Das Zählen der Worte in Landschaften des Krieges
- Buchautor_innen
- Szczepan Twardoch
- Buchtitel
- Nulllinie
Der dichte Roman eignet sich die Sprache des Krieges an, um in einer zersplitterten Darstellung zu zeigen, dass wir sie längst selbst sprechen.
Koń ist ein über 40-jähriger Pole, der sich nach Unterstützung der ukrainischen Armee durch Spenden und Waffen (bereits ab 2014) freiwillig als Soldat meldet. Nachdem er lange Zeit Drohnen steuert, kommt er an die „Nulllinie", die Front, nicht mehr als vier Kilometer von ihm entfernt, „[…] das ist schließlich die Reichweite des Geschützes" (S. 16). Er lernt dort, im Graben, wo es nicht mal Spanplatten gibt, um die mit Müll getarnten Decken zu isolieren, dass 300 der Tote ist, 200 der Verletzte. Auch, dass man schon denken muss, man sei tot, um zu überleben. Und er lernt Menschen kennen, die es eigentlich auch schon sind. Ratte etwa, der sich „für nichts interessiert außer das Überleben" (S. 63). Oder da ist Jagoda, der, nachdem er in den Antiterroreinheiten gekämpft hat und auf dem Maidan war, nach Berlin geht. In der Clubszene verbringt er fünf Jahre auf der Tanzfläche, um dann 2021 alle Menschen wieder zurückzulassen. Auch wenn viele auf ihn warten, wird dabei nichts mehr von ihnen in ihm übrigbleiben. Und da ist der Alltag von Leopard. Ein Soldat:
„[Der] wartete ganz und gar, warten war das Einzige außer trinken, was er wirklich konnte, er wartete fanatisch, mit stumpfer, ostbäurischer, euroasiatischer Hingabe ans Warten, oh Ждал, wie ein Ждал, ein Aussitzer, ein Warter, als wäre das Warten die angemessenste aller menschlichen Tätigkeiten“ (S. 82).
Was ist von diesen Schilderungen, diesen oft sehr langen Sätzen zu erwarten? Von den Schicksalen, bei denen es in einer Anmerkung zum Ende des Romans programmatisch heißt, dass sie fiktiv sein müssen, um diesem wirklichen Krieg, der Wahrheit, so nah sein zu können, wie es geht. Es ist keine Sprache des Krieges, sondern aus dem Krieg. Aus dem Krieg, nicht im Sinne einer Reportage. Aus dem Krieg, weil es das Wortfeld ist, in dem sich die Nulllinie Richtung Osten und Westen verschiebt. Das Wortfeld unserer aktuellen Welt. Aus Feldern des Krieges gewebt.
Amivalenz und Distanz
Was der schlesische Autor Szczepan Twardoch in diesem Roman zur Sprache bringt, ist kein Plädoyer für den Kampf gegen die „Päderussen“ (wie sie im Roman genannt werden) für die „strahlende westlich liberale Demokratie“. Das wird vor allem an einer Stelle klar, an welcher der Protagonist über Sparta, Athen, Melos nachdenkt:
„Als du von diesem Krieg last, ergriffst du unwillkürlich Partei für Athen, denn der Unterschied zwischen Sparta und Athen bestand, wie einer deiner Lehrer sagt, darin, dass man in Athen sowohl Sparta als auch Athen kritisieren konnte" (S. 216).
Ambivalenter wird es jedoch, als Athen Anspruch auf Melos stellt, die neutral sein wollen.
„Die Melier bringen vor, sie hätten ja wohl ein Recht auf Neutralität, worauf die Athener antworten […] ihre Macht sei das Recht und Melos müsse tun, wie ihm geheißen, denn es sei viel schwächer als Athen. Und Schluss" (ebd.).
In der Folge wird Koń den Hegemon Athen mit Putin vergleichen, während das zuvor für die Demokratie Athens angebrachte Argument auch das ist, was im aktuellen Diskurs um das größte deutsche Aufrüstungsprojekt seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder zu dessen Rechtfertigung angeführt wird. Der Roman lässt an sehr vielen Stellen diese scheinbaren Ambivalenzen, die schlicht aus einem materialistischen Politik- und Machtverhältnis herauswachsen, mit einfließen. Besonders diese Passagen, haben etwas sehr Essayistisches, die auch ökonomische Aspekte mit einbinden. Eine konkrete politische Haltung ist dabei oft schwer herauszuarbeiten. Weder im Protagonisten noch in einer der übrigen Figuren lässt sich eine Perspektive sehen, die auf eine andere, friedliche Welt ausgerichtet ist. Mit Vielem wird man als Leser:in allein gelassen und muss sich komplett selbst dazu verhalten.
Man würde dem Text jedoch auch nicht gerecht werden, wenn man in ihm in diesem Sinne nur eine Schilderung des Krieges sähe. Es gibt zwar immer wieder Stellen, die klarmachen, dass jeder für sich allein stirbt, die mehr oder weniger etwas Existenzielles im Krieg reflektieren und über die „die ganze Scheußlichkeit der Welt" (S. 183). Twardoch wählt allerdings die Erzählperspektive der zweiten Person Singular. Der Protagonist wird also über das „du" angesprochen; ob von sich selbst oder vielleicht doch von einer anderen Person, bleibt bis zum Ende offen. Das „du" rückt uns damit nicht nur näher an das Geschehen, gleichzeitig hat es auch eine distanzierende Wirkung. Und letztlich ist das wohl auch das kritische Potenzial des Romans und seine eigentliche Qualität. Unsere Position als nicht in diesem Krieg Stehende und gleichzeitig ständig medial Vermittelte, bis zur eigentlichen direkten Involviertheit durch Waffenlieferungen der deutschen Regierung, wird so sprachlich reflektiert. Die Frage ist jedoch, was nach dieser Sprache der Zersetzung und des Krieges bleibt und warum sie wichtig ist.
Was bleibt von euren Worten
Womit wir in diesem Text konfrontiert werden, ist also keine existenzielle Suche. Es ist auch keine große kontextuelle Einordnung der geopolitischen und historischen Gründe dieses Krieges. Es ist eine feinspitzige, im besten Sinne zersplitterte Darstellung der gesellschaftlichen, psychologischen und kulturellen Prädispositionen eines Krieges des 21. Jahrhunderts. Und das ist dieser Krieg. Kein Remarque, kein Jünger, kein Böll (auch wenn alle natürlich wiederholt zitiert werden). Nicht nur jetzt auch mit Drohnen und Instagram-Reels. Nicht „nur", weil es ein anderer Blick ist, den wir hier nachlesen, eine andere Sprache, andere Menschen. Wenn man also das Buch, wie in einigen Besprechungen, mit „Im Westen nichts Neues“ vergleicht, sollte man aufpassen, dass man das Geschilderte nicht in dessen Gegenwärtigkeit verkennt. Hier kaufen sich Soldaten vollkommen durchprivatisiert ihre eigene Ausrüstung, warnen sich über bestimmte Apps vor jenen Fahrzeugen, die sie an die Front karren, werden von mexikanischen Kartellen an die Front geschickt, um dort zu lernen, oder streamen den Krieg über Starlink in ihren Gräben – genauso, wie es auch viele hier über Reddit oder Telegram tun. Wer den Krieg begreifen will, muss dessen Sprache lernen. Die Sprache des Krieges ist nicht direkt eine der Zerstörung. Auch nicht nur eine der Verteidigung. Sie kann auch eine über Pokémon sein, wie wir immer wieder lesen. Eine über die Nacht im Berliner Club. Eine, die klarmacht, wer das Geld hat, sich den Starlink und die Aufrüstung zu kaufen, und wer nicht. Eine einsame Sprache. Ein Hall, oder eher ein Hauchen. Es ist auch eine von Chat-Nachrichten, in denen sich nach langer Pause ohne Netz plötzlich auf Signal Menschen melden, die man kennt: „Ich lebe, ich lebe, ich lebe" (S. 175). Erfahrungen, die so viele auch in Deutschland lebende, nach Deutschland geflohene, schon kennen. Trotzdem bleibt Distanz.
Wir müssen diese Sprache also auch lernen, weil wir sie schon sprechen. Sie wird uns aushöhlen, bis wir wie Ratte nur noch überleben, wie Leopard bald auch nur noch warten, aber auch wie Jagoda nur noch tanzen. Es ist eine Sprache, die der intellektuelle Protagonist immer wieder versucht reflexiv zu durchbrechen, gleichzeitig aber auch einhergehend mit einer Form der Überheblichkeit und Distanz. Er bleibt Drohnenpilot. Er bleibt Historiker.
Einmal heißt es sehr treffend im Roman, dass es zwei Welten gibt. Das schreibt Koń irgendwann in sein Notizbuch: „Es gibt zwei Welten, die eine dort, die andere hier […] Kyiw gehört zu derselben Welt wie Warschau, die andere Welt ist dort, wo ich herkam […]. Beide Welten können nicht gleichzeitig wahr sein" (S. 43). Beide Welten sind es auch nicht gleichzeitig, sondern zusammen. Sie sind wahr in ihrer Unwahrheit, wahr sein zu müssen. Diese Welten müssen nicht unsere Welten sein – das sollte man sich, entgegen der Idee einer Menschheitskonstante Krieg, die hier teilweise mitschwingt, aus dem Roman ziehen. In einem Gedicht von Volker Braun heißt es zur Frage nach dem Verhältnis von Dichtung und Krieg:
„Und aus den fünfzig Landschaften des Krieges, hier
Sprecht jetzt ihr, wer zählt die Worte, die kleinen
Gewichte, die die Seele auslasten: was
Bleibt, frage ich mich, von euren Worten"
(Braun: S. 32).
Zusätzliche Literatur:
Braun, Volker: Gedichte. Frankfurt a.M: Suhrkamp, 1979.
Nulllinie.
Rowohlt.
ISBN: 978-3-7371-0209-4.
256 Seiten. 24,00 Euro.