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Der Dreifachcharakter der Krise

Buchautor_innen
Elmar Altvater
Buchtitel
Der große Krach
Buchuntertitel
oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur
„Der große Krach“ ist eine ungemein faktenreiche und packende Analyse der aktuellen Finanzkrise. Wer das Buch liest, lernt nicht nur die destruktive Dynamik spekulativer Geschäfte, sondern auch ihre notwendige Fortsetzung in sozialen und ökologischen Krisenprozessen verstehen.
Rezensiert von Martin Koch

Seit Jahrzehnten veröffentlicht Elmar Altvater mit beeindruckender Kontinuität Standardwerke zu weltwirtschaftlichen Dimensionen und Krisentendenzen und kann hierzulande jenseits eines neoklassischen Mainstreams als herausragender Kritiker der politischen Globalökonomie gelten. Als er 2010 sein Werk zur Finanzkrise vorlegte, musste es darum schon im Vorfeld als eine Art Schattenklassiker aufgefasst werden.

Tatsächlich ist „Der große Krach“ ein solches Grundlagenwerk zum Verständnis der Krise. Doch Altvater ging es schon immer um mehr als ihre bloß monetäre Erscheinung. Er sieht gleichermaßen ökologische und soziale Lebensgrundlagen erschüttert und weitet seine Diagnose auf die Komplexität einer Krise des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems aus. Das Buch ist in vier Teile gegliedert: Nach einem grundlegenden und theoretischen Teil über das Wesen kapitalistischer Krisen werden Hintergründe des derzeitigen Finanzcrashs erläutert. Im dritten Abschnitt beschreibt Altvater die zwangsläufige Gleichzeitigkeit von Umverteilung und ökologischer Ressourcenerschöpfung und weist schließlich nach einer Kritik vorliegender Gegenstrategien mit dem fragmentarischen Entwurf eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ darüber hinaus.

Dem Anspruch einer ganzheitlichen Krisendiagnose wird das Buch von Beginn an gerecht: Indem Altvater Marx‘ Werttheorie, insbesondere den „Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit“ zum Ausgangspunkt seiner Analyse nimmt, leitet er notwendige Abhängigkeiten von Natur, Produktion und Geldzirkulation her und überwindet das neoklassische Paradigma einer Eigenständigkeit des Finanzsektors: Finanzinstrumente jedweder Form bleiben auf realökonomische Werte bezogen und forcieren mit ihrer Ausweitung Produktivitätssteigerungen, die ihrerseits auf der Ausschöpfung von Naturressourcen gründen. Altvaters Krisendiagnose rekurriert damit auf die Unvereinbarkeit dreier Geschwindigkeiten. Die exponentielle Ausweitung des Finanzsektors verlangt unmögliches Wirtschaftswachstum, dessen bloßer Versuch sich an der Endlichkeit natürlicher Reproduktionszyklen bricht.

Bereits hier wird klar: Altvater schreibt hochkomprimiert mit angesichts der Thematik verblüffend bildhafter Sprache und stellt konsequent zentrale Wirkfaktoren heraus. Allerdings wird der Text immer dann etwas kryptisch, wenn er Details zu Finanzinstrumenten behandelt. Wer sich nicht längst damit auskennt, kann beispielsweise schwer nachvollziehen, wie mit Credit Default Swaps gegen Collateralized Debt Obligations oder mit CO2-Emmissionen spekuliert werden kann. Hier wäre ein Glossar wünschenswert. Und an einigen theoretischen Stellen, wie etwa zum tendenziellen Fall der Profitrate, empfiehlt sich die begleitende Lektüre von Marx‘ Original. Trotzdem erzielt das ungemein faktenreiche Buch einen aufklärerischen Effekt. Historische Herleitungen und Zitate erscheinen wie eine Wiederherstellung von Zeit. Die Lesenden erleben, dass die ungeheure Obszönität der geschilderten Realität historische Tatsache ihrer Lebenswirklichkeit ist. Dabei wirkt die Lektüre beinahe befreiend. Kaum jemals ist der Mechanismus einer willkürlichen Inwertsetzungskette ungedeckter Papiere plastischer dargestellt worden. Das schrittweise Verstehen verschafft ein Gefühl zurückgewonnener Handlungsmacht, obwohl sich mit jedem Detail katastrophische Abgründe öffnen. Wer Altvaters ökologische Fortschreibung des Wertgesetzes nachvollzieht, muss Naturkatastrophen, Hunger, Umverteilung, Entdemokratisierung und Spekulationsblasen als strukturelles Ensemble antagonistischer Eigendynamiken verstehen.

Dieser aufklärerische Effekt wird allerdings relativiert, wenn es um mögliche Alternativszenarien geht. Denn während Altvater Marx‘ Werttheorie konsequent im finanzmarktkapitalistischen Kontext reformuliert, lässt er dessen Klassenanalyse weitgehend aus. Fast durchgehend scheinen konkrete Akteur_innen hinter den geschilderten Vorgängen zu verschwinden. So umfassend Tendenzen und Einflussfaktoren der Krise auch dargestellt werden, bleiben doch mindestens zwei Phänomene im Vagen: die Vielfalt von Interessen und Abhängigkeiten, mit denen diverseste Gruppen die Hegemonie des Neoliberalismus befördern, und dessen Tendenz zur Auflösung kollektiver Lebenszusammenhänge, in denen Gegenstrategien entwickelt und als alternative Gemeinschaftsentwürfe gelebt werden könnten. Entsprechend vermag die abschließende Vision einer solidarischen Ökonomie kaum mehr als diffuse Empörung ohne die Reflexion gemeinsamer Interessen zu mobilisieren.

Dem Anspruch einer strukturierten Krisenanalyse aber wird „Der große Krach“ in hervorragender Weise gerecht. Es ist aktuell selten möglich, Zeugnisse derart umfänglichen Wissens und stilistischer Erfahrung zu lesen.

Elmar Altvater 2010:
Der große Krach. oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-785-0.
263 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Martin Koch: Der Dreifachcharakter der Krise. Erschienen in: Kapitalismus, Märkte, Krisen. 14/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/982. Abgerufen am: 22. 08. 2019 22:41.

Zum Buch
Elmar Altvater 2010:
Der große Krach. oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-785-0.
263 Seiten. 19,90 Euro.