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Blendende Staatsgewalt- geblendeter Autor

Buchautor_innen
Isaac Rosa
Buchtitel
Das Leben in Rot
Indem der Autor sich zur präzisen Wahrheitsüberlieferung als unfähig bekennt, beweist er die Unabschaffbarkeit des verleugneten Polizeistaats.
Rezensiert von Fritz Güde

Spanien - lang nach dem Tod Francos. Alles gratuliert sich gegenseitig, dass die bösen Zeiten überstanden sind. Die des Würgegalgens, der Folter und der bedenkenlosen Durchsetzung der Interessen des Staates. Die sich allerdings auf den zweiten Blick als die der immer gleichen herrschenden Schicht herausstellen.

Rosa probiert von Anfang an alle möglichen Textsorten durch, um seinem Gegenstand näher zu kommen. Sein Gegenstand? Die Namen zweier beliebiger Opfer, aus den zahlreichen Annalen der Franco-Diktatur herausgepickt. Die eines Professors für Lyrik des Barock - Denis - und die eines nicht viel häufiger genannten Studentenführers - André. Es kommt Rosa bei der Suche gerade nicht auf die allbekannten Namen an, die der aus dem Fenster Geworfenen. Auch nicht die der im öffentlichen Verfahren Hingerichteten. Es sollte das Gewöhnliche des herrschenden Polizeiapparats herausgearbeitet werden, ohne in die Falle der überlieferten Klischees zu geraten. Die Geschichten vom heldenhaften Widerstand, vom schweinischen Verrat und von der abstoßenden Verworfenheit der Verhörsbeamten sind schon so oft aufgetischt worden, dass sie sich alle von selbst erzählen. Etwas Neues ist über solches Aufkochverfahren unter keinen Umständen zu erfahren.

Der Autor bedient sich aller Erzählarten: Interviews mit noch lebenden Systemgegnern. Direkte Erzählungen der von Folter Betroffenen. Parodien des spanischen Heldenliedes CID zur Verherrlichung Francos – zu lang geraten, nebenbei bemerkt. Hilfsrezepte für den erfolgreichen Nachwuchsfolterer. Verteidigungsreden ehemaliger oder noch aktiver staatstragender Verhörsbeamter. Dies alles durchprobiert, ohne dass wir bis zum Ende etwas Genaues über die zwei Hauptfiguren erfahren. Zumindest wissen wir nichts über ihren Tod.
Die berichteten Tatsachen im Roman sind alle leicht zu überprüfen. Die meisten der genannten Todesopfer sind über Google nachzuweisen. Der deutsche Leser muss sich in Erinnerung rufen, dass in Spanien – im Gegensatz zu den zwölf Jahren in Deutschland, von 1936 bis 1975 vierzig Jahre franquistischer Polizeiausbildung sich vollzogen. Und dass das Regime sich nach 1975 nicht einmal der Form nach änderte. Das heißt, eine ganze Lebenskarriere der Polizisten folgte den gleichen Regeln der bedenkenlosen Vernichtung eines jeden Widerstands. Um nur ein kleines Beispiel zu geben: Bis heute gilt in Spanien die Regel, dass jeder Untersuchungsgefangene 72 Stunden in totaler Isolation gehalten werden darf. Ohne Anwaltsbesuch, ohne jeden Kontakt mit Angehörigen. Was in dieser Zeit an handfester Ermunterung der Gefangenen zum freimütigen Geständnis vorfallen kann, muss nicht ausdrücklich beschrieben werden.

Der suchende Autor ohne festes Ergebnis - seit Rashomon eine stehende Figur

Im Film Rashomon wurde – meiner Erinnerung nach – zum ersten Mal die Position des Autors erschüttert. Seine Unwissenheit offen gelegt. Man erfuhr bis zum Ende des Films nicht, welche Version der Ereignisse die „wahre“ gewesen sein könnte. Das gleiche gilt für Christa Wolfs früheres Werk Nachdenken über Christa F. (1968) und ebenso für Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jacob (1958). Beide noch mit dem aktiven Erkenntnisanspruch des Autors, dem freilich kein sicheres Ergebnis mehr entspricht. Die Haltung der vergeblichen Suche wurde offen ausgesprochen in Nathalie Sarrautes L'ère du soupcon (1956), ob die genannten Schriftsteller es nun im Original gelesen hatten oder nicht. In ihrem Zeitalter des Verdachts hatte die französische Schriftstellerin nachgewiesen, dass wir den früheren Autoren kein Wort mehr glauben, wenn sie einen Roman beginnen mit „Gräfin Marie machte sich Sorgen um ihren Mann“. Woher will der Verfasser das wissen? Von da aus abgeleitet ein System von Verfahren, die – natürlich – so wenig Wissen erzeugten wie die Literatur der Vorgänger, aber die Wege schilderten, vergebliche und erfolgreiche, etwas darüber herausbekommen zu wollen. Schwäche des Verfahrens bei den Nachfolgern: Es blieb oft bei bloßer Beliebigkeit. Der Vertröstung, es sei gar nicht so wichtig, etwas präzise zu erfahren. Hauptsache, es lenkt ab und unterhält.

Folter – ein kleiner Nebenumstand?

Dieser Trost verfängt offenbar nicht bei der Frage, ob Unterdrückung und Folter im eigenen Land immer noch herrschen. Trotz allseitiger Beteuerungen und Eigenlob der erreichten Rechtsstaatlichkeit. Rosas Verfahren führt – entgegen seinem Vorgeben – zum Beweis einer Tatsache. Eben die Unmöglichkeit, die Hecken zu durchdringen, hinter denen der spanische Staat seine Vergangenheit versteckt, beweist, dass es über seine Vergangenheit genau wie über seine Gegenwart etwas zu verbergen gibt – und damit zu enthüllen, wenn das unter den gegebenen Verhältnissen möglich wäre.

Bleiben auch die Einzelschicksale nicht nachweisbar, so tritt umso sinnenfälliger der Apparat hervor, der diese Schicksale hervorbrachte. Gerade in der letzten langen Selbstverteidigung eines Polizisten verrät sich, was verdunkelt bleiben soll. Der imaginäre Gegenredner beklagt sich bitter über die angeführten Beispiele von Misshandlung und Folter, die dem Leser, der soweit durchgehalten hat, nur allzu bekannt sind. Genau wie in allen anderen Ländern mit Polizeistaatsvergangenheit beruft sich der Verteidiger auf die Unmenge von Leuten, die die wirtschaftliche Gegenwart genießen. Dass Spanien heute wieder so weit ist, das ist denen zu verdanken, die in der Vergangenheit so handelten, wie sie handelten. Ist Familienvätern zuzumuten, dass sie ihre „Kinder“ in Universitäten schicken, in denen sie verdorben und gegen die eigenen Eltern aufgehetzt werden? (Ein Argument, das Zeitgenossen der Berufsverbote und der Stammheimbehandlung in Deutschland nicht weiter übersetzt werden muss). Aus dieser Position heraus verteidigt der Polizist, was zu bestreiten er vorgibt. Oder bestätigt ungewollt, was er weglügt. Der fragliche Student wurde bedrängt, aber nur „psychisch“. Wir denken uns das Unsrige dabei. Die Verfolgung des Professors war pflichtmäßig, wenn auch ein Irrtum. Seine Abschiebung nach Frankreich geschah ohne Zutun des Amtes. Was dem Ungewandten im Ausland dann geschah, wissen wir nicht und wollen wir gar nicht wissen. Jedenfalls war es den Diensten in Spanien erwünscht und zugleich von keiner Stelle zur Kenntnis zu nehmen. Und so breitet sich die Präsenz des universellen Überwachungs- und Kontrollanspruchs schamlos aus. Zugleich verkleidet und enthüllt es sich als das europäisch Selbstverständliche.

Isaac Rosa 2008:
Das Leben in Rot.
Frankfurt Verlagsanstalt, Frankfurt.
ISBN: 978-3-627-00152-0.
380 Seiten. 22,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Blendende Staatsgewalt- geblendeter Autor. Erschienen in: Sommerpause. 8/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/923. Abgerufen am: 13. 08. 2020 13:54.

Zum Buch
Isaac Rosa 2008:
Das Leben in Rot.
Frankfurt Verlagsanstalt, Frankfurt.
ISBN: 978-3-627-00152-0.
380 Seiten. 22,90 Euro.