historiker*innen bisher kaum gezeichnet. Schriftsteller*innen hingegen schon. So gibt es beispielsweise zu dem rassistischen Massaker an rund dreißigtausend Haitianer*innen in der Dominikanischen Republik im Jahr 1937 nur wenige offizielle Dokumente, die überliefert sind. Im Buch heißt es dazu: „Die damals in Pòtoprens [Anm.: die Hauptstadt Haitis in der kreyólischen Schreibweise] regierende Elite hat es weitgehend ignoriert […]. Haitianische Schriftsteller aber haben sich intensiv mit diesem Gemetzel auseinandergesetzt“ (S. 15).
So zählt der Autor dann auch eine Reihe an Romanen auf, die sich dem Thema annehmen:
„Das vielleicht wichtigste Beispiel dafür ist der 1955 erschienene Roman Compère Général Soleil (deutsch General Sonne) von Jacques Stéphen Alexis. Später haben unter anderem René Philoctète in Le peuple des terres mêlées (1989) oder die seit ihrer Jugend in den USA lebende und englisch schreibende Edwidge Danticat in The Farming of Bones (1998, deutsch Die süße Saat der Tränen) mit dem Thema befasst. Das gewaltige rassistische Verbrechen jenes Jahres lastet wie ein Trauma auf dem kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung“ (S. 15).
Das Buch beginnt in der vorkolonialen Zeit. „Alle schriftlichen Quellen über die Urbevölkerung dieser Insel sind Berichte von Eroberern“ (S. 68). Keppeler rekonstruiert den Völkermord an den Taíno, der indigenen Bevölkerung, durch die Spanier unter Christoph Kolumbus: 50 Jahre nach Kolumbus’ Ankunft auf Ayiti waren von den zwischen 500.000 und 1,3 Millionen Taíno, die Ende des 15. Jahrhunderts dort lebten, nur wenige hundert übrig. Massaker durch die Spanier, Zwangsarbeit und die europäischen Krankheitserreger, welche die „Entdecker“ mitbrachten, waren alles Gründe für den Untergang der Taíno-Zivilisation.
„Da die Spanier nicht daran dachten, selbst zu arbeiten, erforderte der schnelle Niedergang der einheimischen Bevölkerung Nachschub von Zwangsarbeitskräften“ (S. 75) – und leitet so die Zeit ein, zu der die spanischen Kolonisten die Vorfahr*innen der heutigen Haitianer*innen aus Westafrika verschleppten und versklavten.
„Alle Haitianer*innen sind Schwarz, unabhängig von ihrer Hautfarbe“
Der Autor zeigt, dass die Aufstände der versklavten Menschen auf Haiti schon zu jener Zeit begannen und die haitianische Revolution ab 1791 eine Folge des Schwarzen Widerstands gegen die Kolonialmacht war – und nicht, wie eine verbreitete westliche Lesart ist, ein Wurmfortsatz der Französischen Revolution. Keppeler argumentiert, dass es schon lange vor der Französischen Nationalversammlung organisierten Widerstand der versklavten Menschen gab. Die erste Revolte ist 1522 dokumentiert; in den folgenden Jahren und Jahrzehnten gab es immer wieder kleinere und größere Aufstandsversuche, die blutig niedergeschlagen wurden. Viele versklavte Menschen flohen von den Plantagen und schlossen sich Gruppen anderer Flüchtiger an, die gemeinsam Guerilla-Aktionen gegen die Kolonisten planten und durchführten. In diesem Kontext müsse auch die haitianische Revolution verstanden werden, heißt es im Buch.
Haiti erlangte 1804 als erstes lateinamerikanisches Land seine Unabhängigkeit und wurde zur weltweit ersten Schwarzen Republik mit antikolonialer, antirassistischer Verfassung. „Alle Haitianer sind Schwarz, unabhängig von ihrer Hautfarbe“ heißt es darin (vgl. S. 212).
Das Buch zeigt: Es waren haitianische Intellektuelle, die antirassistisches und antikoloniales Denken wesentlich geprägt haben: etwa der haitianische Anthropologe Anténor Firmin, der als erster die europäischen Rassentheorien des 19 Jahrhunderts wissenschaftlich widerlegte, oder der haitianische Mediziner, Ethnologe und Politiker Jean Price-Mars, der wichtige Grundlagen für die Négritude-Bewegung lieferte.
Auch um die Folgen, die Kolonialismus und Rassenhass bis heute für die haitianische Bevölkerung haben, geht es im Buch. Dabei zeigt der Autor, dass es bis heute insbesondere die korrupte haitianische Elite und die aus Profitinteresse handelten kapitalistischen Länder des sogenannten Westens sind, die das Land immer weiter herunterwirtschaften, von kolonialen Kontinuitäten profitieren und Verantwortung für das Elend der Mehrheitsbevölkerung tragen.
Über ein Land und seine Widersprüche
Immer wieder ist der Autor sehr nah dran, schildert eigene Erlebnisse, Erfahrungen und Gespräche. Wie der Journalist selbst es bei seinen wiederkehrenden Besuchen gemacht hat, nähert sich die Leserin dem Staat Haiti so Stück für Stück immer mehr an. Der Blick wechselt dabei: Mal spricht Keppeler mit Vertretern derer, die er als die Elite bezeichnet, mal mit Menschen im Alltag. Oft bezieht er sich auf haitianische Intellektuelle und ihre Werke. Dass der Autor dabei zum Teil rassistische Sprache reproduziert, sollte man vor dem Lesen wissen. Im Vorwort erklärt er diese Entscheidung so: „In diesem Buch kommen immer wieder Wörter vor, die die Hässlichkeit des europäischen Kolonialismus in sich tragen. Sie werden nur dann verwendet, wenn sie nötig sind, um koloniale und postkoloniale Strukturen zu verstehen, und sind nie diskriminierend […] gemeint“ (S. 22). Wer das Buch trotzdem liest, erhält einen guten und umfassenden Überblick über Geschichte und Gegenwart dieses Landes und über seine zahlreichen Widersprüche.
Zusätzliche Informationen
Die Autorin dieses Texts hat sich ergänzend zur Lektüre des Buches mit dem Autor Toni Keppeler unterhalten, unter anderem auch für diese Rezension. Die zusätzlichen Zitate stammen aus diesem Gespräch.
Haiti. Sklaven, Vodou und ein endloser Kampf um Befreiung.
Rotpunktverlag, Zürich.
ISBN: 978-3-03973-102-2.
400 Seiten. 34,00 Euro.