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Arendt und Benjamin

Buchautor_innen
Detlev Schöttker/ Erdmut Wizisla
Buchtitel
Arendt und Benjamin
Buchuntertitel
Texte, Briefe, Dokumente
Hannah Arendt unterzieht Walter Benjamin einem fruchtbaren Missverständnis, das Stirnrunzeln bei Theodor W. Adorno und Fluchworte bei Gershom Scholem auslöst.
Rezensiert von Fritz Güde

Hannah Arendt hat Walter Benjamin in der Zeit des Exils und 1940 gekannt und geschätzt. Sie war es, die als erste ein Manuskript der ”Geschichtsphilosophischen Thesen” nach den USA überbrachte. Im Denken hat sie sich ziemlich rasch von Benjamin getrennt. Schöttker und Wizisla haben zum hundertsten Geburtstag ein kleines Buch herausgebracht, in dem nicht nur die seinerzeit Aufsehen erregende Arbeit Hannah Arendts über Benjamin aus dem "Merkur" sich findet; aus Briefen und sonstigen Quellen sind übersichtlich vielmehr alle Zeugnisse zusammengetragen, die das zeitweise Zusammenwirken der beiden erhellen können.

Gegensätzlicher bei allem Einverständnis hätte niemand sein können.

Der Aufsatz im Zentrum des Büchleins verrät vielleicht mehr noch über Hannah Arendt als über Benjamin. In drei aufeinander folgenden Heften war er ursprünglich im "Merkur" veröffentlicht worden. Titel des ersten Abschnitts: "Der Bucklige", des zweiten: "Die finsteren Zeiten", des letzten: "Der Perlentaucher".
”Der Bucklige” greift ein Lieblingsbild Benjamins auf: das bucklige Männlein aus dem Kinderlied. Bucklig sein - Zeichen der Entstellung. Der Blick des Männleins trifft das Kind Benjamin - und schon lässt es etwas fallen. Am Ende tappt der Kleine durch einen Scherbenhaufen. Der Großgewordene auch - bis zum traurigen Ende. Arendt beschreibt die Missgeschicke des nie zu großem Ansehen und genügend Geld Gekommenen - bis hin zum letzten Tag in Port Bou. Einen Tag vor dem versuchten Pyrenäenübergang hätten ihn die Franco-Grenzposten anstandslos passieren lassen, einen Tag danach hätten in Marseille schon alle gewusst, dass da kein Durchkommen war. Nur eben an diesem einen saß Benjamin fest und nahm das aufgesparte Gift.

Im zweiten Abschnitt wird das Unglück, das zunächst nur eines des weltfremden Gelehrten scheint, erkannt als das allgemeine des intellektuellen Judentums in Deutschland in der Generation Arendts, Scholems, Benjamins und vor allem Franz Kafkas. In ihm sieht Arendt den Beispielfall dessen, der von der Welt der selbst nur ehemals orthodoxen Väter nicht loskommt, mit den Hinterbeinchen, wie es bei Kafka heißt, in ihr festklebt, sie niemals verlassen kann, so sehr er es wollte. Nicht nur wegen des Antisemitismus der anderen, sondern aus innerer Zwiespältigkeit. Diese jüdischen Intellektuellen greifen nach dem geistigen Erbe der ”anderen” - der deutschen Kultur -, verstehen es mit dem Blick des Fremden, der mittendrin steht, vielleicht besser als die ”Kinder des Hauses” - und müssen sich doch selbst als eine Art Diebe betrachten. Nie kann das Fremd-Eigene zum Selbstverständlichen werden. Von da aus erscheint Judentum als die verlassene Tradition. Denen, die sie verlassen haben, ist aber auch jede andere eine, an die sie genau so gut anknüpfen, die sie genau so gut lassen könnten. So stehen sie da: ohne an sie Weitergegebenes (tradere - weitergeben), ohne Weiterzugebendes.

Das ist - aus Hannah Arendts eigenem Erleben - nur allzu klar gesehen: Es entspricht dem, was Wolfskehl widerfuhr oder Borchardt oder Werner Kraft. Nach und neben dieser eindringlichen Analyse der Fehlgriff in der Erklärung von Benjamins Wendung zum Materialismus und Marxismus. Benjamins Materialismus zeige sich, meint Arendt, ausschließlich im Medium der Sprache, eigentlich nur in Entsprechungen von Körperlichem und Seelischen. Wie etwa bei Homer. Materialismus also: Ergebnis einer Metaphorik. Das Sichtbare vertritt nur das Unsichtbare.

Hannah Arendt kannte damals noch nicht die erste Fassung der Baudelaire-Arbeit - und konnte nicht kennen das Konvolut der "Passagen". Mit dieser Kenntnis - eine Abteilung besteht fast nur aus Marx-Zitaten, Zitaten über Marx aus Korsch usw. - hätte sie anders urteilen müssen.

Das oft Wiederholte, auch von Adorno manchmal suggerierte, stimmt einfach nicht: Benjamin habe von Marx im Grunde wenig gekannt, noch weniger begriffen. Was ihn von anderen Marxisten unterscheidet, ist allenfalls, dass er den Punkt, an dem Materie das Geistige bestimmte, am eigenen Körper suchte. Und in der Dingwelt, die diesen Körper einschloss, bedrängte und erregte. Eine jede Erscheinung muss von uns gefühlt, geschmeckt, gesehen worden sein, bevor wir sie im Kopf mit uns tragen und darin weiterverarbeiten.
Hannah Arendts Missverständnis und Umarbeitung des an Benjamin Vorgefundenen führt direkt in ihre Welt des Geistigen, das sich von aller Materie abschließt. Bis hin zu ihren späteren Werken - etwa ”Vita activa” - versucht sie, die geistgelenkte Tätigkeit der Menschen vor jeder Berührung mit der Materie zu bewahren, damit vor allem von Arbeit.

So trennt sie in ”Vita activa” aufs schärfste voneinander ”handeln” und ”herstellen”. Das sprachliche Miteinander der auf dem Marktplatz sich austauschenden Athener wird ihr Inbegriff jeder Politik. Während seit Goethes Prometheus Schöpfertum als höchstes galt, das Aus-sich-Heraus-Stellen eines neuen Wesens, nimmt bei Hannah Arendt das pure Sprachhandeln diesen Platz ein. Das mag dem Denken des Aristoteles wohl entsprechen: Die Sorge, sich vom Sklaven und seinem Tun - der körperlichen Arbeit - abzusetzen, bestimmt ihn. Hannah Arendt hat keine Angst, dem Sklaven zu gleichen, aber bei Verwendung des Begriffs Arbeit in den unabsehbaren Verwicklungen der Materie sich zu verlieren.

Ähnlich und noch verblüffender ihre Gleichsetzung von Martin Heideggers und Benjamins Geschichtsauffassung, vor den Ohren des immer noch Geliebten im Jahre 1968 in Freiburg entwickelt, bevor es in den dritten "Merkur" einging. Heidegger fasste Geschichte als das Unvordenkliche, zu dem man zurückkehren müsse, nach der großen Verirrung: Zeitlich gefasst als die Epoche vor den Vorsokratikern. Damit ist aber dieses Vergangene nicht wirklich vergangen, nur von den ”Sterblichen” vergessen. Es wartet - und muss nur freigelegt werden. Dem entspricht im Grunde Arendts Rückgriff auf die Polis zur Zeit des Perikles. Die Epoche wartet - und wird neu ergriffen von denen, die Hannah Arendt zu folgen die Kraft haben.

Für Benjamin aber bleibt das Vergangene wirklich vergangen. Wir - in der Gegenwart - erblicken es in einem Vorüberflug. Etwa die Zeit des Barock. Es kann nicht darum gehen, diesen wiederzubeleben. Am Vergangenen ist für Benjamin nichts nachzuahmen. Unsere Aufgabe ist - wie es eben in den von Arendt geretteten Thesen heißt - uns als von dieser Epoche Erwartete zu erkennen. Das im Flug Erblickte festhalten - aber so, dass ein ganz anderes, uns selbst Unerwartetes aus uns entlassen wird. Hannah Arendt wollte im Gegensatz dazu etwas ”für immer” schaffen, wie es zu Beginn der Gefängnishefte Gramscis heißt, auf Anthropologisch–Ewiges zurückgreifendes Ewiges im Werk hinterlassen.

Erhellend wieder Arendts Aufgreifen des Begriffs der Offenbarung. Richtig erkennt sie, dass dieser für Benjamin nicht als Vision zu fassen ist, also im Bereich der Anschauung, sondern in dem des Hörens, des Getroffenwerdens durch ein einzelnes Wort, ein Zitat. Die Herkunft aus der Theologie ist unbestreitbar. ”Ich habe nie anders denken können als in einem theologischen Sinn”, schreibt Benjamin an Rychner 1932 - aber eben in der Antwort auf dessen Briefanfrage. ”Dic cur hic - Sag mir, warum Du auf dieser Seite plötzlich auftauchst, der linken nämlich”. Also muss der Begriff für die folgende Epoche seinen Sinn behalten. Materialistisch gewendet nämlich fundierend in der Einsicht, dass - wenn die Welt der Materie uns umgibt und beherrscht - es nicht vom freien Willen abhängt, wohin unser Ohr sich richtet, der Blick sich wendet. Würde das nicht zugegeben, bliebe es beim cartesianischen Ich, dem ins Bewußtsein und den Hirnkasten eingesperrten.

Aus ihrer Isolation im Knast berichtet Ilse Schwipper, dass sie in der Abgeschnittenheit von allem sich nach nichts so verzehrt wie nach dem Gefühl von fließendem Wasser, wie es kühl über die Hand springt. Entlassen wird ihr dieses Wiedergewonnene zu etwas, das mit sich selbst die ganze Welt neu dem Empfinden eröffnet. Nach diesem Paradigma lässt sich Benjamins Umarbeitung des Begriffs der Offenbarung begreifen. Das Passive des Getroffenwerdens trifft auf das Wachsame der Aufmerksamkeit, des Hinhörens und setzt die Energie des Sprungs in das Dunkel frei, zum Festhalten des vorüberschwirrend Vernommenen.

Falsch, zumindest schief Arendts Bestimmung Benjamins als ”homme de lettres”, als dessen Hauptkennzeichen sie die Uninteressiertheit nimmt an den Folgen der Schrift, bis hin zu den Einnahmen, die sich daraus ergeben könnten. Nicht nur, dass die Männer der Aufklärung, für Arendt ebensolche ”hommes de lettres”, wie Diderot und Lessing, ohne den feudalen Maezen notgedrungen am Ertrag ihrer Schriften interessiert sein mussten und tausend Tricks anwendeten, um diesen zu steigern. Es kam Diderot mit seiner ”Encyclopédie” so stark auf politische Wirkung an wie Lessing in seinen ”Goezebriefen”.

Mit einer Beobachtung aber schockte Arendt Marxist und Zionist.

”Benjamin war zu manchem bereit... Hebräisch zu lernen für 300 Mark im Monat, wenn die Zionisten sich etwas davon versprachen, oder dialektisches Denken mit allen vermittelnden Schikanen für 1000 französische Franken, wenn die Marxisten anders nicht mit sich reden ließen” (S. 73).

Der kühle Blick auf die Notwendigkeiten sich durchzuschlagen. Dies Kalte in der Darstellung und vielleicht auch im Empfinden brachte Scholem dazu, den Kontakt mit dem "Merkur" umgehend abzubrechen, obwohl die Verfasserin gerade seine Geduld mit dem Hebräisch-Drückeberger im selben Passus gerühmt hatte. Scholem berichtet in ”Geschichte einer Freundschaft” selbst, wie es ihn schockte, als er in jungen Jahren hörte, wie Benjamin und seine Frau Dora überlegten, wie sie den beiderseitigen Eltern durch Lügen mehr aus der Tasche ziehen könnten. Jetzt fasst er die Stelle so auf, als hätte sie Benjamin beschuldigt, nur für Geld alles zu tun. An nichts sei ihm von Herzen gelegen gewesen. Während Arendt – ganz gegen ihre Intention – nur das Los dessen beschrieb, der als Journalist und Schriftsteller seine Arbeit verkauft wie jeder andere auch. Scholems entscheidender Satz: ”Ich bestaune die um Lichtjahre enfernte Distanz, mit der sie über diese Bewegungen, die sie einmal so tief betrafen, aus souveräner Höhe sich äußern kann” (S. 189) - Kälte der Beobachtung, unter Hintansetzung der persönlichen Verfangenheit in das, wovon sie redete - in bürgerlichen Kreisen als wissenschaftliche Objektivität gefeiert, Härte des Anatomen mit dem Seziermesser. Arendts Kälte übersteigt und übertrifft diese freilich: Die ihre kommt aus dem Willen, alles zu sagen - ein Verborgenes und Verschwiegenes aufzudecken und zwar rücksichtslos. Wie sie es in der Schilderung Eichmanns zeigte - ihm allen Budenzauber des Amateurdämons entzog und ihn - noch entsetzlicher als jeder Fluch - als den zu allem bereiten Bürokraten schilderte, den gefälligen Herrn, den die Folgen seiner Taten nicht interessieren und der unter anderen Umständen auch gern als Caritas-Direktor fungiert hätte.

Arendts Bestes war ihre Inkonsequenz. Sie entspringt dem Willen zum genauen Hinschauen, auch wenn das Gesehene sich den mitgebrachten Theorien entzieht. So ihr spätes Eintreten für die Arbeiterräte des ungarischen Aufstands von 1956; sie sieht in ihnen Entfaltung höchster Demokratie, während sie die Verbindung von demokratischer Institution und Arbeit vorher und nachher in ihrer politischen Theorie ausdrücklich bekämpft.

Im Essay über Benjamin zeigt sie beides: Schärfste Beobachtung der Situation des Juden, des Paria, der es zum Parvenü nicht schaffte. Zugleich Erkenntnis der Proletarisierung des Schriftstellers in seinen Verhaltensweisen, bei gleichzeitiger Verklärung des richtig Gesehenen zum abwegig Interpretierten als ”homme de lettres”. Schließlich die erschrockene Abschottung vor wirklichem Materialismus im Sinne Benjamins zugunsten einer Lehre der Absonderung im Geistigen, einer Dreifelderwirtschaft der Bereiche privat, gesellschaftlich, staatlich – die sie zu größtem Ruhm bringen sollten - zugleich zum entschlossenen Ausgebeutetwerden durch die Ermatteten, die mit ihr wenigstens die ”zivile Gesellschaft” retten wollten, wenn es schon zur sozialistischen nicht reichte.

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Die Rezension erschien zuerst im Oktober 2006 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ps, 01/2011)

Detlev Schöttker/ Erdmut Wizisla 2006:
Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-29395-9.
210 Seiten. 11,00 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Arendt und Benjamin. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/745. Abgerufen am: 23. 08. 2019 20:28.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. Oktober 2006
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Detlev Schöttker/ Erdmut Wizisla 2006:
Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-29395-9.
210 Seiten. 11,00 Euro.